Mitgefühl ist nicht deutsch

Wer immer noch nicht wahrhaben will, dass wir derzeit von Menschen regiert werden, deren Mangel an Empathie und generell an menschlichen Regungen psychopathische Züge trägt, sollte sich ein Video des NDR ansehen, in dem Angela Merkel einem Flüchtlingskind erklärt, weshalb es samt seiner Familie abgeschoben werden müsse. Als das Mädchen zu weinen anfängt, geht Merkel hin, streichelt es am Kopf und sagt: „Du hast das doch prima gemacht“. Die deutsche Kanzlerin versteht nicht, weswegen das Mädchen heult. Sie kann nicht nachvollziehen, dass die von höchster Stelle überbrachte Nachricht eines unmenschlichen Abschiebungsregimes die Betroffenen kränkt, sondern geht ganz selbstverständlich davon aus, das alles, was das Mädchen interessiere, ihr Image sei. Merkel schließt von sich auf andere, was ein typischer Zug von an Psychopathie leidenden Menschen ist, die mangels Mítgefühl immer nur ihre eigenen Befindlichkeiten auf andere projizieren.

Empathielosigkeit scheint mir überhaupt der Hauptcharakterzug unserer Tage zu sein, und der ist beileibe nicht nur bei den Handpuppen des Kapitals zu diagnostizieren, sondern seit jeher und nun wieder verstärkt im verbliebenen linksradikalen Spektrum und vor allem bei Marxisten. Dort gibt es einerseits nicht wenige, die den Griechen ein kommunistisches Experiment anraten, wohl wissend, dass dies, wenn nur im winzigen Griechenland durchgeführt, zu Hungersnot und Totalitarismus führen muss, und andererseits diejenigen, die Syriza des Populismus, Nationalismus und Antismitismus zeihen und daher alles, selbst die korrupten Vorgängerregierungen, besser finden. Man will also entweder mit anderer Leute Arsch in den Krieg reiten oder man ignoriert die konkrete Not der griechischen Bevölkerung eiskalt als systemimmanent und verleumdet diejenigen, die was ändern wollen. Vor allem aber will man lieber in Schönheit sterben als „beschmutzt“ leben, und wer die Lebenssituation realer Menschen verändern will, macht sich nun mal schmutzig, ob als Revolutionär oder als Kompromisse eingehen müssender Reformist. Da bleibt man dann doch lieber in seinem Studierstübchen, beugt sich zum x-ten Male über die Marx-Engels-Gesamtausgabe und schreibt hin und wieder schwurbeliges Texte, in denen man andere für deren Abweichlertum von der angeblichen Reinheit attackiert.

Dass gerade deutsche Linke oft so ticken, ist kein Zufall. Nirgendwo sonst wirkt ein analer Sauberkeitsfimmel, der einst mit Luther begründet wurde, so stark weiter wie in Deutschland. Kompromisse sind der Deutschen Sache nicht, und wenn die Welt dabei in Scherben fällt. Hauptsache, man selbst bleibt „rein“ und muss nicht hinabsteigen in die Niederungen, wo wirkliche Menschen wirkliche Probleme, aber auch wirkliche Freuden haben. Dort ist nämlich alles irgendwie unsauber und gefährlich und daher träumt man lieber vom Untergang des Kapitalismus, den Marx doch vorhergesagt habe und der daher auch unweigerlich eintreten müsse. Nur: Der kommt einfach nicht. der Kapitalismus macht unbeeindruckt von Krise und Krieg immer weiter. Der Kapitalismus ist ein Weltsystem dem nur entrinnt, wer bereit ist, in seinem Staat die Lichter ausgehen zu lassen. Aus dem Kapitalismus austreten hieße heutzutage, eine Agrargesellschaft nach Khmer Rouge-Vorbild zu schaffen, was kein halbwegs bei Trost seiender Mensch wollen kann. So wie die Dinge derzeit liegen, kann der Kapitalismus nur reformiert werden, kann man ihm allenfalls durch Kampf ein wenig mehr Leben abtrotzen. Das muss aber gar nicht so entsetzlich sein, wie es sich für radikale Linke anhört. Nehmen wir wieder die Griechen. Die wollen keinen Grexit und keinen diesem folgenden Kriegskommunismus. Die wollen nur, dass sie nicht mehr sterben müssen, wenn sie krank werden und nicht mehr ohne Strom hungern, wenn sie keine Arbeit haben. Es wäre durchaus auch nach innerkapitalistischer Logik vernünftig, diesen bescheidenen Wünschen zu entsprechen. Wer hungert oder für eine Chemotherapie spart, der kauft sich keinen neuen VW Golf. Europa könnte sich seine gegenüber Deutschland weniger konkurrenzfähigen Staaten durchaus leisten, wäre der politische Wille vorhanden und würde das nicht am marktradikalen Reinheitswahn der deutschen Politik, in der sich der linksextreme Reinheitswahn spiegelt, scheitern. Und genau wegen dieser Spiegelung schlägt, so meine ich, Syriza und ähnlichen Bewegungen so viel Hass aus Deutschland sowohl von rechter, als auch von linker Seite entgegen. Syriza versucht wenigstens, was zu unternehmen, kam durch Populismus an die Macht und geht haufenweise Kompromisse ein – lauter Sachen, die vielen prinzipientreuen Deutschen grundsätzlich missfallen, da sie auf einer seelischen Regung fußen, die in Deutschland nicht so weit verbreitet ist: auf Empathie.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

6 Gedanken zu „Mitgefühl ist nicht deutsch“

  1. Danke für die klaren Worte.

    Übrigens als jemand der als junger Mann intensiv über den Holocaust an den europäischen Juden las kann ich das nur bestätigen – Deutschland braucht keine Nazis um ein Mangel an Mitgefühl zu zeigen – es ist wohl ein Wesenszug aller Mitdeutschen der sich besonders brutal in krisenhaften Zeiten zeigt – bis hin zum Massenmord an Menschen.

    Übrigens in Griechenland soll es schon Stimmen geben die von einem „fiskalischen Völkermord“ an der griechischen Bevölkerung sprechen – der Satz hat etwas, übrigens auf für Deutschland.

    Es wäre doch einmal interessant aufzuzeigen wieviel Menschen dank neoliberaler „Reformen“ ins Gras beißen mußten – nicht nur in Deutschland.

    Beim Kommunismus bzw. Faschismus werden doch die Mordopfer dieser mörderischen Ideologien – nach Jahrzehnten – auch gezählt.

    Wie wäre es mal die Mordopfer der neoliberalen Ideologie zu zählen?

    Angefangen mit den hungernden Menschen weltweit bis hin zu den zerstörten menschlichen Existenzen in Griechenland, Deutschland, GB, der Ukraine und anderen „neoliberal“ reformierten Ländern…..

    Zynischer Gruß
    Bernie

  2. Ich glaube, in diesem Artikel schießt Du ein bisschen über das Ziel hinaus. Was hätte sie denn machen sollen, diesem Mädchen gegenüber, dass, ja!, seit vier Jahren auf einen ordentlichen Bescheid zu ihrer Aufenthaltsgenehmigung wartet, zumal sie ja aus einem als sicher geltenden Land, dem Libanon kommt, der sich ja, wie all die anderen arabischen Staaten seit Jahrzehnten tapfer weigert, den ehemaligen Flüchtlingen aus dem damaligen Palästina einen ordentliche Status zu gewähren. Was sollte sie tun? Ja sagen und Amen? Ich finde, sie hat toll reagiert, auch als sie den Moderator oder wer das war da im Hintergrund angemotyt hat, sie wisse, was das bedeutet. Ja, sie weiß es, aber was soll sie tun? Wir leben hier in einer Demokratie und nicht in einer Bananenrepublik, wo man sich durch mutiges Vorsprechen beim obersten Chef irgendwelche Vorteile ergaunert.
    Dasselbe gilt in der Griechenland-Frage: Was sollte sie tun? Die Griechen haben seit Jahrzehnten ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Jetzt ist Nachsitzen angesagt. So einfach ist es. Ich komme mir selbst manchmal vor, wie ein Grieche, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, bin durch eigenes und Fremdverschulden in die Schuldenfalle getappt. Und wer hilft mir da raus? Der schwedische Staat (in dem ich ja wohne), aber mit harten Bandagen. Die behalten kurzerhand mein Einkommen ein, und ich darf nur das Allermindeste behalten. Auch ich muss mir überlegen, ob ich zum Arzt gehen kann und vieles mehr. Aber da muss ich jetzt durch. Und die Griechen müssen es auch, und dann ist ja hier wie da immer noch ein Schudenerlass drin, aber erst muss ich – und müssen die Griechen – beweisen, dass ich – sie – es Ernst meinen mit dem Schuldenabbau.

  3. So wie es aussieht, wird der Kapitalismus seine derzeitige Krise überleben können, wird aber immer mehr Opfer fordern. Die Umdeutung des Begriffs Reform in den letzten Jahrzehnten hat wohl auch damit zu tun.

    Warum sich aber der zuvor gebräuchliche Reformbegriff und der Gedanke, dass man den Kapitalismus überwinden muss, ausschließen sollten, verstehe ich nicht. Wie viele Leute denken denn so? Bislang vernahm ich nur aus den antideutschen Zirkeln etwas, das man überspitzt gegendert so formulieren könnte: „Griechx, unterwerfe Dich, sonst werden Deine unreflektierten antisemitischen Ressentiments in die Jxdxsvernichtung führen.“ Allein, bestehen diese Zirkel aus „Marxisten“ oder Bekloppten, die eine Überdosis verquerer Dialektik genossen haben?

    PS: Gegenderte bzw. feminstisch-sprachgehandelte Menschenverachtung hab‘ ich mir zum satirischen Hobby erkoren.

  4. Als mitleidsloser, empathieunfähiger Deutscher marxist kann ich dazu nur sagen, daß ich den armen leuten in Griechenland durchaus gegönnt hätte, wenn Syriza mit den reformplänen erfolg gehabt hätte. Die weltrevolution steht momentan leider nicht an, dazu bräuchte es eine kapitalismuskritische bewegung in Europa und weil die EU leider so etwas wie »Germany Plus« ist, weil gerade das Deutsche Kapital alle anderen drangsaliert, hauptsächlich in Deutschland. Gibt es aber nicht.

    Marx hat nicht behauptet, daß der kapitalismus zwangsläufig einfach aufhört, das müssen die menschen schon selbst herbeiführen. Er war jedoch davon überzeugt, daß die lohnabhängige klasse sich die schweinereien nicht mehr gefallen ließe, wenn sie begreifen würde, was kapitalismus ist. Leider ist es mit dem begreifen auch ca. 150 jahre nach erscheinen des »Kapitals« nicht übermäßig weit her.

    Ich sehe eher mit bedauern, daß ich mit meinen bedenken gegen linke reformpläne offenbar leider recht behalte. Syriza scheitert. Und nicht am haß irgendwelcher verknöselten Deutschen marxisten, die haben ohnehin nichts zu melden, sondern an der diktatur des Deutschen kapitals.

  5. Mich hat die kleine Palästinenserin gerührt. Dann las ich, dass sie hofft, Israel möge es bald nicht mehr geben (http://www.welt.de/vermischtes/article144462557/So-sieht-das-beruehmte-Fluechtlingsmaedchen-die-Welt.html). Es ist also besser, das Thema unsentimental zu diskutieren. So sind sie (gemeint: viele) nun mal – wir sollten dem Mädchen für ihre Offenheit danken. Trotzdem haben sie das Recht auf Asyl und menschenwürdiges Leben. So sollen sie aber nicht bleiben, und zwar definitiv nicht. Im Alter von 14 ist frau in der Lage, den einen oder anderen, von der Sippschaft unabhängigen, demokratischen und aufgeklärten Gedanken zu denken. Wann, wenn nicht mit 14? Offenbar verhindert aber die komplette nordostdeutsche Umgebung das Aufkommen autonomer Gedanken bei jungen Menschen (was wir schon immer über Rostock dachten). Dazu gehört auch der Autor jenes „Welt“-Artikels, der es zu „schwierig“ findet, darüber zu diskutieren. Was ist daran schwierig? Israel bleibt, weil wir wollen, dass es bleibt, und weil es, liebe Reem, auch für dich AM BESTEN ist, wenn es bleibt und nicht „Palästina“ wird. Ich weiß nicht, ob die Kanzlerin das Problem an dieser Geschichte ist – kann sein, denn Rostoick ist ja wohl ihr Wahlkreis. Ich wünsche aber, aus Gründen der Gewaltfreiheit, dass ich den Rostocker LehrerInnen von Reem niemals begegnen werde.

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