Ship of leftist fools

Fidel Castro entsteigt wieder mal der Gruft und veröffentlicht in seiner Hauspostille Granma einen Kommentar mit dem Titel „Neue und widerwärtige Form des Faschismus“. Gespannt fängt man an zu lesen und fragt sich, wo der alte Fuchs den neuen, widerwärtigen Faschismus sieht. Er wird doch nicht etwa was über Ungarn sagen, wo der Wohlfahrtsstaat durch einen Zwangsarbeitsstaat ersetzt wird und radikaler Antiliberalismus und Antisemitismus en vogue sind? Oder schreibt er über Putins Russland, wo eine leckere Suppe gekocht wird mit Zutaten aus dem klassischen Faschismus, dem Totalitarismus der Stalin-Ära und Neonationalismus mit klerikaler Garnitur? Widmet Castro sich Erdogans Türkei, die gerade zu einer wirtschaftlich neoliberalen Religionsdiktatur umgebaut wird? Oder nimmt er die ISIS aufs Korn, diese radikalislamische Saubande, die mordend durch Syrien und Irak stapft und auf die die Zuschreibung „Faschismus“ ja wohl voll und ganz zuträfe?

Natürlich nicht, er schreibt über Israel und Gaza, und die Faschisten sind, so vermute ich (es geht aus dem Gestammel ja nicht eindeutig hervor), die Israelis. Ein wahrer Volltreffer. Klar, es gibt richtigen Faschismus in Aktion (ISIS), in halb Europa setzen neofaschistische Parteien zum Sprung an die Spitze der Staaten an, in einigen regieren sie schon und die Gesellschaften faschisieren sich schleichend durch die totale Vorherrschaft marktradikalen Denkens und Handelns, aber das hindert Castro und mit ihm die noch verbliebenen Idioten der KPÖ nicht daran, sich an Israel abzuarbeiten. Man möchte schreien angesichts dieser am laufenden Band gelieferten Offenbarungseide der verbliebenen Linken dieser Welt, die so dermaßen neben der Spur läuft, dass man sie nicht einmal mehr ruhigen Gewissens als „links“ einstufen kann. Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte jeder sich selbst als links einordnende Mensch angesichts von Mörderbanden, die Menschen aus religiösen Motiven abschlachten und knechten, zum Kampf gegen diese aufgerufen. Heute, wenn in Gestalt der Hamas so eine Bande, die noch dazu im Grundsatzprogramm den Massenmord an Juden stehen hat, einen Terrorkrieg gegen die liberale Demokratie Israel führt, kommt im günstigsten Fall ein Äquidistanzgewäsch der Marke „alle sind gleich schuld, hört auf zu streiten“ heraus. Weite Teile der Linken erkennen nicht einmal mehr den reaktionären, klerikalfaschistischen Charakter der Hamas und die, die wenigstens das schaffen, wollen sich nicht dazu durchringen, dem vergleichsweise enorm progressiven Staat Israel gutes Gelingen im Kampf gegen die Terroristen zu wünschen. Stattdessen beschwert man sich über das Wahlverhalten der Israelis, weil die zum Teil rechte Parteien wählen statt zum Beispiel die antizionistischen, also der Auflösung des Staates Israels verpflichteten aktuellen Kommunisten dort.

In Tagen wie diesen merke ich, wie heimatlos ich politisch bin. Ich bin kapitalismuskritisch und halte das derzeitige Wirtschaftssystem für stark reformbedürftig. ich bin für mehr, für viel mehr Sozialstaat. Ich bin für die völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau und für die Akzeptanz aller Lebensformen. Und so weiter und so fort. Ich bin eigentlich für fast alles, was gemeinhin als „links“ gilt. Aber wenn das nur zum Preis der Gesellschaft antisemitischer Deppen zu haben ist, die selbst dann noch gegen den Zionismus hetzen werden, wenn sie in ihren eigenen Ländern bereits die Stiefel der echten Faschisten im Nacken haben, dann weiß ich nicht, was ich mit solchen Leuten zu schaffen haben soll. Die sind nämlich offensichtlich zu dämlich, um eine wirklich emanzipatorische Politik jenseits von Floskeln und Dogmen zu machen. Es geht ja nicht allein um Israel und den Zionismus, es geht um viel mehr. Es geht um realistische Einschätzungen, um Analysefähigkeit und, ja doch, um Moral. Jene Sorte Linker, die Israel nicht mag, ist meist personalident mit der, die autoritären Varianten linker Politik gegenüber aufgeschlossen ist. Das sind also die, die nicht das Gefängnis abschaffen, sondern nur den Kerkermeister austauschen wollen. Das sind die, deren geistige Vorfahren schon Millionen Menschenleben am Gewissen hatten und viele weitere Millionen Gefolterte und Gefangene. Aber wenn die angebliche Befreiung nur so zu haben sein soll, also mit Antisemitismus und Gulag und Diktatur des Proletariats, dann kann sie mir gestohlen bleiben, weil sie nämlich keine ist.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

4 Gedanken zu „Ship of leftist fools“

  1. Lindwurm, deine von dir beklagte „politische Heimatlosigkeit“ ist zwingend in deinen eigenen hier aufgeführten verquirlten Ansichten begründet.
    Lassen wir mal deine weltweit beschäumte angebliche „faschistoide Entwicklung“ beiseite und nehmen wir nur mal einen einzigen Punkt davon: Den GAZA-KRIEG.

    Sicher ist dir bekannt, daß inzwischen sogar auch der Spiegel ausdrücklich dazu und zu „neuem aufkeimendem Antisemitismus“ dies schreibt:
    „Davon ausgehend hat sich in Deutschland eine Solidaritätsbewegung mit Palästina entwickelt. Eine Allianz, die sowohl Rechte als auch Islamisten als auch Links-Alternative vereint.
    Kritik an Israel und gewalttätiger Antisemitismus gehen dabei mitunter, wie die jüngsten Angriffe zeigen, ineinander über.

    Antisemitismus ist, wie Umfragen zeigen, in Deutschland weit verbreitet, immerhin aber in der Öffentlichkeit geächtet.
    Mit der Israel-Kritik verhält es sich anders.
    Sie wirkt sachlich, scheint auf Argumenten zu beruhen – ist dabei allerdings häufig ebenso pauschal.
    Nicht nur, dass in Deutschland Juden allzu oft mit Israelis gleichgesetzt werden.
    Noch viel häufiger werden Israelis mit dem Vorgehen der Regierung Netanjahu oder dem der israelischen Armee gleichgesetzt.
    Es mag, wie der frühere israelische Geheimdienstchef Yuval Diskin in einem Interview im aktuellen SPIEGEL sagt, fraglich sein, ob das Vorgehen Netanjahus klug ist.
    Und selbstverständlich muss man das Vorgehen der israelischen Armee kritisieren dürfen und über die zivilen Opfer ihrer Aktionen sprechen.
    Aber pauschale Kritik oder die Dämonisierung Israels bedienen antisemitische Reflexe.
    Wenn auch „die Juden“ nicht „die Israelis“ sind – einen Zusammenhang gibt es doch: Der Staat Israel wurde auch als Reaktion auf den Holocaust gegründet.
    Er bietet denjenigen Zuflucht, deren Vorfahren seit zwei Jahrtausenden allein aufgrund ihrer Religion verfolgt und ermordet wurden.
    Wenn wir eine Debatte über die Politik Israels führen, sollten wir uns auch mit den bis zum Hass reichenden Vorurteilen im eigenen Land auseinandersetzen. Und deren Verurteilung nicht dem israelischen Botschafter oder dem Zentralrat überlassen.“
    aus:
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gaza-krieg-antisemitismus-und-israel-kritik-in-deutschland-a-982245.html

    Beachtenswert ist das allemale.

    Denke mal, das sollte dann auch für andere, z.B. Fidel Castro, der auch einen Staat begründete, der den seit Jahrhunderten ausgequetschten und verfolgten einfachen Menschen (wenn du so willst in denm von dir gewünscten Sinne) ZUFLUCHT bot und bietet, als Nationalstaat, gelten.
    Es ist aber denkbar, daß man dir das nicht mitgeteilt hat.

    Es ist auch denkbar, daß du noch der einstigen sozialromantischen und „ehrlichen“ Auffassung vom Zionismus verweilst,
    der sein Gesicht von
    – Jehuda Alkalay über
    – Zwi Hirsch Kalischer („Wenn sich viele Juden [im Land Israel] ansiedeln und ihre Gebete am heiligen Berg sich mehren, dann wird der Schöpfer sie erhören und den Tag der Erlösung beschleunigen.“),
    – über Moses Hess (eine „jüdische Nation im gelobten Land Palästina“, Bedingung: jüdische Wieder(!!)besiedlung Palästinas),
    – über Nathan Birnbaum (volle, auch die ethnisch-kulturelle Gleichberechtigung der Juden in der Diaspora!),
    – und Theodor Herzl (Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina)
    – bis zu „Leo“ (Eduard Bernstein, „„Für das arbeitende Palästina“ und für Kolonialismus – gegen jeden Nationalismus -??)
    – und zu Achad Ha’am (Wiederbelebung der hebräischen Sprache als künftige Nationalsprache
    – und zur Mapai (kein binationaler Staat)
    – und bis zur heutigen Einordnung des gegenwärtigen Zionismus als exklusiver Nationalismus, der ein übersteigertes Wertgefühl bezeichnet, das auf die aggressive Abgrenzung von anderen Nationen zielt (wikipedia), viele male bis zum radikalen ethno-egozentristischen Nationalismus zu Lasten der Nachbarvölker extrem verändert hat.

    Laut Peter Alter ist der Nationalismus eine Form der kollektiven Identitätsstiftung.
    Die großen Irrtümer des Nationalismus im nationalistischen Geist sind allerdings,
    – daß davon ausgegangen wird, Nationen könnten sich nur in eigenen Staaten mit eigenen Regierungen voll entwickeln; sie hätten deshalb ein unveräußerliches Recht auf solche nationale Selbstbestimmung (Selbstbestimmungsrecht der Völker)
    und
    – Die Quelle aller legitimen politischen Macht sei daher die (eine) Nation. Die Staatsgewalt habe allein nach deren Willen zu handeln, sonst verliere sie ihre Legitimität, während einerseits die politische Gleichheit der in einer Nation vereinten Gruppe betont wird, erfolgt andererseits der Ausschluss der als nicht zugehörig klassifizierten Gruppen, darin zeigt sich auch dass Inklusion und Exklusion offenbar elementare Bestandteile des Nationalismus sind.
    Dies kann von einer kommunikativen Betonung einer angeblichen Andersartigkeit dieser Ausgeschlossenen bis zu ihrem physischen Ausschluss („ethnische Säuberung“) und auch im Extremfall zu ihrer körperlichen Vernichtung führen (Völkermord).

    Diverse Antizionisten (z.B. die meisten Araber) – neben den nur“Kritikern“ des Zionismus (?)
    kritisieren den Zionismus als fortbestehende Form des Kolonialismus.
    Dieser Streit bildet den ideologischen Hintergrund des Nahostkonflikts.

    So möchte ich dir eine Frage stellen, in der Hoffnung, du kannst sie im gestellten Kontext beantworten, kannst oder willst du das nicht oder nur scheinheilig, hätte sich deine politische Heimatlosigkeit auf den heutigen Zionismus erweitert:

    Der “Gaza-Krieg” begann nicht mit Hamas-Raketen auf Israel, er begann Jahrzehnte zuvor mit der allmählichen Verdrängung und Behinderung der nichtisraelischen Nachbarn auf nichtisraelischen Territorium (etwa im Geiste der zuvor erwähnten „Neubesiedlung“).
    Dort produzierten Israels ewige Nationalisten (nicht das israelische Volk) den Hass, aus dem Hamas samt Raketen sich ständig neu gebiert.
    Geschichtsfälscherei mit Schuldzuweisungen aus dem Zusammenhang herausgerissen reichen nicht aus, um das Ziel der Territoriumserweiterung der heutigen (!) Zionisten auf ein Großisrael zu Lasten anderer Völker zu verschleiern, die großen leeren Versprechungen der ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und England und deren Fehler mal unerwähnt gelassen.

    MIt Judentum hat das nur insofern zu tun, als das da ahistorisch historische, tausende Jahre alte, ehemalige Gegebenheiten als Blaupause vorgeschoben werden als angeblich religiöses Recht auf Land, auf bestimmtes Land.
    Diese Position des Zionismus ist weltweit und im Netz nachlesbar.

    Kannst du nur einen einzigen ANDEREN Grund der Zerstückelung des außerisraelischen Territoriums und der dortigen Besiedlung mit radikalen Siedlern aus Israel mir vorbringen, als den der „stillen“ und / oder „kräftigen“ Erweiterung des israelischen Territoriums auf das von einem künftigen Großisrael nach bisherigen zionistischen Vorstellungen? Falls ja, hätte mich das vom Gegenteil meiner Sicht zur Ursache des beidseitigen Hasses in Palästina überzeugt, falls nein, hätte sich halt deine politische Heimatlosigkeit auch noch auf den heutigen Zionismus erweitert.
    Zur Beachtung:
    Diese „Siedler“ demonstrierten gerade erst in Haifa gegen die dortigen Pro-Palästina-Demos lautstark mit „Araber den Tod, Linke in die Gaskammern“ – was wohl den faschistischen / nationalistischen Vorstellungen deutlich nahe kommt, oder etwa nicht?

  2. Vielleicht kann man das, was Sie beschreiben, als letzten Abgesang einer „Linken“ bezeichnen, die sich nicht mehr entscheiden kann, auf welchem Bein sie nun stehen soll.

    Ich halte es für sehr angebracht, sich von einer solchen Linken fernzuhalten. Argumentativ ist da ohnehin nichts zu gewinnen.

  3. Ich stand zeit meines Lebens immer links, aber schon seit längerem nicht, gerade wegen diese von Dir erwähnten Leuten. Wenn diese das Linkssein verkörpern, dann bin ich kein Linker mehr. Präziser: im sozialen Bereich stehe ich weithin links, wenn auch auf eine andere Weise als jene die jetzt die Tonangeber sind. Politisch versuche ich weder links noch rechts zu stehen sondern danach, was mir je nach Lage am vernünftigsten erscheint. Ich stehe ohne Wenn und Aber aufseiten Israels, ohne daß mir deswegen das Schicksal der im Gebiet lebenden Araber gleichgültig wäre. Im Gegenteil! Vor allem die (arabischen) Kinder tun mir vom Herzen leid, denn sie können nichts für die Dummheit der Erwachsenen. Bin leider zu alt (83), auch nicht gesund, finanziell auf Grundsicherung angewiesen. Unter anderen Umständen hätte ich schon versucht etwas für diese Kinder zu unternehmen.
    lg
    caruso

  4. @Bertha: Vielleicht hilft dir die Suchfunktion hier? Ich hab immer wieder mal gegen die Rechtszionisten und gegen die Siedlerbwegung geschrieben. Aber das dringt in dieser Schubladendiskussion wohl nicht mehr durch. Es reicht zu sagen, man sei Zionist, und schon geht das Gekreische los.

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