Die Araber als die „wahren Nazis“?

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat den Neonazis dieser Welt ein unerwartetes Geschenk bereitet, als er in einer Rede vor dem Zionistischen Weltkongress behauptete, Hitler hätte die Juden bloß vertreiben, nicht aber ermorden wollen, wäre jedoch vom früheren Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, zum Völkermord sozusagen überredet worden. Dieser Großmufti war zwar ein großer Fan der Nazis und hatte versucht, im britischen Mandatsgebiet eine Pro-Nazi-Regierung zu errichten, und er war nachgewiesenermaßen ein Vernichtungsantisemit, aber unter seriösen Historikern besteht Einigkeit darüber, dass er keinerlei realen Einfluss auf Hitler ausübte und schon gar nicht der wirkliche Inspirator des Holocaust war. Hitler und al-Husseini trafen einander im November 1941. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Sondereinsatzgruppen der Wehrmacht und die SS bereits hunderttausende Juden auf dem Gebiet der von Deutschland überfallenen Sowjetunion ermordet. Zielstrebig und geplant. Die meisten Forscher gehen davon aus, dass die Nazis und auch Hitler persönlich spätestens im Sommer 1941 zumindest das osteuropäische und russische Judentum gesamtheitlich zur Ermordung vorgesehen hatten und es äußerst wahrscheinlich ist, dass im Laufe dieses Sommers in den höchsten Nazikreisen der Entschluss gefasst wurde, alle Juden, derer man habhaft werden konnte, vom Baby bis zum Greis, als Verschwörer gegen Deutschland zu betrachten und deren Vernichtung vorzubereiten.

Der Rassenantisemitismus war der Kern des nationalsozialistischen Denkens. Genauer: Der Wahn, es gebe höhere und niedrigere „Rassen“. Das primitive biologistische Denken der Braunen stellte sich die Nation gerne als menschlichen Körper vor, den man von „Schädlingen“ und „Parasiten“ befreien müsse, um ihn „gesund“ zu erhalten oder zu machen. Die Juden spielten in diesem Wahngebäude die zentrale Rolle als die Bösartigsten unter den „Volksschädlingen“. Die gesamte Propaganda der Nazis lief schon recht früh auf die völlige Dehumanisierung und Dämonisierung der Juden hinaus, was den später erfolgenden Genozid vorbereiten sollte. Niemand musste den Nazis sagen, sie sollten die Juden umbringen, da kamen die von ganz alleine drauf. Und schon gar nicht hätte sich Hitler von einem Araber Ratschläge erteilen lassen. Natürlich versuchten die Nazis, strategische Bündnisse mit den Arabern einzugehen, um den Briten zu schaden, aber im Denken der Nationalsozialisten waren Araber und andere muslimische Völker dennoch nur „Untermenschen“, die im zu schaffenden Nazi-Weltreich allenfalls als Sklavenbevölkerung am Leben gelassen werden sollten. Die historische Realität ist genau andersrum, als es Netanyahu darzustellen versuchte: Nicht die Araber/Muslime haben die Nazis beeinflusst, sondern die Nazis die Araber und Muslime. Die antisemitische Propaganda und vernichtungsantisemitischen Taten der Nazis wirken in arabischen Gesellschaften bis heute nach.

Netanyahus Versuch, die Shoah den Arabern umzuhängen, ist die wohl größte politische Dummheit des an Dummheiten nicht armen Jahr 2015. Es bleibt ein wenig rätselhaft, was er damit zu bezwecken versuchte. Vermutlich sollte es ein Signal an extrem rechte Kräfte in Israel und in Europa sein. Die Muslime als die wahren Nazis, das passt gut ins Bild der rechten Islamhasser vom Schlage der FPÖ, des Front National und der Pegida, die schon längst nicht mehr zwischen Taufscheinmuslimen und fanatischen Islamisten unterscheiden. Hängt man Muslimen auch noch den Holocaust um, exkulpiert man nicht nur neonazistische Bewegungen, sondern feuert einen bereits gefährlich hell lodernden Hass zusätzlich an. Ideologisch scheint mir die bewusste Verbalentgleisung Netanyahus genau an die extreme moderne Rechte anzukoppeln, an die identitären Bewegungen, die den Islam vor allem deswegen verabscheuen, weil er theoretisch internationalistisch ist und das Konzept ethnisch formierter Nationalstaaten ablehnt. Diese neue Rechte hat auch wenig gegen Juden, solange die in Israel wohnen. Auch hier erkennt man eine Übereinstimmung mit Netanyahu, der nach den Terrorangriffen in Paris die französischen Juden eilig zur Ausreise nach Israel aufforderte. Nicht wenige israelische Rechte spekulieren darauf, dass die extreme europäische Rechte bald das Sagen in Europa haben werde und fördern daher nach Kräften antimuslimische Ressentiments in der Hoffnung, ein rechtsextrem gewendetes Europa würde der israelischen Rechten freie Hand dabei lassen, Israel geographisch auszudehnen und die Araber weitgehend hinauszudrängen. Eine äußerst gefährliche Strategie.

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lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

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