Der Zauber des Kalifats

Derzeit fragen sich viele, was junge Männer aus aller Welt dazu bewegt, ihre oft recht bequeme Heimat zu verlassen, um für den „Islamischen Staat“ (IS) zu kämpfen. Wer das verkürzt damit erklärt, dass die halt ein bisschen dumm und ein bisschen faschistisch seien, liegt zwar nicht ganz falsch, aber ausreichend schlüssig ist das noch nicht. Wer wissen will, was die Attraktion von IS ausmacht, muss nachschauen, was dort zu haben ist, das es offenbar woanders nicht gibt. Das Kalifat bietet in der Tat lauter Sachen, die sonst keiner mehr im Angebot hat im heruntergekommenen Weltanschaungs-Handel des Spätkapitalismus: Eine Utopie vom perfekten gerechten System, eine komplett eindeutige Einteilung in Gut und Böse, Ballerspiele endlich live statt immer nur am PC, eine verschworene Gemeinschaft, glasklare Verhältnisse zwischen den Geschlechtern (die Frau gehorcht, der Mann ist der Chef), keine Probleme mehr mit Geschlechtsidentitäten, da Homosexuelle einfach ermordet werden, und Aufstiegsmöglichkeiten an jeder Ecke. Wer im „Westen“, also außerhalb des Kalifats, allenfalls darauf hoffen darf, vom Kloputzer bei McDonald´s zum Schichtleiter aufzusteigen, kann es im Dschihad in kurzer Zeit zum kleinen Warlord bringen. Und auch für den recht wahrscheinlichen Fall eines gewaltsamen Todes ist vorgesorgt. Wer im Dschihad stirbt, kommt direkt ins Paradies, also dorthin, wo nach Ansicht strenger Islamisten das eigentliche, das wirkliche Leben beginnt. Man sieht: Die haben nichts zu verlieren, denn auch wenn sie alles verlieren, gewinnen sie. Mit solchen Konditionen für seine Mitarbeiter kann nicht einmal Google mithalten.

Im Prinzip sind der Islamische Staat und ähnliche radikal-islamistischen Bewegungen in ihrer Wirkung auf junge Männer dem klassischen Faschismus recht ähnlich. Angeboten wird eine Schiefheilung jener psychischen Notstände, die das kapitalistische System zwangsweise hervorbringt. Statt die Widersprüche des Kapitalismus emanzipatorisch überwinden zu wollen, bietet der radikale politische Islam das Aufgehen in einer Masse von Gläubigen an, die sich über Homogenität, über „Reinheit“ definiert. Wie im Faschismus oder im Nationalsozialismus wird die Schuld für untragbare Zustände nicht der Warenlogik des Kapitalismus gegeben, sondern einzelnen „Störfaktoren“, die die Harmonie der Gemeinschaft brechen und dadurch alles Schlechte hervorbringen. Nur eine Welt, die von Un- und Andersgläubigen sowie von „Sündern“ gesäubert wurde, kann nach Dschihadisten-Logik eine gute Welt werden. Was nicht „halal“ (erlaubt) ist, ist „haram“ (verboten), und was „haram“ ist, wird vernichtet. Das hat in etwa dasselbe Wahn-Niveau wie die NS-Ideologie, und es ist kein Zufall dass auch die Opfergruppen sich nicht nur ähneln, sondern zum Teil identisch sind.

Es gibt mehrere Gründe für den Aufstieg islamistischer Gruppen und für deren Anziehungskraft. Eine ist die nun schon seit fast 30 Jahren anhaltende Krise des kapitalistischen Weltsystems, die zum Zusammenbruch ganzer Erdteile geführt hat. Im Nahen und Mittleren Osten, in Teilen Afrikas und in Mittelamerika haben wir mittlerweile Zustände, die an die Dystopien aus Science-Fiction-Filmen erinnern. Die staatliche Ordnung kann nicht mehr aufrecht erhalten werden, bewaffnete Banden machen sich im Machtvakuum breit, die Ökonomie funktioniert allenfalls noch in Form von Kriminalität und es gibt keine Hoffnung mehr auf „Entwicklung“, also auf ein Aufschließen dieser Regionen zur Weltwirtschaft. Es sind „überflüssige“ Länder mit „überflüssigen“ Menschen. Die globale Ökonomie braucht die weder als Produzenten noch als Konsumentinnen. Wer dort wohnt, hat keine Chance auf ein annähernd würdiges Leben, auf ein Einkommen oder auch nur ein Auskommen. Wer nicht verrecken will, hat zwei Möglichkeiten: Flüchten oder sich einer Bande anschließen. Von den radikal islamistischen Gruppen Boko Haram und IS ist bekannt, dass sie ihren Kämpfern um die 500 Dollar pro Monat bezahlen. Das ist in Nigeria und im Irak ein Spitzengehalt, das niemand sonst offeriert.

Der zweite wichtige Grund für die erstaunliche Karriere des islamischen Klerikalfaschismus ist der Zusammenbruch der Sowjetunion vor fast 25 Jahren. Als der realsozialistische Block aufhörte zu existieren, verschwand damit nicht nur in vielen Nachfolgestaaten die offiziell atheistische Politik, die die Aktivitäten der Prediger in den Moscheen streng kontrollierte, sondern auch die Finanzierungsquelle für politische Organisationen, die eine im engeren oder weiteren Sinne linke Politik verfolgten. Die Verlierer, die „Verdammten dieser Erde“ konnten nicht mehr auf eine sozialistische Revolution hoffen oder dachten zumindest, dass sie das nicht mehr könnten, und sahen sich daher nach anderen Alternativen um. Die westlichen Staaten hatten damit gerechnet, dass die Menschen überall auf der Welt das amerikanische System mit Kapitalismus und Freihandel und liberaler Demokratie haben wollten, sobald man sie ließe. Das ist auch nicht ganz falsch, doch die Attraktivität dieses Systems, des amerikanischen Traums, schwindet dann, wenn die Menschen sich keine Chance mehr darauf ausrechnen, je daran teilhaben zu können. Die USA haben im Zuge des Kalten Kriegs islamistische Rackets massiv aufgerüstet und finanziert, denn in Washington dachte man, dass alles, was der Sowjetunion schade, letztlich den eigenen Interessen nützen würde. Die Rechnung für diesen geopolitischen Kurzschluss wurde am 11. September 2001 in New York per Luftpost zugestellt. 

Der Islamismus der Marke „Islamischer Staat“ ist die Antwort auf die Frage, ob wir mit der liberalen Demokratie das Ende der Geschichte erreicht hätten. Haben wir offensichtlich nicht. Und man darf jetzt nicht denken, dieser Hang zum Totalitären und Faschistischen sei ein Problem des Islam. Der Islam ist den Islamisten nur der Motor, den sie in ihre Faschistenkarre stecken, um voran zu kommen. In Europa werden wir demnächst ganz ähnliche Probleme zu sehen bekommen, denn rechtsextreme Kräfte sind von der Machtergreifung nur mehr wenige Schritte entfernt. In Ungarn regieren sie bereits. Die Gefahr geht hierzulande nicht so sehr von extremistischen Gruppen wie der Goldenen Morgenröte in Griechenland aus, sondern vom moralischen und ideologischen Verfall der bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien sowie von deren Ratlosigkeit im Angesicht der Wirtschaftskrise. Auch in Europa gibt es eine steigende Anzahl „überflüssiger“ Menschen, die von der produzierenden Wirtschaft nicht mehr gebraucht werden. Im Zuge der vor allem von Deutschland vorgegebenen Parole, dass Europa „wettbewerbsfähiger“ werden müsse, sinken die Löhne und schwinden die Perspektiven. Die Rechten stehen bereit mit ähnlichen Scheinlösungen, wie sie die Islamisten anzubieten haben: Volksgemeinschaft und dazu der Kampf gegen Feindgruppen, denen man die Schuld zuschiebt. Es stehen uns furchtbare Jahre ins Haus. 

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

4 Gedanken zu „Der Zauber des Kalifats“

  1. Mit so einem Text, macht man sich wohl nur wenig Freunde in „Good old Germany“! Der letzte Absatz gefällt mir besonders gut und trifft es für mich ziemlich genau.

    „Es stehen uns furchtbare Jahre ins Haus.“ Daran habe ich bis jetzt wenig Zweifel.

  2. Lieber Lindwurm,

    es gibt schon einige Passagen in deinem Text, wo ich dir zustimme. Die Schieflage entsteht aber dort, wo du von Islamisten schreibst. Das ist Verschleierung der Fakten. Gerade IS praktiziert punktgenau das, was der Koran ewig gültig vorschreibt und was der letzte der Propheten vorgelebt hat. Und ganz besonders schief wird es dort, wo du den Kapitalismus für alle Übel in der Welt verantwortlich machst.

    Das weltweite Scheitern des Gegenmodells nimmst du nicht zur Kenntnis. Warum ist dieses kommunistische Modell gescheitert? Kann vielleicht der für dieses Modell geeignete Mensch, dieser beschriebene Idealtypus, nur mit mörderischer Gewalt dazu gezwungen werden, dass er sich dieser Ideologie unterwirft? Sind in deiner wirren Gedankenwelt Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot oder die Kims Nordkoreas Lichtgestalten, die die Menschheit von allen Übeln erlösten, auch wenn sie Abermillionen Opfer massakrierten?

    Die sozialistische Revolution ist gescheitert. Sie liegt genauso am Misthaufen der Geschichte, wie die nationalsozialistische.
    Unser heutiges Problem im Westen sind die seit den 60ern des vorigen Jahrhunderts marxistisch indoktrinierten Besserwisser und Weltverbesserer, die noch immer an den Ideen ihrer bereits gescheiterten Weltsicht festhalten, sie als Heilslehre verkünden und damit die Gedankenwelt unserer Kinder und Enkel verseuchen.

    Nimm zur Kenntnis, dass der Sozialstaat westlicher Prägung nicht gleichzeitig das Auffangbecken für jeden von seiner eigenen korrupten Ethnie ausgebeuteten und verfolgten Menschen sein kann. Ein Sozialstaat finanziert sich, wenn er ordentlich wirtschaftet, aus den Steuereinnahmen seiner Bürger und ist auch nur für diese seine Bürger verantwortlich, die Grundversorgung echter Verfolgter aus Krisengebieten eingeschlossen.

    Ein produktiver Europäer arbeitet ein halbes Jahr, um seine Steuerlast zu stemmen. Diese Steuern und zusätzliche Milliarden Schulden werden ihm untergeschoben, um linke Gutmenschenpolitik, eine desaströse Energiewende, NGO-Fütterung und die Versorgung von Millionen von Pseudoverfolgten zu finanzieren, die nichts anderes im Sinn haben, als diese dümmlichen links indoktrinierten Weltverbesserer ordentlich auszunehmen und in ihrem Sinn zu unterwandern.

    „Es stehen uns furchtbare Jahre ins Haus“. Da stimme ich dir zu. Bedanke dich bei deinen Gesinnungsgenossen.

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