Zeit des Wahnsinns

Das für mich Deprimierendste daran, in einer Welt des permanenten Krieges zu leben, ist das immer erbärmlicher werdende und den Verstand ebenso wie das Gefühl beleidigende Niveau der Propaganda, mit der die Kriege, die weltweit toben, gerechtfertigt oder kritisiert werden. Ich gebe zu, dass das eine radikal egoistische Sicht ist, da ich das Glück habe, in einer vom Krieg bislang verschonten Weltgegend zu leben. Was außer radikalem Egoismus und dem Rückzug ins Private bleibt einem aber noch, wenn die einen ihren Wahnsinn als Rationalität verkaufen und die anderen sogar darauf noch verzichten und ganz offen in die Welt hinaus brüllen: „Wir sind verrückt, Folgt uns“?

Eine Auswertung von Papieren des US-Militärs über die Effektivität der Drohnenkriegsführung ergab jetzt, dass rund 90 Prozent jener Menschen, die bei Angriffen der ferngesteuerten Tötungsmaschinen ums Leben gebracht wurden, keine Zielpersonen waren. Es waren Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Kollateralschäden nennt man diese, wie wir seit dem Kosovokrieg 1999 wissen, als NATO-Sprecher Jamie Shea lächelnd erklärte, im Kreißsaal totgebomte Serbinnen seien halt der Preis dafür, wolle man „das Böse besiegen“. Inzwischen hat man, ganz im Sinne neoliberaler Effizienzsteigerung, Shaes einstigen Posten faktisch eingespart und führt einfach überall dort, wo es einem passt, so Krieg, wie es einem passt und gegen wen es einem gerade passt. Die Rechtfertigungsarbeit dafür wurde an das kommentierende Gewerbe outgesourcet, welches dafür großteils nicht einmal bezahlt werden muss. Die Sozialen Medien und die Blogosphäre sorgen dafür, dass so viel ideologischer Scheißdreck fabriziert wird, um sicher zu stellen, dass sich immer ausreichend Texte finden lassen, die noch das größte Verbrechen als Dienst an der Menschheit darzustellen versuchen.

Ich war einer von den Leuten, die solcherlei Texte produziert haben.

Mir erschien der Wahnsinn, der von terroristischen Banden ausgeht, so bedrohlich, dass ich den Denkfehler beging, jedes Mittel sei gegen Al Quaida, die Taliban, Boko Haram, den Islamischen Staat und andere Drecksackvereine gerechtfertigt. Das ist auch gar nicht falsch, würden die, die vorgeben, gegen diese Speerspitzen der Barbarei zu kämpfen, dies wirklich tun. In Wirklichkeit wurden und werden zwar Kriege geführt, bei denen Hunderttausende verrecken, doch am Ende des Tages ziehen wieder die Taliban und Kundus ein und sind die Mädchen, die Boko Haram entführt hat, immer noch Sklavinnen der Jihadisten. Schlimmer noch: Während man so tut, als führe man einen Krieg gegen den Terror, zählt man Regime, die sich ideologisch und praktisch kaum von den Zielen und Aktivitäten islamistischer Banden unterscheiden, zu den Verbündeten, macht gute Geschäfte mit ihnen und beliefert sie mit Waffen. Neuerdings zählt auch der Iran zu den Staaten, mit denen zu kungeln sich niemand mehr schämt, obwohl kein anderes Regime, mit Ausnahme Saudi Arabiens vielleicht, den globalen Terrorismus dermaßen tatkräftig unterstützt wie die Mullahs und kaum ein anderer Staat eine dermaßen verheerende Menschenrechtslage aufweist.

Und es kommt noch schlimmer. In Syrien und in Libyen ist die Vorgehensweise und Bündnispolitik des Westens dermaßen widersprüchlich, kontraproduktiv und, sprechen wir es aus, irrsinnig, dass daneben der russische Interessensimperialismus mit all seiner Brutalität fast rational wirkt. Gestern war Al Quaida der Satan, heute sind die Gruppen, die aus dem syrischen Ableger der Bande entstanden, „unsere“ Kumpel im Krieg gegen Assad. Und selbst Assad könnte morgen schon wieder unser guter Freund sein. Dieser Wahnwitz ist nicht mehr dadurch erklärbar, dass das halt eine furchtbar komplizierte Welt sei, die sich stündlich ändere, sondern viel mehr durch einen nahezu totalen Verlust jeglicher moralischer Motive, was wiederum auf den Bedeutungsverlust der Politik zurückzuführen ist, die außer militärischem Aktionismus, der nichts bringt außer Tod und Verwüstung, keine Vorstellung mehr hat, was sie eigentlich will und wie sie das erreichen wollen soll. Der globale Kapitalismus hat alles andere an den Rand gedrängt und entscheidet nahezu selbständig darüber, wo Menschen noch leben können und wo sich das nicht mehr rentiert. Ergibt die betriebswirtschaftliche Rechnung für ein Gebiet ein fettes „Unrentabel“, dann werden diese Länder einfach abgeschrieben. Da sich die Menschen dort trotz massiver Fluchtbewegungen aber nicht in Luft auflösen, fangen Regenten und Rebellen an, um die letzten Reste zu raufen. Und die Ideologie ändert sich. In den vom Weltmarkt zunehmend abgeschnittenen Regionen machen sich mittelalterliche Islamvarianten nicht deswegen breit, weil sie so furchtbar attraktive Angebote hätten, sondern weil in solchen Regionen nur mehr ein dem Mittelalter entsprechendes Lebensniveau erreichbar ist.

Dass regressive Banden in abgehängten Weltgegenden auch starken Zulauf aus dem Westen haben und auch in den westlichen Staaten selbst sich salafistische Sekten zunehmender Beliebtheit erfreuen, sollte niemanden überraschen, der in den vergangenen 30 Jahren erlebt hat, wie in einem Kuhkaff nach dem anderen Mittelalterfeste gefeiert wurden. Was die einen noch als temporäre Flucht aus einer ihre Versprechen nicht einhaltenden Moderne praktizierten, als Neuauflage einer schon zu ihrer Zeit irrationalen Romantik, sehen die anderen nun als ernst gemeinte Perspektive, dem demütigenden Verwertungszwang des Spätkapitalismus zu entrinnen. Dort, im erträumten und vermeintlich klar geregelten Mittelalter, warten freilich nicht ein würdiges Dasein und eine sinnvolle Existenz, sondern der Schwarze Tod, Herätikerermordung, Folter, Sklaverei, Massenhysterie und Aberglaube. Und ewiger Krieg gegen „Ungläubige“. Dass gar nicht so wenige Menschen das alles immer noch für angenehmer halten als unsere aktuellen Zustände, sagt mehr über die menschliche Natur und den moralischen Zustand des Systems aus, als die Soziologenweisheit sich träumt.

Doch die Attraktivität mittelalterlichen Denkens ist kein Alleinstellungsmerkmal islamistischer Theokraten-Gangs, sondern frisst sich auch durch andere Religionen und Weltentwürfe. Ich will gar nicht mal auf antimoderne Abwehrbewegungen US-amerikanischer Evangelikaler oder israelischer Ultaorthodoxer hinweisen, die dürften ja ausreichend offensichtlich sein. Nein, man erkennt derlei auch in jenen Zusammenhängen, die von sich selbst immer noch meinem, sie wären links. Das neue große Ding der Linken ist ja die Dreieinigkeit von der P: Postmarxismus, Postmodernismus und Populismus. In der Realität bedeutet dies meist, den Kapitalismus verkürzt zu kritisieren, gegen „die da oben“ zu polemisieren und fest daran zu glauben, in alternativ geführten Suppenküchen läge der Keim der Weltrevolution verborgen. In Wirklichkeit ist das einzige, was dort keimt, die Regression, die sich von jener der Islamisten gar nicht so sehr unterscheidet. Und das bedeutet noch lange nicht, dass alternative Suppenküchen nicht konkret das Leid von konkreten Menschen lindern könnten. Auch die Refugees-Welcome-Bewegung tut Gutes und ermöglicht vielen das Überleben in einem System, das dieses Überleben offenbar nicht mehr vorgesehen hat. Free Clinics in Athen und Brötchenverteilung an mitteleuropäischen Bahnhöfen retten Menschenleben, keine Frage. Aber sie sind auch der offensichtliche Beweis dafür, dass zentrale linke oder genauer: humanistische Inhalte nicht mehr Teil der marktkonformen Demokratien sind. Die hätten nämlich Flüchtlinge zu Tausenden verhungern und erfrieren lassen, wäre es an ihnen gelegen. Das bedeutet natürlich auch, dass wir Zeugen der weitgehenden Marginalisierung linker oder auch bloß humaner Einstellungen werden und sehen, wie weit diese bereits der Vermarktwirtschaftung allen Seins Platz machen mussten. Eingedenk der absoluten Stille, die eine Mehrheit von im engen und auch im weitesten Sinne Linken dem Skandal entgegenbringt, dass in Europa, vor allem in Osteuropa und mittlerweile auch in Südeuropa und Großbritannien, Menschen zu Zehntausenden an behandelbaren Krankheiten sterben, verhungern oder Selbstmord begehen, ist diese Marginalisierung der Linken selbstverschuldet und ist zu sagen, dass die Linke keine Kraft und keinen Willen mehr hat, wenigstens das Recht auf Leben jedes Menschen zu verteidigen. Dass viele Linke inzwischen Befürworter der Euthanasie sind, ist dann nur mehr folgerichtig.

Wir sehen: Moralischer Verfall und Regression sind global auf dem Vormarsch. Und damit auch eine stetig wachsende Wahnproduktion quer durch alle Ideologien, womit wir wieder beim Beginn dieses Textleins wären, denn wo immer mehr Wahn und immer weniger Rationalität und Empathie sind, wird auch die Politik, werden auch die Kriege und deren Rechtfertigungen immer irrer.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

3 Gedanken zu „Zeit des Wahnsinns“

  1. Dass Drohnenangriffe in erster Linie Unschuldige treffen, ist seit langem bekannt. Zur Zeit lese ich die Jungle World gründlicher als „Le Monde Diplomatique“, aber als das noch andersherum war, habe ich dies mehrere Male in der Le Monde Diplomatique gelesen.

    Die Flucht vor der Moderne hat, glaube ich, weniger mit den nicht gehaltenen Versprechen der Moderne zu tun, als vielmehr damit, dass die Unsicherheit, die die Moderne mit sich bringt, für viele Menschen eine Belastung darstellt, und damit meine ich nicht nur die materielle Unsicherheit, sogar erst an letzter Stelle die materielle Unsicherheit, sondern vor allem, dass nicht mehr vorgegeben ist, wie man leben soll. Dann sehnt man sich eben ins idealisierte Mittelalter zurück. Wie verquer das ist, erkennt man daran, dass sich die wenigsten Menschen, die Mittelaltermärkte bevölkern, als leibeigene Bauern verkleiden. Die meisten sind Städter – häufig Handwerker oder Handwerkerinnen, was sehr interessant sein kann – oder Ritter und Burgfräulein. Man sehnt sich nach der Sicherheit der ständischen Gesellschaft – aber mit sich selbst an einem Platz, an dem es sich einigermaßen leben lassen lässt.

  2. @susanna14 – ich denke, Du hast recht. Alles auf den Kapitalismus zu schieben, auch wenn er natürlich eine große Rolle spielt, ist für mich ein wenig vereinfachend. Gefühle, Ideen können genauso wirken, wobei sicher eine Wechselwirkung besteht zwischen das Materielle und den Ideen, Gefühlen.
    lg
    caruso (ein altes Weib im 85. Lebensjahr).

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