Der Grado Rs2e – audiophiles Musikmikroskop

Und nun zu etwas ganz anderem. Zu einem Produktest nämlich. Seit ich vor 20 Jahren das erste Mal richtig Geld für einen hochwertigen Kopfhörer ausgegeben und damit das Tor zum audiophilen Klangerlebnis aufgestoßen habe, bin ich auf einer nicht enden wollenden Reise, auf einer nahezu ritterlichen Suche nach dem Heiligen Gral unter den Kopfhörern. Aber wie schon diejenigen, die Jesu´ Knobelbecher suchten, musste auch ich feststellen: Den Kopfhörer gibt es nicht. Es gibt viele Anwärter auf den Titel „bester Kopfhörer der Welt“, aber jeder Mensch hat ein anderes Gehör, jeder hat andere Vorlieben, und so kann es den einen, wirklich alle Leute begeisternden Hörer gar nicht geben. Aber es existieren ab ca. der Preisklasse von 150 Euro aufwärts viele fantastische Geräte, mit denen sich Musik völlig anders erleben lässt als mit Billighörern. Der Grado RS2e ist mit rund 500 Euro Ladenpreis kein Billigheimer und wendet sich wie andere Hörer dieser Klasse an den ernsthaften Audiophilen, der damit abends bei einem Schlückchen Wein oder Edelbrand ganz in den Feinheiten der Musik aufgehen will und nicht so sehr an den jugendlichen Bauerntechno-Fan, dem nur wichtig ist, dass es feste wummert.

Das Erste, das einem beim Auspacken des Grado-Kopfhörers auffällt, ist seine Größe, genauer: Sein Mangel daran. Das Ding ist zierlich und wirkt verglichen mit vielen anderen Hifi-Kopfhörern so, als wäre es für Hobbits gemacht worden. Wer nun aber meint, kleine Kopfhörer würden auch ein kleines Klangerlebnis bieten, der täuscht sich. Dass Kleine ganz groß aufspielen können, wissen wir ja spätestens seit „Game Of Thrones“.

„Erzähl den lustigen Zwergenwitz noch einmal!“

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Größenvergleich mit dem Philips Fidelio X1 (links):

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Ich bin kein Techniker und kein Toningenieur, ich interessiere mich nicht wirklich für Nennimpendanzen und Frequenzverläufe. Mich interessiert allein, wie ein Kopfhörer klingt. Okay, ein ganz klein wenig Techno-Babble muss sein und sei es nur, um die Nerds unter meinen Lesern zufrieden zu stellen: Der Grado RS2e ist ein offener dynamischer Kopfhörer mit einem Frequenzspektrum von 14 bis 28.000 Hertz und einer Impendanz von 32 Ohm. Letzteres ist insoferne von Bedeutung, weil eine niedrige Nennimpendanz bedeutet, dass der Hörer nicht unbedingt eine wahnsinnig teure Anlage oder einen eigenen Verstärker braucht, um mit ausreichend Power gefüttert zu werden. Während viele andere Headphones der Oberklasse Impendanzen von 350 bis gar 600 Ohm haben und sich somit zum Betrieb an Smartphones oder Notebooks nur eingeschränkt eignen, spielt der Grado RS2e schon bei schwächeren Quellen mit vollem Sound auf. Beim Probehören stellte ich fest, dass der Grado zum Beispiel mit der Soundkarte vom PC ausreichend Saft kriegt. Während ich bei anderen Hörern die Lautstärke beim VLC-Player oft auf 200 Prozent hochregeln musste, spielt der RS2e bei nur 60 Prozent bereits sehr laut. Trotzdem gilt auch für den Grado das, was für alle guten Kopfhörer gilt: je besser die Ausgangsquelle, desto reichhaltiger der Sound. Ein eigener Kopfhörerverstärker ist beim Grado zwar kein Muss, aber die Investition wird mit einer noch voluminöseren und farbigeren Klangwiedergabe belohnt.

„Und wie klingt er nun, der Grado?“, höre ich Euch ungeduldige und von Feeds des Lesens längerer Texte entwöhnte Leserschufte schon drängen. Nun, ich besaß/besitze folgende Kopfhörer: Beyerdynamik DT-990 und DT-880, AKG K-501 und K-701, Sennheisser HD 600 und HD 650, Philips Fidelio X1, Grado 225i. Die sind alle sehr gut und jeder von denen hat seine eigenen Stärken und (kleine) Schwächen, aber der Grado RS2e steckt die klanglich alle in die Tasche – meiner persönlichen Meinung nach.

Unboxing, Erotik der spätkapitalistischen Konsumgesellschaft:

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Grado-Hörern wird von manchen Kritikern vorgeworfen, sie klängen zu grell, zu hell, zu höhenbetont und zu schwach im Bass. Beim 225i, den ich als einzigen Grado bislang kannte, trifft das auch ein bisschen zu. Für den RS2e kann ich das zum Glück nicht bestätigen. Er ist ungeheuer transparent und hat sehr ausgeprägte Mitten, aber er ist definitiv nicht „grell“ oder „bassarm“. Die Bässe sind alle da und gehen tiefer als die Witze beim Villacher Fasching/Mainzer Karneval, aber ein Subwoofer ähnliches Dröhnen oder Wummern darf man sich hier nicht erwarten, und das sollte man bei einem audiophilen Kopfhörer auch nicht, sonst wäre er nämlich nicht audiophil. Beim RS2e ist jeder Tiefton vorhanden, und zwar genau so, wie er aufgenommen wurde. Und weil der Grado die Musik extrem sauber darstellt, kann man tatsächlich hören, wie der Bassist die dicken Saiten zupft, anreißt oder slappt, und zwar bei jedem einzelnen Ton. Dieselbe Klarheit herrscht auch in den mittleren und hohen Tonlagen. Man sieht sozusagen extrem tief in die Musik hinein, kann alle Instrumente sauber trennen und orten. Das macht den RS2e zu einer Empfehlung nicht nur für Freunde höchster Detailtreue beim Musikhören, sondern auch für Profis mit Tonstudio. Wer mit diesem Grado-Hörer in einen Mix reinhört, dem entgeht nichts. „Aber“, so werden nun manche fragen, „bedeutet das nicht, dass der Kopfhörer auf Dauer anstrengend wird, wenn er so detailliert auflöst?“  Ich kann beruhigen: Das bedeutet es ganz und gar nicht. Während zum Beispiel der ähnlich analytische AKG K701 tatsächlich eine Spaßbremse ist, da er die Musik zwar in ihre Einzelteile zerlegt, aber nicht mehr zu einem mitreißenden Ganzen zusammenfügen kann, ist der Grado höchst musikalisch. Er macht – und das hatte ich eigentlich so nicht erwartet – ungeheuren Spaß und lässt einen mit der Musik mitrocken oder ganz in ihr aufgehen, obwohl er gleichzeitig so genau ist wie ein zwangsneurotischer Schweizer Buchprüfer.

Ich habe mich mit dem Grado durch meine Musiksammlung gehört und war ziemlich begeistert. Nur als Beispiel: Bei der alten Beatles-Nummer „You´re Going To Lose That Girl“ hörte ich diesmal nicht nur, dass da Bongos mitspielen, ich hörte jeden einzelnen Schlag, hörte, wie Ringo die Bongo-Felle mit Hand, Handballen und Fingern bearbeitet und hörte jeweils den Unterschied. Extrem gut schlug sich der Hörer auch bei einer anderen Beatles-Nummer, dem viele Boxen und Kopfhörer durch seinen ständigen Laut-Leise-Wechsel stark fordernden „Long Long Long“ vom weißen Album. Bei der Akustikgitarre im Intro ist jeder Anschlag fein zu hören, der einsetzende Bass kommt mächtig und fett daher und wenn das Schlagzeug laut auftrumpft, geht daneben doch kein leiser Gitarrenton verloren. Das Reiben mit dem Plektrum über die tiefe Saite der E-Gitarre am Schluss jagt einem Schauer über den Rücken. Okay, soviel zu Pop und Rock, aber kann der Grado auch Klassik? Yes he can. Ich legte Gustav Holsts berüchtigtes Boxenkiller-Orchesterwerk „The Planets“ auf und fand mich in einen Konzertsaal versetzt, wo das drohende Anschwellen der Cellos und das Hämmern der Pauken bei „Mars, The Bringer Of War“ zu Beginn das leise Klopfen der Violinisten mit den Bögen nicht übertötete, sondern organisch einarbeitete. Und wenn die Bläser mit Macht einsetzen, meint man fast die Armeen des Ersten Weltkriegs vor dem inneren Auge aufmarschieren zu sehen. Danach brauchte ich wieder was rockiges, also griff ich zum Album „Bomber“ von Motörhead, und da kam mir ein weiterer Vorzug des Grado zu Ohren: Er ist sehr, sehr schnell. Das bedeutet, dass er auch heftige Double-Bassdrum-Attacken und Lemmys Bassriffs so engagiert und unverzögert wiedergibt, dass man meint, gleich spucke einem der Sänger ins Gesicht. Positiv überrascht wurde ich von der großen Räumlichkeit und Weite, die der Grado beim Filmgucken bietet. Keine Spur von einer „kleinen Bühne“.

Okay, ich denke, Ihr habe bemerkt, dass ich die Klangeingeschaften des Grado RS2e liebe. Aber ist der Hörer auch halbwegs bequem zu tragen? Immerhin berichten viele Kritiker davon, dass die Grado, weil sie auf den Ohren nur aufliegen statt sie voll zu umschließen, nach kurzer Zeit unbequem würden. Ich bin diesbezüglich als Brillenträger und Inhaber eines recht großen Kopfes sehr empfindlich. Viele Hörer konnte ich zumindest in der Anfangszeit maximal eine Stunde tragen bevor meine Ohren zu schmerzen begannen oder die Bügel meiner Brille unangenehm zu drücken anfingen. Ich wollte fast, dass dies auch beim RS2e der Fall wäre, da ich wenigstens etwas Negatives über das Gerät schreiben wollte, aber nein: Nix. Ich höre nun seit zwei Tagen fast ununterbrochen Musik und hab mir mehrere Filme angeschaut, und der Grado hat mich kein einziges mal gezwickt oder gezwackt. Das war, neben der Eindeutigkeit der tonalen Überlegenheit gegenüber der namhaften Konkurrenz, eine der größten Überraschungen. Der Hörer ist außerdem sehr leicht und die Muscheln aus Mahagoni-Holz unterstützen nicht nur den natürlichen Klang, sondern wirken auch cool retro-stylish. Naja, resto-stylish zumindest.

Simple Verpackung komplexer Technik:

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Gibt es also gar keine Kritikpunkte? Nun, ein paar vielleicht. Zunächst: Billig ist der Grado nicht gerade. Allerdings relativiert sich der recht happige Preis angesichts der Leistungen des Geräts und im Vergleich zur Konkurrenz rasch wieder. Ein bisschen lästig ist, dass das Kabel sehr kurz geraten ist. Es ist ein dickes, qualitativ hochwertiges Kabel, aber ohne Verlängerungskabel hat man damit nicht viel mehr Bewegungsfreiheit als der Insasse eines venezianischen Verließes. Außerdem sind die Kabel fix verbaut, also von Laien nicht zu wechseln. Und: Ein wenig filigran wirkt der Hörer. Nicht so filigran, dass man Angst hätte, er bräche gleich auseinander, aber auch nicht so massiv gebaut, als dass man ihn je anders als mit einer gewissen Vorsicht handhaben wollte.

Wer sich den Grado RS2e zulegen will, sollte eines bedenken: Er braucht eine Einspielzeit von mindestnes 100, besser 200 Stunden, um sein volles Potential entfalten zu können. Das ist, im Gegensatz zu manch anderem audiophilen Hokuspokus, kein Voodoo, sondern tatsächlich deutlich hörbar. „Burn In“, sagen die Amis dazu. Apropos Amis: Grado Labs ist ein amerikanisches Familienunternehmen, das nun schon in dritter Generation im Stadtteil Brooklyn in New York all seine Kopfhörer händisch herstellt. Kein Roboter weit und breit. Ich finde das extrem sympathisch und vernünftig, da wir ja alle wissen, dass die Roboter uns einst unterjochen und die Weltherrschaft an sich reißen werden.

Fast schon Steampunk – Die Grado-Manufaktur (Foto © Sam Horine):

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Zusammenfassend ist zu sagen, dass der Grado RS2e eine Art „audiophiles Musikmikroskop“ ist, das einen kleinste Details in der Musik erkennen lässt, aber trotz dieser hervorragenden analytischen Schärfe nie langweilig oder ermüdend wird, sondern immer schön musikalisch bleibt. Rund 500 Euro für Kopfhörer klingen nach viel Geld, aber der RS2e bietet einen Klang, den sonst nur Standboxen um die 10.000 Euro rüberbringen. So gesehen ist der nicht teuer, sondern preislich sehr fair kalkuliert. Der RS2e hat einen großen Bruder, den RS1e, der rund 200 Euro teurer ist. Der soll noch um ein Etzerl feiner aufspielen und klarer auflösen.

Was mir gefällt: Atemberaubende Detailtreue und analytische Schärfe, dabei dennoch sehr angenehm und nicht unterkühlt. Tragekomfort besser als vermutet, edle Materialanmutung durch Verwendung von Mahagoni, sehr leicht, hergestellt von einem sympathischen Familienunternehmen, Made in USA.

Was mir nicht ganz so gut gefällt: Kabel ein wenig kurz, der Hörer wirkt ein wenig zerbrechlich. Man sieht damit aus wie ein Funker aus dem Zweiten Weltkrieg.

Wer ihn sich holen sollte: Audiophile, die trotzdem vor allem Spaß an der Musik haben wollen, Musiker und Toningenieure.

Wer ihn ignorieren sollte: Die Dr.-Dre-Basshead-Kundschaft, Menschen mit Schweinsohren und Leute, die zu eitel sind um auszusehen wie ein Funker aus dem Zweiten Weltkrieg.

Konkurrenz: Grado P500, Sennheiser HD 650, AKG K712, Philips Fidelio X2, Teufel Real Z, Beyerdynamik T90.

Ich bedanke mich herzlich bei der Firma Grado Labs und der Firma High-Fidelity Studio, die mir ein Testexemplar zur Verfügung gestellt haben.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

5 Gedanken zu „Der Grado Rs2e – audiophiles Musikmikroskop“

  1. Hi!

    Tolles Review, danke. Ich hab den R2 (ohne e oder i) und bin ebenfalls begeistert. Als Brillenträger funktioniert der Grado echt fein. Kein Drücken oder Schmerzen am Ohr.

    Verbesserungswürdig finde ich diese Punkte:
    * das Kabel – nicht nur zu kurz, bei meinem Modell ist nach einiger Zeit auch die Y Stelle (wo sich die beiden Kabelenden die zu den Hörern führen treffen) soweit in Mitleidenschaft gezogen, dass ich sicherheitshalber ein Tape herum gewickelt habe.
    * die Haptik – also gegen einen Beyerdynamic fühlen sich die Grados so filigran an, dass ich Angst habe, der Schaumstoff zerbröckelt mir in den Händen. Da sind die DT770 schon ein anderes Kaliber und für den täglichen Einsatz geeigneter.

    Ansonsten ein großartiges Teil. Wie im Review geschrieben kann ich die Nutzung an mobilen Playern nur empfehlen. Eine fast unschlagbare Kombo ist der Grado mit dem Pono (ja, den eigenartigen dreieckigen Neil Young Teil). Mir scheint, die Entwickler hatten Grados auf, um das Ding richtig hinzubekommen. Ein Problem ergibt sich durch die offene Bauweise im Einsatz im mobilen Bereich und im Büro. Ich möchte weder meinen KollegInnen noch den Mitreisenden der Schnellbahn meine Musik in meiner Lautstärke zumuten.

    Mich würde ein direkter Vergleich eines Grados zu einem Alessandro mal reizen. Gleiche Bauteile, aber dem Alessandro sagt man ein runderes Klangbild nach.

    Liebe Grüße
    j.h.

  2. Hallo ich kann mich nicht entscheiden zwischen der Grado Rs2e und den Beyerdynamik T90. Betreiben will ich ihn an eine OppO HA2.
    Wer kann mir einen Tipp geben.

    Gruss Andi

  3. @Andreas: Uff, schwer. Die sind beide auf ihre Art sehr gut. der Beyer ist wertiger gebaut und vielleicht der besser Allrounder, der RS2e löst eine Spur feiner auf.

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