#metoo #youtoo #ustoo

Nicht alles, was aus Hollywood kommt, ist schlecht. Manches schon. Harvey Weinstein zum Beispiel ist einerseits unbestritten ein erfolgreicher Produzent, dem wir einige sehr schöne Filme verdanken, andererseits wohl auch ein Vergewaltiger und Drecksack oberster Arschlochklasse. Aber manchmal hat auch der trottelige Volksmund recht, wenn er sagt, dass es nichts Schlechtes gäbe, das nicht auch Gutes mit sich brächte. Gut war im Zuge des Weinstein-Skandals, dass die Schauspielerin Alyssa Milano Frauen dazu ermutigte, in den Sozialen Medien unter dem Hasthtag #metoo über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt oder sexueller Belästigung zu berichten. Was folgte, ließ die patriarchale Weltordnung zwar nicht zusammenbrechen, sorgte aber wenigstens bei nicht völlig gegen Erkenntnis gepanzerten Männern für  ordentliches Erschrecken. Das Erschrecken aber ist Teil des Problems, denn wie allzu viele Männer Frauen behandeln, ist allgemein bekannt. Es wurde nur immer wieder verdrängt, damit man auch ja nichts ändern muss, und seit rund 15 Jahren versucht sich das hiesige Patriarchat einmal mehr in der Externalisierung des Problems, indem man es einfach Minderheiten zuschanzt. Seit spätestens der Kölner Silvesternacht 2015 dürfen „Nordafrikaner“ vulgo Schwarzafrikaner und Araber die Rolle spielen, die schon Juden, Roma, Afroamerikaner und Künstler zwangsweise geben durften, nämlich die des ewig geilen Sündenbocks, der hinter „unseren“ Frauen her sei, die „wir“ stets mit allergrößtem Respekt behandelten.

Die wohl unvermeidlichen Versuche von Nazis und Idioten, #metoo für ihre Zwecke zu reframen oder durch Parodie zu entwerten, klappten diesmal nicht so recht. Zu eindeutig schilderten die tausenden Berichte betroffener Frauen, dass Belästigung und Vergewaltigung keine Importwaren sind, die erst mit bösen Fremden ins schöne Land der weißen Geschlechtergerechtigkeit gekommen wären, sondern seit jeher fester Bestandteil abendländischen Alltags. Wie immer ist ja auch hier das Gegenteil dessen real, was Nazis und andere Rassisten fantasieren. #metoo-Berichte erzählten selten vom bösen schwarzen Mann, der hinter dem nächsten Busch darauf lauert, die unschuldige weiße Frau zu vergewaltigen, sondern fast immer von Übergriffen im Rahmen von Machtgefällen. Es geht um den Chef, der wie im Affenrudel meint, seine höhere Stellung gewähre ihm sexuellen Zugang zu Frauen. Es geht um Polizisten und Securities, die ihre Machtposition zum Grapschen nützen. Es geht um Lehrer und Professoren, die Schülerinnen und Studentinnen bedrängen. Und es geht um diesen elenden alltäglichen Spießrutenlauf aus sexualisierten Bemerkungen und ungefragt zugeschickten dickpics, dem Frauen ausgesetzt sind. Es geht um Besoffene, die eine Frau nicht anders anzusprechen wissen als mit einer Bewertung ihrer sexuellen Attraktivität. Kurz: Es geht darum, was es bedeutet, in dieser angeblich so aufgeklärten Gesellschaft eine Frau zu sein.

#metoo ist aufklärerisch, da die Aktion auf Berichte statt auf Wertung setzt und vor Augen führt, wie viel sexualisierte Gewalt mit Machtverhältnissen zu tun hat und wie wenig mit „Kultur“. Das Geschwätz von „Kultur“ sollte überhaupt dringend aufhören, denn wäre „Kultur“ das, was die Dummköpfe darunter verstehen, nämlich eine unveränderliche Eigenschaft wie die Hautfarbe, dann müsste man zuallererst fordern, Europa und vor allem Deutschland atomar auszulöschen. Niemand sonst hat so viel Mord, Vergewaltigung, Sklaverei und systematische Menschenvernichtung über die Welt gebracht wie Europäer, und die allerschlimmsten Europäer waren die Deutschen. Die weiße europäische Kultur war bekanntlich nicht vorrangig jene von Kant, Bach, Wilde, Marx, Freud und de Beauvoir, sondern die von Hernán Cortés, Martin Luther, Heinrich Kramer, Thomas Robert Malthus und Adolf Hitler. Ein einziges langes Gemetzel untereinander und an Kolonisierten, eine Kultur der Scheiterhaufen, die jahrhundertelang brannten, eine Kultur des allertiefsten Frauenhasses und Antisemitismus und letztlich eine der bürgerlich-kapitalistischen Menschenwertsberechnung nach betriebswirtschaftlichen Kriterien. Nicht, dass in anderen Teilen der Welt vor der europäischen Eroberung paradiesische Zustände geherrscht hätten, aber wer immer noch bis zu den Hüften im letzten großen Blutbad steht, sollte vielleicht mal kurz innehalten, bevor er anderen die Zivilisation erklären will.

#metoo räumt mit dem Überlegenheitsdünkel der bürgerlichen weißen Herrschaftsmoral teilweise auf. Der Hashtag bringt das Verdrängte zurück ans Licht, zerrt die debilen Fans des Okzidents vor den Spiegel, ohne dabei verharmlosenden Relativismus walten zu lassen. Bei #metoo geht es im Gegensatz zur Irrmeinung einiger Kritiker der Aktion nicht um afghanische Bäuerinnen, sudanesische Sklavinnen oder Femizid-Opfer in Mexiko, sondern um die sexistische Ordnung, die auch in Europa und Nordamerika immer noch die herrschende ist. Frauen berichten davon, wie sie von Männern, die oftmals dieselben sind wie jene, die sich für furchtbar aufgeklärt und kritisch halten, in ihrer geschlechtlichen Integrität verletzt wurden. Es geht dabei um „unseren“ Sexismus der nicht besser wird, weil er anderswo gerade schlimmer ist.

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