Sigi Maron und der Nachbarsohn

Anfang der 80er Jahre in einem Kärntner Dorf. Ich war 12 oder 13 und durchlebte gerade meine erste regressive Phase, die sich darin manifestierte, dass ich nach der zwar aufschlussreichen, aber letztlich in den Wirrnissen der frühen Pubertät auch nur bedingt hilfreichen Lektüre von Fromm, Marx, Bakunin und Nietzsche die Welt der Schundromane entdeckte. Mein Favorit unter den Groschenheften war „Geisterjäger John Sinclair“, die aufregende und nicht enden wollende Saga um einen Helden und seinen Karate beherrschenden asiatischen Buddy, die gemeinsam okkulte Ärsche traten. Autor Helmut Rellergard, der sich in den späten 60ern den Beatles-Song „Paperback Writer“ zu Herzen genommen hatte, wusste genau, wie man Leser süchtig macht. Es traf sich gut, dass der Sohn eines Nachbarn, der rund zehn Jahre älter war als ich, Hunderte Ausgaben dieser Romanserie besaß und willens war, die mir zu leihen. Neben einer Vorliebe für literarischen Trash entdeckte ich zu jener Zeit auch die Musik. Ein Onkel hatte mich mit Neil Young, den Stones und Blood, Sweat & Tears angefixt und ich gierte nach mehr, nach immer neuem Stoff. Eines Tages bemerkte ich, dass der Nachbarsjunge nicht nur Heftromane, sondern auch eine umfangreiche Plattensammlung besaß, welche er ebenfalls großzügig zu verleihen bereit war. Doch seine LP-Sammlung war anders. Statt Beatles, Supertramp, Bad Company oder Led Zeppelin hatten die Künstler Namen wie Konstantin Wecker, Georg Danzer, Arik Brauer, Schmetterlinge – und Sigi Maron. Ich schnappte mir eine Platte von Maron, auf deren Cover das Wrack eines verunfallten Taxis zu sehen war, trabte zurück in mein kleines Zimmer und legte sie auf. Die ersten Riffs von „He, Taxi“ füllten den Raum und als Maron zu singen begann, änderte sich für mich alles.

Marons Lieder waren zornig, obszön, zärtlich, direkt und poetisch und verschoben für mich die Grenzen dessen, was Dialekt sprachlich zu leisten im Stande war, um hunderte Kilometer. Und sie trafen mich genau ins Herz. Diese Songs über erschossene Kriegsdienstverweigerer („Andrea“), über sexuell belästigte Arbeiterinnen („Seavas Mariedl“) und die Brutalität der Psychiatrie („Ziaglroter Pavillon“) waren das Gegenteil des üblichen popmusikalischen Eskapismus. Maron nannte die Dinge beim Namen und sein Zorn über das Unrecht war der meine. Seit ich angefangen hatte, zu denken, empfand ich Ungerechtigkeit als schwer erträgliche Zumutung. Und das Unrecht war konkret. Der von Nachbarn und mit unser aller Wissen im Keller eingesperrte geistig Behinderte, dessen Klagerufe manchmal durch das Dorf hallten; die in jedem Wirtshaus stattfindende Hitler-Nostalgie; der prügelnde Lehrer; der höchst geachtete Pfarrer, der die Ministranten unter seinen Rock zu greifen nötigte; Hunger in der Dritten Welt, Krieg, Waldsterben, Mathematikunterricht, Hausaufgaben und die erste unerwiderte Liebe! Das alles sollte es nicht geben und im Kommunismus würde alles besser sein. Vielleicht. Oder auch nicht. Der Kommunist Sigi Maron wusste natürlich, wie trostlos die Praxis im Ostblock war und sang über den Realsozialismus: De Stern ausn Ostn / de wüllst endlich kostn / Du huckst im Trocknen und sogst: „Des is eh ois ned woa“.

Obige Zeilen stammen aus Marons Dylan-Cover „Zum Denken Ka Zeit“. Sigi schaffte das Kunststück, den epischen Rundumschlag „No Time To Think“ nicht nur verlustfrei einzudeutschen, sondern die Intensität des Originals, dieser Generalabrechnung mit dem Spätkapitalismus und der Zerstörung des Menschen durch politische Maschinerien und bürokratische Apparate, durch Ideologien und Wahnsinn, noch zu steigern. Ich war ein junger Mensch voller Sorgen und Ängste, und der Song war so, als hätten Dylan und Maron ihn für mich geschrieben. Die Botschaft: Es ist alles vorbei, noch bevor es begonnen hat. Du hast keine Chance. Niemand hat eine. Es bleibt nur, in Würde die Entwürdigungen zu ertragen, den Kopf hoch zu halten, während die Jauche schon bis zu den Schultern reicht. Sigi Maron konnte derlei Verzweiflung in Worte fassen, weil er selbst oft verzweifelt war. Durch Kinderlähmung an den Rollstuhl angewiesen, bekam er mit voller Wucht zu spüren, was diese Gesellschaft in Wirklichkeit und abseits der Sonntagsreden für Menschen übrig hat, die nicht so funktionieren wie die Mehrheit und deren Verwertbarkeit eingeschränkt ist. Auf die warten Heime und Anstalten und Sozialbauten ohne Rampe und Lift. Maron gab nicht auf, sondern nutzte seine außerordentliche sprachliche Begabung für poetische Gegenangriffe auf die Arroganz und Ignoranz der sogenannten Gesunden, auf die Gemeinheit der Bürokraten, die stumpfe Gier der Karrieristen und Kapitalisten, die Dummheit der meisten Politiker. Er sang für jene, die ganz unten standen  in der Hackordnung der Warengesellschaft und denen daher andauernd auf den Kopf geschissen wurde.

Auf einer der Maron-Platten, die ich mir vom Nachbarsjungen ausgeliehen hatte, hatte Sigi ein Autogramm gekritzelt. Der Nachbarsohn war nämlich in der Sozialistischen Jugend aktiv gewesen und die hatte mal ein Maron-Konzert in Villach organisiert. Dieser Jungsozialist, von dem ich mir die ersten Platten von Maron, den Schmetterlingen und anderen linken Liedermachern und Bands geborgt hatte, trat wenige Jahre später der FPÖ bei und wurde ein strammer Rechter, der gar nicht hart genug gegen „Ausländer“, „Sozialschmarotzer“ und andere Feindbilder der Freiheitlichen vom Leder ziehen konnte. Ein bizarrer Persönlichkeitswandel, der mich bis heute verblüfft. Wie man rechtsextrem werden kann, nachdem man Lieder wie „Aum Tog Geh I Mit Blumen“ gehört hatte, einem Song, in dem Maron die Kumpanei zwischen Straßennazis und Justiz thematisierte, verstand ich nicht und verstehe ich bis heute nicht. Irgendeine schwere Kränkung mag im Spiel gewesen sein, etwas, was nur verstehen kann, wer es selbst erleidet, aber letztlich bleibt es ein Rätsel.

Ich habe Sigi Maron nie persönlich kennengelernt, doch wir wurden Facebookfreunde. Fast zwei Jahre lang war Sigi dort aktiv, und ich fühlte mich ungeheuer geschmeichelt, wenn er mal einen Beitrag von mir likte oder sich gar auf einen Chat einließ. Natürlich ist Facebook ein Filter, der einen den anderen Menschen nur erahnen lässt, aber ein bisschen was vom wirklichen Sigi Maron durfte ich erleben, und dafür bin ich dankbar. Wie jeder Künstler war Maron auch ein Mensch, der die Genialität seines Werks naturgemäß nicht andauernd als Person darstellen konnte. Auch Künstler müssen mal aufs Klo, auch der beste Liedermacher des deutschsprachigen Raums verlinkt mal Unsinn. Irgendwann war Maron wieder weg von Facebook, da er wichtigeres zu tun hatte. Manch einen altklugen Kommentar unter seinen Postings bereue ich heute sehr, da keine Gelegenheit mehr ist, dafür um Entschuldigung zu bitten. Als mich die Nachricht von seinem Tod erreichte, war ich erschüttert, aber nicht überrascht. Er war ja, wie einst die frühen russischen Revolutionäre, ein „Toter auf Urlaub“, da er mit einem Aorta-Riss lebte, der ihn jederzeit umbringen konnte. Aber Tote auf Urlaub sind wir alle und niemand entrinnt dem Unvermeidbaren. Die Frage ist nur, wie man das kurze Gastspiel auf dieser Erde gestaltet und ob man die Zeit dafür nützt, die Welt ein wenig besser oder ein wenig schlechter zu machen. Sigi Maron hat die Welt besser gemacht. Weniger sprachlos, weniger trostlos, weniger dumm.

Veröffentlicht von

lindwurm

Der Lindwurm aus Klagenfurt

2 Gedanken zu „Sigi Maron und der Nachbarsohn“

  1. Danke für Deinen Text. Ich selbst bin irgendwann in den 80ern im Osten Deutschlands über Sigi Marons Ziegelroten Pavillon gestolpert, und es hat mich fasziniert, auch wenn ich es nur halb verstanden habe, auf Grund des Dialekts, aber auch zu großer Naivität und Leichtgläubigkeit, an der ich wohl heute noch leide. Eines aber habe ich mittlerweile verstanden: Es ist kein so großer Schritt für jemanden, der weit links steht, weit rechts wieder aufzutauchen, wie du es von deinem Nachbarssohn beschreibst, der wohl ungefähr gleichaltrig mit mir sein dürfte.

  2. Lieber Bernhard Torsch, danke für diesen tief berührenden Nachruf! Ich bin ganz sprachlos von der Zärtlichkeit Ihrer Worte, der Intimität Ihrer Erinnerungen.
    Und deshalb halt ich jetzt lieber den Mund.

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