Vergewaltigung: Von Opfern und Tätern und Tätern als Opfer

 

Eine kleine Wohnung in Klagenfurt. Eva R. sitzt am Küchentisch, auf dem ein voller Aschenbecher neben leergetrunkenen Kaffeetassen steht, raucht eine Zigarette nach der anderen und sieht viel älter aus als 32. Neben ihr sitzt eine Frau um die 50. Evas Mutter. Eva kann Besucher nicht alleine empfangen, schon gar keine männlichen. Vor fünf Jahren wurde Eva vergewaltigt. Sie hatte in einer Bar einen charmanten und gut aussehenden Mann kennengelernt und war mit ihm in dessen Wohnung gegangen. „Eigentlich bin ich gar keine für one night stands“, sagt sie, „aber ich war damals schon länger allein gewesen und der Alkohol hat mich enthemmt“. Zunächst läuft alles gut. Der Mann gibt ihr noch ein Gläschen Wodka und legt Musik auf. Küssen, schmusen, gegenseitiges Ausziehen, sich eng umschlungen in Richtung Schlafzimmer tastend. Der Mann wirft Eva aufs Bett. Sie lacht noch. Aber dann ändert sich etwas. „Ich weiß auch nicht genau, aber plötzlich fand ich ihn nicht mehr attraktiv“, erzählt die junge Frau. Sie will keinen Sex mehr, will aufstehen und gehen, aber der Mann hält sie fest. Eva bekommt Panik, fängt an zu weinen. Der Mann ohrfeigt sie und knurrt sie an, sie solle mit dem Heulen aufhören, das törne ihn ja ab. „Er war aber nicht abgetörnt“, erinnert Eva sich. Sein Gesicht sei ganz hart geworden, eine Mimik voller Zorn und Aggression. „Da habe ich Angst um mein Leben bekommen“. Der Kerl macht weiter, presst Eva an den Armen auf den Polster und vergeht sich an ihr. Als er fertig ist, sagt er höhnisch: „Na, das war doch nicht so schlimm, oder?“ Er bietet Eva noch einen Wodka an, aber sie verzichtet, zieht sich rasch an und geht weg. Drei Tage lang hockt sie wie gelähmt in ihrer Wohnung, dann geht sie zur Polizei. Es folgt ein Gerichtsverfahren, in dem ihr Peiniger aus Mangel an Beweisen freigesprochen wird. Das Gericht bescheinigt Eva zwar „Glaubwürdigkeit“, weswegen ihr auch keine Anklage wegen Falschaussage droht, aber der Vergewaltiger geht trotzdem frei. Wenige Wochen nach dem Gerichtsverfahren erleidet Eva ihre erste Panikattacke. Dazu kommen massive Essstörungen. Sie kann nicht mehr arbeiten und verbringt mehrere Monate in der Psychiatrie. Seither nimmt sie Neuroleptika und Antidepressiva in hoher Dosierung, aber es geht ihr nur sehr langsam besser. „Vorigen Dienstag habe ich es geschafft, alleine bis zum Supermarkt zu gehen“, sagt sie stolz. Ihr Mutter tätschelt ihr aufmunternd die Schulter. Eva zuckt zusammen.

Eine andere Klagenfurter Wohnung. Horst A. dreht sich einen Tschick. Der 43-Jährige kann sich keine Zigaretten leisten und greift daher zum Wuzeltabak. Er ist arbeitslos, lebt von der Notstandshilfe. Früher war er Buchhalter bei einer größeren Oberkärntner Firma. Früher, vor den zweieinhalb Jahren Gefängnis, die er hinter sich hat. Horst ist ein verurteilter Sexualstraftäter, der, so sah es das Gericht, eine Arbeitskollegin nach einer Betriebsfeier vergewaltigt hat. „Ich hab es nicht getan“, behauptet Horst. Vor Gericht war er freilich geständig, doch das Geständnis habe er auf Anraten seines Anwalts abgelegt. Der Staatsanwalt hatte nämlich die Einweisung in eine „Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher“ verlangt und aus der, so hatte es ihm sein Rechtsvertreter erklärt, wäre er womöglich nie wieder rausgekommen. Man verurteilt Horst zu drei Jahren und acht Monaten unbedingter Haft und tansportiert ihn in ein ostösterreichisches Gefängnis für Schwerverbrecher. Dort sorgen die Wärter nicht nur dafür, dass alle Mitgefangenen wissen, dass A. Ein Vergewaltiger sei, die Wachbeamten spucken jeden Tag vor seinen Augen in sein Essen. Monatelang. Als Horst mit einem rumänischen Zuhälter auf eine Zelle gelegt wird, schlägt ihn dieser und vergewaltigt ihn. „Das ging über Wochen. Als ich mit blutendem After beim Arzt war, meinte der Wärter, der mich auf die Krankenstation begleitete, dass ich nur das kriegen würde, was ich verdiene“. Nach 26 Monaten ist die Qual vorbei, A. wird die Reststrafe erlassen. Doch er verlässt den Knast als gebrochener Mensch. Wieder in Freiheit zieht er nach Klagenfurt, weil er in seiner Oberkärntner Heimatgemeinde andauernd Drohbriefe bekommt. Auch in der Landeshauptstadt traut er sich kaum außer Haus und leidet unter massiven Angstzuständen. Horst zieht an seiner Wuzelzigarette. „Ich hab doch gar nichts gemacht“, sagt er.

ps: Beide Interviews führte ich im Jahr 2004, als ich an einer Reportage über Sexualstraftaten arbeitete, die ich aber nie fertigstellte.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

Ein Gedanke zu „Vergewaltigung: Von Opfern und Tätern und Tätern als Opfer“

  1. wir – urteilen – verurteilen gar zu schnell – gar zu gerne – und zu oft – leichtfertig – aufgrund unserer anerzogenen Wertung. Und leiden selbst an dieser Wertvorstellung. Jeder urteilt – aber kaum einer hört zu. . . „E.Fromm: „Die Kunst des Zuhörens“.

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