Depressionen, erklärt für Nicht-Depressive

Anthony Bourdain, Moderator der CNN-Show „Parts Unknown“, hat sich das Leben genommen. Ich nehme das zum Anlass, einen kleinen Leitfaden zum Thema „Depression, erklärt für Nicht-Depressive“ zu verfassen.

-Jeder kann an einer Depression erkranken. Ob König oder Bettler, Rockstar oder Pizzalieferantin, Sportlerin oder fauler Sack – niemand ist davor gefeit.

-Depressionen lassen sich nicht wegwünschen oder wegzaubern. Depressionen sind behandelbar, manchmal bis hin zur Symptomfreiheit, aber es gibt keine Wunderpillen oder Wundertherapien dagegen. Psychiater, die generalisierend behaupten, Depressionen wären „gut behandelbar“ oder „heilbar“, sind Scharlatane. Journalisten, die das nachplappern, handeln fahrlässig.

-Depressive sind nicht gefährlich. Depressionen können den Betroffenen und ihren Angehörigen das Leben zur Hölle machen, aber sie führen nicht zu Gewalttätigkeit gegenüber anderen. Es gibt natürlich auch Depressive, die Verbrecher sind, aber das liegt daran, dass auch Verbrecher an Depressionen erkranken können und nicht daran, dass Depressionen zu Verbrechen führen würden.

-Depressionen sind so vielgestaltig wie die Menschheit. Jede Depression verläuft ein bisschen anders. Es gibt nicht „die“ Depression und es gibt nicht „die“ Therapie.

-Depressive brauchen keine gut gemeinten Ratschläge und schon gar nicht die Aufforderung, sich „zusammenzureißen“. Sie brauchen Verständnis und Akzeptanz sowie die Möglichkeit, sich während eines akuten Schubes zurückziehen zu können. Depressive wirken auf „Gesunde“ oft kränkend, da sie Einladungen ausschlagen, zu Verabredungen nicht erscheinen oder generell keine Lust auf Aktivitäten und Gesellschaft haben. Das ist keine böse Absicht, sondern Teil der Erkrankung. Brecht deswegen nicht den Kontakt zu Depressiven ab! Macht Depressiven nicht deren Erkrankung zum Vorwurf! Depressionen gehen oftmals mit extremen Gefühlen der Selbstentwertung einher. Verstärkt diese nicht, indem ihr Depressive ausgrenzt oder sie nicht ernst nehmt! Und, um Goittes Willen, macht nicht solchen Quatsch wie die Bayrische CSU, die Depressiven ein Gefährder-Image anhängt!

-Depressionen sind mehr als nur eine gestörte Gehirnchemie. Ihre Ursachen können genetisch sein, doch viele Menschen mit entsprechenden Genen erkranken nie an einer Depression. Auslöser einer Depression kann vieles sein: Eine unerträgliche Lebenssituation, Stress im Berufsleben, Beziehungsprobleme, Geldsorgen – all das kann eine latente Depression in eine akute verwandeln. Ein „gesundes“ Umfeld, also emotionale und finanzielle Sicherheit, ist hilfreich, Depressionen zu vermeiden oder ihren Verlauf weniger schlimm zu machen, aber keine Garantie dafür.

-Depressionen sind für die Betroffenen ungeheuer qualvoll, weswegen diese auch einem hohem Suizid-Risiko ausgesetzt sind. Depressionen sind aber nicht nur schlecht. Depressive sehen die Welt oft ohne den Schleier des Optimismus, der „Gesunden“ das Funktionieren in dieser Welt erlaubt. Das heißt, dass Depressive oftmals negative Entwicklungen früher erkennen als andere, was womöglich zum bisherigen Überleben der Menschheit beigetragen hat. Das bedeutet nicht, dass Depressive „klarer“ sehen würden, aber manchmal kann es nützlich sein, die Welt aus pessimistischer Perspektive zu betrachten. Das könnte der Grund dafür sein, dass die Evolution die Depression nicht schon längst ausgemerzt hat. Vielleicht braucht die Menschheit eine gewisse Anzahl Depressiver als Korrektiv?

-Depressive sind nicht „verrückt“. Depressive ziehen sich oft von der Welt zurück und wirken auf Nicht-Depressive seltsam. Sie sind aber weder im volkstümliche Sinne „verrückt“ noch „dumm“. Depressionen beeinträchtigen nicht die Intelligenz. Sie können dazu führen, dass Betroffene die negativen Seiten ihres Lebens oder der Gesamtsituation übertrieben schwarz sehen und sich in diese negative Sicht verbeißen. Depressionen schalten aber nicht generell die Urteilsfähigkeit oder das Denkvermögen aus. Nur während akuter Schübe kann sich die Sicht auf die Welt so sehr verengen, dass nur mehr Negatives wahrgenommen werden kann.

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