In der neoliberalen Vorhölle

Wer in Großbritannien das Pech hat, aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeitsfähig zu sein, dem hetzt die Regierung seit einigen Jahren eine private Agentur auf den Hals, die den Kranken arbeitsfähig machen soll. Diese privatwirtschaftliche Agentur weiß, dass sie ihren lukrativen Auftrag nur dann verlängert bekommt, wenn sie möglichst vielen Menschen die Invalidenunterstützung streicht. So kommt es immer öfter dazu, dass schwerst kranke Menschen, Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadion auch darunter, für arbeitsfähig erklärt werden und in irgendwelche Jobs gedrängt werden, wo sie dann tot umfallen oder nach kurzer Zeit Selbstmord begehen. Die britische Öffentlichkeit sieht das weitgehend als Erfolgsgeschichte. Die Boulevardmedien schreiben fast täglich über angebliche „Sozialschmarotzer“ und sagen der Bevölkerung, diese „Schmarotzer“ lebten vom Geld der hart arbeitenden Menschen. Das stimmt sogar, denn die Reichen tragen nichts mehr bei zu den Resten des britischen Sozialstaates. Wie überall in Europa, in GB aber besonders ausgeprägt, wurden die Kapitaleigner von der lästigen Pflicht, zur Solidargemeinschaft beizutragen, Stück für Stück befreit. Dies, so die Propaganda, sei gut für die Wirtschaft, da „Leistung“ belohnt würde. In Wirklichkeit wird natürlich nur Erben und ähnliches finanzielles Zufallsglück belohnt. Und der einzige Wirtschaftszweig, der tatsächlich boomt, ist die Immobilienbranche, da die Reichen mit ihren nahezu steuerfreien Vermögen die Innenstädte aufkaufen und bereit sind, grotesk hohe Preise zu bezahlen. Die Londoner City sieht inzwischen stellenweise aus wie Dubai. Ein Luxusauto steht neben dem anderen und es enstanden Dienstleistungsbetriebe, die sich um nichts anderes kümmern als um die dekadenten Bedürfnisse der Millionäre und Milliardäre, vom Hundebeautysalon bis zur Edelprostitution. Draußen in den Vorstädten leben gleichzeitig die Arbeitnehmerinnen und die Arbeitslosen zwischen finanzieller Unsicherheit, Drogenhandel und Gewerbskriminalität. Überall im Land verfällt die Infrastruktur, verwandeln sich Parks in ungepflegte Wüsteneien, werden die Krankenhäuser immer schlechter, werden Schulspeisungen abgeschafft, machen Obdachlosenheime dicht. England ist heute wieder eine Gesellschaft, in der ein Charles Dickens viel zu schreiben hätte.

Wie kam es dazu, dass aus einer Nation, die früher eine der solidarischsten der Welt war, eine Art neoliberaler Vorhölle werden konnte? Zu verdanken ist dies großteils dem Thatcherismus, einer Liberalismusvariante, die die Existenz einer Gesellschaft schlicht leugnete und menschliche Interaktion als reines Aufeinandertreffen von Marktteilnehmern interpretierte. Diese Ideologie wurde mächtig, weil sie den Mächtigen noch mehr Macht versprach und den Ohmächtigen die Schuld für ihre Ohnmacht zuschob. Wieso, so die Thatcheristen, sollten Reiche Teile ihres Vermögens abgeben, um Armen zu helfen? Die Armen müssten sich doch bloß mehr anstrengen, auf dass sie selber reich würden. Dieser Denkansatz ignoriert, dass Reichtum für alle innerhalb kapitalistischer Verhältnisse nicht möglich ist, dass es Berufszweige wie zB Krankenpfleger gibt, in denen man beim besten Willen nicht reich werden kann, die aber dennoch notwendig sind, und dass viele Menschen selbst dann, wenn sich jegliche Leistung wirklich lohnen würde, zurückbleiben müssten, weil sie aus welchen Gründen auch immer nicht so leistungsfähig sind wie andere. Der innere Widerspruch dieser Ideologie zeigt sich wohl am besten beim Thema Sicherheit. Denn begehren die Ausgeschlossenen mal auf und veranstalten Straßenkrawalle, ist es sofort vorbei mit der angeblichen freien Interaktion von Marktteilnehmern. Dann kommt die Polizei und knüppelt diejenigen, die ihre Masse und Gewaltbereitschaft als Marktmacht einsetzen wollen, nieder.

In Großbritannien sorgte vor allem das jahrzehntelange Dauerfeuer der Yellow Press gegen sozial Schwache, Migrantinnen, Kranke und „Linke“ dafür, dass weite Teile der Bevölkerung die liberalkonservativen Dogmen verinnerlichten. Man glaubt dort inzwischen, dass die Armen und Benachteiligten nicht arm und benachteiligt wären, weil die Reichen und Privilegierten ihren Beitrag am Gemeinwohl verweigern, sondern weil sie  einfach nur zu faul, zu dumm, zu ausländisch, zu behindert, zu unangepasst seien, um in der City mit Milliarden zu hantieren statt von Stütze oder McJobs leben zu müssen. Daher wählt man auch die Tories, die diesen Sozialdarwinismus am effektivsten in Politik umsetzen. Die Labour Party versuchte, als Soft-Version dieser Art von Politik zu reüssieren, doch das ging schief. Schmied und Schmiedl und so. In Schottland, wo die Verseuchung der Gehirne mit neoliberaler Ideologie noch nicht so weit fortgeschritten scheint, wählte man fast geschlossen die separatistische Nationalpartei, weil die noch sowas wie ein wirklich sozialdmokratisches Programm hat, doch innerhalb des vereinigten Königreiches haben sie Schotten halt wenig zu melden. Und von den Armen und Erniedrigten blieben viele gleich zuhause statt wählen zu gehen, da man sich nach den Erfahrungen mit „New Labour“ von den Sozialdemokraten auch keine andere Politik mehr erwartete als von den Konservativen.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

2 Gedanken zu „In der neoliberalen Vorhölle“

  1. Volltreffer!
    Lektion für Merkels Europäerei und TTiP-Hüpferling und SPD-(Schm)Erzengel Gabriel!

    Ich bin fasziniert von der Schlichtheit und Treffsicherheit dieser Schilderung, in der kein einziger Mangel, keine Überziehung und Übertreibung erkennbar sind und ihre Sachlichkeit jeden Menschen, der seine Vernunft pflegt, auch Reiche und Superreiche, eigentlich sofort erkennen lassen, daß sich hier ein unreparables Fiasko für die ganze Gesellschaft ankündigt, im besonderen sogar auch für die „BestKapitaleinsammler“, denen dabei alle Felle davonschwimmen, weil irgendwann niemand mehr für sie arbeitet, arbeiten kann.

    Dies zu verstehen, erfordert weder politische Bildung noch eine Ideologie sondern nur einen eigenen unverkümmerten Verstand, der die „regierungsverliebten“ Medien (wie nun bereits auch in Deutschland gang und gebe) weder kaufen noch beachten läßt, benötigt vor allem die Entblätterung des Begriffes „Neoloiberal“ gegenüber dem einst so erfolgreichen Konzeptes der Liberalität in der Aufklärung, der (damaligen) Freimaurer, Freidenker, Freikirchen und aller weiteren Kräfte der Aufklärung, für die Liberalität eine Befreiung von Übeln war.

    Was sich da heute NEOLIBERALISMUS nennt oder so beschimpft wird, hat nix mehr mit Liberalität zu tun sondern ist die Befreiung von Freiheiten, die sich die Bürger über Jahrhunderte erkämpften, ist Leichtsinn und völlig verrissener Überblick über Gesellschaft, der sich auch noch wider die Natur der menschlichen Wesen richtet, deren Entstehungs- und Entwicklungsgeheimnis die gegenseitige Kooperation war – und ist, und vor allem: bleibt.
    (Joachim Bauer: Das Kooperative Gen, aus meiner Ansicht nicht, wie er etwas reißerisch meint, „Der Abschied vom Darwinismus“, sondern dessen umfängliches modernes Begreifen)

    Schmeißen wir sie einfach weg, diese seltsamen schlenkernden Damenhandtaschen des Thatcherismus, die bei Lichte betrachtet, erst recht nicht von satten Reichen benötigt werden, da man dort bereits „ausreichend“ versorgt ist – wozu brauch bitte wer diese anhaltende vorgeblich neoliberale Auspressung arbeitender Menschen und der Bedürftigen, die so letztlich von der gleichen Gesellschaft völlig neo scheinliberal in die „soziale Superfreiheit“ nicht entlassen sondern verstoßen werden?
    Neoliberale Vorhölle? Nein, nix mit Liberalität, das ist aktive und passive Ausgrenzung, Raffer-Ideologie statt Brot, Wohnung, Medizin und Teilhabe!

    Nun wurde dort auf dieser einstigen Weltinsel gewählt und die ERSTE (!) Quittung erteilt, das einstige „Reich“ zerbröselt:
    Die pflaumenweichen Pseudosozialdemokraten erhielten für ihre Anbiederung und ihr Dulden solcher Entwicklungen den Tritt in den …, den sie sich selber verdienten – ein Katapult hinter jedes Tor; die mit klarem Blick darauf wollen deshalb ein eigenes Schottland; und alle, die nicht oder noch nie durchschauten und der oben gut beschriebenen Yellowpress folgten bzw. selber noch mehr raffen wollen, finden sich wie immer im gleichen Bett mit den Torries; und das was da mal „liberal“ werden wollte, neu liberal, hat sich wie in Deutschland selber auf den Misthaufen der Geschichte gerammelt.
    Ich würde also nicht so sehr diesen Begriff „neoliberal“ verwenden, er verfälscht das Liberale, die Freiheit, die bekanntlich stets zuerst die des Anderen ist – außer für diese Pseudoliberalen.

  2. Naja, stimmt schon im Großen und Ganzen, aber zwei Bemerkungen hätte ich schon: Sooo großartig sozial war der britische Staat nie – in der Entwicklung eines Sozialstaates hinkte er im europäischen Vergleich immer hinterher, war aber der erste, der die Kehrtwende eben mit Thatcher vollzog. Sehr kämpferische Gewekschafen gab es, das sehr wohl, aber so ein richtiger Sozialstaat war UK m.E. nie.
    Und zweitens: Die Tories haben zwar die Wahl gewonnen, aber nicht deswegen, weil sie so großartig mehr geählt worden wären. Ihr Gesamtgewinn an Stimmen betrug gerademal 0,8 %-Punkte…
    https://akinmagazin.wordpress.com/2015/05/09/uk-wahl-so-ein-wahlrecht-hatten-sie-wohl-bei-uns-auch-gerne/

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