Gegen Amis und Rothschilds: Kapitalismuskritik bizarr

Johannes Voggenhuber, österreichischer „Grünen“-Politiker der ersten Stunde, hat in seiner langen Karriere viel Schlaues gesagt, manchmal seine Position gewechselt und auch viel nur halb Durchdachtes von sich gegeben. Derzeit veröffentlicht er auf Facebook eine Artikelserie, die sich mit der deutschen Hegemonialpolitik in Europa befasst die in einem Satz ihre Zusammenfassung so findet:

Längst hat in Berlin die Errichtung eines transatlantischen politischen Regimes unter der Hegemonie der USA mit einer von ihnen erwünschten deutschen Vormachtsrolle die Vision der Einheit Europas abgelöst“.

Da ist er wieder, der alte Antiimperialist, der sich die Welt nicht anders zu erklären weiß als mit einem Rückgriff auf simplifizierende Verkürzungen, die ungute Entwicklungen nicht anders deuten können denn als hierarchische Verschwörungsketten, an deren Spitze US-amerikanische Meister und Lenker stehen. Das zieht dann ein entsprechendes Publikum an, welches ausspricht, was Voggenhuber nur andeutet, wie dieser Screenshot eines Postings unter dem Voggenhuber-Text zeigt:

voggenhuber

Die verkürzte Kritik am real existierenden Kapitalismus und die falsche Analyse der Rolle Deutschlands kann gar nicht anderswo hinführen als zu antiamerikanischen und antisemitischen Ressentiments. So wird dann zum Beispiel aus dem gemeinschaftlichen Interesse des US-amerikanischen und deutsch dominierten europäischen Kapitals, Handel und Investitionen zu erleichtern, die Deutung von Freihandelsabkommen als amerikanische Finte, obwohl der Exportweltmeister Deutschland von solchen Abkommen stärker profitieren wird als die USA. Ganz gewöhnliche kapitalistische Interessenspolitik wird moralisch und letztlich antiamerikanisch interpretiert, da es sich noch nicht bis Voggenhuber und Leuten, die ähnlich wie er denken, herumgesprochen hat, dass der Kapitalismus nicht „amerikanisch“ ist, sondern das aktuell weltweit unbestritten herrschende Verhältnis, dessen einziges Interesse die Mehrung von Profit ist. Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Erde verfolgt im Auftrage seines Kapitals jene Politik, die diesem nützlich ist. Dabei befindet es manchmal in Übereinstimmung mit anderen Nachtwächterstaaten, manchmal in Konkurrenz zu diesen. Wie wenig Einfluss die USA auf Deutschland inzwischen haben, ließ sich in den vergangenen Jahren gut beobachten. Die vielen Bitten aus Washington, es doch statt mit Austerität mit antizyklischer Wirtschaftspolitik zu versuchen, stießen auf taube Ohren. Die USA haben nämlich ein Interesse an einem stabilen Europa, das nicht in Elend und Chaos versinkt. Deutschland dagegen verfolgt unbeirrt uralte Hegemonialziele und rechnet sich aus, endlich dorthin zu gelangen, wohin man schon zweimal mittels Krieg wollte, nämlich zu einem völlig deutsch dominierten Europa, dessen einziger Zweck es sein soll, verlängerte Werkbank sowie Supermarkt für deutsche Einkaufsgelüste zu sein. Nicht amerikanische, sondern deutsche „Investoren“ kaufen derzeit die privatisierten griechischen Flughäfen.

Statt den Kapitalismus als gesellschaftliches und wirtschaftliches Verhältnis zu erkennen, können Voggenhuber & Co nicht anders, als ihn nicht als Ursache, sondern als Produkt politischen Handelns zu missdeuten. Das mag psychologisch entlastend wirken, aber es ist falsch und führt zu falschen Analysen und zu falschen Vorstellungen von der Realität. Und das wiederum ist ein Humus, auf dem Verschwörungstheorien wachsen und jener Wahn gedeiht, der inzwischen schon wieder großen Teilen auch des linken Spektrums die Hirne dermaßen vernebelt, dass Querfronten mit Nationalisten und Antisemiten gebildet werden.

Nachtrag: Auch ein weiteres „grünes Urgestein“ lässt dieser Tage seinen alten antiamerikanischen Fantasien freien Auslauf.

pilz

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

8 Gedanken zu „Gegen Amis und Rothschilds: Kapitalismuskritik bizarr“

  1. „… nicht anders, als ihn (den Kapitalismus) nicht als Ursache, sondern als Produkt politischen Handelns zu missdeuten.“ – Hab Dank für diese für mich neue Sichtweise! – Ja, Griechenland. Und vor allem der Iran. Es war zum Kotzen wie Gabriel & Co. als erste hingelaufen sind. Die Iraner, ich meine die Führung, sind ja keine Kapitalisten. Oder? Gibt es überhaupt ein anderes Wirtschaftssystem, das funktioniert, so schlimm dieses aus ist?
    lg
    caruso

  2. Bernhard Torsch: Anstatt mir hier auf meinen sachlichen Einwand zu antworten, haben Sie es vorgezogen, meine Aussagen zum Führungsanspruch Deutschlands in ihrem Blog zu einer Kapitalismuskritik zu verfälschen (die ich mit keinem Wort unternommen habe) und in ihr bizarres ideologisches Gebräu zu tauchen. So weit Ihre Sache. Mich aber wegen einer nüchternen Erwähnung der Hegemonie der USA über Europa (ein in den USA selbst völlig unbestrittener Sachverhalt) nicht nur des notorischen Antiamerikanismus zu bezichtigen, sondern mich damit sogar ausdrücklich in die Nähe des Antisemitismus zu rücken, ist eine persönliche Diffamierung, eine perfide Unterstellung und eine Verleumdung meines ganzen intellektuellen und politischen Lebens und Denkens. Für jemanden, dessen Mutter von der US-Armee aus Dachau befreit wurde, ist Ihre Unterstellung auch noch eine schwer zu übertreffende, bodenlose Dummheit. Ich setze Sie daher davon in Kenntnis, dass ich Sie hiermit entfreunde und blockiere.

  3. @Johannes Voggenhuber August 25, 2015 um 11:23 Im Gegensatz zu Ihnen entfreunde ich keine Andersdenkenden, bezeichne das aus gleichem Grunde auch selten mal „bizarres ideologisches Gebräu“, da ich „fertige“ und damit geschlossene Ideologien aller Coleur als Theorien ablehne.
    „Zum Dank“ dafür werde ich gelegentlich jedoch auch von B. Torsch gern mal ausradiert oder verschluckt, so wie mein letzter Kommentar hierzu, wenn ihm Andersdenkerei nicht paßt oder ihn das widerlegt.
    Ich führe das auf zuviel erhalten gebliebene Jugend zurück, die halt noch nicht gelernt hat, zu ertragen, daß der gleiche Fakt auch von einer völlig anderen Seite , oder von oben wie von unten betrachtet zu anderen Erkenntnissen führen kann, ja sogar muss.
    Während ich nun viele Ihrer Sichten mit Sympathie teile, trifft das auf Ihre Wertung dieses Torsch-Textes keinesfalls zu:
    „haben Sie es vorgezogen, meine Aussagen zum Führungsanspruch Deutschlands in ihrem Blog zu einer Kapitalismuskritik zu verfälschen (die ich mit keinem Wort unternommen habe) und in ihr bizarres ideologisches Gebräu zu tauchen“ – Diese Verfälschung kann ich nicht erkennen.
    Jede Politik im Kapitalismus ist von diesem wie auch immer geprägt, ob das paßt oder nicht. Und der von Ihnen (und übrigens heftigst auch von mir im „untergegangenen“ Kommentar) angeprangerte „Führungsanspruch Deutschlands“ als Europa-Statthalter der USA ist von mir nur so zu nennen mit gleichzeitiger Einordnung dieser Politik (und zwar auf US- und D-Seite) in Kenntnis, dass das typische kapitalistische imperial-Politik ist.
    Wer also diesen bereits längst implantierten „Führungsanspruch Deutschlands“ für die US-Statthalterei Europa anprangert, wendet sich damit automatisch gegen kapitalistische Großmannssucht, die sogar auch schon (für „alle Fälle“ daß Deutschland es vermerkelt) den Ersatzstatthalter Polen plaziert und protegiert hat, was nicht mehr zu leugnen ist.
    Sie sehen, es geht also in Ihrem und Torschs Thema weniger um die „edle“ Deutschheit des Problems, sondern um schnöden kapitalen Imperialismus, der (andere) Nationale Interessen nur benutzt, um eigene „Nationale Interessen überall auf der Welt so durch zusetzen, wie es für die Nationalen Interessen der USA erforderlich ist“ (Obama öffentlich auf Westpoint vor der gesammelten militärischen und Weltmedienpräsenz und anderswo).
    Wie das nicht als (eine) Kapitalismuskritik behandelt werden soll, erschließt sich mir nicht.
    Zudem erschließt sich – an Herrn Torsch gewandt – auch nicht, was diese in der Weltpolitik frei kursierenden Fakten mit Antiamerikanismus oder mit Antisemitismus zu tun haben könnten.
    Wie schon gesagt: Jugendliche temperamentvolle Stürmerversuche zur Selbstfindung, die Antiimperialistische, Antikapitalistische Sichten oder Kritik an gegenwärtiger nordamerikanischer Globalpolitik mal fix mit Antiamerikanismus verwechseln, rechtfertigen aus meiner Sicht keine „Entfreundung“ oder „Löschung“, denn gerade deshalb ist im Gespräch zu bleiben, meinen Sie nicht auch, Herr @Johannes Voggenhuber?
    Wenn doch, erinnerte mich das doch schon eher an preußisch-teutsches Vollständigkeitsstreben in der „Bereinigung“ des persönlichen Umfeldes.

  4. Grotesk-ekelerregend diese Österreicher. Weit entfernt von jeglicher Mündigkeit, der Fähigkeit zutreffende Kritik anzunehmen oder die debil-infantile Trotzigkeit („Sie hiermit entfreunde und blockiere“) wenigstens im Stillen zu vollführen, nein, letztere wird auch noch empört und selbstgerecht in die Welt posaunt, die, falls sie nicht dem gleichen unterirdischen Milieu entstammt, sich kaputtlacht ob dieses schamlos vorgetragenen Kretinismus.

  5. Erstens finde ich es nicht gerechtfertig, jemanden dafür derart heftig zu kritisieren, was für Art von Kommentaren unter seinem Posting stehen – also von anderen Personen geschrieben wurden.

    Zweitens vereinnahmt dieser @Hahaha gleich alle Österreicher, um sie seiner hochmütigen und selbstgefälligen Kritik ad hominem zu unterziehen. Wirklich jenseits aller guten Sitten und widerwärtig! Sie sollten sich was schämen!!

  6. @Lindwurm

    Nicht amerikanische, sondern deutsche „Investoren“ kaufen derzeit die privatisierten griechischen Flughäfen.

    Nicht überall, wo „deutsch“ draufsteht, ist auch „deutsch“ drin. Das müßte mittlerweile doch schon allgemein bekannt sein…..

  7. @ Johannes Voggenhuber:
    Nehmen Sie es dem Betreiber dieses Blogs nicht so übel. Er ist, wie ich und viele andere auch, ein Benachteiligter in diesem Land.
    Aber leider ist er nicht in der Lage, die Tücken anderer Länder und deren Systeme zu erkennen. Man fragt sich, ob Sie, Lindwurm, je in Amerika waren. Dort geht man mit Benachteiligten anders um, aber der Outcome ist sehr ähnlich, wenn nicht sogar schlimmer.
    Dasselbe zur Israelkritik. In jedem Ihrer Beiträge betonen Sie, dass man selbstverständlich Israel kritisieren müsse, nur um nach dem Komma sich zu beeilen, warum das nicht getan werden dürfe. Antisemitismus. Und? Im Fahrwasser der Palästinenserkritik tummeln sich auch viele Rechten.

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