Wien wählt: Der degenerierte Klassenkampf

Kommenden Sonntag wählt Wien. Kann sein, der Schock vom Oberösterreichischen Wahlergebnis und die Zuspitzung des Wahlkampfes auf ein Rennen um den ersten Platz zwischen FPÖ und SPÖ mobilisiert all jene, die bei aller Kritik an den Sozialdemokraten keinen FPÖ-Bürgermeister haben wollen. Kann also sein, es wird alles halb so schlimm. Kann aber auch sein, der Strache wird der große Sieger. Die Arbeiterklasse hat in Oberösterreich schon zu über 60 Prozent die Freiheitlichen gewählt. Weil diese Klasse vor Wut kocht.

Objektiv betrachtet hätten die Arbeiter und alle anderen außer den Hardcorerechten keinen Grund, in Wien aus Protest die FPÖ zu wählen. Die Stadt ist trotz einiger Dekadenzerscheinungen, die eine jahrzehntelange parteipolitische Dominanz mit sich bringt, immer noch äußerst lebenswert und gut verwaltet. Gerade die sozial Schwachen leben in Wien besser als in den meisten anderen Städten der Welt. In Wien, und das ist global gesehen fast einzigartig, muss niemand obdachlos sein. Es gibt natürlich trotzdem Obdachlosigkeit, aber die Stadt beschafft jedem, der sich an die zuständigen Stellen wendet, eine Wohnung. Die Wiener Obdachlosigkeit ist keine, die auf materielle Not zurückzuführen ist, sondern liegt meist an schweren psychische Beeinträchtigungen der Betroffenen, die Hilfsangebote nicht mehr annehmen können oder wollen. Diese Art von Obdachlosigkeit könnte man nur bekämpfen, indem man Zwangsmaßnahmen gegen die Obdachlosen ergreift und sie in Heime sperrt. Auch bei der Gewährung der Mindestsicherung und anderer Sozialleistungen ist Wien recht großzügig.

In Wien lebt man auch in Arbeiterbezirken recht gut. Die Stadt bemüht sich nach Kräften, die Außenbezirke nicht zu vernachlässigen und keine Slums entstehen zu lassen. Die Freizeitangebote sind vielfältig, der Öffentliche Nahverkehr ist so gut ausgebaut, dass niemand auf ein Auto angewiesen ist. Egal, wo man wohnt, man ist mit der U-Bahn in wenigen Minuten im Grünen. In internationalen Vergleichen landet Wien verlässlich unter den drei Städten, die weltweit als die lebenswertesten gelten.

Und dennoch könnte es sein, dass die Sozialdemokraten, die das alles ermöglicht haben, abgewählt werden. Das aber hat nur sehr wenig mit der Stadtpolitik zu tun. Die Wut und die Unzufriedenheit richten sich allenfalls symbolisch gegen das Rathaus. Darunter köchelt ein Hass, der sich aus den Verschiebungen der Machtverhältnisse speist, die die Globalisierung mit sich gebracht hat. Die Lohnabhängigen merken, dass ihre Realeinkommen seit 20 Jahren sinken und gleichzeitig die soziale Absicherung immer löchriger wird. Sie merken auch, dass die Schicht der Gewinner immer reicher wird. Da es aber keine ernsthaften linken Alternativen zu geben scheint, wählen sie rechts in der Hoffnung, die Rechten würden das tun, was die FPÖ auf Wahlplakaten verspricht, nämlich „Rache“ zu nehmen. Rache für Lohnkürzungen. Rache für demütigende Erfahrungen mit dem Arbeitsamt. Rache für eine Politik, die den Menschen immer nur sagt, sie müssten sparen.

Dass die FPÖ eine Partei der Industriellen, der Großgrundbesitzerinnen und der akademischen Spitzenverdiener ist und daher nicht im Traum an Verbesserungen für die Arbeiterklasse denkt, wird einerseits zu selten thematisiert und ist andererseits denjenigen, die vor Wut blind geworden sind, inzwischen egal. Die Zornigen wollen gar kein besseres Leben mehr für sich, denn solche Gedanken hat man ihnen gründlich ausgetrieben, sie wollen ein schlechteres Leben für andere. Das ist die degenerierte Form dessen, was früher mal der Klassenkampf gewesen ist. Wem immer gesagt wird, er brauche sich keine Hoffnungen mehr auf Verbesserungen machen, sondern müsse sich im Gegenteil an ständige Verschlechterungen gewöhnen, dessen Gerechtigkeitsgefühl pervertiert zum Neid auf jene, denen es besser geht, und diesen Neid bedient die FPÖ schon seit den Zeiten Jörg Haiders

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

2 Gedanken zu „Wien wählt: Der degenerierte Klassenkampf“

  1. Diese Form der Demokratie muss untergehen, weil sie der Stimme eines Dummkopfes genauso viel Gewicht verleiht wie der eines Bürgers, dem das Wohl anderer am Herzen liegt. Helfen kann da nur die direkte Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Auch in einer Demokratie ist nicht alles erlaubt, wenn es die Mehrheit will. Menschenrechte sind zum Beispiel Dinge, die nicht verhandelbar sind.

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