„Günstige“ 108-Euro-Menüs, Mindestsicherung und leere Konten

Vor einigen Tagen las ich in der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ einen Artikel über ein italienisches Restaurant in Wien. der Autor lobte die Küche und hob anerkennend hervor, dass man dort sehr gut und „günstig“ essen könne. Am Ende der Lokalkritik gab er preis, wie viel er für zwei dreigängige Menüs bezahlt hatte: 108 Euro. Da geht also einer mit seiner Freundin essen, zahlt 108 Euro und hält das für preiswert. Wie soll so einer verstehen, wie es Menschen geht, für die 108 Euro das Monatsbudget für Essen und Trinken sind? Wie soll der Empathie haben für Menschen wie Frau Waltraud F. aus Wien, eine Facebookfreundin von mir,  die seit zwei Monaten auf die Auszahlung der Mindestsicherung wartet und derzeit von der Familienbeihilfe und dem Pflegegeld für ihren behinderten Sohn lebt? Waltraud sammelt Mahnungen wie andere Leute Briefmarken, da sie seit einiger Zeit die Miete und den Strom nicht mehr bezahlen kann. Am Sozialamt wird sie vertröstet und mit immer neuen Schikanen konfrontiert. Einmal fehlt jener Stempel, dann dieser, und derweil kann ihr Kind nicht ins Schwimmbad weil sie sich den Eintritt nicht leisten kann. Auch ich komme immer mehr ins finanzielle Trudeln. Als ich heute in mein Konto schaute sah ich, dass die Krankenkasse mein Reha-Geld, das ich anstatt der Invaliditätspension beziehe, nicht überweisen hat. Es wird vermutlich so wie schon im Mai bis zum 5. Tag des Monats dauern, bis das Geld eintrifft. Die Miete konnte ich gerade noch bezahlen, da ich noch was übrig hatte, aber am Konto habe ich nun null Euro. Hätte ich nicht zufällig ein paar Fertiggerichte im Haus, wüsste ich jetzt nicht, wie ich mir was zu essen besorgen sollte.

Im Radio hörte ich heute ein Interview mit Sozialminister Rudolf Hundstorfer zur immer weiter steigenden Arbeitslosigkeit in Österreich. Der Minister erkannte ganz richtig, dass vor allem die Kaufkraft zu steigern sei, um der Abwärtsentwicklung entgegenwirken zu können. In der selben Sendung gab auch Innenministerin Mikl-Leitner ein Interview in welchem sie forderte, die Einstiegsgehälter zu senken, die ausländische „Schlüsselkräfte“ zur Erlangung einer „Rot-Weiß-Rot-„Karte nachweisen müssen, womit sie sich natürlich auch für eine Senkung des allgemeinen Lohnniveaus aussprach. Das passt überhaupt nicht mit der Hundstorfer-Forderung nach einer Stärkung der Kaufkraft zusammen. So wie allerdings auch die Politik des Sozialministers im eigenen Ressort nicht dazu passt. Sozialleistungen werden immer kleiner und sie werden auch immer unsicherer. Wer heute Reha-Geld bezieht, kann schon in wenigen Monaten auf die Mindestsicherung abgestuft werden. Kein Wunder dass sich die Betroffen nicht mehr trauen, in etwas anderes als das Lebensnotwendigste zu investieren. Diesen zwei Politikerinnen zuzuhören war ernüchternd. Man spürte mit jedem Satz, den sie absonderten, eine extreme Hilflosigkeit, ein beschränktes Denken und einen fast kindlichen Glauben an wirtschaftspolitische Instrumente, die längst nicht mehr greifen. Die Gesellschaft fällt auseinander und denen, die uns regieren, fällt nichts mehr ein.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

3 Gedanken zu „„Günstige“ 108-Euro-Menüs, Mindestsicherung und leere Konten“

  1. „Die Gesellschaft fällt auseinander und denen, die uns regieren, fällt nichts mehr ein.“
    Wieder mal, besser: Immer noch, noch besser: Immer weiter
    Die Frage bleibt dabei: Was sollte wem einfallen?
    Man könnte damit anfangen, daqß man behauptet: Alles was Mensch tut, tut er ausschließlich für Mensch, und nicht für
    Markt, Kapital, Konto, die Karriere, den eigenen Vorteil, den Schaden eines Anderen, das süße Leben Weniger

    Und dannfragen, was alles aus dieser Sicht stört, ja: stört.
    Und das dann erzählen, allen, und: sichern, daß zugehört wird – die einzige diktatorische Maßnahme, die ich mit Gewalt sicherstellen würde.
    Wenn es chick ist, als Frisur einen Nazi-Eierkopf zu tragen, was macht die Schickeria? Allen voran die Fußballer der Welt?
    Und wenn es schick wäre, deiner Schreibfreundin zum Auskommen zu verhelfen, wo sind die dann?
    Aber vwir gröhlen un johlen und böllern, wenn die Fußballmillionäre sich die nächsten Millionen sichern, und:
    bezahlen, bezahlen, aber deren Millionen …

  2. Leider fällt die Gesellschaft nicht auseinander: denn gerade diese Spaltung der Menschheit ist ihr Lebenselixir! Und nur Kulturpessimisten oder dogmatische Sozialisten glauben, dass es zum großen Kladderadatsch kommt, nach dem alles anders wird.

  3. Fragt sich, was du unter „Gesellschaft auseinanderfallen“ verstehen möchtest …
    Klein Lieschen könnte meinen, dann ist alles weg.
    So fällt Gesellschaft nicht „auseinander“.
    „Spaltung“ ist auch nicht der Menschheit „ihr Lebenselexier“ – Das ist der dümmliche weil hilflose Erklärungsversuch von Leuten, die Veränderungen und Gestaltungen verhindern möchten.
    Sehr wohl ist der UNTERSCHIEDE überall in unserem All das Einzige, was durch wen auch immer wahrnehmbar ist, deshalb das Treibende für jede Art von Bewegung, völlig gleich ob in der anorganischen, der organischen / biologischen oder der Sozialen Welt.
    Solltest du das als „Spaltuing“ begreifen wollen, liegst du falsch, denn das ist nicht „spaltend“ sondern ist das (Einzige), was alles zusammenhält, was Mass, Energie und Information zu den Erscheinungen werden läßt, die wir wahrnehmen können, sowie deren Veränderungen bewirkt.
    Damit ist grundsätzlich auch über die immanent notwendige innere Bewegung in diesen Erscheinungen, und damit in Menschheit, in Gesellschaft, die Wirkung des Unterschieds (als einig faßbare) Information nicht „Spaltung“ sondern Zusammenhalt, Identität der Erscheinung.
    Da jede Wahrnehmung neuer (hinzutretender) Unterschiede auch bdie inneren Bewegungen verändert, verändern muß, damit das Gleichgewicht der eigenen Identität erhalten werden kann, führt das zwangsläufig zu Veränderungen, zu Veränderungen der Bewegungen, der Ressortvertweilungen im Ganzen und der äußeren Erscheinung und Funktion eines Ganzen, z.B. von Gesellschaft, von Menschheit.
    .Und, wie du siehst, hat sich auf genau diesem Wege nicht nur biologisch Mensch entwickelt und erhalten, sondern auch sozial.
    Das belegt, daß jeder Mensch nur Teil von Menschheit ist und innerhalb von Menschheit, von Gesellschaft auf die meisten andereTeile der Gesellschaft stringent angewiesen ist – als solcher allerdings nicht nur (neue) Unterschiede wahrnehmen, sondern auch schaffen kann ….
    Nix fällt auseinander, aber alles ist in Bewegung, und – verändert sich.
    Die Frage ist stets nur:
    WOHIN, zu „108 Euro und leere Konnten für (fast) alle …?

    Solch ein Ganzes, solch eine Gesellschaft trägt sich nicht, erhält auch keine Priviligierten, schafft unübergehbare Unterschiede, deshalb wird sie sich „bewegen“, muß sie das, um ihre Identität nicht zu verlieren,
    wofür es meist verschiedene Wege gibt, solange es dieses Ganze gibt

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