Arik Brauer und die „ungefährlichen“ Antisemiten

Arik Brauer war für mich ein wichtiger Einfluss. Noch bevor ich seine Werke als bedeutender Vertreter des Phantastischen Realismus sah und lange bevor ich seine atemberaubend schöne Ausgestaltung der Wiener Hauptsynagoge bewundern durfte, gaben mir seine Lieder einen frühen moralischen Kompass. Songs wie „Surmi Sui“, „Die Spinnerin“, „Die Jause“ oder „Sein Köpferl im Sand“ waren mehr als nur kritische Anmerkungen zur österreichischen Zeitgeschichte und Gegenwart. Sie waren voller Weisheit und Menschlichkeit. Eine Weisheit und Menschlichkeit, die sich aus seinem persönlichen Erleben des Nationalsozialismus und seinem Leiden daran (sein Vater wurde im KZ ermordet) ebenso speiste wie aus Reisen durch Europa und Afrika und einem Weltbürgerdasein zwischen Wien, Israel und Paris. Am 11. März 2018 trat Arik Brauer in der ORF-Talkshow „Im Zentrum“ auf und zertrümmerte mit einer Reihe von Aussagen, die weder weise noch besonders menschlich waren, das positive Bild, das ich von ihm hatte.

Thema der Sendung war das Gedenken an den „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland vor 80 Jahren und das Erstarken neuer extrem rechter Strömungen im heutigen Europa. Brauer, angesprochen auf antisemitische Skandale bei deutschnationalen Burschenschaften, deren Vertreter nunmehr in der österreichischen Regierung sitzen, sagte, er habe keine Angst vor rechtsextremen Antisemiten, denn: „Es gibt fast keine Juden in Österreich“, weswegen Antisemitismus gar kein Problem sein könne. Die echte Gefahr, so Brauer, drohe von anderswo: „Es gibt ein viel schwereres Problem, und das ist ja wirklich die Einwanderung. Das ist das Problem und die Grundursache für das Aufkommen von diesem rechten Gedankengut in jeder Hinsicht. Man sieht das in Polen und man sieht das auch in Ungarn. (…) In den 30er Jahren war jeder normale Mensch ein Antisemit, das ist nicht mehr der Fall, es gibt ja keine Juden mehr. (…) Es gibt eine Viertel Milliarde Araber, die uns lieber unter der Erde oder auf dem Grund vom Mittelmeer sehen wollen. Das ist so und ich weiß das, und von denen gibt es viele, die hier einwandern und das ist eine Gefahr.“

Mit seiner Argumentation, die in sich unlogisch ist, folgt Brauer der  rechtsextremen Propaganda. Ich werde versuchen zu erklären, warum das so ist und warum das höchst problematisch ist

Laut Angaben des Forums gegen Antisemitismus haben sich antisemitische Vorfälle in Österreich seit 2014 verdoppelt. 62 Prozent dieser Angriffe konnten ideologisch nicht klar zugeordnet werden, 24 Prozent hatten einen rechtsextremen Hintergrund, zehn Prozent einen islamischen und drei Prozent einen linken. Wie Brauer aus solchen Zahlen ableiten kann, der rechte Antisemitismus sei keine Gefahr, ist ebenso rätselhaft wie seine Meinung, in Ungarn und Polen würden wegen der Flüchtlinge extrem rechte Parteien herrschen. Flüchtlinge, die die Ungarn und Polen gar nicht erst ins Land lassen und gegen die man dort täglich von höchster staatlicher Stelle hetzt, sind verantwortlich für diese extrem rechten Regierungen? Extrem rechte Regierungen, die den Antisemitismus nach Kräften fördern, indem sie, wie Orban in Ungarn, Kampagnen gegen den jüdischen Philanthropen George Soros führen und Statuen für den Nazi-Kollaborateur und Antisemiten Miklós Horthy enthüllen, der an der Ermordung von 500.000 Juden beteiligt war. Oder wo sie, wie in Polen, wohlwollend Massendemonstrationen von Rechtsextremisten dulden, auf denen antisemitische Parolen gebrüllt werden, die an deutlichen Vernichtungswünschen nichts offen lassen.

Am selben Tag, an dem Brauer verkündete, der rechte Antisemitismus sei keine Gefahr mehr, trat Wladimir Putin vor die Kameras und richtete den USA aus, nicht „Russen“ seien für die Cyberangriffe auf Amerika verantwortlich, sondern „möglicherweise Juden“. Putin, Präsident Russlands mit großem Einfluss auf Europas rechtsradikale Szene, belebt antisemitische Verschwörungstheorien wieder, die seine Ahnen im zaristischen Russland einst als „Protokolle der Weisen von Zion“ auf die Welt losgelassen haben. Putin, mit dessen Partei die FPÖ einen Kooperationsvertrag unterschrieben hat, der dem Front National einen Kredit in Millionenhöhe spendierte und der AfD-Politiker nach Syrien einlud, um sie das Hohelied auf Russland und Assad singen zu lassen, bedient die gefährlichsten antisemitischen Ressentiments überhaupt. Aber laut Brauer macht das alles nix und verblasst im Vergleich zu Menschen arabischer Herkunft, von denen einige bei Kundgebungen antisemitische und antiisraelische Parolen brüllen. Kann man so sehen, es ist halt leider keine realistische Einschätzung dessen, was gerade passiert.

Nun gibt es durchaus einen arabischen oder, genauer, islamischen Antisemitismus. Es gibt einen iranischen Vernichtungsantisemitismus, der wahnhaft auf das Ziel hinarbeitet, Israel und seine Bevölkerung zu vernichten. Es gibt grassierenden Antisemitismus unter Flüchtlingen, Migranten und Europäern arabischer Herkunft. Der ist aber weder gefährlicher noch ungefährlicher als der klassische europäische Antisemitismus, sondern ganz genau gleich gefährlich. Antisemitismus ist Antisemitismus und es gibt keine harmlose Variante davon. Der arabische antisemitische Terrorist, der auf Juden schießt, macht das, was der rechtsextreme europäische Antisemit auch gerne machen würde, wenn er könnte und dürfte. Die europäische und amerikanische extreme Rechte mag seit ein paar Jahren vorgeben, ganz doll philosemitisch zu sein, in Wirklichkeit will sie damit nur einen Koscher-Stempel für ihren antimuslimischen Hass, der bei genauerer Betrachtung nichts anderes als ein Platzhalter für den dahinter stehenden antisemitischen Wahn ist. Rechtsextreme wie Orban oder Putin machen auch gar keinen Hehl daraus, dass die „wahren“ Feinde die Juden seien, weil die nämlich hinter der „muslimischen Migration“ steckten. Das ist der Wahn, der immer im Hintergrund lauert und der sich ganz schnell in mörderischen eliminatorischen Antisemitismus der Tat verwandeln kann. Und wegen dieses Wahns ist der rechtsextreme Antisemitismus eben nicht harmlos oder im Verschwinden begriffen, sondern brandgefährlich und höchst aktiv. Die Rechten schüren mit allen Mitteln Hass auf Menschen arabischer, afghanischer, iranischer oder afrikanischer Herkunft, doch es gibt da etwas, das sie noch mehr hassen, und das ist die fantasierte Verschwörung einer globalen Elite, die die „weiße Rasse“ auslöschen wolle. Das ist ein Code für Juden. Einer von vielen, den Rechtsextremisten verwenden. „Globalisten“, „Kulturmarxisten“, „68er“, „Ostküste“, „Rotschilds“, „Soros“, „Gutmenschen“ – das alles und mehr steht für „Juden“.

Und was werden diese Rechtsextremisten wohl mit denen machen, denen sie unterstellen, sie wollten die „weiße Rasse“, das „Ungartum“ oder das „heilige katholische Polen“ auslöschen? Ein Blick in die Geschichtsbücher ist da ebenso hilfreich wie einer nach Norwegen, wo Anders Breivik nicht 77 Muslime abschlachtete, sondern 77 junge Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die er für die „Migration“ verantwortlich machte. Dass keiner der jungen Opfer in irgendeiner Regierung gesessen war, war Breivik egal. Sie waren in seinen Augen allesamt schuldig, weil sie „Linke“ waren. Genau das ist der Kern des Antisemitismus rechtsextremer Prägung: Du bist Jude, also bist du schuldig und zum Tode verurteilt, egal ob Mann, Frau, Greis oder Baby. Das unterscheidet den rechtsextremen Antisemitismus auch qualitativ vom Muslimischen Antijudaismus und von der antiisraelischen Variante. Der islamische Antisemit lässt dir wenigstens theoretisch noch die Möglichkeit, durch Konversion der Ermordung zu entgehen. Der antiisraelische Antisemit kann vielleicht Juden akzeptieren, die ihr Land aufgeben und als Minderheit existieren. Der europäische Rassenantisemitismus kennt solcherlei nicht, der handelt nach dem Motto, dass nur ein toter Jude ein akzeptabler sei. Dass man, wie Brauer, nach Auschwitz immer noch die Gefährlichkeit des europäischen Antisemitismus kleinredet, ist deprimierend und ahistorisch. Nicht „die Araber“ haben sechs Millionen Jüdinnen und Juden planmäßig ermordet, sondern christliche Europäer. Nicht „die Araber“ haben Juden immer wieder in Pogromen ermordet und vertrieben, sondern die christlichen Europäer. Das „jüdisch-christliche Abendland“, von dem Rechte so gerne fabulieren, zeichnete sich dadurch aus, dass über Jahrhunderte Christen Juden unterdrückten, verfolgten und ermordeten und schließlich ein Drittel des gesamten weltweiten Judentums ausrotteten.

Kurz: Es gibt keinen harmlosen Antisemitismus, und ganz gewiss ist der europäische Antisemitismus nicht harmloser als der islamische/arabische.

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2 Gedanken zu “Arik Brauer und die „ungefährlichen“ Antisemiten

  1. Der Artikel wäre an sich gut, einen Fehler entdecke ich doch:
    Brauer bezieht sich darauf, dass die die Gefahr proportional zu Anzahl der Antisemiten ist. Insofern hat er Recht und auch damit, dass er seine persönlichen Erfahrungen und jetzigen Befürchtungen beschrieb.

    Von einem harmlosen Antisemitismus sprach er nicht.

  2. Es stimmt, daß es in Wien, überhaupt in Österreich, wenige Juden gibt. Für Rechtsextreme sind aber auch diese wenige zu viel. Die ganze Welt wäre wunderbar, wenn es keine Juden gäbe. So denkt der Antisemit, egal ob in Europa, Nord-und Südamerika, Australien, Afrika oder in der Welt des Islams. In der islamischen Welt gab es von Anfang an eine mehr oder weniger starke Judenfeindschaft, auch Pogrome, Juden waren zweitrangige Menschen usw., aber all das in wesentlich kleineren Maß als im christlichen Europa. Und der eliminatorische Antisemitismus, den man seit einiger Zeit auch in der islamischen Welt findet, kam aus Europa dorthin – rel. lange bevor es Israel überhaupt gab.
    lg
    caruso

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