Bis dann einer zusticht: Im Gedenken an Pawel Adamovicz

Der Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz ist tot, ermordet auf offener Bühne, wo er eine alljährliche Spendensammlung zugunsten kranker und sozial benachteiligter Kinder moderiert hatte. Der Täter ist ein 27-Jähriger, der fünf Jahre wegen bewaffneten Raubes im Gefängnis gesessen hatte und der nach dem Mord brüllte, er habe sich nun an Adamovicz‘ früherer Partei „Bürgerforum“ gerächt, da diese ihn in den Knast gebracht habe, wo er angeblich „gefoltert“ worden sei.

Wenige Tage vor dem Mord strahlte das polnische Staatsfernsehen TVP eine Episode der satirischen Serie „Minęła Dwdziesta“ aus, in der die Macher die Benefizveranstaltung verhöhnten. Zu sehen waren diverse Oppositionspolitiker, die einander haufenweise Geldscheine zusteckten. Auf den Geldscheinen waren Davidsterne abgedruckt.

Adamowicz war einer der letzten einflussreichen liberalen Politiker Polens. Den Hass der regierenden PIS und der mit der Regierungspartei verbandelten außerparlamentarischen extremen Rechten hatte er sich zugezogen, weil er sich nach einer Attacke auf die Danziger Synagoge mit deutlichen Worten an die Seite der jüdischen Bevölkerung gestellt hatte, weil er Aufmärsche der neofaschistischen Organisation „Nationalradikales Lager“ schärfstens verurteilte (und in Danzig zu verhindern versuchte) und weil er als bislang einziger Bürgermeister einer polnischen Großstadt an einer Gay-Pride-Parade teilgenommen hatte.

Adamowicz stand für alles, was Polens rechtsnationale Regierung und der Morast aus Klerikalfaschisten und Ultranationalisten, auf dem sie gedeiht, hassen. Er hatte sich im Laufe seiner politischen Karriere vom Rechtsliberalen zum Sozialliberalen gewandelt, war ein Befürworter der Europäischen Union, sprach sich immer wieder gegen Antisemitismus, Homophobie und Sozialdarwinismus aus und verkehrte gerne mit Künstlerinnen und Intellektuellen.

Im Gleichklang mit der Regierung hetzen rechtsradikale Medien wie „Radio Maria“ oder die Website „wPRawo“ seit Jahren gegen den ihnen verhassten Liberalismus und gegen alles, wogegen die rechte Internationale auch in Ungarn, den USA oder Brasilien hetzt: „Globalisten“, „Kulturmarxismus“, „Atheismus“, „Gendertheorie“, „George Soros“ – jeden Tag wird auf diese Feindbilder verbal geschossen. Auf den Straßen marschieren Zehntausende in schwarzen Uniformen und brüllen „Wir wollen Gott“ und „Für ein judenfreies Polen“, und sie wissen die Regierung dabei auf ihrer Seite.

Vielleicht war der Mörder von Adamowicz wirklich nur ein psychisch angeknackster Ex-Sträfling, der sich für vermeintliches Unrecht rächen wollte. Vielleicht ist es aber auch dieses immer hysterischer werdende Klima des Hasses und des überkochenden paranoiden Wahns rechtsextremer Ideologieproduktion, das psychisch instabile Personen ermutigt, zur mörderischen Tat zu schreiten? Wie lange kann man politische Gegner dämonisieren, wie oft kann man einen „Bürgerkrieg“ herbei brüllen, bis dann einer zum Messer greift und zusticht?

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Ein Gedanke zu “Bis dann einer zusticht: Im Gedenken an Pawel Adamovicz

  1. Dankeschön.
    Und logisch: Je mehr Leute irgendwelchen Mist brüllen, desto eher scheint es, als hätten sie recht. Und desto eher sagt niemand was dagegen. Dass sich in einem solchen Klima Leute bestärkt sehen, ihren Hass in körperliche Gewalt umzusetzen, ist nur folgerichtig.

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