Warum Deniz Yücel im Knast sitzt

Seit einem Monat sitzt Deniz Yücel jetzt in Einzelhaft in einem türkischen Gefängnis. Er wird damit jener Form von Dauerfolter unterworfen, deren Absicht es ist, Menschen zu brechen, zu zerstören, und die in weniger bewusstlosen Zeiten noch als das erkannt und benannt wurde, was sie ist. Das Benennen und Erkennen nimmt rapide ab bei denen, die noch die Freiheit hätten, die Unmenschlichkeiten anzuprangern, das aber unterlassen, weil sie entweder schon so verhärtet und dumm geworden sind, dass Mitgefühl zu haben ihnen unmöglich ward, oder deren eigenes autoritäres Strafbedürfnis gegenüber Abweichlern längst jede Kritik an der Inhumanität zum Witz degradiert hat. Wer den Gulag für lustig hält, kann letztlich genauso wenig glaubwürdig gegen die Folter eintreten, wie der Spießbürger, der seine Ängste mit sadistischen Fantasien darüber, was er Terroristen, „Kinderschändern“ oder sonstigen am Stammtisch zum Abschuss freigegebenen Menschen antun würde, wenn er denn dürfte, zu kompensieren versucht. Wer andere Menschen beherrschen will, und sei es nur zu deren „Wohle“, hat den Kampf um eine herrschaftsfreie Welt und damit um eine Welt ohne Folter längst aufgegeben oder nie begonnen.

Deniz und die vielen anderen sitzen im Knast, weil nicht nur die Türkei wieder autoritär geworden ist, sondern die ganze Welt im Gleichschritt das Wegsperren und Foltern wieder für etwas ganz normales, ja notwendiges erachtet, was wiederum daran liegt, dass es keine Linke mehr gibt, sondern nur noch voneinander immer weniger unterscheidbare Schattierungen der Verachtung des Lebens und der Lebendigkeit. Wer früher einmal Bündnisse suchte mit den Misshandelten und Ausgestoßenen kämpft heute allenfalls noch dafür, die Stadt von Drogenverkäufern, Obdachlosen und psychisch Andersartigen zu säubern, damit die in Wohnraum investierte Friedensdividende, die nach der Aufgabe jedes Widerstands gegen die Verhältnisse kassiert wurde, nicht an Wert verliere. Wer einst Häuser besetzte und wenigstens temporär befreite Zonen schaffen wollte, ruft heute nach der Polizei, sobald Menschen, die mit dem linksalternativen Identitäts-Ringelei nichts anzufangen wissen, weil sie in ihrem bisherigen Leben ganz andere Sorgen hatten, als sich mühsam eine politisch korrekte Etikette anzutrainieren, in die Schutzräume, in denen man ungestört sein will, eindringen. Wer in grauer Vorzeit mal wusste, dass das Ziel einer wirklich linken Politik nicht die graue Ödnis des Realsozialismus war, sondern eine neue Welt voller freier Menschen, eine freie Erde umkränzt von tausend Sonnen, wie Jura Soyfer einst träumte, übt heute Macht aus, ob in der eigenen winzigen Politsekte oder als Rädchen der großen Maschine Kapitalismus, die den Planeten und dessen Bewohner mit Haut und Haaren verspeist und bis zum Knochen abnagt.

Nun könnte man einwenden, dass das ja immer so gewesen ist, was auch stimmt, doch die Geschwindigkeit der Unterwerfung und Anpassung verwundert dann doch. Wie eine böse Karikatur wiederholen die Bürgerkinder die Leben ihrer Eltern, machen sich auf den gleichen Weg wie einst die 68er, ein Weg, an dessen Ende Hartz IV, protestantische Arbeitsethik, Krieg und wieder nur Gefängnisse aller Art standen, nur überspringen die heutigen Bürgerkinder die von den 68ern doch geleistete Arbeit an der Verbesserung der Lebensumstände durch soziale Reformen gleich ganz und landen nach einer kurzen Zeit hyperradikalen Geschwätzes in den Institutionen, wo sie die in Sekten und Banden erlernten Ellenbogen-Skills zum eigenen Fortkommen einsetzen. Viele andere werden nicht mal vorübergehend links, weil das halt in manchen Kreisen nach wie vor schick ist, sondern sind mit 20 schon 50, äußerlich wie innerlich, und zittern in ihren Wohnungen in den gentrifizierten Vierteln samt ihrer Brut, die allein ihrer inneren Leere Sinn verleihen soll, vor Angst vor sich hin. Wieder andere haben den Zug der Zeit erkannt und werden Alltagsfaschisten oder bleiben einfach welche. Entsprechend sieht das politische Personal aus. Ein abstoßender Haufen von Idioten, Verbrechern und Großmäulern, denen nichts anderes wichtig ist als der eigene Bauch. Politikerinnen und Politiker, die nicht so sind, erkennt man ganz einfach daran, dass sie nichts von Bedeutung werden dürfen, da sie von den brutalen Karrieristen einfach rausgebissen werden. Gewiss, manchmal passiert ein Betriebsunfall und es landet einer in hoher Position, der kein verkommenes Subjekt ist, aber in aller Regel wird der eher früher als später erledigt oder gibt von selber auf.

Eine Linke, die diese Bezeichnung verdienen würde, müsste zuallererst den Machtanspruch fallenlassen und den Kampf gegen die schlimmsten Auswüchse der Menschenbeherrschung aufnehmen. So eine Linke müsste an der Seite von Deniz Yücel und all den anderen stehen, und zwar bedingungslos, und sie müsste dazu nicht erst aufgefordert werden, da es ihr Wesen wäre. Diese Linke ist derzeit fast nirgends zu sehen. Stattdessen sieht man eine Linke, die nicht gegen den Knast an sich ist, sondern bloß die Wärter austauschen will. Eine Linke auch, die zu keiner bedingungslosen Solidarität mehr fähig ist, da sie, ganz spießbürgerlich, noch beim größten Unrecht hämisch nachfragt, ob der, dem das Unrecht widerfährt, nicht doch auch ein bisschen selber schuld sei. Und weil die Linke so ist, wie sie ist, nämlich eine Rechte, die noch nicht ganz zu sich gefunden hat, wird alles rechts, ist Folter wieder der Normalfall und  Unterdrückung Alltag.

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2 Gedanken zu “Warum Deniz Yücel im Knast sitzt

  1. Diese Träumer von einer freien erde, umgrenzt von tausend Sonnen, wirds immer geben. Ich finde diese Tatsache beruhigend. Am Ende bleiben wir aber auf einem beschissenen Staubteilchen am Rande einer unbedeutenden Galaxie.
    Am Ende sterben die meisten einen schrecklichen Tod. Zuvor verbringen sie ihr Leben damit, völlig sinnlos zu werkeln, etwa Daten in einen Computer einzugeben. Meine Güte. Aber ohne dieser sinnlosen Tätigkeit würden sie mitbekommen, wie sinnlos und unerträglich ihr Leben ist, so gesehen kein wunder, dass sie den ganzen lieben Tag arbeiten und Dreck fressen.
    Auf einem Planeten, dessen Bewohner nur dadurch überleben können, indem sie andere Lebewesen auffressen und Artgenossen bekämpfen, wird kein Paradies möglich sein. Daraus könnte man auch mal die Konsequenzen ziehen. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Überlebensgrundlage sich auch im Sozialen zeigt.
    Und die Minderzahl an mehr oder weniger Glücklichen, die es geben mag, nun ja. Wie in jedem Gefängnis gehört auch die passende Gesellschaft dazu.

    Wer Kinder hat, muss sie so erziehen, dass sie nötigenfalls unterdrücken, quälen und foltern, um nicht selbst von anderen erledigt zu werden. Alles andere ist verblendeter Blödsinn oder Sektiererei. Wer das nicht will, der setzt eben keine Nachkommen in die Welt.

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