Aus dem Leben eines Wutbürgers

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Ich bin ein Mann in mittleren Jahren und mir geht es furchtbar schlecht. Ich sage Ihnen auch, warum. Ich habe einen Beruf, in dem ich ganz gut verdiene, eine hübsche Eigentumswohnung in einem guten Viertel der Stadt und zusammen mit meiner Frau, die auch einen guten Job hat, ziehe ich zwei Kinder groß. Wir besitzen zwei Autos und fahren drei Mal im Jahr auf Urlaub. Wir sind alle krankenversichert und können uns guten Zahnersatz leisten. Die Straßen vor unserem Haus sind sauber, die Müllabfuhr kommt pünktlich, Polizei und Rettung reagieren prompt auf Notrufe, das Internet ist schnell und auf unseren vier Fernsehern schauen wir Netflix, Amazon, Maxdome und Sky.

Ich sag‘ es Ihnen, mir geht es furchtbar schlecht. In einer Wohnung auf der Einserstiege leben jetzt Moslems! Die grüßen immer freundlich und ich grüße zurück, aber daheim basteln sie wahrscheinlich schon am Sprengstoffgürtel. Und die Frau von denen trägt ein Kopftuch. Ein Kopftuch! Wie bitte soll ich meinen Töchtern beibringen, selbstbewusste Frauen zu werden, die tun und anziehen können, was sie wollen, wenn die Muslima sich einfach ein Kopftuch aufsetzt? Das macht mich so zornig.

Es geht mir wirklich furchtbar schlecht. Erst gestern wieder habe ich im Stiegenhaus die Frau aus dem zweiten Stock getroffen. Die ist keine 50 und schon in Invalidenrente, die faule Simulantin. Manchmal sieht man sie tagelang nicht. Angeblich hat sie Depressionen und Angstzustände und kann dann nicht aus ihrer Wohnung raus. Lächerlich! Einmal war die Rettung da, weil sie versucht hat, sich umzubringen. Stellen Sie sich das vor! Die erschleicht sich eine Invaliditätspension, muss also nicht einmal arbeiten gehen, und dann verübt sie einen feigen Selbstmordversuch! Das macht mich so wütend.

Sie sehen schon, mir geht es wirklich schlecht. Ich bin fast 50 und habe noch nie einen Krieg erlebt oder Hunger gelitten, aber ich weiß genau, dass ich im Fall der Fälle tapfer für mein Vaterland kämpfen würde und es auch mitten im Bombenhagel wieder aufbauen täte statt zu flüchten. Flüchtlinge, ha! Lauter Schmarotzer, die sich auf meine Kosten ein schönes Leben machen wollen. Dabei habe doch nicht einmal ich ein schönes Leben, obwohl ich nicht davongelaufen bin vor angeblichem Krieg, Terror oder Hunger. Erst vorgestern ist mir so ein Trottel in mein neues Auto gefahren. Den Ärger können Sie sich gar nicht vorstellen. Und gestern hat mich mein Chef zur Schnecke gemacht, weil ein Projekt noch nicht fertig ist. Am liebsten würde ich alles hinhauen und auswandern.

Habe ich jetzt Ihr Mitleid? Sie müssen doch Mitleid haben mit einem, dem es so schlecht geht wie mir! In der Wohnung über uns ist einer, der lebt von der Mindestsicherung. Der ist so alt wie ich, behauptet aber, dass er keinen Job mehr findet. Mitte des Monats isst er nur mehr Erdäpfel, weil ihm das Geld ausgeht. Ha, recht so! Gar nix soll er haben, der Faulpelz! Als wir vor kurzem aus der Toskana zurückgekommen sind, ist er im Hof gestanden und hat eine geraucht. Aber für’s Essen angeblich kein Geld haben. Da geht mir das Geimpfte auf! Unsereins arbeitet viereinhalb Tag die Woche und dann muss ich solche Mitesser erhalten! Wenn das so weitergeht, muss sich Marie-Jacqueline, unsere Jüngste, bald zwischen Reitstunden und Ballett entscheiden. Weil alles die Arbeitsscheuen und die Ausländer hinten rein geschoben kriegen!

Jetzt verstehen Sie sicher, warum ich so eine Wut habe.

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2 Gedanken zu “Aus dem Leben eines Wutbürgers

  1. Sehr gut getroffen auch, dass es meist Deppen mit >guten Jobs< und auf Hyperkonsumtrip sind,
    die bei Hateparades mitskandieren. Sieht ganz so aus, als hätten die in der Neolib-Ökonomie
    seit jeher die besten Jobchancen.

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