„Bahamas“ – Zentralorgan für Paranoia und Verleumdung

Die Zeitschrift „Bahamas“ hat sich ja schon vor einiger Zeit als halbwegs ernst zu nehmende Publikation erledigt und man sollte über das Blatt besser den Mantel des Schweigens legen, was nicht zuletzt für die „Bahamas“-Autoren selbst von Vorteil wäre, da man Menschen, die sich und ihren Ruf nicht zuletzt aus narzisstischer Gekränktheit heraus andauernd und immer intensiver selbst beschädigen, nicht ermutigen sollte, aber was diese Leute in der aktuellen Ausgabe machen, muss man dann doch wieder aufgreifen, da der selbstgerecht Habitus, die letzten aufrechten Ideologiekritiker zu sein, in pure Lust am Verleumden und Kränken umgeschlagen ist.

Das Opfer diesmal: Thomas von der Osten-Sacken, renommierter Journalist und Autor, der sich seit Jahrzehnten mit politischen Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten sowie in Nordafrika nicht nur intensiv befasst, sondern als Geschäftsführer der Hilfsorganisation Wadi e.V. auch ganz konkret vor Ort für Demokratie und Menschenrechte, vor allem die Rechte von Frauen und Kindern, eintritt. Osten-Sacken gehört außerdem zu jenen Publizisten, deren Eintreten für Israel stets konsequent und kompromisslos war und ist.

Genau diesem Menschen wirft ein gewisser Martin Stobbe in der aktuellen „Bahamas“ nun vor, Israels Souveränität in Frage zu stellen und sich zu wünschen, Israels „Grenzen fallen zu sehen“. Dies ist eine Verleumdung.

Im Text, den Stobbe absichtlich falsch interpretiert, hatte Osten-Sacken das genaue Gegenteil von dem gesagt, was die „Bahamas“ unterstellt.

Hier die Passage, um die es geht: Die Idee, friedlich und unbewaffnet Israels Grenzen zum Gazastreifen, der Westbank und auch den arabischen Nachbarländern zu überschreiten ist nämlich keineswegs neu. Schon 2011, inspiriert durch die Massenproteste des so genannten arabischen Frühlings, kam es einer ähnlichen Aktion.  Damals versuchte unter anderem ausgerechnet der syrische Präsident Bashar al-Assad sie für sich zu reklamieren. Die Aktion scheiterte, der Gedanke blieb. Sowohl in der Westbank als auch im Gazastreifen wurden seitdem neue Formen des Protestes diskutiert und geplant. Wenn von Gewaltfreiheit die Rede war, dann weniger aus ethischer Überzeugung, sondern aus taktischem Kalkül. Als großes Vorbild dient dabei der von Gandhi in Indien organisierte Salzmarsch, der die Moral der britischen Truppen, die auf unbewaffnete Demonstranten einprügeln mussten, nachhaltig untergrub. Was, wenn nun Zehntausende friedlich von allen Seiten auf Israels Grenzen zumarschieren, keine Waffen tragen und sich notfalls beim Versuch, diese Grenzen zu überwinden, zu Dutzenden verletzen oder gar erschießen lassen? Wenn sie statt AK-47-Gewehren, Zwillen oder Molotow-Cocktails nur Olivenzweige in den Händen hielten? Wie lange würden dann israelische Soldaten schießen? Wie lange würde die israelische Bevölkerung entsprechende Bilder im Fernsehen aushalten? Wie würde dann die so genannte Weltöffentlichkeit reagieren? All dies waren und sind Fragen, die palästinensische Aktivisten sich seitdem stellen und diskutieren. Sie wissen nämlich sehr genau: Sollte es ihnen je gelingen – ohne dass sie von einem arabischen Nachbarstaat oder einer der palästinensischen Parteien instrumentalisiert würden – könnten solche Aktionen für Israel wesentlich bedrohlicher werden, als das gesamte Raketenarsenal der Hamas. Dann nämlich stünde nicht nur die israelische Regierung, sondern die ganze Gesellschaft vor der Frage, ob man bereit ist, seine Grenzen notfalls mit tödlicher Gewalt gegen friedliche Demonstranten zu verteidigen. Wie lange wären Rekruten der Armee bereit, dies zu tun, bis die ersten den Dienst verweigern? All dies sind Fragen, die sich jeder, dem die Existenz Israels am Herzen liegt ebenfalls stellen sollte.“

Aus diesem zur Warnung entworfenem Szenario herauszulesen, der Autor wolle Israel fallen sehen, ist intellektuell unredlich, faktisch falsch und erfolgt offensichtlich mit der Absicht, Thomas von der Osten-Sacken als Freund Israels zu diskreditieren und ihn persönlich zu verletzen. Solcherlei ist keine neue Taktik, man kennt das aus der langen und elenden Geschichte politischer Sekten und von Krankheitssymptomen der paranoiden Schizophrenie. In der Tat wirkt die „Bahamas“ immer mehr wie ein Patient, der einen Menschen nach dem anderen zu einer großen, gegen ihn und/oder die „Wahrheit“ oder gar die „Menschheit“ gerichteten Verschwörung zählt, bis er am Ende völlig allein dasteht oder, in diesem Fall, noch umkreist von einer Handvoll Getreuer, die seinen Wahn teilen, von denen aber jeder der nächste sein kann, der der Konspiration zugerechnet wird. Der Chef der rechtsextremen „Identitären“, der von Sekten und Paranoia wahrlich was zu erzählen hätte, wenn ihm bewusst wäre, was er weswegen ist, hatte seinen Kameraden die „Bahamas“ vor einigen Monaten zur Lektüre empfohlen. Es wird immer klarer, warum. 

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Depressionen, erklärt für Nicht-Depressive

Anthony Bourdain, Moderator der CNN-Show „Parts Unknown“, hat sich das Leben genommen. Ich nehme das zum Anlass, einen kleinen Leitfaden zum Thema „Depression, erklärt für Nicht-Depressive“ zu verfassen.

-Jeder kann an einer Depression erkranken. Ob König oder Bettler, Rockstar oder Pizzalieferantin, Sportlerin oder fauler Sack – niemand ist davor gefeit.

-Depressionen lassen sich nicht wegwünschen oder wegzaubern. Depressionen sind behandelbar, manchmal bis hin zur Symptomfreiheit, aber es gibt keine Wunderpillen oder Wundertherapien dagegen. Psychiater, die generalisierend behaupten, Depressionen wären „gut behandelbar“ oder „heilbar“, sind Scharlatane. Journalisten, die das nachplappern, handeln fahrlässig.

-Depressive sind nicht gefährlich. Depressionen können den Betroffenen und ihren Angehörigen das Leben zur Hölle machen, aber sie führen nicht zu Gewalttätigkeit gegenüber anderen. Es gibt natürlich auch Depressive, die Verbrecher sind, aber das liegt daran, dass auch Verbrecher an Depressionen erkranken können und nicht daran, dass Depressionen zu Verbrechen führen würden.

-Depressionen sind so vielgestaltig wie die Menschheit. Jede Depression verläuft ein bisschen anders. Es gibt nicht „die“ Depression und es gibt nicht „die“ Therapie.

-Depressive brauchen keine gut gemeinten Ratschläge und schon gar nicht die Aufforderung, sich „zusammenzureißen“. Sie brauchen Verständnis und Akzeptanz sowie die Möglichkeit, sich während eines akuten Schubes zurückziehen zu können. Depressive wirken auf „Gesunde“ oft kränkend, da sie Einladungen ausschlagen, zu Verabredungen nicht erscheinen oder generell keine Lust auf Aktivitäten und Gesellschaft haben. Das ist keine böse Absicht, sondern Teil der Erkrankung. Brecht deswegen nicht den Kontakt zu Depressiven ab! Macht Depressiven nicht deren Erkrankung zum Vorwurf! Depressionen gehen oftmals mit extremen Gefühlen der Selbstentwertung einher. Verstärkt diese nicht, indem ihr Depressive ausgrenzt oder sie nicht ernst nehmt! Und, um Goittes Willen, macht nicht solchen Quatsch wie die Bayrische CSU, die Depressiven ein Gefährder-Image anhängt!

-Depressionen sind mehr als nur eine gestörte Gehirnchemie. Ihre Ursachen können genetisch sein, doch viele Menschen mit entsprechenden Genen erkranken nie an einer Depression. Auslöser einer Depression kann vieles sein: Eine unerträgliche Lebenssituation, Stress im Berufsleben, Beziehungsprobleme, Geldsorgen – all das kann eine latente Depression in eine akute verwandeln. Ein „gesundes“ Umfeld, also emotionale und finanzielle Sicherheit, ist hilfreich, Depressionen zu vermeiden oder ihren Verlauf weniger schlimm zu machen, aber keine Garantie dafür.

-Depressionen sind für die Betroffenen ungeheuer qualvoll, weswegen diese auch einem hohem Suizid-Risiko ausgesetzt sind. Depressionen sind aber nicht nur schlecht. Depressive sehen die Welt oft ohne den Schleier des Optimismus, der „Gesunden“ das Funktionieren in dieser Welt erlaubt. Das heißt, dass Depressive oftmals negative Entwicklungen früher erkennen als andere, was womöglich zum bisherigen Überleben der Menschheit beigetragen hat. Das bedeutet nicht, dass Depressive „klarer“ sehen würden, aber manchmal kann es nützlich sein, die Welt aus pessimistischer Perspektive zu betrachten. Das könnte der Grund dafür sein, dass die Evolution die Depression nicht schon längst ausgemerzt hat. Vielleicht braucht die Menschheit eine gewisse Anzahl Depressiver als Korrektiv?

-Depressive sind nicht „verrückt“. Depressive ziehen sich oft von der Welt zurück und wirken auf Nicht-Depressive seltsam. Sie sind aber weder im volkstümliche Sinne „verrückt“ noch „dumm“. Depressionen beeinträchtigen nicht die Intelligenz. Sie können dazu führen, dass Betroffene die negativen Seiten ihres Lebens oder der Gesamtsituation übertrieben schwarz sehen und sich in diese negative Sicht verbeißen. Depressionen schalten aber nicht generell die Urteilsfähigkeit oder das Denkvermögen aus. Nur während akuter Schübe kann sich die Sicht auf die Welt so sehr verengen, dass nur mehr Negatives wahrgenommen werden kann.

Was ist der Faschismus?

Die in schwindelerregendem Tempo stattfindende Faschisierung einer Gesellschaft nach der anderen kann nicht verstehen, wer den Faschismus nicht versteht. Wer meint, Faschismus sei nur der Versuch, in Krisenzeiten die Arbeiterklasse zu neutralisieren, erkennt zwar das Motiv einiger Kapitalisten, den Faschismus zu unterstützen, verkennt aber das Wesen seines Gegners und kann diesen daher auch nicht bekämpfen. Folgende kurze Punktation ohne Anspruch auf Vollständigkeit soll helfen, die Debatte auf ein höheres analytisches Niveau zu heben.

-Faschismus ist die Selbstversicherung der fragilen Männlichkeit. Faschismus bekämpft und vernichtet alles, was der Faschist an der eigenen Sexualität verstörend oder abstoßend findet und externalisiert diese Aspekte durch Projektion auf sexuelle Minderheiten sowie auf imaginierte Verschwörungen, die zur Absicht hätten, die „richtige“ Sexualität eines „Volkes“ durch „Perversionen“ zu untergraben.

-Faschismus ist Anti-Psychoanalyse. Die Psychoanalyse will, grob vereinfacht gesagt, unbewusste Konflikte bewusst machen und so zu deren Auflösung und damit zur Entneurotisierung beitragen. Der Faschismus arbeitet genau gegenteilig und legt großen Wert darauf, dass das Unbewusste unbewusst bleibe, denn dort, am Unbewussten, setzt seine Propaganda an, die nur bei entsprechend neurotischen Menschen nachhaltig verfangen kann. Faschismus will also stets die ungelösten inneren Konflikte verstärken, die Neurotisierungen verschlimmern, auf dass die gequälte Kreatur ihr Heil dann im Kollektiv der Nation finde, die im Führer als mythische Erlösergestalt ihre Personifikation hat.

-Faschismus ist eine Perversion des Hegelianismus. Vor allem die Phänomenologie des Geistes wird von Faschisten derart fehlinterpretiert, dass die schmerzhaften Spannungen, unter denen Gesellschaften nach und nach von der naiven Wahrnehmung zur Vernunft und damit bis hin zu Erkenntnis und Verständnis des Wesens der Geschichte und ihrer selbst aufsteigen können, nicht etwa ein dauerhafter Prozess voller Rückschläge und neuer Anfänge sei, sondern ein metaphysisch zielgerichteter und eschatologischer. Am Ende, so meinen Faschisten, steht das von Fehlern befreite Volk, die fehlerlose Wirklichkeit, das und die den wahren Willen Gottes (die meisten Faschisten glauben an einen solchen, ob wörtlich oder symbolisch) als harmonische Gemeinschaft erfüllt, einer Gemeinschaft, die zunächst von „satanischen“ oder „artfremden“ Elementen gesäubert werden müsse.

-Faschismus verherrlicht die Gewalt und das Menschenopfer. Damit eine Gesellschaft im faschistischen Sinne gesunden kann, muss sie „gereinigt“ werden, Dieser Reinigungsprozess findet statt in Form des Ausschlusses, der Verfolgung und schließlich der Vernichtung all dessen, was die Identität als Volksgemeinschaft gefährden könnte. Jedes Verbrechen, jeder Genozid ist als Mittel, dies zu erreichen, nicht nur erlaubt, sondern das notwendige Opfer eines Todeskultes, das allerdings nicht der Faschist selber bringt, sondern das zu bringen er andere mit Gewalt zwingt.

-Faschismus ist die totale Gemeinschaft des Identischen. Da der Faschismus, der sich metaphysisch definiert und „legitimiert“, von sich selbst annimmt, das absolut Gute im Kampf gegen das absolut Böse zu verkörpern, muss jeder noch so kleine Dissens unterbunden werden. Deswegen legen Regierungen, die sich dem Faschismus annähern oder vom faschistischen Denken infiziert sind, so großen Wert darauf, selbst das kleinste Druckwerk, das nur wenige tausend Leser hat, zu kriminalisieren und zu verbieten. Deswegen gelten unter faschistischen oder faschistoiden Verhältnissen nicht „die Arbeiter“ als die größten Feinde, sondern die Zivilgesellschaft, was erklärt, warum die Faschisten unserer Tage so großen Wert darauf legen, NGOs und zivilgesellschaftliches Engagement zu dämonisieren und zu kriminalisieren. Der selbst denkende und für sich selbst moralisch entscheidende Mensch ist im faschistischen Denken der Feind.

-Faschismus funktioniert nicht ohne den „starken Mann“, der, einem mythischen Wesen gleich, aus dem Dunkel der Geschichte tritt und zielgerichtet die Macht an sich reißt, weswegen er sie laut faschistischem Denken auch verdient hat. Dieser Führer ist männlich und hart, verletzend und brutal, denn er personifiziert eine Ideologie, die alles weiche und weibliche verachtet und hasst. Dieser Führer kann alles, weiß alles, wendet alles zum Guten. Er ist der Größte und der Beste und sagt dies auch selbst bei jeder Gelegenheit über sich selbst. Ist er einmal an der Macht, sind wahrhaft demokratische Wahlen nicht mehr notwendig, ja sie sind von großem Übel, da sie die Säuberung der Gesellschaft verzögern oder gar aufhalten könnten. Der faschistische Führer muss Wahlen deswegen nicht gänzlich abschaffen, aber er verwandelt sie in Rituale, in denen die Volksgemeinschaft dankbar zum Ausdruck bringt, wie sehr sie mit dem Führer übereinstimmt. Rituale folgen einem strikten Drehbuch, weswegen Wahlen unter faschistischen oder faschistoiden Verhältnissen nie überraschend ausgehen, da sie mit einem Mix aus Wahlfälschung und totaler Kontrolle über alle Medien kaum anders ausgehen können als mit der Affirmation des Führers.

-Faschismus ist die Antithese zu Liberalismus und Marxismus. Er lehnt die Idee der Gleichwertigkeit der Menschen rundweg ab und kann jede Abweichung vom totalen Anspruch, alle Bereiche der menschlichen Existenz zu kontrollieren und zu bestimmen, nur als Kriegserklärung wahrnehmen. Der Faschismus lehnt die materialistische Welterklärung des Marxismus ab, ja sieht ihn als Attacke auf die von ihm als wahr vorausgesetzte göttliche Ordnung der Dinge, da der Faschismus eine metaphysische Bewegung ist. Deswegen verfolgen, foltern und morden Faschisten aus nichtigsten Anlässen, daher eskaliert ihre Gewalttätigkeit von Verbrechen zu Verbrechen, denn es geht dem Faschisten immer um alles, um mehr noch als weltliche Macht, da der Faschist sich als nichts weniger denn als Vollstrecker des „göttlichen“ Willen sieht oder, geht es nach einigen faschistischen Ideologen, sogar als Korrektor göttlicher Fehler, denn Faschisten betrachten, wie schon erwähnt, die Welt als Ort, in dem die „wahre“ göttliche Ordnung von „satanischen“ Kräften pervertiert worden sei. 

Klonovsky und die bösen Homos

Michael Klonovsky hat für den „Focus“ aufgeschrieben, was ihm durch sein deutsches Gehirn wabert. Es müsse, so der tapfere Mann, endlich Schluss sein mit der Toleranz gegenüber Minderheiten. Grund genug für ein Interview mit dem mutigen Widerstandskämpfer gegen Schwächere.

Herr Klonovsky, was ist ein Fußballstadion?

Klonovsky: Das Fußballstadion aber ist eine archaische Sphäre. Auf dem Platz imitieren Männer das Jagdrudel von ehedem und kämpfen gegen ein anderes Rudel.

Es hat also was mit Affen zu tun. Und was ist die sogenannte Fankurve?

Klonovsky: Die Fankurve ist die letzte Bastion gegen den Totalitarismus der Toleranzerzwinger.

Wer erzwingt denn totalitär Toleranz?

Klonovsky: Der rheinland-pfälzische Innen- und Sportminister Roger Lewentz.

Was hat der böse Mann denn gesagt?

Klonovsky: „Sie alle darf ich ermutigen, aufzustehen und klarzustellen: Homophobie gehört weder auf den Sportplatz noch in die Gesellschaft. Niemand darf Angst haben, mit seiner Identität auch offen umzugehen.“

Allerhand! Ganz schön totalitär, zu fordern, Menschen sollten wegen ihre sexuellen Orientierung keine Angst haben müssen. Irgendwann reicht es auch mal wieder mit den Problemen der Tucken, oder? 

Klonovsky: Homosexuellen-Probleme sind in letzter Zeit in der Öffentlichkeit ausgiebig behandelt worden: von der Hinterbliebenenrente bis zur Erbschaftsteuer, vom Ehegatten-Splitting bis zum Adoptionsrecht. Angesichts der Tatsache, dass die Probleme der Schwulen und Lesben für die Zukunft dieser Republik eher sekundär sind, vielleicht zu ausgiebig.

Es gibt in Deutschland also keinerlei Diskriminierung von LGBTQ-People?

Klonovsky: (lacht hönisch): Über das erschütternde Ausmaß der Homosexuellen-Diskriminierung kann sich der Zeitgenosse auf den alljährlichen Christopher Street Days ein Bild machen, sofern er das schwul-lesbische Massenknutschen anlässlich des Papstbesuchs verpasst hat.

Ich nehme an, für Sie gibt es Grenzen der Toleranz? Und ich nehme weiters an, die ziehen Sie dort, wo eine Mehrheit eine Minderheit tolerieren soll?

Klonovsky: Es ist aber nicht einzusehen, warum sich die heterosexuelle Mehrheit auch noch auf dem Fußballplatz mit schwulen Coming-outs beschäftigen soll. Die Grenzen der gebotenen Toleranz sind erreicht, wenn sie in Belästigung umzuschlagen beginnt.

Äh, vielen Dank für die Einblicke in ihr furchtsames und furchtbares Seelenleben. 

Kann die FPÖ den Juden jemals verzeihen?

Ein imaginäres Interview, basierend auf einem echten

Journalist: Lieber Herr FPÖ-Politiker XYZ. Ihre Partei wurde von der jährlichen Gedenkfeier im ehemaligen KZ Mauthausen ausgeladen. Ein Auftritt von FPÖ-Politikern dort wäre „eine erneute Demütigung für die Überlebenden“, so das Mauthausen-Komitee. Können Sie das nachvollziehen?

FPÖ-Politiker XYZ: Nein, kann ich nicht. Ich bin zutiefst gekränkt und frage mich nun wirklich, ob wir den Juden je verzeihen können, was sie unseren Vätern und Großvätern angetan haben. Irgendwann muss doch auch mal Schluss sein mit den alten Geschichten!

Journalist: Wie bitte? Sechs Millionen Juden wurden ermordet und…

FPÖ-Politiker XYZ: Legen Sie mir keine Worte in den Mund! Ich sage es in aller Deutlichkeit: Ich finde Straflager wie Mauthausen entsetzlich. Wir lehnen die Nationalsozialisten, obwohl sie eine ordentliche Beschäftigungspolitik machten, ebenso klar ab wie den Bombenterror der Alliierten.

Journalist: Straflager? Das waren Vernichtungslager! Straflager würde implizieren, dass die dort Inhaftierten eine Straftat begangen hätten. Und die Bomben kamen, weil Hitler zuerst ganz Europa überfallen hat.

FPÖ-Politiker: Nun ja, Jude zu sein war damals halt ebenso strafbar wie Opposition zur Regierung. So waren halt die Gesetze und wer bin ich, gesetzestreue Bürger von damals zu verurteilen? Und Krieg ist immer schrecklich, ganz gleich, wer ihn auch beginnt.

Journalist: FPÖ-Chef Strache, FPÖ-Klubobmann Gudenus und FPÖ-Innenminister Hofer haben vor kurzem behauptet, der jüdische Milliardär George Soros sei für die Flüchtlingsströme verantwortlich. Eine klassische antisemitische Verschwörungstheorie.

FPÖ-Politiker XYZ: Aber nein! Dass wir uns aus hunderten Milliardären, die Lobbyarbeit finanzieren, ausgerechnet einen jüdischen ausgesucht haben, um ihm die Schuld für die Flüchtlinge zu geben, hat nicht das Geringste mit Antisemitismus zu tun. Es geht uns doch nicht um die Religionszugehörigkeit dieses Herren, der keine Heimat kennt, sein raffendes Kapital vermehrt und wie ein Krake die Welt mit seinen raffgierigen Fangarmen im Griff hat, sondern ausschließlich um Fakten. Wie sie wissen gibt es fundierte Gerüchte und glaubwürdige Lügen, die Herrn Soros eine Beteiligung an der Flüchtlingskrise nachweisen.

Journalist: Was ist mit den Liederbüchern der Burschenschaften, in denen von der Ermordung einer weiteren Million Juden geschwärmt wird? Was ist mit den FPÖ-Inseraten in Zeitschriften wie der „Aula“, in der KZ-Überlebende als „Landplage“ und „Kriminelle“ verunglimpft wurden?

FPÖ-Politiker: Wenn sie nicht Fake News verbreiten würden, sondern ordentlich recherchiert hätten, dann wüssten sie, dass in dem Liederbuch keineswegs gefordert wird, noch eine Million Juden zu ermorden. Das Büchlein, mit dem wir übrigens nichts zu tun haben, sagt lediglich, die Juden hätten den Holocaust selbst inszeniert, um danach Israel geschenkt zu kriegen. Die „Aula“ hat mit uns rein gar nichts zu tun, obwohl sie sich selbst „das freiheitliche Magazin“ nennt und wir dort inserieren wie die Blöden. Außerdem muss man in einer Demokratie auch Stimmen aushalten, die sich nicht dem Diktat der Politischen Korrektheit beugen.

Journalist: Sie verstehen also nicht, dass KZ-Überlebende sich durch Bezeichnungen wie „Landplage“ oder „Kriminelle“ gedemütigt fühlen?

FPÖ-Politiker XYZ: Wirklich nicht! Sie, da gibt es Sachen, die die Mainstream-Geschichtsschreibung bis heute totschweigt. Ich selber kenne einen Bauern, dem KZ-Überlebende kurz nach ihrer Befreiung ein paar Äpfel gestohlen haben. Der Mann war danach ein seelisches Wrack. Es gab eben auch deutsche Opfer des Holocaust, aber über die redet mal wieder keiner. Das ist typisch für die linken Brunnenvergifter, dass sie nie über die Opfer reden wollen.

Journalist: Ich danke ihnen für dieses, äh, erhellende Interview.

FPÖ-Politiker XYZ: Immer gerne, aber keine Lügengeschichten drucken wie sonst immer, gell?

Teufel 3sixty: Kleines Radio spuckt große Töne

Mit dem kompakten Alleskönner 3sixty bietet die Firma „Lautsprecher Teufel“ ein Radio an, das die Technik des 21. Jahrhunderts mit nostalgischem Design kombiniert.

Platz für guten Sound ist in der kleinsten Hütte“, könnte das Motto des 3sixty sein. Die Neuinterpretation des klassischen Küchenradios durch die Berliner Firma Teufel ist gerade mal 28 Zentimeter breit, 16 Zentimeter tief und 17,50 Zentimeter hoch. Und mit zweieinhalb Kilo Gewicht gehört es zu den leichteren Vertretern seiner Art. Wobei: Seiner Art? Viele Artgenossen hat das 3sixty gar nicht. Radios gibt es wie Sand am Meer, aber nur wenige können das, was das Teufel-Gerät kann. Das spielt nämlich, wie man in Österreich sagt, alle Stückerln. FM-Radio, Digitalradio DAB+, Internetradio, Spotify Connect, Musik vom Smartphone, NAS und USB-Sticks sowie Bluetooth aptX. Und zum Drüberstreuen gibt es noch eine Weckfunktion.

Look, Feel und Einrichtung

Einmal ausgepackt, fallen zunächst die gute Verarbeitung und die originelle Formsprache des 3sixty auf. Das Radio steht stabil auf gummierten Füßchen, hat die klassische würfelartige Form alter Küchenradios und wirkt mit dem Stoffbezug an der Oberseits und der klaren, nicht mit Bedienelementen überfrachteten Vorderseite sehr gefällig und zeitgemäß. Die Ersteinrichtung ist keine Hexerei. Mit dem großen linken Drehrad regelt man die Lautstärke, mit dem rechten Drehrad surft man durch die Menüs und bestätigt Befehle durch Drücken. Teufel setzt auf diese Lösung statt auf einen Touchscreen, und ich muss sagen: Es funktioniert sehr gut. Erinnert ein bisschen an das iDrive-System von BMW. Von den drei Radioquellen FM, DAB+ und Internetradio kann man jeweils fünf Lieblingssender abspeichern, die dann über die Zifferntasten am unteren Rand des Geräts sofort anwählbar sind. Ebenfalls mit den Speichertasten belegen lassen sich Spotify-Playlists. Eine Bluetoothverbindung zum Smartphone steht binnen zwei Sekunden. Empfehlenswert ist, das 3sixty ans heimische WLAN anzuschließen. Nicht nur wegen der Internetsender, die man dann empfangen kann, sondern auch wegen der Updates, die Teufel von Zeit zu Zeit ausliefert.

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360-Grad-Sound

Teufel nennt das Radio aus zwei Gründen 3sixty: Einerseits soll an die gute alte Zeit des Küchenradios in den 60er Jahren erinnert werden, andererseits hat das Teil eine ausgeklügelte Lautsprechertechnik an Bord, die es schafft, kleine bis mittelgroße Räume mit einer Art Rundum-Sound zu befeuern. Das funktioniert in der Praxis bemerkenswert gut. Egal, wo man das 3sixty auch hinstellt – es verteilt Musik gleichmäßig im ganzen Raum, fast wie eine Punktschallquelle. Teufel schafft diesen Trick mit zwei als 360-Grad-Kegel konstruierten Hochmitteltönern im Breitbandprinzip sowie einem Downfire-Subwoofer, der diskret an der Unterseite des Geräts verbaut ist. Es ist wirklich überraschend, wie viel Klang Teufel dem kleinen Radio verpasst hat. Natürlich kann der Zwerg nicht mit großen Standboxen oder teuren Regallautsprechern konkurrieren, aber er klingt viel voluminöser und auch feiner, als man angesichts seiner kompakten Maße vermuten würde. Musik hat einen schönen und nachvollziehbaren Körper; Bässe, Mitten und Höhen vermatschen nicht zu einem Brei, sondern sind klar definiert, und selbst bei höheren Lautstärken kommt das 3sixty nicht ins Schwitzen, will heißen ins Knarren und Übersteuern. Dieses Küchenradio ist tatsächlich auch partytauglich. Es kann einen am frühen Morgen mit sanften Klassikklängen langsam munter werden lassen, es kann aber auch die Küche rocken. Wie viel Sound die Ingenieure von Teufel in diesen Winzling gepackt haben, ist wirklich überraschend.

Alles eitel Wonne Sonnenschein am Radio-Himmel über Berlin also? Nicht ganz. Das Display ist ein bisschen schwächlich und wird bei direkter Sonneneinstrahlung bald mal schwer leserlich und der WLAN-Empfang scheint mir nicht zu den stärksten zu gehören. Ein direkter Netzwerkanschluss für ein LAN-Kabel wäre wünschenswert, aber für 279,99 Euro kann man halt nicht alles haben. Man hat eh fast alles.

Pro: Schickes Küchenradio, das großartig klingt und alle Anschlüsse hat, die man heutzutage braucht.

Contra: Display könnte heller sein, nur WLAN und kein LAN.

Testfazit: Das 3sixty von Teufel ist das Küchenradio, das fast alles kann. Es empfängt quasi alles, was derzeit senden kann, ob über Funkwellen, DAB+, Bluetooth oder Internet und es gibt auch Musik von NAS-Speichern und USB-Sticks wieder. Die Tonqualität ist für diese Preisklasse und Gerätegröße überragend und der Preis ist fair.

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Arbeitslose aller Länder, vereinigt euch!

Die Krise, die nicht enden will, obwohl staatlich alimentierte Wirtschaftsforscher mit strahlenden Gesichtern von Wachstum und sich entspannenden Arbeitsmärkten faseln, ist eine sich in Wirklichkeit stets weiter zuspitzende Krise der Überproduktion und eine Krise der Arbeit an sich. Wer glaubt, die Krise, die 2008 sich nur deutlicher zeigte als zuvor, sei überwunden, der möge sich die wachsenden Wohnwagensiedlungen rund um amerikanische Städte ansehen, in denen jene Menschen leben, deren Arbeitskraft nicht mehr wertvoll genug ist, um sie gegen eine Wohnung einzutauschen. Oder er möge sich mit Briten unterhalten, die täglich vier Stunden zur Arbeit und von dieser zurück pendeln, da ein Leben in der Nähe des Arbeitsplatzes für sie nicht bezahlbar ist. Vor allem aber möge er oder sie sich ansehen, welchen Aufwand Staaten rund um die Welt betreiben, um dem jetzt schon großen und stetig weiter wachsenden Heer der Überflüssigen Herr zu werden. In China führen sie ein System der totalen Überwachung und Bewertung aller Bürger nach ihrer Nützlichkeit und ihrem Gehorsam ein. Wer durch einen unangepassten, womöglich auch noch die eigene Arbeitskraft schädigenden Lebenswandel auffällt, kommt auf schwarze Listen und wird bestraft, ohne dass ein Beamter dazu ein Schriftstück unterzeichnen müsste. Das System funktioniert vollautomatisch. Computerprogramme, die jede Regung jedes Bürgers überwachen, erstellen ohne Unterlass Bewertungen dieser Bürger und verhängen automatisierte Sanktionen gegen Abweichler und ökonomisch Nutzlose. In Ungarn verrichten Arbeitslose Zwangsarbeit und in Österreich wollen sie Arbeiter und Arbeiterinnen einer dauerhaften Kontrolle ihres Gesundheitszustandes unterwerfen, die sofortige und verpflichtende Reparaturmaßnahmen einleitet, sobald ein Arbeitskraftverkäufer gesundheitlich ins Straucheln gerät. Ein Staat nach dem anderen kriminalisiert Armut und Obdachlosigkeit. Auf den Philippinen lässt Regierungschef Duterte Drogenkranke, die sich wegen ihrer Krankheit nicht ausreichend verwerten lassen, mittels Massenmord beseitigen. Das alles und mehr ist kein Anzeichen dafür, dass die Krise vorbei wäre, sondern ein Vorschein auf eine Eskalation der Barbarei. Passend dazu erleben wir eine globale Regression in Irrationalität und Primitivität.

Ich bin mir allerdings gar nicht sicher, ob man hier von Regression sprechen sollte. Regression würde eine stattgefunden habende Weiterentwicklung voraussetzen, von der aus man zurückfallen könnte. Treffender ist der Begriff Degeneration. Beispielsweise in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts waren Verständnis von den und Kritik an den Verhältnissen auch nicht klüger oder weiter entwickelt als heute, aber die politischen Verwalter der kapitalistischen Welt waren immerhin darauf bedacht, ihre Funktion als Charaktermaske nicht allzu deutlich kenntlich zu machen. Heute verkünden immer mehr Politiker und Politikerinnen offen, sie seien nur Platzhalter für die, die ihnen folgen werden, nachdem sie selbst ihre Aufgabe, die meist darin besteht, die Interessen nationaler Kapitale oder bestimmter Kapitalfraktionen zu vertreten, erfüllt haben. Die Phrasen dazu gehen in etwa so: „Politik ist nicht das Einzige in meiner Lebensplanung“; „nach der Politik möchte ich mich noch anderen Dingen widmen“ und so weiter. Das Andere ist aber nie eine neue Karriere als Bienenzüchter, Trappistenmönch oder Fluchthelferin, sondern immer ein Aufsichtsratsposten hier, ein Beratervertrag dort und dazwischen alles andere, was viel Geld einbringt. Nicht die Lust am Geldverdienen ist verwerflich, sondern das offene Bekenntnis zur Korruption, das geradezu lustvolle und dabei schamlose Offenlegen der realen Funktion der Politik in bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften. Diese moralische Degeneration ist eine der Hauptursachen für die Selbstzerstörung vieler sozialdemokratischer Parteien, denen jene Bevölkerungsgruppen, die Sozialdemokraten eigentlich vertreten sollten, es besonders übel nehmen, wenn sie sich als das zu erkennen geben, was sie sind, nämlich inhaltlich entkernte und orientierungslose Haufen, allzu oft angeführt von Figuren, die nichts anderes interessiert als das persönliche Fortkommen in einer Gesellschaft, die gerechter zu machen zu versuchen sie längst aufgegeben haben.

Die immer weiter steigende Attraktivität barbarischer Ideologien, deren Hauptmerkmal der Rückzug auf Tribalismus und Identitäten ist, hat viel mit einem Mangel an Verständnis für die Wirklichkeit zu tun und weniger mit einem an „Bildung“. Bildung, wie sie inzwischen definiert wird, also als Erwerb von Fähigkeiten, die den Wert der eigenen Arbeitskraft erhöhen, hilft so wenig wie Bildung im klassischen humanistischen Sinne. Die besten Kunden esoterischer Schlangenölverkäufer sind Akademiker, die schlimmsten und dümmsten Nazis bestehen oftmals darauf, mit ihrem akademischen Titel angeredet zu werden. Bildung an sich ist nutzlos als Antidot gegen den Aufmarsch der Zivilisationsfeindlichkeit. Allenfalls Aufklärung könnte helfen, aber Licht ins Dunkel des Denkens zu bringen, ist mühsam und oftmals, da rasche Erfolge ausbleiben, frustrierend. Nicht nur der Aufklärer hat es schwer, sondern auch die, die einer Aufklärung bedürfen. Weil sie es schwer haben, finden sie ideologische Angebote gut, die es ihnen leicht zu machen versprechen. Weil die meisten nicht verstehen, dass sie in einem totalen System leben, in dem das Verhalten des Individuums nur einen beschränkten Einfluss auf dessen Lebensumstände hat, glauben sie umso inbrünstiger an das Märchen von der Eigenverantwortung und an Schauergeschichten von verschlagenen Eliten, die auf geheimen Kongressen die Geschicke der Welt dirigieren. Weil sie nicht begreifen können, welche Verhaltensweisen der Kapitalismus allen in ihm lebenden aufzwingt, sehen sie sich zurück nach den Gutenachtgeschichten ihrer Kindheit und den Hervorbringungen der Unterhaltungsindustrie, in denen es „Gute“ und „Böse“ gibt, Helden und Schurken. An diese Sehnsucht nach der vermeintlichen Simplizität, nach Dualität docken die Ideologien an, die Menschen in „Wir“ und „Die“ einteilen, in „Nützliche“ und „Unnütze“, in „Gläubige“ und „Ungläubige“, in „Inländer“ und „Ausländer“.

Wir sind auf einem schlechten Weg, auf einer Straße, die zu Ausgrenzung, Mord und Krieg führt. Ist also alles hoffnungslos? Eine Maschine, in die einen Holzschuh zu werfen sie bestenfalls kurz verlangsamt? Ich sage es mal so: Für Optimismus besteht kein übertrieben großer Anlass, aber noch ist nicht alles verloren. Eine Linke, die sich des Internationalismus und Universalismus besinnt und vor allem nicht nur den kapitalistischen, sondern auch den eigenen Arbeitsbegriff endlich kritisch aufarbeitet, könnte das Schlimmste noch verhindern. Dazu müsste sie aber die Last in Jahrzehnten angehäufter Dogmen über Bord werfen und Marx neu denken, neu verstehen lernen. Dazu ist übrigens die Lektüre der klassischen marxistischen Literatur nicht mal ansatzweise so nützlich wie eine kritische, von Solidarität geprägte Auseinandersetzung mit den Menschenmassen, die das Kapital als überflüssig ausscheidet, und vor allem mit dem Umgang der politischen Verwalter mit diesen Massen. Eine Linke, die ihrer Position als Arbeitskraftverkäufer beraubte Menschen als „Lumpenproletariat“ beschimpft, hat schon verloren und wird auch dann verloren haben, sollte sie eine Form von Macht erringen. Eine Linke, die im Arbeitsbegriff des 19. Jahrhunderts gefangen bleibt, muss scheitern beim Versuch, die aktuellen Vorgänge auch nur richtig zu verstehen, geschweige denn in Richtung Humanität verändern zu können. Wer die Machtverschiebung von der Arbeit zu den neuen Monopolen nicht erkennt, erkennt auch nicht die Ohnmacht der Gewerkschaften und ihrer Kampfmethoden von gestern. Und schließlich: Die Linke hat eine Chance, aber die hat sie nur dann und die verdient sie nur dann, wenn sie statt irgendwelcher grauen Technokratien, in denen der kapitalistische Zwang  durch einen staatskapitalistischen ersetzt wird und wo der Mensch immer nur noch Menschenmaterial bleibt, eine wirklich andere Welt denken und somit anbieten kann, eine Welt, in der die Menschen wirklich frei sind von der dauernden Erniedrigung zu Nummern in Kosten-Nutzen-Rechnungen. Solange die Linke das nicht auf die Reihe kriegt, werden die Bedrängten und Gedemütigten ihr Heil bei denen suchen, die „Heil“ brüllen.