Ein Versprechen an die Terroristen

Ihr, die ihr euren Wahnsinn „Gott“ nennt und ins Paradies gelangen wollt, indem ihr auf Erden eine Hölle erschafft, seid versichert: Da ist kein Gott und da ist kein Paradies nach dem Tod.

Ihr, die ihr wenigstens einmal im Leben groß sein wollt, indem ihr im Namen eures nicht existenten Gottes Massenmord verübt, seid versichert: Niemand wird sich an eure Namen erinnern. Man wird euer nur als namenlose Mordbuben gedenken.

Ihr, die ihr nachts in die Häuser von Juden einbrecht und dort Kinder erstecht, seid versichert: Israel wird nicht weichen, sondern leben und gedeihen.

Ihr, die ihr Frauen und Mädchen entführt und vergewaltigt und verkauft wie Vieh, seid versichert: Der Tag wird kommen, an dem diese Frauen und Mädchen frei sein werden, denn sie wurden nicht vergessen. Ihr aber, die ihr entführt und vergewaltigt und versklavt, werdet sterben oder euer Leben im Kerker beschließen.

Ihr, die ihr in Palästen hockt und die Mörder finanziert, seid versichert: Eure Uhren ticken, die Zeit läuft ab. Der Wahnsinn, dessen Verbreitung ihr so großzügig finanziell unterstützt, ist zu wahnsinnig geworden. Man wird ihn mit Stumpf und Stiel ausrotten.

Ihr, die ihr den Krieg wollt, seid versichert: Ihr bekommt ihn.

Innenminister Sobotka und die Drogen-Verwirrung

Österreichs Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) hat in einem Interview mit der Austria Presse Agentur folgende Behauptung aufgestellt: „Bei Suchtmitteldelikten werden 99 Prozent durch Nichtösterreicher begangen“.

Das ist eine knackige, wenn auch sprachlich holprige Ansage. Was sagt die Kriminalitätsstatistik dazu? Die aktuellsten Daten, die auf der Homepage des Innenministeriums abrufbar sind, finden sich im „Suchtmittelbericht 2014“.

Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz 2014: 30.250

Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz gegen Tatverdächtige ohne österreichische Staatsbürgerschaft 2014: 8.349

Vielleicht habe ich ja in Mathematik gepennt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass 8.349 NICHT 99 Prozent von 30.250 sind.*

Kann natürlich sein, und um eine gute Ausrede solle man nie verlegen sein, der Herr Innenminister meinte sämtliche Suchtmitteldelikte auf der ganzen Welt. Dann könnte das mit den 99 Prozent Nichtösterreichern schon hinkommen. Aber für die ganze Welt ist der österreichische Innenminister nicht zuständig.

Wenn, wovon jeder vernunftbegabte Mensch ausgehen muss, Sobotka die Situation in Österreich gemeint hat, und falls die APA ihn wahrheitsgemäß zitiert hat, dann hat er die Unwahrheit gesagt. Nicht über das Wetter oder sonst etwas unwichtiges, sondern über den eigenen politischen Verantwortungsbereich. Das sollte ein Innenminister, der unter anderem für die Polizei zuständig ist, nicht tun dürfen, ohne zurücktreten zu müssen.

*Update: Die Presseabteilung des Innenministeriums gab auf Anfrage des Lindwurms zu Protokoll, dass Minister Sobotka mit den 99 Prozent nur die seit 1. Juni wegen des novellierten Tatbestandes des öffentlichen Suchtmittelhandels festgenommenen Personen gemeint habe. Er sei verkürzt zitiert worden.

Eine Illusion namens Europa

Here is hope for all the people

And generations yet to come

And the future´s bright tomorrow

Illuminated by the morning sun

All nations will unite as one

A new horizon clear to view

Down all the days to 1992

(The Kinks, „Down All The Days“, 1989)

Nach dem „Brexit“ wirken diese euphorischen Zeilen, mit denen die vielleicht britischste aller Rockgruppen einst den bevorstehenden Vertrag von Maastricht besungen hat, seltsam aus der Zeit gefallen. Ich erinnere mich aber noch gut an die Hoffnungen, mit denen nicht nur ich diesen Gründungsvertrag der Europäischen Union verknüpft habe. Ich erinnere mich an das Gefühl, direkt nach dem EU-Beitritt Österreichs als Teil einer Pressedelegation nach Luxemburg zu fliegen, wo abends junge Briten, Franzosen, Deutsche und Italiener gemeinsam in den Cafés feierten und wie selbstverständlich miteinander Spaß hatten. Das, so dachte ich, war die Zukunft. All die Jahrhunderte der Kriege, die im großen Massenabschlachten des 20. Jahrhunderts kulminierten, würden nun wenigstens in Europa ein für allemal der Vergangenheit angehören, ein finsterer Schrecken aus den Geschichtsbüchern, aus denen wir unseren ungläubig staunenden Kindern Stories über die Dummheit ihrer Vorfahren vorlesen würden. Die Nationalisten hatten verloren, so dachte ich, und obwohl Nationalisten genau damals neue Leichenberge im ehemaligen Jugoslawien aufhäuften, hielt ich das Gemetzel für das letzte Aufbäumen jener Verrückten und Verbrecher, die Nationen aufeinander hetzten.

Wir schrieben das Jahr 1995, in Ex-Jugoslawien wurde ein brüchiger Frieden erzwungen und der schon von tödlicher Krankheit gezeichnete französische Präsident Mitterand trat vor das Europaparlament und warnte: „Nationalismus bedeutet Krieg“. Er musste es wissen, er war beim letzten großen Krieg dabei gewesen. Vorbei, so meinte ich, so blöd würde niemand mehr sein, Europa zurück in die Nationalstaaterei und damit in den Krieg zu treiben.

Ich war grenzenlos naiv in einem grenzenlos werdenden Europa.

Wir, die Pro-Europäer, hatten die Zählebigkeit von Chauvinismus und Nationalismus unterschätzt. Und wir hatten vor allem nicht damit gerechnet, dass Thatcheristen und rechts gewendete Sozialdemokraten die Chance verspielen würden, dieses neue vereinte Europa mit Emotion und Leben zu füllen. Stattdessen beeilten sie sich, die Wirtschaft der EU ohne Rücksicht auf volkswirtschaftliche Ungleichgewichte zu liberalisieren, was nur wenige Jahre später dazu führte, dass die weltweite Überproduktionskrise durch deutsches Lohndumping Europa viel härter traf, als es notwendig gewesen wäre. Diese Krise fing 2007 an und dauert bis heute an. Die EU erweiterte sich derweil um ein osteuropäisches Land um das andere, kümmerte sich aber nicht groß um den Lebensstandard in diesen Ländern, was zu einem historisch einzigartigen Brain-Drain im Osten führte, da fast jeder, der halbwegs gebildet war und nicht beim örtlichen Oligarchen, dem Staat oder bei EU-Dependancen beschäftigt war, sein Heil im Westen suchte. Zurück blieben die Dummen, Schwachen und Unflexiblen – und die Roma, die das vermeintlich so großartige Europa nicht haben wollte. Bevor wir uns versahen regierten zwischen Ungarn und Polen extrem rechte, autoritäre Parteien, die auf den europäischen Gedanken einfach pfiffen und sich weigerten, bei einer halbwegs solidarischen Flüchtlingspolitik mitzumachen. Eine solche wäre bitter nötig gewesen, denn die vermeintlich so großartige EU hatte einfach tatenlos dabei zugesehen, wie der syrische Diktator einen unfassbar blutigen Bürgerkrieg entfesselte und sich in dessen Windschatten Terrororganisationen bislang nicht gekannter Grausamkeit bildeten.

Die syrischen Kriegsflüchtlinge waren freilich nur die jüngste Gruppe von Menschen, die vor Tod und absolutem Elend zu fliehen versuchte. Schon seit der Jahrtausendwende nahmen Hunderttausende den Tod in Kauf, um sich nach Europa zu retten. Zehntausende starben bislang dabei. Denn da gab es noch etwas, was wir in Europa allzu lange ignorierten: Der Kapitalismus schrieb immer größere Teile der Welt einfach als Verlustgebiete ab, was für jene Menschen, die das Pech hatten, dort zu wohnen, bedeutete, dass man auch sie abschrieb. Abgeschrieben zu sein bedeutet im globalen Kapitalismus, dass es keine Investitionen mehr gibt, das politische System ebenso zerfällt wie die Staatsapparate, die Gesundheitssysteme und Schulen und dass sich Banden bilden, die mit äußerster Brutalität um die verbliebenen Reste kämpfen. Europa schottete sich ab und ließ abertausende Menschen an seinen Grenzen und im Mittelmeer sterben. Und als die deutsche Kanzlerin Angela Merkel wenigstens einmal eine Ausnahme machte, war das den autochthonen Bewohnern dieses Europa schon zu viel. FPÖ, Front National, Ukip und wie sie alle heißen: Geduldig wie die Tarantel, die in ihrer Höhle auf Beute lauert, haben sie gewartet und dann zugeschlagen. Sie haben das Unbehagen und die Angst gewittert, von denen dieses Europa in der Krise heimgesucht wird, und befeuerten beides mit jeder nur denkbaren und für anständige Menschen auch undenkbaren Propagandalüge.

Die Stunde der Nationalisten ist wieder da. Und vermutlich war das auch gar nicht anders möglich, denn wir, die wir vor vielen Jahren solche Hoffnungen in Maastricht gesetzt hatten, haben wohl unterschätzt, welche Beharrungskräfte einer wirklichen europäischen Vereinigung im Wege standen. Das sind ja nicht nur ein paar politische Abzocker und Hasardeure, sondern große Teile der gesellschaftlichen Eliten. Wir Pro-Europäer waren wirklich so blöd zu denken, all die Beamten in den vielen nationalen Verwaltungsebenen und all das Personal in den Botschaften der EU-Mitgliedsstaaten rund um den Globus würden einfach nur zusehen dabei, wie sie langsam überflüssig werden. Hölle, was waren wir bescheuert! Dabei hatten wir doch live miterlebt, wie sie Jugoslawien zerfetzten, nur um an all die schönen Posten und Goodies zu kommen, die ein Nationalstaat zu bieten hat. Eine wirkliche Europäische Union würde zehntausende Leute ihre hoch dotierten und bequemen Jobs kosten. Natürlich nehmen die das nicht einfach hin, sondern wehren sich. Ob es danach Krieg gibt, ist denen komplett egal, Hauptsache sie behalten ihre Pfründe. Oder kriegen sogar neue dazu.

With a new world to bult we´ll say „Auf Wiedersehen“

What did they do for us? What did it prove to us?

As we stand beside the silent grave

The Unknown Soldier can´t be saved

(The Kinks, „The War Is Over“)

Nach Brexit: Mehr Europa statt weniger

Die Stimmen waren noch nicht ganz ausgezählt, da zeigte Nigel Farage den Briten schon, was von rechtspolulistischen Versprechungen zu halten ist. Die Sache mit den 350 Millionen Pfund, die Großbritannien wöchentlich an die EU überweise und die die Brexit-Befürworter laut ihrer Kampagne stattdessen in das öffentliche Gesundheitssystem zu investieren versprachen, werde man wohl doch anders handhaben. Oder auf Englisch: „Screw you, idiots!“ Natürlich wird kein einziges Pfund, das sich der britische Staat ohnehin nur nach Milchmädchenrechnungen durch den EU-Austritt „spart“, im Gesundheitssystem oder bei den ärmeren Teilen der Bevölkerung landen. Im Gegenteil ist zu erwarten, dass die Briten nun einen brutalen Sparkurs fahren werden müssen und die Reste ihres Sozialstaats zusammenstreichen. Was ja unter anderem Sinn der ganzen nationalistischen Übung ist.

Apropos Nationalismus: Die Engländer, die im Gegensatz zu den Schottinnen und Nordiren mehrheitlich für den Ausstieg aus der EU stimmten, werden schon sehr rasch merken, dass chauvinistische Aufwallungen an der Grenze des kleinen Great Britain nicht halt machen. Schon kurbeln sie in Schottland die Unabhängigkeitsbwegung wieder an, schon ließ die irische Sinn Féin Gelüste nach einer Vereinigung der grünen Insel durchblicken. Es ist absehbar, dass Schottland diesmal Ernst machen und sich samt Erdöl und Whisky aus dem Vereinigten Königreich verpissen wird. Wales hat zwar außer Konsonanten keine nennenswerten Exportgüter, könnte sich aber von der nationalen Aufbruchstimmung mitreißen lassen und den englischen Cousins einen nahezu unleserlichen Abschiedsbrief schicken. Und Spanien meldet bereits Ansprüche auf Gibraltar an, was nur logisch ist, denn solange Großbritannien in der EU war, war es quasi wurscht, wer Gibraltar offiziell regierte. Nun aber ist das wieder richtiges Ausland mitten im spanischen Inland.

Die EU wird nun mit Großbritannien langwierige Verhandlungen beginnen, in denen es unter anderem auch um den Rechtsstatus von Hunderttausenden EU-Bürgerinnen, darunter besonders viele Polen, die in GB arbeiten und leben gehen wird. Und es muss jede einzelne kleine EU-Regelung in neue Verträge übertragen werden. Hierbei wäre es wünschenswert, wenn die EU den Briten nur so weit entgegenkommt, wie es für die Wirtschaft der EU zwingend erforderlich ist. Grundsätzlich sollte gelten, was für alle anderen Nicht-EU-Mitglieder gilt: Friss oder stirb! GB wird weiterhin seine Produkte an EU-Standards anpassen müssen oder es kann sie halt leider nicht in Europa verkaufen. Die Inselbewohner werden also alles machen müssen, was die EU vorschreibt, ohne aber diese Vorschriften mitgestalten zu können. Die Reise- und Niederlassungsfreiheit für Briten wird aufgehoben und durch temporäre Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen ersetzt. Das europäische Wahlrecht erlischt für Briten selbstverständlich.

Noch feiern die britischen und europäischen Nationalisten ihren Sieg. Der Kater wird schnell genug folgen.

Traurig ist das alles trotzdem. Die EU ist die in die Praxis umgesetzte Lehre aus zwei Weltkriegen und Hunderten kleineren Kriegen vor diesen. Sie ist voller Fehler und Ärgernisse, aber sie ist besser als jede realistische Alternative. Es ist also sinnvoll, für sie zu kämpfen. Aber wie sollte das am besten geschehen? Vor allem durch einen politischen Sprung nach vorne. Die EU muss endlich ihre Strukturen so ändern, dass aus dem eher losen Staatenbund die Vereinigten Staaten von Europa werden. Mit nachvollziehbaren demokratischen Abläufen statt der faktischen Regentschaft der einzelnen Mitgliedsregierungen. All das Tolerieren von Sonderwünschen, all das Entgegenkommen gegenüber Nationalisten war nichts als Appeasement, und Appeasement hat noch nie funktioniert. Was also braucht Europa? Europaweit antretende Parteien, europaweit aktive Gewerkschaften, die Übertragung der Befugnisse von Kommission und Rat an das Europaparlament. Und natürlich muss endlich ein Aktionsplan her, um die himmelschreienden ökonomischen und sozialen Ungleichheiten in der EU zu bekämpfen. Solange nicht ganz zu Unrecht der Eindruck besteht, die EU bringe nur den Eliten was, den Gebildeten und Weltgewandten, werden nationalistische Rückwärtsgang-Einleger weiter reüssieren. Solange in Teilen Europas die Jugendarbeitslosigkeit bei 50 Prozent liegt und es Gebiete gibt, deren Lebensstandard in etwa dem von Gaza entspricht, wird ein großer Teil der europäischen Bevölkerung empfänglich sein für die Songs über Unabhängigkeit und Nationalstolz.

Vergewaltigung: Von Opfern und Tätern und Tätern als Opfer

 

Eine kleine Wohnung in Klagenfurt. Eva R. sitzt am Küchentisch, auf dem ein voller Aschenbecher neben leergetrunkenen Kaffeetassen steht, raucht eine Zigarette nach der anderen und sieht viel älter aus als 32. Neben ihr sitzt eine Frau um die 50. Evas Mutter. Eva kann Besucher nicht alleine empfangen, schon gar keine männlichen. Vor fünf Jahren wurde Eva vergewaltigt. Sie hatte in einer Bar einen charmanten und gut aussehenden Mann kennengelernt und war mit ihm in dessen Wohnung gegangen. „Eigentlich bin ich gar keine für one night stands“, sagt sie, „aber ich war damals schon länger allein gewesen und der Alkohol hat mich enthemmt“. Zunächst läuft alles gut. Der Mann gibt ihr noch ein Gläschen Wodka und legt Musik auf. Küssen, schmusen, gegenseitiges Ausziehen, sich eng umschlungen in Richtung Schlafzimmer tastend. Der Mann wirft Eva aufs Bett. Sie lacht noch. Aber dann ändert sich etwas. „Ich weiß auch nicht genau, aber plötzlich fand ich ihn nicht mehr attraktiv“, erzählt die junge Frau. Sie will keinen Sex mehr, will aufstehen und gehen, aber der Mann hält sie fest. Eva bekommt Panik, fängt an zu weinen. Der Mann ohrfeigt sie und knurrt sie an, sie solle mit dem Heulen aufhören, das törne ihn ja ab. „Er war aber nicht abgetörnt“, erinnert Eva sich. Sein Gesicht sei ganz hart geworden, eine Mimik voller Zorn und Aggression. „Da habe ich Angst um mein Leben bekommen“. Der Kerl macht weiter, presst Eva an den Armen auf den Polster und vergeht sich an ihr. Als er fertig ist, sagt er höhnisch: „Na, das war doch nicht so schlimm, oder?“ Er bietet Eva noch einen Wodka an, aber sie verzichtet, zieht sich rasch an und geht weg. Drei Tage lang hockt sie wie gelähmt in ihrer Wohnung, dann geht sie zur Polizei. Es folgt ein Gerichtsverfahren, in dem ihr Peiniger aus Mangel an Beweisen freigesprochen wird. Das Gericht bescheinigt Eva zwar „Glaubwürdigkeit“, weswegen ihr auch keine Anklage wegen Falschaussage droht, aber der Vergewaltiger geht trotzdem frei. Wenige Wochen nach dem Gerichtsverfahren erleidet Eva ihre erste Panikattacke. Dazu kommen massive Essstörungen. Sie kann nicht mehr arbeiten und verbringt mehrere Monate in der Psychiatrie. Seither nimmt sie Neuroleptika und Antidepressiva in hoher Dosierung, aber es geht ihr nur sehr langsam besser. „Vorigen Dienstag habe ich es geschafft, alleine bis zum Supermarkt zu gehen“, sagt sie stolz. Ihr Mutter tätschelt ihr aufmunternd die Schulter. Eva zuckt zusammen.

Eine andere Klagenfurter Wohnung. Horst A. dreht sich einen Tschick. Der 43-Jährige kann sich keine Zigaretten leisten und greift daher zum Wuzeltabak. Er ist arbeitslos, lebt von der Notstandshilfe. Früher war er Buchhalter bei einer größeren Oberkärntner Firma. Früher, vor den zweieinhalb Jahren Gefängnis, die er hinter sich hat. Horst ist ein verurteilter Sexualstraftäter, der, so sah es das Gericht, eine Arbeitskollegin nach einer Betriebsfeier vergewaltigt hat. „Ich hab es nicht getan“, behauptet Horst. Vor Gericht war er freilich geständig, doch das Geständnis habe er auf Anraten seines Anwalts abgelegt. Der Staatsanwalt hatte nämlich die Einweisung in eine „Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher“ verlangt und aus der, so hatte es ihm sein Rechtsvertreter erklärt, wäre er womöglich nie wieder rausgekommen. Man verurteilt Horst zu drei Jahren und acht Monaten unbedingter Haft und tansportiert ihn in ein ostösterreichisches Gefängnis für Schwerverbrecher. Dort sorgen die Wärter nicht nur dafür, dass alle Mitgefangenen wissen, dass A. Ein Vergewaltiger sei, die Wachbeamten spucken jeden Tag vor seinen Augen in sein Essen. Monatelang. Als Horst mit einem rumänischen Zuhälter auf eine Zelle gelegt wird, schlägt ihn dieser und vergewaltigt ihn. „Das ging über Wochen. Als ich mit blutendem After beim Arzt war, meinte der Wärter, der mich auf die Krankenstation begleitete, dass ich nur das kriegen würde, was ich verdiene“. Nach 26 Monaten ist die Qual vorbei, A. wird die Reststrafe erlassen. Doch er verlässt den Knast als gebrochener Mensch. Wieder in Freiheit zieht er nach Klagenfurt, weil er in seiner Oberkärntner Heimatgemeinde andauernd Drohbriefe bekommt. Auch in der Landeshauptstadt traut er sich kaum außer Haus und leidet unter massiven Angstzuständen. Horst zieht an seiner Wuzelzigarette. „Ich hab doch gar nichts gemacht“, sagt er.

ps: Beide Interviews führte ich im Jahr 2004, als ich an einer Reportage über Sexualstraftaten arbeitete, die ich aber nie fertigstellte.

Tanz der Teufel -Sebastian Kurz, die Dämonen und das Böse

Wenn der österreichische Außenminister Sebastian Kurz Flüchtlinge auf griechischen Inseln in Internierungslager stecken will und diese sadistische Fantasie in jenem sanften Tonfall vorträgt, der die autoritäre Irrationalität als Produkt vernünftigen Denkens verkaufen soll, wird die systembedingt geförderte Bösartigkeit des politischen Personals, das die Interessen der Besitzenden je nach Klassenzugehörigkeit in Nuancen unterschiedlich gewichtet, am Ende aber stets volksgemeinschaftlich im Sinne eines Wohlstands-Wir vertritt, sogar für jene sichtbar, die sich mit der Realität dieser Welt aus Bequemlichkeit, Überforderung oder Selbstschutz nicht gerne befassen und daher ehrlich entsetzt sind, wenn sich diese Wirklichkeit so zeigt, wie sie ist. Menschen für ihr bloßes Sein, in diesem Falle für ihr Flüchtlings-Sein, in Lager zu stecken, ist längst kein Anfang mehr, den abzuwehren es gelte, sondern eine fortgeschrittene Eskalation des Autoritarismus, der seit den ersten Krisenzyklen des Kapitalismus die Menschheit so hartnäckig begleitet wie der Floh den Hund.

Die kurz´schen Internierungslager wären nicht einmal ein Bruch mit dem, was unsere Gesellschaften sind, sondern nur eine weitere Fortsetzung und allenfalls Zuspitzung der alltäglichen Barbarei, die als abendländische Zivilisation missverstanden wird. Das Aussortieren von Menschen aus dem zuvor konstruierten Kollektiv, um sie dann zu quälen und im Extremfall auch zu töten, hat in den postfaschistischen westeuropäischen Gesellschaften nie aufgehört, es trat bloß in einer quantitativ und qualitativ gemilderten Form auf oder wurde in die Ausbeutungsgebiete der sogannten Dritten Welt verlagert. Der Übergang von der massenhaft eliminatorischen Praxis der Nazis zur Nachkriegsdemokratie, die sich formal auf die Menschenrechte bezog, war kein so glatter und gut datierbarer, wie es die Schulbücher darstellen, sondern ein fließender voller Kontinuitäten. In österreichischen und deutschen Psychiatrien kamen noch bis in die 1950er Jahre hinein hunderte, vielleicht sogar tausende Menschen durch Mangelernährung und Misshandlung ums Leben, weil dort die Nazi-Ärzteschaft einfach ihr Programm der Vernichtung „unwerten“ Lebens unauffällig weiter umsetzte und lediglich auf den Einsatz der unmittelbar tödlichen Giftspritze verzichtete. Die Alliierten ahnten zunächst nicht, dass es neben den Konzentrationslagern noch andere Orte der Vernichtung zu befreien galt, und die Täter-Bevölkerung leckte die Wunden, die sie sich beim Umbringen und Foltern ihrer Opfer zugezogen hatte. Psychische Andersartigkeit, sexuelle Abweichungen von der Norm, Aufbegehren gegen die alltägliche und oft genug bis zum Mord gewalttätige Unterdrückung von Frauen – all das und mehr wurde bis in die 1990er Jahre hinein je nach Ausmaß und Auffälligkeit der Deviation mit Freiheitsentzug und Umerziehungsmaßnahmen sanktioniert und wird das teils bis heute. In den Waisen- und Erziehungsheimen prügelten und vergewaltigten Ex-Nazis und Geistliche massenhaft Kinder und Jugendliche, die Parlamente setzten sich bis zu 70 Prozent aus ehemaligen NSDAP-Mitgliedern zusammen und während die Hippies bei Konzerten tanzten, sperrten die irischen Christen Kate Millet ins Irrenhaus. In Spanien, Portugal und Griechenland lebte der offene Faschismus fort, in Lateinamerika putschte er sich mit Unterstützung westlicher Geheimdienste an die Macht. In der Sowjetunion und ihren Satelliten sorgte ein dröger Funktionärs-Staatskapitalismus für die erwünschte Ruhe über den Massengräbern des stalinistischen Terrors und hobelte konsequent und brutaler noch als in den westlichen Staaten alles weg, was aus der Masse hervorragte. In den Stellvertreterkriegen zwischen den USA und Russland starben Millionen und dabei kam alles zum Einsatz, was der Mensch sich an Inhumanität ausdenken kann.  Folterzentren, Todesschwadronen, Flächenbombardements, Todeslager… 

Es wäre grenzenlos naiv zu meinen, auf Basis dieser jüngeren Geschichte seit 1945 könne eine belastbare Zivilisation wachsen, ein verlässlicher Gegenpol zu barbarischen Regungen aller Art. In der Realität geschah das genaue Gegenteil, denn trotz gewisser Erfolge antiautoritärer humaner Bestrebungen lauerte nicht nur überall und immer die Reaktion auf jeden noch so kleinen Fortschritt. Die Praxis der Kapitalverwertung und der dazu notwendigen Dehumanisierung selbst schuf massenhaft Individuen, deren Ich mit den nicht immer bewusst erkannten, aber sehr wohl stets gefühlten und erlebten Widersprüchen nicht zurande kam und darauf mit verzweifelten Schutzversuchen reagierte. Der Linksterrorismus der 70er Jahre war ebenso ein Ausdruck dieser gescheiterten Versuche zur Selbstheilung des Leidens an einem Wahnsinn, der eben nicht im Individuum angelegt, sondern gesellschaftlich inhärent war, wie es der Islamismus und der neue Rechtsautoritarismus heute sind. Und weil es zum Scheitern verurteilte Versuche waren und sind, sind auch deren Resultate entsprechend beklagenswert. Immer muss jemand sterben oder wenigstens bekehrt werden, sei es der „Klassenfeind“, der „Ungläubige“, der „Muslim“ oder jeder, der anders ist als die Mehrheit.

Sebastian Kurz, mit dem dieser Text begann, ist ein sehr beliebter Politiker und er hofft, umso beliebter zu werden je destruktivere Vorschläge er macht. Das ist bei allen politischen Figuren zu beobachten, die dem global voranschreitenden Rechtsautoritarismus zugerechnet werden können. Immer wieder zu sehen ist, ob bei Donald Trump oder österreichischen Provinzkaspern, das Kokettieren mit dem „Bösen“, das bewusste Abgehen vom ohnehin nur symbolischen zivilisatorischen Konsens. Die Attraktivität des Bösen, des Dämonischen begegnet uns als populärkultureller Topos, wofür der Erfolg des Films „Das Schweigen Der Lämmer“ und vor allem seiner Fortsetzungen als anschauliches Beispiel herangezogen werden kann. Ein kannibalische Serienmörder wurde zum geheimen Helden Millionen von Kinobesuchern nicht trotz, sondern weil er eine Sehnsucht nach der Vorkultur, der Barbarei verkörperte und mit seinem luziden Charisma dem Publikum ein attraktives Angebot machte, nämlich das einer satanischen Schuldlosigkeit, eines Lebens ohne Reue und Gewissen in einer realen Welt, deren extreme Brutalität Menschen mit Fähigkeit zu Reue und Gewissen entweder in eine aufgezwungene Psychopathie treibt oder im klinischen Sinne verrückt macht. Und da das Böse, das Dämonische den Ruf hat, schwer zu widerstehen zu sein, ist die Ausrede für die Verbrechen, die zu begehen es einen ermuntert, auch gleich zur Hand: „Es war ein böser Mensch, der uns in Krieg und Völkermord getrieben hat, aber wir konnten nichts dafür, wir sind dem Teufel erlegen“. Dass der einzige reale Dämon, der einzige wirkliche Teufel der ist, der in Form der eigenen Destruktivität je nach Ausmaß der seelischen Beschädigung Teil der eigenen Persönlichkeit ist, sollte banal sein, ist aber ungeheuer schwer zu vermitteln. Und so ist leider zu erwarten, dass den Trumps und Kurzs und Straches und Erdogans niemand ernsthaft in die Parade fahren wird.