Etwas stimmt nicht

Etwas stimmt nicht. Ich sehe, wie sich viele Leute herzlich um Refugees kümmern und Löcher in die Mauer aus absurden Gesetzen und rechtspopulistisch motivierten Regelwerken, mit der Europa sich Flüchtlinge vom Hals halten will, schlagen, aber etwas riecht seltsam. Ich schnuppere erneut, intensiver. „Bild“ schreibt nicht mehr täglich, welch üble Schmarotzer, verkappte Islamisten und zum Verbrechen tendierende Untermenschen die Flüchtlinge seien, sondern verteilt Sticker mit der Aufschrift „Wir helfen“. Der Geruch wird stärker. Deutsche Politikerinnen erklären mal die Dublin-III-Regelungen für außer Kraft gesetzt, mal bauen sie Lager für Flüchtlinge vom „Westbalkan“, vulgo Roma. Aktivisten fahren nach Budapest und laden Refugees in ihre Privatautos, um sie nach Österreich zu bringen, wo sie dann in Lager kommen. Weniger schlimme Lager als in Ungarn, aber Lager.

Etwas stimmt nicht. Die, die sich in Opposition zum Unrecht der europäischen Abschottungspolitik wähnen, kratzen an den Oberflächen des Systems und wollen es hübscher machen, weniger bösartig, aber nicht für alle. Menschen, die sich von Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen bis hierher durchgeschlagen haben, sind fitte und oft gut ausgebildete, meist junge Leute. Die, die ihnen nun helfen, ob in den Bahnhöfen oder in den Lagern, sind meist ganz gut verdienende Leute oder wenigstens solche, die noch Kraft und Zeit dafür haben, andere zu unterstützen. Ein bisschen ist es so, als hülfen die Starken anderen Starken.

Etwas stimmt nicht. Welch skandalöse Truppe die Orban-Regierung ist, wird jetzt angeprangert, da sie ihre Krallen in Menschen schlägt, die man in Deutschland ganz dringend willkommen heißen will, da man in Berlin festgestellt hat, dass man Zuwanderung braucht, will man weiterhin Exportweltmeister sein. Aber nicht jeder soll zuwandern dürfen. Jeder findet die Grenzzäune, die die ungarische Regierung aufstellen lässt, entsetzlich, kaum jemand findet es entsetzlich, wer diese Zäune aufstellen muss, nämlich zur Zwangsarbeit verpflichtete Roma. Teilweise sind es tatsächlich dieselben Leute, die die ungarische Flüchtlingspolitik zu Recht verdammen, die bei sich zuhause Roma-Lager polizeilich räumen lassen. Oftmals dieselben Leute, die Verständnis haben oder zu haben vorgeben, wenn Menschen vor Krieg und existenzieller Not flüchten, nehmen es klaglos hin, dass Roma wieder zurückgeschickt werden in die Länder, in denen sie unter Umständen leben, aus denen jeder Fluchtversuch mehr als verständlich erscheint.

Etwas stimmt nicht. Es tut sich vieles, das man gut finden muss, es regt sich allerlei Mitmenschlichkeit. Aber die ist nicht universell, sondern selektiv. Und sie ist privat. Privatinitiativen können so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind, und niemand hat einen Rechtsanspruch auf sie. Wer Solidarität verdient und wer nicht, wird scheinbar beliebig, aber in Wirklichkeit wohl mindestens unbewusst daran festgemacht, welche Menschen sich als „nützlich“ erweisen können. Dass kein nennenswertes deutschsprachiges Medium von den tausenden Toten berichtet, die die britischen Sozialkürzungen binnen weniger Monate verursacht haben, ist so vielsagend wie die überschaubare Zahl an Aktivistinnen, die sich für die Roma einsetzen. Vielleicht unbewusst, verschüttet unter dem ideologischen Müll, mit dem sich das Bürgertum moralisch durch den Tag rettet, erkennt man in jenen, die tausende Kilometer und über viele oftmals tödliche Hindernisse hinweg den Weg bis nach Mitteleuropa schaffen, solche, die zu „retten“ sich auszahlt, weil sie offenbar stark genug und Willens sind, sich im Sozialdarwinismus durchzusetzen.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

11 Gedanken zu „Etwas stimmt nicht“

  1. Mitmenschlichkeit ist ein zartes Pflänzchen, das gehegt und gepflegt werden muss. Wenn sie (noch) unbeholfen und unstet daherkommt, wird sie dadurch nicht schlechter. Wir können mit den kleinen, einfachen Gesten nicht warten, bis wir die Übel der Welt mit der Wurzel ausgerottet haben.
    Ich war vor ein paar Tagen in einem Flüchtlingsheim, um – gute – Kleidung abzugeben. Das war o.k., und sie war willkommen. Die Kuscheltiere meiner inzwischen erwachsenen Kinder habe ich aber wieder mitgenommen, nachdem ich die Berge von Kuscheltieren gesehen habe, die dort schon lagen. Gut – Fehleinschätzung eben; ja, Unbeholfenheit durch Unkenntnis. Aber irgendwo muss man ja anfangen, zu helfen. Unsicherheit und fehler sind dabei unvermeidlich, und keine Schande. eine Schande ist es nur, nichts zu tun.
    Natürlich riecht es komisch, wenn selbst die Bildzeitung plötzlich zu Hilfe aufruft. Soll es doch. Es ist besser, als wenn sie weiter Teil des Hetze-Chors ist. Die vorgetäuschte Ehrlichkeit muss ich ihr ja nicht abnehmen.
    Dass Politikerinnen und Politiker anlässlicher konkreter Katastrophen wie dem Todesbus einfach mal einen Moment die Klappe halten und einfach nur ihren Job machen sollten, steht auf einem anderen Blatt.

  2. Ich habe ja noch einen viel unangenehmeren Verdacht, warum Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan geholfen wird, aber nicht den Roma vom Balkan. Ich sage es mal so: Mit Syrien, dem Irak und Afghanistan verbindet uns keine gemeinsame Vergangenheit – für die Roma deutlich schlimmer als für die Deutschen. (Tut mir leid – manche Dinge kann ich nur sarkastisch ausdrücken.)

    Richtig unangenehm wurde mir zumute, als ich gestern einen Beitrag der ARD zu Flüchtlingen 1945 ansah – mit Triggerwarnung: Die Flucht aus den „Ostgebieten“ wird als „Todesmarsch“ bezeichnet. Ich hoffe mal, dass außer mir noch andere gemeckert haben: http://www.ardmediathek.de/tv/report-M%C3%9CNCHEN/70-Jahre-nach-Flucht-und-Vertreibung-Au/Das-Erste/Video?documentId=30360148&bcastId=431936

    Von Tausenden von Toten durch britische Sozialkürzungen habe ich tatsächlich nichts mitbekommen. Hast du einen Link?

  3. Ja, Lindwurm, all das stimmt nicht, alles, bis auf dein Hinweis zur Bildzeitung – die hat schon immer die Seegel in den Wind gerichtet, der gerade bläst, Käufer heranbläst – das Ruder dabei jedoch nie geändert!
    Also nichts ist mit „sogar die Bildzeitung…“, denn wo wenn nicht dort können die „privat helfenden“ Mittel- und Wohstandsständler besser ihr humanes Gewissen erleichternd präsentieren – also: Bild bleibt das, was dieses Blatt immer war: Erst aufheizen, dann abschöpfen und währenddessen neue Käufer requierieren, außer Verwirrung ohne Belang für Gesellschaft.

    Dennoch ist zugleich zu erwähnen, daß wir uns freuen sollten, wenn auch gut gestellte Bürger endlich ihr „privates“ Flüchtlingsherz entdecken, die Vorstellung, daß diese auf der anderen (!) Seite Lärm machen und die Flüchtlinge auch noch auf diesen bescheidenen „privaten“ Teil von Hilfe zu verzichten hätten, wäre wohl weit gruseliger.

    Allein das „Zuviele Kuscheltiere-Erlebnis“ von Stephan-Michael Patzke dokumentiert im Kleinen die Misere der amtlichen Koordination durch unsere (uns repräsentierende!) Polit-Demokraten, die uns regieren wollen: Zu spät bemerkt, zu lange verdrängt, politische Parteienstreitereien im Vordergrund, andere Hinweise auf bevorstehende Eskalation und mangelnde Vorbereitung mit „Kalten Herzen“ und „Schande für Deutschland“ beschimpft, um von eigener Erstarrung abzulenken, Hochspielen anderer Fragen in der Ukraine und Griechenland solange eskalieren und zuspitzen, bis die Frage der vor ihrem physischen Verderben flüchtigen Menschenmassen endlich als „größte Herausforderung der EU und Deutschlands seit der Vereinigung Deutschlands“ sich den Platz bei den Politikern erkämpft (!) hatte, der sich weder aufschiebbar noch umschleichbar sich weiter vermerkeln läßt.

    Und noch immer weder eine Handlungsfähigkeit der 28 EU-Staaten (Beweis, dass EU damit nicht „leitbar“ ist, wie jede wissenschaftliches Management das darstellen kann: bis 7 Teilkomponenten gut leitbar, bis 10 mit Emergenzverlusten und alles über 10 nicht mehr bzw. nur ohen Effekt leitbar), noch eine amtliche Verlautbarung der EU oder der deutschen Regierung mit der Forderung, sofort alle geopolitischen und weltpolizeilichen Raffgelüste in der Welt mit ihrem Militär- und Kriegsexport und der Zerstörung von Staatsstrukturen und statt angesagtem „Demokratieimport“ nur „Massenhafte Produktion von Flüchtlingen“ aus solchen zerstörten lebensunwerten Krisenländer zu beenden.

    All diese Probleme treffen sich, kulminieren in der Lage und staatlichen Behandlung der Rom:
    Erst werden Länder in die EU aufgenommen, die diese Frage im eigenen Land entgegen aller EU-Kriterien nicht der allgemeinen Menschlichkeit zuführen wollen (z.B. Tschechien, Slowakei, Ungarn), und das u.a. von Ländern, die das selber nicht beherrschen (wollen?) wie Frankreich, dann wird neues Nationbuilding durch Zersprengen Jugoslawiens militärisch forciert – wieder ohne Rücksicht auf dort lebende Rom (Eu-bestellter Nationalismus pur im Namen der „Menschlichkeit“), dann sogar hinterhältige fadenscheinige Änderung von Flüchtlingsanerkennung durch Bestellung „sicherer Herkunftsländer“ in den maßgeblichen (new-Nations) Rom-Ländern, deren Rom-Verfolgung und -Diskriminierung EU-weit damit ausgeblendet werden sollen und weitere Rom gleichzeitig aus der EU ferngehalten werden sollen – nun sogar mit dem hilf- und glücklos Flügel schlagenden Erzbengel der SPD Gabriel vornweg …

    Und schließlich aus vorrangig gleichem Rom-feindlichen Grunde die Spaltung der EU, wieder:
    ehem. „Stammländer“ der Rom wie Polen, Tschechei, Slowakei, Litauen, Lettland Ungarn etc.: Fluchtasyl „ja – aber … lieber nicht für fahrendes Volk, also dann lieber Totalblokade in der EU.

    Die EU hat syrische Verfolgte „gern“, aber, nachdem das staatliche Verbot des Judenbashing den Etablierten das einst „ewig schuldige Schimpf- und Druckvolk“ genommen hat, wird ein neuer Sündenbock indirekt gebasht: die Rom, denen „syrische Christen“ unbedingt als Zureisende vorzuziehen sind.
    Erst wenn die EU diese Frage laut Statut einvernehmlich zur strikten Gleichbehandlung der Rom in allen EU-Ländern gepackt hat, und das überall im gleichen Standard, kann diese so hochstapelnd beschworene „Wertegemeinschaft“ EU sich als solche und so funktionierende bezeichnen.
    Bis dahin erleben wir in teils naiver und teils extrem devoter Vasallentreue zu vorgeblichen atlantischen „Werten“ einen Haufen von nationalistisch (nicht: national) egozentrierten Hochstaplern anstelle einer Gemeinschaft von Staaten, die willens und in der Lage ist, aus Werteorientierung das Leid in der Welt nicht zu verschieben und zu exportieren sondern es zu beenden.

    Das ist es wohl, was nicht stimmt:
    Die „Wertegemeinschaft“ ist nicht, was sie uns vorGaukelt.

  4. Was reißt denn hier ein? Hier rebloggt ein „gewisser“ Lothar Harold Schulte – ein einschlägig vorbestrafter BRD-Neo-Nazi par exellance!
    Vielleicht solltest Du da mal Stellung zu beziehen, Dich äußern?

  5. Ja, man hat uns in unserer westlichen Welt gelehrt, das zu schätzen, was wir als „Freiheit“ empfinden – zu sagen, was wir denken (ohne Folgen befürchten zu müssen), uns informieren zu können (ohne Propagandaschemen zu unterliegen), reisen zu können, wohin wir wollen usw.
    Das alles ist viel wert, aber es unterliegt einer zunehmend diktatorischen sozialen Kontrolle, weil immer mehr Menschen von diesen Freiheiten ausgeschlossen werden und für diesen Ausschluß auch noch stigmatisiert werden. „Kein Geld haben“ ist eine dieser Möglichkeiten, eine andere ist „sich nicht verkaufen können“. Menschen werden auf ihre profitable Verwertbarkeit reduziert, oder reduzieren sich selbst darauf.
    Wir dürfen jedoch nicht aufgeben, uns dagegen zu wehren.
    Blogs wie der von lindwurm helfen dabei sehr.

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