Eins, zwei, drei Sprachpolizei – Vorsicht, die „Normalen“ kommen!

Teile des österreichischen Bildungsbürgertums haben sich zusammengerottet und einen Offenen Brief formuliert, in dem sie sich gegen das Gendern aussprechen und eine „Rückkehr zur sprachlichen Normalität“ fordern.

Zuerst legen die Briefschreiber dar, wer sie sind, nämlich ihrer eigenen Darstellung und Empfindung nach furchtbar wichtige Leute:

Die gegenwärtige öffentliche Diskussion zur sprachlichen Gleichbehandlung von Frauen und Männern veranlasst die unterzeichneten  Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch andere  Personen des Gesellschaftslebens, dringend eine Revision der gegenwärtigen Vorschriften zu
fordern.

Es sind also Herr und Frau Wichtig und die, die diese Wichtigs in ihren Salons bewirten. Nicht irgendwelche Proleten oder, horribile dictu, Leute ohne Matura.

Nach einer Berufung auf das gesunde Volksempfinden („Laut jüngsten Umfragen lehnen 85 – 90 % der Bevölkerung die gegenwärtige Praxis der Textgestaltung im öffentlichen Bereich ab“) kommt erstmals sowas wie eine Argumentation:

Die feministisch motivierten Grundsätze zur „sprachlichen Gleichbehandlung“ basieren auf  einer einseitigen und unrichtigen Einschätzung der Gegebenheiten in unserer Sprache. Das  „generische Maskulinum“(z. B. Mensch, Zuschauer…) zum Feindbild zu erklären und dessen  Abschaffung zu verlangen, blendet die Tatsache aus, dass unsere Sprache ebenso ein  „generisches Femininum“ (z. B. Person, Fachkraft…) und ein „generisches Neutrum“ (z. B.  Publikum, Volk…) kennt. Alle seit Jahrhunderten als Verallgemeinerungen gebrauchten  Wörter umfassen prinzipiell unterschiedslos beide Geschlechter. Die angeführten Beispiele  beweisen dies.

Hm, ja, generisches Maskulinum, Femininum und Neutrum gibt es in der Tat. Blöd nur, dass erstens niemand gefordert hat, diese Formen abzuschaffen oder zu ersetzen, und noch ein bisserl blöder, dass dieser Offene Brief in Reaktion auf die Diskussion um die österreichische Bundeshymne verfasst wurde, in der es darum ging, ob sich Frauen durch die Formulierung „Heimat bist du großer Söhne“ mitgemeint fühlen sollen. Sohn/Söhne ist kein generisches Maskulinum, was Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch andere  Personen des Gesellschaftslebens wissen könnten, würden sie die Sprache, die zu verteidigen sie mit flatternden Talaren und klappernden Schreibmaschinen ausgeritten sind, beherrschen.

Dann kommt die erste konkrete Forderung:

Folgende aus den angeführten irrigen Grundannahmen entstandenen Verunstaltungen des Schriftbildes sind daher wieder aus dem Schreibgebrauch zu eliminieren: Binnen-I, z. B. KollegInnen
• Schrägstrich im Wortinneren, z. B. Kolleg/innen
• Klammern, z. B. Kolleg(inn)en
• hochgestelltes „a“ bzw. „in“ im Anschluss an bestimmte Abkürzungen 

Man beachte den Duktus! Der klingt wie ein Ukas aus dem Büro des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Abteilung Kultur, Untergremium Sprache. Die Kombination aus dekretierendem Imperativ und dem Verb „eliminieren“ würde mich nicht so sehr beunruhigen, käme sie von einem Alphabetisierungskollektiv aus dem anarchistischem Katalonien der 1930er Jahre, doch  Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch andere  Personen des Gesellschaftslebens sollten über eine größere Sprachsensibilität verfügen. Vielleicht ist diese Sprachsensibilität aber durchaus vorhanden und der Befehlston, den Unterzeichner und Unterzeichnerinnen anschlagen, resultiert aus der Wahnvorstellung, man sei so ungeheuer mächtig, dem Rest des Landes Anordnungen geben zu können? Eine Frage für Psychoanalytikerinnen.

Im weiteren Verlauf des Briefes klagen die Verfasser und Verfasserinnen viel über die mangelnde Praktikabilität gegenderter Sprache und malen ein schlimmes Szenario von armen Schülern und Studentinnen, die vor lauter geschlechtsneutraler Sprache ganz dumm würden, an die Wand und rufen, wie man es von Konservativen ja kennt, laut „denkt denn hier niemand an die Kinder“ (und an Ausländer, Behinderte und andere Tschapperln):

Außerdem muss gewährleistet sein, dass durch die traditionsgemäße Anwendung verallgemeinernder Wortformen die Verständlichkeit von Texten wieder den Vorrang vor dem Transport feministischer Anliegen eingeräumt bekommt. Dies vor allem im Hinblick auf

• Kinder, die das sinnerfassende Lesen erlernen sollen,
• Menschen, die Deutsch als Fremdsprache erwerben und
• Menschen mit besonderen Bedürfnissen (z. B. Blinde, Gehörlose, Menschen mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten)

Und dann beruft man sich erneut auf den Willen der Mehrheit und warnt vor der Diktatur des feministischen Proletariats:

Sprache war und ist immer ein Bereich, der sich basisdemokratisch weiterentwickelt: Was die Mehrheit der Sprachteilhaber als richtig empfindet, wird als Regelfall angesehen. Wo immer im Laufe der Geschichte versucht wurde, in diesen Prozess regulierend einzugreifen, hatten wir es mit diktatorischen Regimen zu tun. (…) . Ein minimaler Prozentsatz kämpferischer Sprachfeministinnen darf nicht länger der
nahezu 90-prozentigen Mehrheit der Staatsbürger ihren Willen aufzwingen.

Was für eine armselige Unterfütterung der eigenen Befindlichkeiten! 90 Prozent sagen, Scheiße ist Gold, also ist Scheiße Gold. Punkt. Getoppt wird das noch im Schlusssatz, in dem „eine Rückkehr zur sprachlichen Normalität“  gefordert wird. Das ist richtig ekelhaft, kreischt hier doch ein nahezu faschistischer Normierungsswahn aus der bürokratischen Sprache der Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch anderen  Personen des Gesellschaftslebens, der jene, die sich tatsächlich ernsthaft mit Sprache befassen, alarmieren muss. Wer „sprachliche Normalität“ einfordert und für ideal hält, der ist gedanklich nicht mehr allzu weit weg von „sexueller Normalität“, „religiöser Normalität“, „kultureller Normalität“ und am Ende „rassischer Normalität“. Solchen Normierern muss man Einhalt gebieten, übrigens auch jenen, die die Sprache nach angeblich feministischen Grundsätzen gleichschalten wollen. Aber gibt es letztere in kritischer Masse? Gefordert und teilweise umgesetzt wurde bislang lediglich, dass offizielle Amtstexte, Gesetzestexte und dergleichen geschlechtsneutral formuliert werden sollen, damit sich niemand nur „mitgemeint“ fühlen muss. Und das ist gut und richtig. Selbstverständlich ist es in Ordnung und war höchst an der Zeit, dass zum Beispiel in der österreichischen Bundeshymne nicht mehr von „großen Söhnen“ die Rede war, sondern von „großen Töchtern und Söhnen“. Das kann doch niemand, der kein verwirrtes Macho-Würstchen ist, ernsthaft als Bedrohung empfinden? Und doch formiert sich von der FPÖ über den Stammtisch bis zu den  Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch andere  Personen des Gesellschaftslebens eine Ablehnungsfront gegen die Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache.

Was geht hier also vor? Bei den   Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch anderen  Personen des Gesellschaftslebens dürfte es sich vor allem um ähnliche Reflexe handeln, die man schon bei der letzten großen Rechtschreibreform beobachten konnte, als ein weitgehend identischer Personenkreis laut gegen die geplanten und letztlich durchgesetzten Vereinfachungen der deutschen Schriftsprache wetterte. Man fürchtete die Veränderung als Vorbotin von Nivellierung, Kulturverfall und letztlich des Untergangs des Abendlandes. Menschen, die tatsächlich oder gefühlt weiter oben in der gesellschaftlichen Hierarchie standen, ängstigten sich vor dem Verlust der Sprache als Herrschaftsinstrument, zu dessen leidlich fehlerlosen, vor allem aber recht exklusiven Verwendung sie entweder durch Geburt ins Bildungsbürgertum oder langes Studium gekommen waren, und das betraf keineswegs nur Reaktionäre, sondern sehr wohl auch Progressive, wie das Beispiel der bis heute an der alten Rechtschreibung festhaltenden linken Zeitschrift „konkret“ zeigt. Interessant ist, dass diese Kreise derzeit eine Koalition mit vornehmlich männlichen Verlierern der ökonomischen Veränderungen bilden, die recht hilflos sehen, wie sich die traditionelle Arbeitswelt immer mehr auflöst, gut bezahlte Vollzeitjobs für schlecht Ausgebildete immer rarer werden und um diese schwindenden Einkommensmöglichkeiten eine immer stärkere globale Konkurrenz entsteht. Diese vorwiegend jungen und vorwiegend männlichen Menschen müssen seit mehr als 20 Jahren erfahren, dass Veränderungen und „Reformen“ stets zu ihren Ungunsten ausfallen und reagieren daher mit Furcht und Aggression auf alles, was neu und anders ist. Da sie die komplexen wirtschaftlichen Zusammenhänge oft nicht durchschauen (genauer: nicht durchschauen können, weil die meisten Parteien und sogar Gewerkschaften kein Interesse an aufgeklärten Arbeitern haben), suchen sie nach Schuldigen und identifizieren als solche Frauen, die nicht nur verstärkt berufstätig sein wollen, sondern das sein müssen, sowie Migrantinnen und andere Ausgebeutete, mit denen sie sich, wären sie informiert und rational, solidarisieren müssten statt sie als „Fressfeinde“ abzulehnen. Die seit dem 19. Jahrhundert gängige Rolle des Mannes als Arbeiter und Ernährer der Familie löst sich für sehr viele in Luft auf und das Bewusstsein hinkt den Verhältnissen hinterher. Die ökonomisch abgehängten und überflüssigen Männer (und oft auch Frauen) blicken mit Argwohn und zunehmend auch Hass auf die Ober- und Mittelschichten, die sich von den Lebensrealitäten der Proleten immer weiter entfernen, was dazu führt, dass man sich mit wachsendem Unverständnis gegenüber steht. Die einen verstehen nicht, warum den anderen Themen wie sexuelle Toleranz, Gleichberechtigung und Antirassismus wichtig sind, die anderen verstehen nicht, wovor die einen so viel Angst haben. Dazu kommt nun noch ein massiver gesellschaftspolitischer Backlash auch in Teilen der Eliten und hier wird es nun wirklich gefährlich, denn wenn Sachen wie die Ablehnung geschlechtsneutraler Sprache oder die Diskriminierung von Homo- und  Transsexuellen zu einem gemeinsamen Anliegen von Teilen des Bildungsbürgertums und der wirtschaftlich Ausgegrenzten werden, bildet sich etwas heraus, das direkt in Richtung Voraufklärung, Autoritarismus und vielleicht sogar Faschismus führen kann. Volksgemeinschaft halt.

 

 

 

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

16 Gedanken zu „Eins, zwei, drei Sprachpolizei – Vorsicht, die „Normalen“ kommen!“

  1. Die Wahrheit liegt wieder mal dazwischen.

    Das Beispiel „Heimat bist du großer Söhne” ist gut gewählt. Aber statt „Heimat bist du großer Töchter und Söhne“ (wieso mussen die Frauen bei Gleichberechtigung immer zuerst genannt werden?) würde ich „Heimat bist du großer Menschen“ bevorzugen. Dass sich Hetero-Frauen bei „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib“ nicht angesprochen fühlen, kann ich auch verstehen. „Du sollst nicht ehebrechen“ finde ich als Formulierung aber besser als „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib oder Mann“. (Dies nur als Vorschlag für Formulierungen.)

    Ich persönlich glaube aber, dass das Thema komplett falsch betrachtet wird. Seit den 70er Jahren hört man immer die gleichen Argumenten. Motto: Irgendwann wird man es glauben.

    Man stelle sich vor, irgendeine Regierung würde versuchen, neue Endungen an Berufsbezeichnungen einzuführen. Endungen, die Auskunft darüber geben, ob eine Person Hetero/Homo Christ/Muslim Schwarz/Weiß etc. ist. Alle Minderheitenvertretungen würden wegen Diskriminierung Amok laufen.

    In Bezug auf das Geschlecht wird aber ständig gefordert, diese Unterscheidungen hervorzuheben. Liegen alle Minderheitsvertretungen falsch? Wird durch solche Endungen die Diskriminierung verhindert oder erzeugt?

    Grüße
    Klotzkopf

  2. Ach ja, das Gendern:
    Also, damit das klar ist, ein für alle male: Das Gendern im Schreiben ist keine AQnordnung der Schreibpolizei.
    Das Nichgendern – ist keine strafbare Handlung.
    Das Praktizieren oder Weglassen der Genderei, die beim Sprechen eh eine verstümmelte nicht richtig artikulierbare Verlautbarung abgibt, ist lediglich eine Selbstdarstellung des jeweils Betreffenden, mehr nicht.

    Es macht also keinen Sinn, etrwas gut Gemeintes schlecht auszuführen oder zu verbieten oder etwas schlecht Vermittelbares gut auszuführen und aus beidem eine unaussprechliches Mischmasch zu machen.

    Solange die Genderei nicht in Herz und Sinn stattfindet, bringt sie nur auf der Zunge oder dem Papier stets nur das Gegenteil, wie bei den berühmten beiden absolut nach hinten losgetretenen vergeikelten PC-Aktionen zu „Neger“ und „Mohr“-enstraße. die auch hier zu finden sind:

    http://www.grabbelkiste.org/2014/06/21/wenn-die-realitaet-die-satire-ueberholt/
    mit :
    „Von einem, der auszog, einen Preis zu stiften. Gegen Rassismus“
    und:
    http://www.grabbelkiste.org/2014/06/24/wenn-die-realitaet-die-satire-ueberholt-update/
    „Wenn die Realität die Satire überholt: Update“

    und einem Kommentar von B. Brahmer zur „Mohrenaktion“ von Anatol Stefanowitsch aus der Mohrenstraße in Berlin, die den „Mohr“ beim Namen nennen soll: Nelson Mandela …:
    >Berta Brahmer says: 30/06/2014 at 16:05

    Als lichte Momente für das Übertreiben von Schriften zu Vor- und Be- und Anschriften …
    Tante Jay

  3. @Lindwurm, du endest so
    “ und hier wird es nun wirklich gefährlich, denn wenn Sachen wie die Ablehnung geschlechtsneutraler Sprache oder der Diskriminierung von Homo- und Transsexuellen zu einem gemeinsamen Anliegen von Teilen des Bildungsbürgertums und der wirtschaftlich Ausgegrenzten werden, bildet sich etwas heraus, das direkt in Richtung Voraufklärung, Autoritarismus und vielleicht sogar Faschismus führen kann. Volksgemeinschaft halt.“
    Du schmeißt dsa wieder Dinge aus deinem Kopf in den gleichen Topf, die nur in deiner kleinen Denke zusammengehören – was sie nicht tun. Jedes ist ein Problem für sich, ein eigenes, und wen es heimsucht, der hat noch lange nicht die anderen von dir dazu geschmissenen im Kopf.
    Wer hat nur vergessen, dir das Differenzieren, das Erkennen von Unterschieden und Gemeinsamkeiten bei zu bringen?
    „Voraufklärung, Autoritarismus und vielleicht sogar Faschismus …“- was für ein Blödsinn, klingt wie die Philosophie, die sich Frank Zander zu seinen jährlichen Weihnachtsentenessenspende für tausende Obdachlose von denen anhören muß, die reden auch so, weil sie es nie anders gelernt oder miteinander gemacht haben, es war halt niemand da, der ihnen diese Begriffe und deren tasächlichen Zusammenhang ereklärte, bei dir auch nicht?
    So ist z.B. das Jüdische Volk ein Volk, eine Volksgemeinschaft halt, wie es auch viele andere gibt, und jede davon das Gegenteil von Faschismus ist, von einem „Rutenbündel“ an Menschen, von etwas ungemeinschaftlich Zusammengebundenem, Zusammengesperrten – das wäre Faschismus, der nicht das Geringste mit gemeinschaftlichem eines Volkes zu tun hat.
    Merkst du, daß dich da jemand deutlich wohl in die falsche törichte Spur eines fast Vulgärlinkentums gesetzt hat?
    Während viele Völker der Welt gegenwärtig sich ein gemeinschaftliches Volki, eine Volksgemeinschaft wünschen, um Normales Leben darin zu erfahren, stellst du das gleich mit Faschismus,
    Wir sollten wohl doch die Sprachpolizei benachrichtigen, allerdings nicht wegen abgelehnter Genderei, sondern wegen unqualifizierten Schwatzens darüber und über andere unausgerorene Begriffsvorstellungen.
    Hattest du das provozieren wollen?

  4. „Volksgemeinschaft“ war in der Zeit des Nationalsozialismus ein propagandistischer Leitbegriff. Könnte man als jemand, der angeblich so toll scharfe Begriffsvorstellungen hat, wissen. Mayers Konversationslexikon schrieb 1937: „Volksgemeinschaft ist der Zentralbegriff des nationalsozialistischen Denkens“.

  5. Für mich ist dieses sog. Gendern eine Entwicklung in eine falsche Richtung. Die Bezeichnung „Gendern“ versucht irgendwie zu implizieren, dass es sich um irgendwas aus der Gender-Theorie handelt. Aber in Wirklichkeit, wird darduch die Welt in Männlein und Weiblein eingeteilt – z.B. ein Lehrer ist ein Mann, eine Lehrerin ist eine Frau. Und das ist eigentlich ein überholtes Konzept.

    Es wäre viel sinnvoller, wir würden die Sprache in eine mehr Gender-Neutrale Form entwickeln, in der nur noch die Grundform dieser „gegenderten“ Wörter verwendet wird (und ja, diese ist meistens männlich) und auf jedigliche geschlechtsspezifischen Suffixe usw. ganz verzichtet wird. Das Ziel sollte sein, dass wir in die Nähe einer Form kommen, wie das jetzt z.B. in der englischen Sprache der Fall ist ist.

  6. @ Klotzkopf: Man stelle sich vor, irgendeine Regierung würde versuchen, neue Endungen an Berufsbezeichnungen einzuführen. Endungen, die Auskunft darüber geben, ob eine Person Hetero/Homo Christ/Muslim Schwarz/Weiß etc. ist. Alle Minderheitenvertretungen würden wegen Diskriminierung Amok laufen.

    In Bezug auf das Geschlecht wird aber ständig gefordert, diese Unterscheidungen hervorzuheben.

    Dieser Vergleich hängt schief. Deutsche Substantive enthalten keine grammatische Information über sexuelle Orientierung, Religion, Hautfarbe usw., wohl aber über das Geschlecht, darum kann man diese Dinge nicht über einen Kamm scheren.

    Man kann, wenn man normale deutsche Wörter nimmt, seitenweise Text produzieren, ohne sich über die sexuelle Orientierung, Religion oder Hautfarbe von Menschen zu äußern. Man kann aber kaum je einen Menschen erwähnen, ohne entweder eine männliche oder weibliche Form zu verwenden und sich damit gezwungenermaßen zum Geschlecht dieser Person zu äußern.

    Traditionell wird die männliche Form verwendet, Frauen werden nicht gesondert erwähnt und sind dann einfach mitgemeint (oder auch nicht, wer auf die Unterscheidung Wert legt, muss das wortreich dazusagen). Und dieses Mitgemeintsein versucht man, durch gegenderte Sprache zu vermeiden. Man will alle, die gemeint sind, gleich ausdrücklich ansprechen (dass Transgender da nicht ins Schema passt, ist ein anderes Thema). Umgehen könnte man das nur durch die Bildung und Verwendung der von Michael vorgeschlagenen neutralen Wortformen, und das brächte wieder andere Probleme und garantiert auch erbitterten Widerstand sprachstandswahrender Kreise mit sich.

    Jetzt zur Hautfarbe: Wenn man Leute bildlich darstellt, etwa in der Werbung, haben die zwangsläufig eine Hautfarbe. Analog zur Verwendung gendergerechter Sprache zeigt man in der Werbung vermehrt Menschen verschiedener Hautfarbe, wo früher praktisch nur Weiße vorkamen.

    Hinsichtlich der Diskriminierung (bzw. deren Vermeidung) entspricht diese Veränderung in der Wahl der dargestellten Personen etwa der Verwendung gendergerechter Sprache – die Diskriminierung wird auf dem Kanal angegangen, auf dem sie geschieht. Sprachliche Diskriminierung mit sprachlichen Mitteln, bildliche Diskriminierung mit bildlichen Mitteln.

  7. @lindwurm Juli 14, 2014 um 10:13 nachmittags
    meinte so
    “Volksgemeinschaft“ war in der Zeit des Nationalsozialismus ein propagandistischer Leitbegriff. Könnte man als jemand, der angeblich so toll scharfe Begriffsvorstellungen hat, wissen. Mayers Konversationslexikon schrieb 1937: “Volksgemeinschaft ist der Zentralbegriff des nationalsozialistischen Denkens”.
    Tja, Lindwurm, weiß nicht, welchen der zig „Meyers“ du da erwischt hast, ich empfehle dir mal, den von 1908, oder noch besser den von 1911 zu nehmen und dort nachzuschlagen, was die Ende des 19. Jahrhunderts diese Texte erstellenden bürgerlichen Deutschen da so schrieben, geprägt von Antisemitismus des Herrn Marr (das ist eine nichtreligiös basierende Ablehnung und Diffamierung des Judentums, die dessen Kultur diffamieren soll).
    Empfehle dann, diese Texte zu vergleichen mit dem letzten „Meyers“. Solltest du dann feststellen, daß da möglicherweise sehr viel Ähnlichkeit besteht, kann das daran liegen, daß die bereits 1908 wußten, was im 21. Jahrhundert gemeint und verstanden wird, es kann aber auch sein, daß diese Texte kaum oder nicht einer saxchgemäß erforderlichen zeitgemäßen Überarbeitung zugeführt wurden.
    Nun konkret „Volksgemeinschaft“ – machen wir es an einen Beispiel deutlich:
    Viele Juden verstehen sich (selbst) als eine vom Hitlerismus (und nicht nur von dem) verachtete Rasse, die Rasse der Semiten.
    Woher kommt das?
    Wir wissen spätestens seit Mitte der 40er Jahre, daß es keine Menschenrassen gibt.
    Wir wissen seit 250 Jahren, daß der Begriff SEMITEn die Bezeichnung für eine große Sprachgruppe der semitischen Sprachen ist, von denen auch die hebräische einen sehr kleinen Teil einnimmt , und daß Semiten weder zwangsweise durch das Sprechen von semitischen Sprachen verwandtschaften begründen noch irgendwelche ethnische Gemeinsamkeiten begründet werden. Gut, das paßt einigen Religionsvertretern (wegen der angeblichen Herkunfte von SEM) nicht in den Kram, aber es ist so.
    Wir wissen, daß nach Wilhelm Marr 1876 immer mehr bürgerlich-liberale und später auch andere dessen Antisemitismus mit dem „Rasseverständnis Juden als Rasse der Semiten“ aufgriffen und zuletzt der Nationalsozialismus des Hitler daraus eine Staatsdoktrin machten, mit dem Prä:
    „Volk = Arische Rasse = Volksgemeinschaft der Arier“ – Obwohl es nie auch nur einen einzigen Arier gegeben hat?

    Und, verehrter Lindwurm, wer zwingt uns nun, heute, 70 Jahre nach diesem widernatürlichem und grausamen Spuk diese Begriffswelt noch immer den Nazis und ihren unflätigen Denkgebäude und damaligen selbsternannten Deutungshoheiten zu überlassen und heute noch immer in den Kategorien Hitlers „Rasse“, „SEMITEN = nur Juden“, „Semiten = minderwertige Rasse“, „Volk = Nazis“, „Volksgemeinschaft = Nazigemeinschaft arischer Bauart“
    Was also du da aus deinem Meyer entnommen hast, enspricht direkt der damaligen antisemitisch geprägten Deutungshoheit der Nazis und nicht einem modernen Lexikon, das durchgängig nie daraufhin geprüft und befreit worden ist.
    Das Zentrale Element der Nazis war nicht die „Volksgemeinschaft“, sondern nur die „Arische Volksgemeinschaft“ – eine andere hättren sie nicht geduldet.
    Guten Tag Firma Meyer!
    Ich stelle fest, den heutigen Neonazis ist weder die Deutungshoheit des Begriffes „Rasse“, noch „Volk“, noch „Gemeinschaft“, noch „Volksgemeinschaft“ noch „Jude“ usw. zu überlassen, und erst recht nicht freiwillig.
    Besonders beängstigend zeigt sich diese Forderung, wenn ein vor kurzem im öffentlichen TV hervorragend gemachter Film des Regisseurs Koep u.a. kleine heutige jüdische (Aussiedler-)Schüler zeigt, denen von der jüdischen Klassenlehrerin zur „Einführung in das Judentum“ erklärt, wird, was und wer von denen ein „Halbjude“, ein „Vierteljude“ usw. sei, anhand deren eigener Familienverhältnisse, heute im 21. Jahrhundert strikt nach den von der Hitlerei geformten Begrifflichkeiten aus deren Rassendoktrin … ?!
    Nein, Volk ist eine Gemeinschaft und im Normalfall etwas äußerst anzustrebend Gesundes, wie z.B. die Volksgemeinschaft Israels, das Negative ist die Pervertierung, die man übernehmen und weiterführen kann wie in dem Film, oder auch strikt ablehnen kann.

  8. @gnaddrig Juli 16, 2014 um 7:57 vormittags
    meint
    „die Diskriminierung wird auf dem Kanal angegangen, auf dem sie geschieht. Sprachliche Diskriminierung mit sprachlichen Mitteln, bildliche Diskriminierung mit bildlichen Mitteln.“
    Danke für die gute Darstellung des Hintergrundes der Genderei,.
    Wenn ich nun allerdings nicht gut „drauf“ wäre, würde ich sagen, ist etwas vom Mond, uralt und jedem längst bekannt, bedarf keiner Erklärung für Uneingeweihte …
    Wenn sich darin nicht doch wichtige ehrliche und notwendige Überlegungen verbergen würden, die für unser Zusammenleben unbedingt wichtig sind – die Frage ist nur WIE?
    Wir kennen alle den Spruch „Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht“ – und dazu verkommt die Genderei immer mehr.
    Sprach muß wachsen und ist kein Objekt für das Reißbrett, weil sie dann mit Gewißheit sich selber die Chance nimmt, solche Probleme auf gesundem wachsendem Weg aufzunehmen: Was im Herz und im Kopf nicht klöar ist, schafft das Reißbrett der verschiedenen Gendereien nicht mehr.
    Besonders verheerend wirken sich dabei alle mechanistischen, maschinisierten und konstuierten Sprachbasteleien aus, da Sprache auch Denken und das wichtiger Teil des Menschen ist.
    Und so einfach, wie du das da flüssig hinschreibst, funktioniert das nicht, da es sich nicht um ein Sprachproblem (Sprachgestaltungsproblem), sondern um ein Denkproblem handelt, und wie alle erzwungenen Versuche der Umerziehung von Menschen in der Vergangenheit , die Versuche „neue Menschen zu schaffen“, ausgingen wissen wir traurigerweise zur Genüge.
    Das Zauberwort ist B E H U T S A M , und nicht „Brechstange Genreritis“, der Sprachpolizei (welcher auch immer) und erst recht nicht der Diskriminierung der Gegenseite als reaktionär – denn das zeigt lediglich die Rückständigkeit derer, die das äußern.
    Ich halte es in solchen Fällen (und nur hierin) gern mit dem Sprachkenner Anatol Stefanowitsch, der einmal im Vortrag äußerte, man könne da nichts „installieren“, was ab da alle zu übernehmen haben, sondern man sollte zur Neuinplantierung von Begriffen oder Begriffsverständnissen (Deutungen) einfach anfangen, dies ohne auf hergebrachte „Regeln“ zu achten, selber bei jeder Gelegenheit so einzuführen und zu benutzen, wie man das für sinnvoll etrachtet, und wenn das aufgegriffen als beachtenswert und weiterführend wird, dann ist das in Sprache gewachsen, nix da mit Rechtschreibregelungen und Anordnungen und Denkvorschriften, denn das ist AUCH nur SPRACHPOLIZEI …

  9. @ BB:
    […]würde ich sagen, ist etwas vom Mond, uralt und jedem längst bekannt, bedarf keiner Erklärung für Uneingeweihte …

    Klotzkopf hat es anscheinend nicht gewusst.

    “Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht” – und dazu verkommt die Genderei immer mehr. […] Und so einfach, wie du das da flüssig hinschreibst, funktioniert das nicht, da es sich nicht um ein Sprachproblem (Sprachgestaltungsproblem), sondern um ein Denkproblem handelt, […]

    Das ist völlig richtig. Sprachregelungen lösen das zugrundeliegende Problem nicht, und wenn sich das Denken nicht ändert, nützt die bereinigte Sprache wenig. Die Grundidee, die ich beschrieben habe, ist recht einfach. Aber sie lässt sich nicht so einfach und vor allem nicht im Hauruckverfahren umsetzen. Aber wenn man durch sprachliche Veränderung auf die Probleme wenigstens hinweist, könnte eine andere Redensart greifen: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Viele gesellschaftliche Veränderungen sind durch lange, oft zähe Kämpfe herbeigeführt worden – das Ende der Sklaverei, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Menschenrechte, wo sie akzeptiert werden. Und oftmals war es eine Mischung aus Hartnäckigkeit, Überredung und Zwang in veränderlichen Anteilen, die die Änderungen bewirkt hat.

    Gendergerechte Sprache ist nicht das Wundermittel, aber sie ist eines der wenigen Werkzeuge, die alle benutzen können, die wollen.

    Ich habe auch keine Lösung, nicht einmal eine praktikable gerechte Sprache kann ich anbieten, wie man an meinen Texten sehr leicht sieht.

    Ich halte es in solchen Fällen (und nur[…] nix da mit Rechtschreibregelungen und Anordnungen und Denkvorschriften, denn das ist AUCH nur SPRACHPOLIZEI …

    Vollständig d’accord.

  10. @ Berta Brahmer: Sorry wegen der Abkürzung des Nicks, hatte beim Schreiben aus dem Gedächtnis abgekürzt und vor dem Abschicken vergessen, nachzuschauen.

  11. @gnaddrig Juli 16, 2014 um 7:21 nachmittags
    Dan ke, daß du mich mit den Initialien eines großen Deutschen ehren wolltest: BB – Berthold Brecht
    Auch der „hatte es“ mit den Sprachregelungen, war seine eigene effektivste „Sprachpolizei“.
    Allerdings hat der meist lange nachgedacht und experimentiert, bevor er Texte und Wendungen erzielt hatte, die in der Tat „hängen blieben“ beim Publikum, nachhaltig, und das bewegten, wovon du (und auch ich zuvor) sprachst: Veränderungen in der Aufmerksamkeit, und dan irgendwann, nach dem Bohren des dicken Brettes, im Denken, und noch später im Handeln.
    Laien und Bastler sollten sich zurücknehmen, das ebenfalls versuchen zu wollen, noch mehr selbsternannte zwar ideologisch motivierte aber sachlich unvorbereitete und untalentierte Repräsentanten von „Strömungen“, die sich zum Interessenwahrer aufschwangen, ohne dies sinnvoll bewerkstelligen zu können.
    So betrachtet, verehrte(R) „gddg“ sind wir wohl in der Tat dacor, und wenn ich das recht sehe, auch beim Bohren der „dicken“ gerade auch jetzt wieder dabei, vorbei an JEDER Sprachpolizei.

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