Willkommen in der Barbarei

Bis 2014 ging man in Österreich mit psychisch Kranken, die wegen ihres Leidens nicht oder nur sehr eingeschränkt arbeitsfähig waren, relativ human um. Es bestand die Möglichkeit, zumindest befristet eine Invaliditätspension zu beziehen. Nach langjährigen Erfahrungen mit oft qualvollen Therapien, den verschiedensten Medikamenten mitsamt ihren teils schwersten Nebenwirkungen und Aufenthalten in Psychiatrien und Rehabilitationskliniken bot diese Möglichkeit vielen Menschen eine Verschnaufpause zum Durchatmen und die Möglichkeit, mit der Krankheit leben zu lernen. In Würde und ohne unmittelbare Existenznot konnte man sowas wie ein „Recht auf Krankheit“ haben, denn nicht jeder psychisch Kranke empfindet seine Krankheit als so schlimm, dass er sich gleich eine Änderung seiner ganzen Persönlichkeit herbeisehnt, nur um wieder arbeitsfähig zu sein. Die Parteien ÖVP und SPÖ haben diese vor allem von Wirtschaftskreisen immer stark kritisierte Fluchtmöglichkeit aus dem kapitalistischen Arbeitszwang nun verbaut. Die befristete Invaliditätspension wurde abgeschafft und durch ein „Rehabilitationsgeld“ ersetzt, Menschen mit Beeinträchtigungen müssen jetzt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und sich beim Arbeitsmarktservice melden, wo Angestellte, die naturgemäß psychiatrische Laien sind, sie weiter „betreuen“ und arbeitsfähig machen sollen. In der Praxis sieht das, wie der Verein VertretungsNetz schildert, so aus: Einer Patientin mit einer schweren rezidivierenden Depression mit psychotischen Symptomen wird während eines Krankheits-Schubes von der „Case Managerin“ empfohlen, „Bewegung gegen Depression“ zu machen. Weil die Frau das nicht kann, droht ihr die Behörde damit, das Reha-Geld zu streichen. Andere Betroffene berichten davon, dass man sie vor die Wahl gestellt habe, sich entweder nach einer Reha-Kur als „gesund und arbeitsfähig“ zu deklarieren, oder zum Aufenthalt in der geschlossenen Psychiatrie gezwungen zu werden. Viele psychisch Kranke erleben derzeit, dass ihnen das AMS alle Bezüge streicht, als „Sanktion“, weil sie Termine verpassen. Eine tatsächlich irrsinnige Situation. Die Regierung will Menschen zwingen, gesund zu werden, und wer zu krank ist, um die mit dem AMS-Regime verbundenen Termine und Untersuchungen einzuhalten, wird mit Existenzverlust oder Freiheitsentzug betraft. Ja, Existenzverlust, denn wenn die Bezüge als „Sanktion „gestrichen werden, ist kein Geld mehr da für Essen und Wohnung. Ja, Freiheitsentzug, denn Psychiatrien sind keine netten Sanatorien, wo man in Ruhe gesunden könnte, sondern Aufbewahrungslager für seelisch Abweichende, wo man in Mehrbettzimmern dahinvegetiert.

Die Öffentlichkeit und die politischen Parteien nehmen diese barbarische Entwicklung ohne Widerstand hin. Den gut klingenden Phrasen, wonach man den armen Kranken ja nur helfen wolle, wird blind Glauben geschenkt, da sich ein falsches mechanisches Bild von psychischen Erkrankungen durchgesetzt hat, wonach man den Betroffenen nur die richtigen Pillen und die richtige Psychotherapie geben müsse, und schon würden sie rasch gesunden. Wer dennoch nicht so gesund wird, um arbeiten zu können, gilt dann schnell als faul oder, was noch schlimmere Auswirkungen haben wird, uneinsichtig, weshalb man ihn zu seinem Glück zwingen müsse. Die asozialen Reformen der österreichischen Bundesregierung bringen Zustände wieder, wie man sie aus vergangenen Zeiten kannte: Psychisch Kranken wird ihr Recht auf ein Leben in Würde und Freiheit aberkannt, falls sie sich nicht ökonomisch verwerten lassen. Wer beim hektischen Hin und Her zwischen Arbeitssuche, Weiterbildungskursen, ständigen Arztterminen und Reha-Maßnahmen nicht mitmachen kann, wird zwangsbehandelt und entmündigt. Das Ende dieses Liedes wird sein, dass diese Menschen entweder unter massivester Medikamenteneinwirkung so weit scheinbar repartiert werden, dass sie doch irgendwie arbeiten können, in Psychiatrien und Heimen verschwinden oder als Obdachlose enden. Das ist zutiefst inhuman und eines der reichsten Länder der Erde unwürdig.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

3 Gedanken zu „Willkommen in der Barbarei“

  1. „Psychiatrien sind … Aufbewahrungslager für seelisch Abweichende, wo man in Mehrbettzimmern dahinvegetiert“

    Was für ein polemischer Unsinn; und ein Bärendienst an jenen Patienten, die einen stationären Aufenthalt benötigen.

    Hat Lindwurm schon eigene Erfahrungen mit diesem „case management“ gemacht?

  2. Nein, aber eine Erfahrung mit der Psychiatrie. Und das war genau so wie ich es beschrieb. Dort gibt es keine Therapien außer der Ergotherapie (malen, basteln). Den Rest des Tages verbringt man mit dem Bewundern der Farbe an der Wand und dem Schlucken von Drogen, bevor es um 20.30 Uhr in den Schlafsaal mit fünf Betten (Psychiatrie Klagenfurt) geht.

  3. Sehr geschätzter Herr Torsch! Ihrem Beitrag stimme ich voll zu! Es ist mehr als unverantwortlich, dass Verwaltungskräfte – in einem rigorosen Autoritätsabhängigkeitsverhältnis – mit schwer psychisch kranken Menschen „arbeiten“ dürfen!
    Abgesehen davon, dass es bei psychisch Kranken, die vermehrt unter DRUCK gesetzt bzw. mit Existenzgrundlagenentzug bedroht werden, sicherlich NICHT zur Genesung, sondern zur Befindensverschlechterung (bis Suizid) kommen kann! Bei Menschen, denen die Existenzgrundlage entzogen wurde, kann das schwer traumatische Folgen haben – siehe zB diesen Fall!! http://mobbing-konkret.jimdo.com/pva-ablehnung-ip-1/
    Dies hat meiner pers. Meinung nach NICHTS mehr mit rechtsstaatlicher Begutachtung zu tun…
    Siehe auch Anfrage zu GKK – Casemanagement, denn Infos für Betroffene sind kaum zu finden!! http://mobbing-konkret.jimdo.com/gkk-beantw-01/ und 2. Anfrage: http://mobbing-konkret.jimdo.com/gkk-beantw-02/

    Es wird laut ASVG geschrieben, dass bei Menschen, die in Pension waren, das Rehabgeld NICHT weniger sein darf bzw. dieses an die Höhe der vorhergehenden Pension angepasst werden muss. Auch dies ist NICHT der Fall!!! Denn: während bei der Krankengeldberechnung die Sonderzahlung des Letztgehaltes mit 17 % aufgerechnet werden, werden diese beim Rehabgeld nur mit 11,5 % aufgerechnet! UND: wenn das Taggeld MEHR als täglich EUR 30,- beträgt, wird von der Summe, die tägl. 30,- überschreitet, satte 36 % Lohnsteuer/Einkommensteuer abgezogen!!!
    Das heißt, das Finanzamt verdient noch zusätzlich an jedem Rehabilitanden… dafür hat der – obwohl sich seine ArbeitsUNfähigkeit NICHT geändert hat, schwere finanzielle Einbußen!
    Oh ja – das wird jedem psychisch Kranken gut tun, wenn er von wenig dann noch weniger hat…
    Eva Pichler, SHG Mobbing Graz

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