It´s the System, stupid

Die Zeltlager in Österreich, die improvisierten Camps in Frankreich, die in Baracken gehaltenen und von der Mafia faktisch versklavten Tagelöhner in Italien, die Stacheldrahtzäune und das Vorgehen mit polizeilicher und militärischer Macht gegen Flüchtlinge – all das dehumanisiert nicht alleine die Opfer dieser Skandale, sondern uns alle. Es entsensibilisiert uns und bereitet uns vor auf eine demnächst anbrechende Zeit, in der so, wie es heute mit Flüchtlingen geschieht, mit allen umgegangen werden wird, die zu wenig Geld verdienen oder besitzen. Das brutale Vorgehen Europas gegen Flüchtlinge ist kein bedauerlicher Ausrutscher eines ansonsten guten demokratischen Systems, sondern einer politischen und ökonomischen Ideologie inhärent, die durch Ausschluss statt Beteiligung und durch Bestrafung der Schwachen statt deren Stärkung geprägt ist.

Auch die Wortmeldungen der Wohlmeinenden sind durchzogen von der Akzeptanz des auf den Menschen ausgedehnten Prinzips der wirtschaftlichen Verwertbarkeit. Wer sich darauf einlässt und meint, mit Beispielen von besonders fleißigen und wirtschaftlich erfolgreichen, also nach kapitalistischer Logik „nützlichen“ Migranten gegen rechtsextreme Erzählungen von „fremden Schädlingen“ argumentieren zu müssen, übernimmt bereits die inhumane Klassifizierung menschlichen Lebens nach dessen ökonomischem Wert. Besonders verinnerlicht haben dies Teile des liberalen Bürgertums, die das Ausspielen der Benachteiligten gegeneinander, wie es die Rechten praktizieren, einfach nur umdrehen und mit Genuss von syrischen Akademikern schwärmen, die so viel angenehmer seien als steirische Arbeitslose, Wiener Mindestsicherungsbezieherinnen oder Berliner Hartz-IV-Abhängige.

Die Konformität mit den herrschenden Zuständen zeigt sich auch an der unpolitischen Freiwilligenarbeit, die viele für Flüchtlinge leisten. Diese erinnert an die Suppenausgabe der Klöster, an die deutsche „Tafel“ und an Charitydinner, denen allen eines gemein ist: Das kann jederzeit und ohne dagegen vorzubringende juristische Mittel wieder beendet werden. Es sind Gnadenakte, auf die kein Rechtsanspruch besteht. Und letztlich sind es systemerhaltende Aktivitäten, die zwar durchaus auch konkret Gutes bewirken, aber in erster Linie das Gewissen jener beruhigen sollen, die zu den Gewinnern der sozioökonomischen Einrichtung unserer Gesellschaft zählen und nachts manchmal aus Alpträumen hochschrecken, in denen Guillotinen, Laternenmasten und Erschießungskommandos vorkommen. Es ist selbstverständlich besser, voluntaristisch zu helfen, als das nicht zu tun, aber wer nicht gleichzeitig ein absolutes Recht auf ein würdiges Leben für alle Menschen fordert, also die Systemfrage stellt, arbeitet letztlich nur mit an der Aufrechterhaltung von Zuständen, die Menschen erst zu Migration und Flucht zwingen.

Advertisements

2 Gedanken zu “It´s the System, stupid

  1. Das eine schließt doch das andere nicht aus. Ich helfe – in meinem Fall in Berlin – Flüchtlingen und sozial Unterprivilegierten, und tue dies gern. Ja, ich gebe zu – es bringt auch m i r etwas, weil es meinen Horizont erweitert, und weil ich mich über Anerkennung und Dankbarkeit freue. Wichtig ist, dass man nicht nur „die Systemfrage“ stellt und darüber philosophiert oder zu folgenlosen Demos geht, sondern konkreten Menschen beim Widerstand gegen dieses System hilft.
    Ich helfe seit kurzem jede Woche Menschen beim Durchsetzen ihrer Rechte bei Sozialbehörden und gebe ihnen damit ein kleines Stück ihrer Würde zurück – im Gedenken an meinen ältesten Sohn, den dieses gnadenlose, ausschließlich auf schnelle Kapitalverwertung gerichtete System erst sein Selbstbild, und dann sein junges Leben gekostet hat.

  2. Ihrem guten Beitrag möchte ich noch hinzufügen, dass die angeblich tolle hochqualifizierte Einwanderung von denen schöngeredet wird, die Grundsätzlich keine Einwanderung wollen. Natürlich gibt es auch Menschen, die in der zweiten Generation hier leben, jedoch von den Firmen nicht gewollt werden. Der falsche Name bei der Bewerbung reicht. Von wegen unqualifiziert. Naja.

    Ich gehöre ohnehin zu den historisch informierten Pessimisten und behaupte, dass es auch in Zukunft Weltkriege geben wird. Dass es heute warner gibt, soll nichts heißen. Auch damals gab es Menschen, die Ihre Stimme erhoben haben.
    Wissenschaft und Technik sollten den Menschen das Leben leichter machen und für Frieden und Wohlstand sorgen. Doch das 20. Jahrhundert war das blutigste und das 21. hat gerade angefangen, auch nicht gerade friedlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s