Niemand ist frei

Wie die Wiener Wochenzeitung „Falter“ aufgedeckt hat, herrschen in Österreichs Gefängnissen teils zum Himmel schreiende Zustände.  Von Misshandlungen ist da die Rede und von Häftlingen, die man einfach in ihren Zellen „vergisst“, bis sie bei lebendigem Leib verfaulen. Das sind keine Anschuldigungen rachsüchtiger Ex-Knackis, sondern das geht aus internen Berichten der Justizvollzugsanstalten hervor. Dass unsere Gesellschaft Menschen, die ihr völlig wehrlos ausgeliefert sind, dermaßen schlecht behandelt, ist kein „bedauerlicher Einzelfall“, wie Politikerinnen solcherlei gerne zu kommentieren pflegen, sondern eine Folge der gesamtgesellschaftlichen Verrohung, die wiederum viel zu tun hat mit der Ökonomisierung aller Lebensbereiche und mit der Maul- und Denkfaulheit von im weitesten Sinne Linken und von liberalen Bürgerlichen, die keine Lust mehr zu haben scheinen, dem von Boulevard und Rechtsparteien immer wieder angestimmten Gejaule über die „Kuscheljustiz“ etwas zu erwidern. Dabei ist schon seit Jahrzehnten bekannt, dass ein humaner Umgang mit Strafgefangenen das Risiko erneuter Straffälligkeit senkt. Wer gefangene Menschen wie Tiere behandelt, züchtet Zeitbomben, die irgendwann hochgehen, während ein respektvoller, menschenwürdiger Umgang zumindest die Chance eröffnet, dass sich jemand tatsächlich bessert. Das ist keine Meinung, sondern eine durch zahlreiche internationale Vergleiche und durch etliche wissenschaftliche Versuche erwiesene Tatsache. Man könnte auch sagen, hier stehen Primitivität (Rachsucht, Sadismus) und Rationalität (Resozialisierung durch humane Behandlung) zur Auswahl, und eine feige Politikerklasse meint, das Volk sei halt primitiv, daher müsse man eine primitive Politik machen. Interessant ist, dass so viele Menschen es nicht einmal schaffen zu verstehen, dass ein humaner Strafvollzug in ihrem eigenen egoistischen Interesse wäre, denn hinter Gittern landet man schneller, als viele meinen, und oft genug auch unschuldig.

Strafgefangene sind nicht die einzigen, die unter der Brutalisierung der Gesellschaft leiden. Auch in den Psychiatrien wird seit einigen Jahren wieder verstärkt und wie selbstverständlich zu extremen Zwangsmaßnahmen wie Fesselung gegriffen, und es landen immer mehr Menschen aus immer lächerlicheren Anlässen für immer längere Zeit in den Irrenhäusern. Psychisch Kranke gehören zu den verwundbaren Segmenten der Gesellschaft, so wie Strafgefangene, Obdachlose, Bettlerinnen und andere ökonomisch Abgehängte, und daher spüren sie rascher und intensiver, wenn sich etwas verändert, wenn bislang halbwegs sicher geglaubte hart erkämpfte soziale und menschenrechtliche Standards wieder einkassiert werden. In Österreich wurde 2014 die Invalidenrente für alle Menschen unter 50, die nicht todkrank sind, abgeschafft. Die Folge ist nicht nur eine wirtschaftliche Präkarisierung von ohnehin schon meist ums finanzielle Überleben kämpfenden Menschen, sondern auch eine Art Abwertung seelisch Kranker, die sich, wie mir mehrere Leute erzählten, bereits bemerkbar macht in deutlich unfreundlicheren und raueren Umgangsformen der psychiatrischen Zunft mit den Patienten. Das ist nicht überraschend, sondern die ganz normale Folge einer Politik, die Menschen entwertet, indem sie sie für die Probleme der anderen verantwortlich macht. So wie Rechtspopulisten Verbrecher und Armutsmigrantinnen zu Sündenböcken machen, hat der österreichische Sozialminister Hundstorfer mehrmals betont, das größte Problem des Sozialsystems seien die Invalidenrentenbezieherinnen. Was nicht mal ansatzweise stimmte, aber ein prima Vorwand war für massiven Sozialabbau. Eiskalt wurde durch diese Politik die weitere Stigmatisierung kranker Menschen als Kollateralschaden mit einkalkuliert.

Rührt sich irgendein Widerstand gegen diese Entwicklungen? Nicht wirklich. Die Justizreformer der 60er und 70er Jahre sind ebenso ausgestorben wie die kritische Ärztinnen und Pfleger, die einst die Psychiatrie reformieren wollten. Heute sitzen fast überall mutlose und opportunistische Funktionsträger und Systemerhalter, die vielleicht mit den Zuständen, die sie täglich sehen und zu verantworten haben, nicht immer einverstanden sein mögen, dann aber nur mit den Achseln zucken, „was soll man machen“ murmeln und am Ende des Monats ihr Gehalt in Empfang nehmen. Der zunehmende Stress in Wirtschaft und Arbeitswelt führt zu Vereinzelnung und Entsolidarisierung, jeder will nur mehr sich selbst irgendwie durchschleppen, Interesse und Engagement für Schwächere bleibt kaum übrig. Begleitet wird das alles von einem völlig sinnentleerten Freiheitsgeschwafel, das nur mühsam eine Wirklichkeit überdecken kann, in der die Freiheit langsam ausstirbt. Niemand ist frei, wenn nicht alle von existenziellen Ängsten befreit sind. Niemand ist frei, wenn andere unfrei sind, und sei er Milliardär.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

3 Gedanken zu „Niemand ist frei“

  1. Hey dieses Volk versuchte vor 4 Generationen ein anderes Volk vollständig auszurotten. Denkst du dass in 4 Generationen sterben die weißen Arschlöcher aus?

  2. Ich denke mal, dass Strafgefangene generell das Problem haben, dass sie zu jener Bevölkerungsgruppen gehören, die so gut wie gar keine Lobby haben (es sei denn, sie haben nur mal 35 Millionen Euro am Fiskus vorbei geschleust – dann hält es der Boulevard beinahe schon für eine unmenschliche Zumutung, diese Leute zur Verantwortung zu ziehen). Tatsache ist aber auch, dass Gefängnisse Orte sind, in denen man schon gehäuft auf nicht gerade nette Zeitgenossen stößt, die Dinge getan haben für die sie durchaus zu Recht eingeknastet wurden (ich möchte damit ausdrücklich kein Strafgefangenenbashing betreiben – hinter vielen Straftaten stehen Notlagen und individuelle Schicksale, aber eben vielfach auch pure Gewissenlosigkeit seitens der Täter). Da ist es sicher keine populäre Forderung, man solle Geld in die Hand nehmen, das man auch für etwas anderes ausgeben könnte um z.B. einem Vergewaltiger die Haftbedingungen zu erleichtern. Es würde mich gar nicht wundern, wenn eine Bevölkerungsmehrheit der Medinung wäre, man könne im Bereich Strafvollzug sogar ganz gut noch Einsparungen vornehmen: müssen Zellen im Winter wirklich voll beheizt sein (16 Grad plus Pullover tun´s auch)? Könnte man den Gefängnisfraß nicht ein wenig frugaler gestalten (Wasser und Brot)? Und wäre es nicht wünschenswert, dass die Gefangenen mal wirklich ans Arbeiten kämen (Steinbruch)? Ich habe mal eine Reportage über den Strafvollzug in einigen Südstaaten der USA gesehen, in welcher der Direktor eines Gefängnis interviewt wurde (natürlich ein profitorientiert Privatisiertes), der gar keinen Hehl daraus machte, dass er es nicht einsähe, Geld darin zu investieren, dass sich die Gefangenen im Vollzug halbwegs wohl fühlten oder ihnen gar das Essen schmecken könnte. Dies sei gar nicht der Sinn des Vollzugs, sondern Strafe oder noch deutlicher: ganz primitive Rache der Gesellschaft an den Täter für seine Tat. Solche Tendenzen fänden hier bei uns in Old Europe sicher auch so ihre Fürsprecher. Und wer sich dagegen wendet müsste sich wahrscheinlich fragen lassen, warum man denn mit einem Kinderschänder oder ähnlichen „Abschaum“ sympathisiere. Dieses Fass werden sich viele Politiker wahrscheinlich nicht freiwillig aufmachen.
    Der Lindwurm hat m.E. allerdings Recht, wenn er anmerkt, dass man den Grad der Humanität einer Gesellschaft daran erkennt, wie sie mit ihren schwächsten Gliederm umgeht (und zu denen gehören Strafgefangene ja unstreitbar), auch wenn sich unter diesen ganz sicher eine Reihe höchst unsympathischer Arschlöcher befinden (auch dies dürfte bei Strafgefangenen unstreitbar sein).

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s