Mein Smartphone ist besser als Jesus

Jüngst las ich ein israelisches Magazin. In einem Bericht, nicht in einem Kommentar, schrieb ein Autor, die Streitkräfte hätten irgendeinen besonders schwierige Auftrag mit „G´ttes Hilfe“ erfolgreich erfüllt. Dass so ein Bekenntnis zur eigenen Religiosität in den Nachrichtenteil der Zeitschrift gerutscht war, empfand ich als Symptom dieser Zeit, die ja nicht zuletzt durch eine Rückkehr der Religion gekennzeichnet ist (falls sich jemand fragt, ob das Wort „Gott“ oben einen Tippfehler enthalte – nein, enthält es nicht. Streng gläubige Juden schreiben „Gott“ nicht aus, da „Gott“ für sie stets der Name des Allmächtigen ist, auch dann, wenn es um das Konzept Gott geht, und den Namen Gottes auszusprechen oder zu schreiben, ist verboten). Aber nicht nur in Jerusalem, das religiös dermaßen aufgeladen ist, dass es mit dem „Jerusalem-Syndrom“ einen eigenen psychiatrischen Fachbegriff für metaphysisch unterlegte Wahnvorstellungen gibt, sind Religionen und deren kulturelle sowie politische Implikationen stärker als seit Jahrhunderten. Global sind Welterklärungen aus uralten Gedankengebäuden wieder en vogue. In jeder größeren Stadt gibt es Straßenecken, an denen einem Männer Bücher aufdrängen, deren Inhalte so lange Bärte haben wie deren Verteiler, und wo Gott, Allah, Buddah, Shiva und, sehr viel seltener, auch G´tt angepriesen werden, als wären sie Waschmittel, und zusätzlich gedeiht ein unregulierter spiritueller Schwarzmarkt, auf dem allerlei Mischprodukte traditioneller Religionen mit modernerem Quatsch, der vor der Anbetung von Fantasywesen wie Einhörnern nicht zurückschreckt, vermischt und zum Verkauf angeboten werden. Ohne die Knute erfundener Beschützer und Bestrafer mag der Mensch nicht sein.

Dabei wäre die Gelegenheit günstig, endlich einmal den Nihilismus als Chance zu erkennen, sich von all den Übervätern und ihrer strengen Moral zu erholen. Nihilismus ist immer noch ein meist negativ wertend gemeinter Begriff, über den Philosophen und Theologen seit Jahrhunderten streiten und der dann zum Einsatz kam, wenn der Eine dem Anderen Moral absprechen wollte, und der einem heute meist in oberflächlichen Kritiken des Kapitalismus und Konsumismus begegnet. Einfach nur Sachen zu produzieren, um Sachen kaufen zu können, auf dass die Produktionsmitteleigentümer reich und reicher würden, das sei doch furchtbar trostlos und leer, mäkeln viele. Kein Wunder renne die Religion in all ihren Spielarten bei den weltweit in dieser angeblichen Sinnlosigkeit Gefangenen offene Türen ein. Mit halbwegs klarem Verstand betrachtet ist die tatsächliche oder geheuchelte Erfüllung desjenigen, der sich nach Monaten des Sparens ein neues Smartphone kauft, auch nicht weniger „echt“ oder tief wie jene des Menschen, der sich fünf Mal am Tag gen Mekka in den Staub wirft, um seinem Gott zu dienen. Das Smartphone hat aber trotz der beklagenswerten Produktionsbedingungen insgesamt eine sauberere Moralbilanz als jede Religion. Das Smartphone will nichts anderes, als gekauft zu werden. Es fordert von seinen Liebhabern keine Heiligen Kriege und es ist ihm völlig gleichgültig, ob sein Inhaber Mann oder Frau, hetero oder schwul, Jude oder Moslem, Christ oder Satanist ist. Das Smartphone ist daher besser als Jesus, Mohammed, Buddha und wie sie sonst noch alle heißen mögen.

Warum so viele Menschen von den Göttern nicht lassen wollen und woraus diese Gottheiten entstehen , ist spätestens seit der zweiten Hälfte des  späten 19. Jahrhunderts bekannt, als Psychoanalyse, Marxismus und Nietzsche dem durch Aufklärung und nicht theologisch determinierte historische Forschung bereits angezählten Gottesglauben den Rest gaben. Das war und ist schmerzhaft, und kaum je wurde der Schmerz des Loslassens der überirdischen Vaterfigur so treffend beschrieben wie von Jean Paul in dessen „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“. Aber jenseits des Schmerzes wartet ein großes Aufatmen, denn so wie der Tod der Eltern für das Kind nicht nur eine Katastrophe, sondern auch den endgültigen Eintritt ins Erwachsenenalter markiert, ist der Tod Gottes die Voraussetzung für ein Erwachsenwerden der Menschheit. Erwachsen zu werden bedeutet aber keineswegs, an der Trostlosigkeit der gott- und damit auch vermeintlich sinnlosen Welt verzweifeln zu müssen, denn als vernunftbegabte Wesen können wir uns selber einen Sinn geben, der vielleicht nicht alles erklärt, vor allem nicht die Frage nach dem Grund der Existenz und deren Endlichkeit, aber durchaus ausreichen kann, um inmitten einer wahnsinnig wirkenden Einrichtung der Wirklichkeit halbwegs heiter weite Teile der kurzen Lebenszeit verbringen zu können. Auch für eine wenigstens ausreichend moralische Koexistenz braucht man keine überirdische Instanz. Um zu wissen, dass ich nicht einfach einen Menschen niederschlagen und mir sein Smartphone greifen darf, brauche ich keinen Gott, ja noch nicht einmal Kant. Dazu reicht es, so weit denken zu können um zu begreifen, dass mir das selber ja auch nicht recht wäre, wäre ich derjenige, der niedergeschlagen und beraubt wird.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

Ein Gedanke zu „Mein Smartphone ist besser als Jesus“

  1. In der Fußgängerzone Hannovers machen Muslime (welche Richtung kann ich nicht beurteilen) und Zeugen Jehovas in hundert Meter Abstand voneinander Werbung für ihren jeweiligen Glauben. Das ist dann der Markt der Religionen.

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