In der großen Betäubung

Die österreichische Bundesregierung verschärft die Gesetze gegen Verhetzung, doch fällt es schwer zu glauben, dies richte sich wie behauptet gegen Dschihadisten. Obwohl man in die Dummheit der Regierenden nicht zu viel hinein interpretieren sollte, passt diese weitere Intensivierung der Verfolgungs- und Bestrafungsmöglichkeiten des Staates zu einer Tendenz der polizeistaatlichen Aufrüstung der „westlichen“ Wohlstandsinseln, die sich ihrer inneren Widersprüche sehr wohl bewusst sind und sich daher wappnen für die unweigerlich kommenden Stürme. Die Demokratie, oder genauer: die auf einen gewissen gesellschaftlichen Ausgleich abzielende Politik der Berücksichtigung der Interessen verschiedener gesellschaftlicher Fraktionen wird aufgegeben zugunsten postdemokratischer Verwaltungsstrukturen, die alleine den Interessen des Kapitals dienen, in denen reale demokratische Politik zu Ritualen und Parodie ihrer selbst verkommt und in denen die Herrschaft ganz offen höhnt, sie sei unbezwingbar und ewig und jeder Mensch, der sich etwas anderes vorstellen kann als die immer weiter vorangetriebene Ausbeutung von Mensch und Natur sei ein Träumer, ein Spinner und ein Clown. Wir sind in das Zeitalter der Postdemokratie eingetreten. In diesem Zeitalter behauptet die Herrschaft nicht einmal mehr, sie sei edel und gut, sondern gesteht sich, vielleicht bei einem Gläschen Wein, selbst ein, eine von Drecksäcken und Idioten zu sein, aber es gebe, leider leider, keine Alternative zu ihr. „Ich war, ich bin und ich werde sein“, tönt sie.

Doch das Unbehagen wird nicht kleiner, es wird immer größer. Die Anzeichen sind unübersehbar. Jahr für Jahr melden die Gesundheitsbehörden neue Rekordstände an sogannten „psychischen Krankheiten“ wie Depression oder Angst, bei denen es sich aber, da sich seelische Leiden ja nicht über Tröpfcheninfektionen verbreiten, um individuelle Reaktionen von Menschen auf ein wahnsinniges System handelt. Wer die Nachrichten auch nur am Rande mitverfolgt sieht sich geradezu grotesken Widersprüchen gegenüber, auf die ein noch halbwegs intakt seiendes Ich nur auf zwei Arten reagieren kann: Mit aktivem Widerstand oder mit Rückzug in eine „Krankheit“. Ein Beispiel: Seit 20 Jahren erklären Wissenschaftler, wir bewegten uns auf eine Klimakatastrophe zu, zu der der Mensch mit seinen CO2-Schleudern großen Beitrag leiste. Und ebenfalls seit 20 Jahren werden Jahr für Jahr neue Rekordemissionen an CO2 vermeldet. Wer da nicht irre wird, spürt nichts mehr. Und diejenigen, die sich nicht selbst aus dem Spiel nehmen durch Erkrankung der Seele, wenden sich politischen Strömungen zu, die eine radikale Umwälzung der Verhältnisse versprechen. Vor allem Rechtsradikale und religiöse Fanatiker schöpfen aus dem sich immer weiter füllenden Pool Verzweifelter und Wütender, die zumindest fühlen, dass man sie verarscht, dass sie innerhalb des bestehenden formaldemokratischen Systems keine Chance haben werden, die Dinge so fundamental zu ändern, wie es höchst an der Zeit wäre. Auch die radikale Linke wächst, wenn auch viel langsamer und quantitativ geringer, wieder an. Das sind keine völlig irrationalen Wallungen irgendeines fast metaphysischen „Bösen“, sondern die natürlichen Reaktionen auf die Abtötungswirkung postdemokratischer Verhältnisse, in denen, wie in Russland und Osteuropa bereits üblich, immer nur eine Gruppe von Milliardären gegen eine andere antritt und man das dann Präsidentschafts- oder Parlamentswahlen nennt. Daher betrug bei den letzten Wahlen in Bosnien die Wahlbeteiligung ganze 19 Prozent. Die Bevölkerungen erkennen, dass es völlig gleichültig geworden ist, wen sie wählen, dass sie allenfalls noch über kleinere gesellschaftspolitische Ausrichtungen abstimmen, aber nicht darüber, ob sie und die sie umgebende Natur im Zuge der Ausbeutung verschlissen und vernichtet werden oder nicht.

Den Vertretern der Kapitalinteressen ist es natürlich lieber, die Reaktion auf die große Betäubung der Postdemokratie ist eine Faschisierung als eine Aufklärung, die unweigerlich einen massiven Linksruck mit sich brächte. Daher hat keine europäische Regierung ein ernsthaftes Problem mit dem neuen Ständestaat in Ungarn, deswegen bekommt Putin stehenden Applaus wenn er in der Wiener Wirtschaftskammer vor der ökonomischen Elite spricht. Es spricht derzeit alles dafür, dass wir in einen immer offeneren und immer brutaleren neuen Faschismus abgleiten, ja vielleicht uns schon mitten drin befinden, ohne es wirklich bemerkt zu haben. Das eiskalte massenhafte Sterbenlassen von Flüchtlingen vor den Toren Europas spricht da ebenso dafür wie die Rückkehr der Euthanasie in den Benelux-Staaten und die immer härter werdende Gewalt gegen psychisch Kranke in Zentraleuropa, die sich in Sondergesetzen wie dem Maßnahmenvollzug, der das real faschistische Konzept der Bestrafung von Menschen für ihr Wesen statt für ihre Taten bereits umsetzt, ausdrückt.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

2 Gedanken zu „In der großen Betäubung“

  1. Meinte mal so ein Stalker zu mir: „Die einen sind kriminell, weil sie es können, die anderen, weil sie es müssen.“ Ich wusste zunächst nichts damit anzufangen, aber der Typ hatte offenbar völlig vergessen, dass es auch Leute gibt, die überhaupt kein Interesse an Kriminalität haben. Leider verhält es sich aber tatsächlich so, dass wir ins in einer Gesellschaft der Kriminellen bewegen, in der jeder versucht, den Anderen über den Tisch zu ziehen. Vertrauen ist so gut wie unmöglich. Es ist einfach nur noch ekelhaft, sich in einer Gesellschaft aus Egomanen und notorischen Lügnern bewegen zu müssen. In Deutschland wird es nicht anders sein, als in Österreich. Und ich finde es ziemlich krass, in welch kurzer Zeit all diese Veränderungen zum Negativen innerhalb unserer Gesellschaft/en stattfanden. Ich verstehe sehr gut, dass sich viele Leute in „Krankheit“ flüchten – die Leute wollen teilweise sogar krampfhaft krank sein, um sich dem Ganzen zu entziehen. Krankheit verspricht ja auch Schutz und Unantastbarkeit, zumindest vordergründig und solange das System noch nicht die volle Maschinerie aufgeboten hat – und die Angriffe verbaler oder gar körperlicher Natur gegen Behinderte oder einfach „nur“ Kranke, nehmen offenkundig heute schon indiskutable Ausmaße an. Egal. Es wird so kommen, wie es kommen muss. Jedenfalls denke ich, dass es auch noch einen dritten Weg gibt, um mit dem ganzen Desaster klarzukommen, neben Extremismus und Gottespsychose, nämlich: das System und die Zusammenhänge zu realisieren und zu akzeptieren, dass man diese Horde von Vollidioten nicht mehr helfen kann. Man kann diesen Knechten keine Freiheit feilbieten, keine bessere Welt offerieren, solange sie mit ihrer selbstgewählten Knechtschaft zufrieden sind. Und sie werden noch zufrieden und dankbar sein, wenn man ihnen einen Teller Suppe und ’nen Kartoffelsack zum Anziehen zubilligt. Die Leute sind in ihrer Schäbigkeit nicht mehr zu unterbieten. Es gibt im 21. Jahrhundert noch Frauen, die Soldaten gebären – ich meine: Soldatenmutter und Gehirn, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Und so verhält es sich doch überall. Sollen sie uns töten, die armen Irren, und auf ihrer stinkenden Mistkugel unter ihresgleichen glücklich werden. Und das bisschen technischer Fortschritt, zu dem es die Menschheit gebracht hat, war den Einsatz nicht wert. Wir sind heutzutage geistig minderbemittelter, als es die Leute im Mittelalter oder sogar der Steinzeit waren. Das ist leider so. Man muss der Realität schon in’s Auge blicken, auch wenn’s weh tut.🙂

  2. Wenn ich verabsolutierende, gewissermaßen abschließend feststellende Äußerungen über die Schlechtigkeit der Welt und damit der (gemeint: ALLER) Menschen lese, und genauer hinsehe und nachfrage, kommen solche Darstellungen in der Regel aus den Hirnen und Mäulern von einsamen Menschen, die so gut wie nicht in der Welt herumkommen, so gut wie nicht in ihrem Land herumkommen, so gut wie nicht in ihrem Wohnort herum kommen – kurz: Eigentlich nie aus ihren eigenen vier Wänden heraus und zu wechselnd anderen Menschen kontaktierend kommen – als Ein Siedler lebend und entsprechend weltphilophisierend.

    Das ist schade, doppelt:
    Zum einen behindert es den sich so Äußernden und bestärkt ihn in dieser Sicht, zum anderen verwirrt es den, der das gegebenenfalls liest – ohne die vereinzelte und isolierende Situation des sich Äußernden und damit die geringe Wertigkeit solcher Meinungen zu ahnen.

    Sei gewiß, verehrter Lindwurm, es sind die meisten Menschen nicht so, wie du uns hier weismachen möchtest, insbesondere nicht, wenn du sie und sie dich kennen – worin das Geheimnis der Vermeidung solchen egozentrierten rücksichtslosen Handelns besteht: Der persönliche, häufige und vertrauensvolle Kontakt.

    Und da VER Trauen etwas mit der Aktivität des TRAUENS zu tun hat, erhält man VERtrauen nur dort, wo man (selber) traut.
    Dein Vorgehen hier bewirkt – verständlicherweise – das Gegenteil, du vermißt von dir erwartetes Vertrauen und „vergißt“, den für dich viel wichtigeren eigenen Anteil daran, das Trauen, zu üben und zu zeigen.
    Wenn sich nun alle so verhalten würden in unserer Welt, hättest du schließlich irgendwann recht, allerdings lei9der zuerst gegen dich selber – und DAS ist zu vermeiden, für dich zuerst.
    Das ist die Realität, und wie du ja richtig meintest: der sollte man schon ins Auge sehen …,
    anstelle sich selbst auch noch – so wie du hier – durch generellen Vertrauensentzug an sich, an alle und alles zu betäuben.

    Eventuell denkst du darüber auch mal so intensiv nach?

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