Krankheit als Charakterschwäche

Ich veröffentliche heute auf Facebook folgenden kurzen Text:

Ich wollte mir vorhin einen Kebap holen und wurde stattdessen Zeuge, wie die Hundstorferischen Sozialreformen das Land verändern. Die Kebapbude hatte einen neuen Mitarbeiter, einen großen, etwa 250 Kilo wiegenden Mann Ende 40, der gerade darin eingeschult wurde, wie man das Fleisch vom Spieß schabt und die Fladenbrötchen füllt. Der Mensch sah aus, als würde er jeden Moment umkippen vor Erschöpfung und Verwirrung. Die Blut unterlaufenen Augen flackerten unsicher, als würde der Wind der Realität sie fast zum Verlöschen bringen, und unter den Augen waren Tränensäcke die so aussahen, als wollte Eiter daraus hervorplatzen. Der traurige Koloss stand offensichtlich unter dem Einfluss einer Elefantendosis Neuroleptika, die ihn völlig willenlos und stumm machte, und roboterhaft tat er, was ihm der Lokalbesitzer befahl. An den Handgelenken trug er schweren Goldschmuck, den er beim Bröchtchenfüllen langsam durch die verschiedenen Saucen und Salate schleifen ließ, was er aber nicht mal bemerkte. Vor kurzem wäre der Mann auf einer Parkbank gesessen und hätte Tauben gefüttert, jetzt ist er „fit to work“.

Darauf antwortete Andreas Sucher, persönlicher Referent von Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) und in der Landesregierung zuständig für „Neue Medien“.

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Wer krank, arm, arbeitslos oder all das zusammen und ist und nicht aus eigener Kraft gesund, wohlhabend und berufstätig wird, hat nach Ansicht von Herrn Sucher also einen schwachen Charakter, legt zumindest der Umkehrschluss nahe. Das ist eine interessante Betrachtungsweise medizinischer und sozialpolitischer Probleme und liegt voll im neoliberalen Trend, in dem seit Bill Clinton, Tony Blair und Gerhard Schröder auch die Sozialdemokratischen Parteien mitlaufen. Wer das Pech hat, körperlich oder psychisch nicht den stetig steigenden Ansprüchen des Marktes zu genügen, ist laut dieser Weltsicht kein Opfer, dem man helfen sollte, sondern ein Mensch mit charakterlichen Defiziten, die man ihm nur austreiben müsse und schon würde er wieder begeistert teilnehmen können am großen Konkurrenzkampf. Wer das glaubt, entledigt sich der moralischen Verpflichtung, Kranke und Arme nicht verrecken zu lassen, denn an einem schwachen Charakter ist man schließlich selber  schuld. Herr Sucher postet auf seiner Facebook-Wall gerne Fotos, die ihn beim Laufen und anderen sportlichen Betätigungen zeigen. Sport härtet ab. Offenbar auch seelisch. Herr Sucher hat sich dann bemüht, die Aussage zu relativieren, und ich glaube ihm auch, dass er einsieht, dass Krankheit keine Charakterschwäche ist. Zumindest hoffe ich das.

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Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

Ein Gedanke zu „Krankheit als Charakterschwäche“

  1. Mein Mann ist eben in der Situation – wird am bbrz mit Situationen konfrontiert, die definitiv NICHT helfen; mit Menschen, die NICHT qualifiziert sind und muss sich für seine Behinderungen rechtfertigen.

    Nach einer einwöchigen Tortur muss er nun ins Krankenhaus – die Stellungnahme,e vom bbrz: dann müssens eben mit dem Programm wieder von vorne anfangen, wenns wieder gesund san.

    Diskriminierend, mobbend und frech. Einem Invaliden mit über 70% sichtbaren Behinderungen so entgegen zu treten.

    Einzelne Vorfälle privat dokumentiert

    Ich stehe auch gerne für Auskünfte zur Verfügung und freue mich auch über Gedankenaustausch, denn anscheinend gibt’s nix, wo ,a mal klare ansäen und Antworten bekommt (pva,ams,blabla)

    Twitter: Juunikat

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