Team_Zivilisation vs Team_Gina_Lisa

Als Gina-Lisa Lohfink vorigen Montag in Berlin wegen falscher Verdächtigung verurteilt wurde, waren die Sozialen Medien nicht nur voll sexistischen Hohns und abgrundtief bösartigen Hasses auf das It-Girl und Frauen generell, sondern auch voller trotziger Justizschelte, Rechtsstaatsverachtung und pseudofeministischem Radikalismus. Der Blog „Mädchenmannschaft“, eine Art Zentralorgan des postmodernen Gefühlsfeminismus, heulte auf: „Wie sieht Vergewaltigungskultur aus? Genau so“. Weil ein Berliner Gericht zum Schluss kam, Lohfink habe zwei Männer fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigt, schloss die „Mädchenmannschaft“, in Hinkunft würden sich weniger Frauen trauen, Vergewaltigungen anzuzeigen. Auch die Sozialistische Jugend Österreichs blieb nach dem Urteil unbeirrt im „Team_Gina_Lisa“ und postete auf Facebook ein Meme des Inhalts: „Wenn am Schluss die Betroffene einer Vergewaltigung bestraft wird“. Dass ein deutsches Gericht unter den Argusaugen der Öffentlichkeit aufgrund recht klarer Indizien und Beweise festgestellt hatte, dass gar keine Vergewaltigung stattgefunden habe – es war den österreichischen Nachwuchslinken ebenso egal wie den Demonstrantinnen vor dem Gerichtsgebäude, die den antizivilisatorischen Slogan skandierten: „Macker gibt’s in jeder Stadt, bildet Banden, schafft sie ab!“

Ein Feminismus, der zu einer barbarischen Regung verkommen ist, ist keiner mehr. Und es ist nichts anderes als Barbarei wenn man fordert, das Recht Banden zu überantworten, rechtsstaatliche Grundprinzipien über Bord zu werfen und auch Unschuldige einzusperren, solange das nur die eigene gesellschaftspolitische Agenda voranzubringen verspricht. Da schimmert die alte Krankheit durch, die immer wieder alle möglichen politischen Bewegungen heimgesucht hat, tragischerweise gerade auch linke, nämlich die Bereitschaft zur Inhumanität im Namen der guten Sache. Dass der Zweck die Mittel heilige ist jener moralische Kurzschluss, der immer wieder Menschen, manchmal Millionen von ihnen, Freiheit und Leben gekostet hat. Der klassische Feminismus war nicht so und ist nicht so. Der wollte und will die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts aufheben, die Unterdrückung der Frau beenden und geschlechtsbezogene Privilegien abschaffen. Für eine nicht verübte Vergewaltigung nicht bestraft zu werden, ist aber kein Privileg, sondern ein Menschenrecht.

Die beunruhigende Tatsache, dass mittlerweile an die 60 Prozent aller wahlberechtigten Männer rechtsextreme oder autoritäre Parteien wählen, wird allzu gerne abgetan damit, dass die halt dumm seien, rückständige primitive Machos auf der Suche nach dem Übervater, der ihre Vorrechte wiederherstellt. Auf den Gedanken zu kommen, das könnten wenigstens teilweise Leute sein, die von der peseudofeministischen Durchkriminalisierung der sexuellen Geschlechterverhältnisse verunsichert sind und sich ungern als Macker und Vergewaltiger beschimpfen lassen, scheint mittlerweile verpönt zu sein. Natürlich sind das tatsächlich oft Männer, die den antifeministischen Backlash anstreben, die wieder Verhältnisse wie in den 50er Jahren wollen, die sich nach der vermeintlichen Klarheit des alten patriachalen Autoritarismus sehnen. Aber nicht alle. Einige haben wohl nur die Schnauze voll von einer Feminismusvariante, die Männern nur mehr mit Hass und Generalverdacht begegnet.

Sigi Maron und der Nachbarsohn

Anfang der 80er Jahre in einem Kärntner Dorf. Ich war 12 oder 13 und durchlebte gerade meine erste regressive Phase, die sich darin manifestierte, dass ich nach der zwar aufschlussreichen, aber letztlich in den Wirrnissen der frühen Pubertät auch nur bedingt hilfreichen Lektüre von Fromm, Marx, Bakunin und Nietzsche die Welt der Schundromane entdeckte. Mein Favorit unter den Groschenheften war „Geisterjäger John Sinclair“, die aufregende und nicht enden wollende Saga um einen Helden und seinen Karate beherrschenden asiatischen Buddy, die gemeinsam okkulte Ärsche traten. Autor Helmut Rellergard, der sich in den späten 60ern den Beatles-Song „Paperback Writer“ zu Herzen genommen hatte, wusste genau, wie man Leser süchtig macht. Es traf sich gut, dass der Sohn eines Nachbarn, der rund zehn Jahre älter war als ich, Hunderte Ausgaben dieser Romanserie besaß und willens war, die mir zu leihen. Neben einer Vorliebe für literarischen Trash entdeckte ich zu jener Zeit auch die Musik. Ein Onkel hatte mich mit Neil Young, den Stones und Blood, Sweat & Tears angefixt und ich gierte nach mehr, nach immer neuem Stoff. Eines Tages bemerkte ich, dass der Nachbarsjunge nicht nur Heftromane, sondern auch eine umfangreiche Plattensammlung besaß, welche er ebenfalls großzügig zu verleihen bereit war. Doch seine LP-Sammlung war anders. Statt Beatles, Supertramp, Bad Company oder Led Zeppelin hatten die Künstler Namen wie Konstantin Wecker, Georg Danzer, Arik Brauer, Schmetterlinge – und Sigi Maron. Ich schnappte mir eine Platte von Maron, auf deren Cover das Wrack eines verunfallten Taxis zu sehen war, trabte zurück in mein kleines Zimmer und legte sie auf. Die ersten Riffs von „He, Taxi“ füllten den Raum und als Maron zu singen begann, änderte sich für mich alles.

Marons Lieder waren zornig, obszön, zärtlich, direkt und poetisch und verschoben für mich die Grenzen dessen, was Dialekt sprachlich zu leisten im Stande war, um hunderte Kilometer. Und sie trafen mich genau ins Herz. Diese Songs über erschossene Kriegsdienstverweigerer („Andrea“), über sexuell belästigte Arbeiterinnen („Seavas Mariedl“) und die Brutalität der Psychiatrie („Ziaglroter Pavillon“) waren das Gegenteil des üblichen popmusikalischen Eskapismus. Maron nannte die Dinge beim Namen und sein Zorn über das Unrecht war der meine. Seit ich angefangen hatte, zu denken, empfand ich Ungerechtigkeit als schwer erträgliche Zumutung. Und das Unrecht war konkret. Der von Nachbarn und mit unser aller Wissen im Keller eingesperrte geistig Behinderte, dessen Klagerufe manchmal durch das Dorf hallten; die in jedem Wirtshaus stattfindende Hitler-Nostalgie; der prügelnde Lehrer; der höchst geachtete Pfarrer, der die Ministranten unter seinen Rock zu greifen nötigte; Hunger in der Dritten Welt, Krieg, Waldsterben, Mathematikunterricht, Hausaufgaben und die erste unerwiderte Liebe! Das alles sollte es nicht geben und im Kommunismus würde alles besser sein. Vielleicht. Oder auch nicht. Der Kommunist Sigi Maron wusste natürlich, wie trostlos die Praxis im Ostblock war und sang über den Realsozialismus: De Stern ausn Ostn / de wüllst endlich kostn / Du huckst im Trocknen und sogst: „Des is eh ois ned woa“.

Obige Zeilen stammen aus Marons Dylan-Cover „Zum Denken Ka Zeit“. Sigi schaffte das Kunststück, den epischen Rundumschlag „No Time To Think“ nicht nur verlustfrei einzudeutschen, sondern die Intensität des Originals, dieser Generalabrechnung mit dem Spätkapitalismus und der Zerstörung des Menschen durch politische Maschinerien und bürokratische Apparate, durch Ideologien und Wahnsinn, noch zu steigern. Ich war ein junger Mensch voller Sorgen und Ängste, und der Song war so, als hätten Dylan und Maron ihn für mich geschrieben. Die Botschaft: Es ist alles vorbei, noch bevor es begonnen hat. Du hast keine Chance. Niemand hat eine. Es bleibt nur, in Würde die Entwürdigungen zu ertragen, den Kopf hoch zu halten, während die Jauche schon bis zu den Schultern reicht. Sigi Maron konnte derlei Verzweiflung in Worte fassen, weil er selbst oft verzweifelt war. Durch Kinderlähmung an den Rollstuhl angewiesen, bekam er mit voller Wucht zu spüren, was diese Gesellschaft in Wirklichkeit und abseits der Sonntagsreden für Menschen übrig hat, die nicht so funktionieren wie die Mehrheit und deren Verwertbarkeit eingeschränkt ist. Auf die warten Heime und Anstalten und Sozialbauten ohne Rampe und Lift. Maron gab nicht auf, sondern nutzte seine außerordentliche sprachliche Begabung für poetische Gegenangriffe auf die Arroganz und Ignoranz der sogenannten Gesunden, auf die Gemeinheit der Bürokraten, die stumpfe Gier der Karrieristen und Kapitalisten, die Dummheit der meisten Politiker. Er sang für jene, die ganz unten standen  in der Hackordnung der Warengesellschaft und denen daher andauernd auf den Kopf geschissen wurde.

Auf einer der Maron-Platten, die ich mir vom Nachbarsjungen ausgeliehen hatte, hatte Sigi ein Autogramm gekritzelt. Der Nachbarsohn war nämlich in der Sozialistischen Jugend aktiv gewesen und die hatte mal ein Maron-Konzert in Villach organisiert. Dieser Jungsozialist, von dem ich mir die ersten Platten von Maron, den Schmetterlingen und anderen linken Liedermachern und Bands geborgt hatte, trat wenige Jahre später der FPÖ bei und wurde ein strammer Rechter, der gar nicht hart genug gegen „Ausländer“, „Sozialschmarotzer“ und andere Feindbilder der Freiheitlichen vom Leder ziehen konnte. Ein bizarrer Persönlichkeitswandel, der mich bis heute verblüfft. Wie man rechtsextrem werden kann, nachdem man Lieder wie „Aum Tog Geh I Mit Blumen“ gehört hatte, einem Song, in dem Maron die Kumpanei zwischen Straßennazis und Justiz thematisierte, verstand ich nicht und verstehe ich bis heute nicht. Irgendeine schwere Kränkung mag im Spiel gewesen sein, etwas, was nur verstehen kann, wer es selbst erleidet, aber letztlich bleibt es ein Rätsel.

Ich habe Sigi Maron nie persönlich kennengelernt, doch wir wurden Facebookfreunde. Fast zwei Jahre lang war Sigi dort aktiv, und ich fühlte mich ungeheuer geschmeichelt, wenn er mal einen Beitrag von mir likte oder sich gar auf einen Chat einließ. Natürlich ist Facebook ein Filter, der einen den anderen Menschen nur erahnen lässt, aber ein bisschen was vom wirklichen Sigi Maron durfte ich erleben, und dafür bin ich dankbar. Wie jeder Künstler war Maron auch ein Mensch, der die Genialität seines Werks naturgemäß nicht andauernd als Person darstellen konnte. Auch Künstler müssen mal aufs Klo, auch der beste Liedermacher des deutschsprachigen Raums verlinkt mal Unsinn. Irgendwann war Maron wieder weg von Facebook, da er wichtigeres zu tun hatte. Manch einen altklugen Kommentar unter seinen Postings bereue ich heute sehr, da keine Gelegenheit mehr ist, dafür um Entschuldigung zu bitten. Als mich die Nachricht von seinem Tod erreichte, war ich erschüttert, aber nicht überrascht. Er war ja, wie einst die frühen russischen Revolutionäre, ein „Toter auf Urlaub“, da er mit einem Aorta-Riss lebte, der ihn jederzeit umbringen konnte. Aber Tote auf Urlaub sind wir alle und niemand entrinnt dem Unvermeidbaren. Die Frage ist nur, wie man das kurze Gastspiel auf dieser Erde gestaltet und ob man die Zeit dafür nützt, die Welt ein wenig besser oder ein wenig schlechter zu machen. Sigi Maron hat die Welt besser gemacht. Weniger sprachlos, weniger trostlos, weniger dumm.

„Die Sau liquidieren“ – Postings auf Norbert-Hofer-Unterstützerseite

Unter einem öffentlich einsehbaren Beitrag der Facebookgruppe „Wir unterstützen Norbert Hofer“ über die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel waren am Sonntag folgende Postings zu sehen:

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Von Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer und der FPÖ liegt bis dato keine eindeutige Distanzierung von dieser „Unterstützergruppe“ und den dort verbreiteten Ansichten vor.

 

 

Ein Versprechen an die Terroristen

Ihr, die ihr euren Wahnsinn „Gott“ nennt und ins Paradies gelangen wollt, indem ihr auf Erden eine Hölle erschafft, seid versichert: Da ist kein Gott und da ist kein Paradies nach dem Tod.

Ihr, die ihr wenigstens einmal im Leben groß sein wollt, indem ihr im Namen eures nicht existenten Gottes Massenmord verübt, seid versichert: Niemand wird sich an eure Namen erinnern. Man wird euer nur als namenlose Mordbuben gedenken.

Ihr, die ihr nachts in die Häuser von Juden einbrecht und dort Kinder erstecht, seid versichert: Israel wird nicht weichen, sondern leben und gedeihen.

Ihr, die ihr Frauen und Mädchen entführt und vergewaltigt und verkauft wie Vieh, seid versichert: Der Tag wird kommen, an dem diese Frauen und Mädchen frei sein werden, denn sie wurden nicht vergessen. Ihr aber, die ihr entführt und vergewaltigt und versklavt, werdet sterben oder euer Leben im Kerker beschließen.

Ihr, die ihr in Palästen hockt und die Mörder finanziert, seid versichert: Eure Uhren ticken, die Zeit läuft ab. Der Wahnsinn, dessen Verbreitung ihr so großzügig finanziell unterstützt, ist zu wahnsinnig geworden. Man wird ihn mit Stumpf und Stiel ausrotten.

Ihr, die ihr den Krieg wollt, seid versichert: Ihr bekommt ihn.

Innenminister Sobotka und die Drogen-Verwirrung

Österreichs Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) hat in einem Interview mit der Austria Presse Agentur folgende Behauptung aufgestellt: „Bei Suchtmitteldelikten werden 99 Prozent durch Nichtösterreicher begangen“.

Das ist eine knackige, wenn auch sprachlich holprige Ansage. Was sagt die Kriminalitätsstatistik dazu? Die aktuellsten Daten, die auf der Homepage des Innenministeriums abrufbar sind, finden sich im „Suchtmittelbericht 2014“.

Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz 2014: 30.250

Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz gegen Tatverdächtige ohne österreichische Staatsbürgerschaft 2014: 8.349

Vielleicht habe ich ja in Mathematik gepennt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass 8.349 NICHT 99 Prozent von 30.250 sind.*

Kann natürlich sein, und um eine gute Ausrede solle man nie verlegen sein, der Herr Innenminister meinte sämtliche Suchtmitteldelikte auf der ganzen Welt. Dann könnte das mit den 99 Prozent Nichtösterreichern schon hinkommen. Aber für die ganze Welt ist der österreichische Innenminister nicht zuständig.

Wenn, wovon jeder vernunftbegabte Mensch ausgehen muss, Sobotka die Situation in Österreich gemeint hat, und falls die APA ihn wahrheitsgemäß zitiert hat, dann hat er die Unwahrheit gesagt. Nicht über das Wetter oder sonst etwas unwichtiges, sondern über den eigenen politischen Verantwortungsbereich. Das sollte ein Innenminister, der unter anderem für die Polizei zuständig ist, nicht tun dürfen, ohne zurücktreten zu müssen.

*Update: Die Presseabteilung des Innenministeriums gab auf Anfrage des Lindwurms zu Protokoll, dass Minister Sobotka mit den 99 Prozent nur die seit 1. Juni wegen des novellierten Tatbestandes des öffentlichen Suchtmittelhandels festgenommenen Personen gemeint habe. Er sei verkürzt zitiert worden.

Eine Illusion namens Europa

Here is hope for all the people

And generations yet to come

And the future´s bright tomorrow

Illuminated by the morning sun

All nations will unite as one

A new horizon clear to view

Down all the days to 1992

(The Kinks, „Down All The Days“, 1989)

Nach dem „Brexit“ wirken diese euphorischen Zeilen, mit denen die vielleicht britischste aller Rockgruppen einst den bevorstehenden Vertrag von Maastricht besungen hat, seltsam aus der Zeit gefallen. Ich erinnere mich aber noch gut an die Hoffnungen, mit denen nicht nur ich diesen Gründungsvertrag der Europäischen Union verknüpft habe. Ich erinnere mich an das Gefühl, direkt nach dem EU-Beitritt Österreichs als Teil einer Pressedelegation nach Luxemburg zu fliegen, wo abends junge Briten, Franzosen, Deutsche und Italiener gemeinsam in den Cafés feierten und wie selbstverständlich miteinander Spaß hatten. Das, so dachte ich, war die Zukunft. All die Jahrhunderte der Kriege, die im großen Massenabschlachten des 20. Jahrhunderts kulminierten, würden nun wenigstens in Europa ein für allemal der Vergangenheit angehören, ein finsterer Schrecken aus den Geschichtsbüchern, aus denen wir unseren ungläubig staunenden Kindern Stories über die Dummheit ihrer Vorfahren vorlesen würden. Die Nationalisten hatten verloren, so dachte ich, und obwohl Nationalisten genau damals neue Leichenberge im ehemaligen Jugoslawien aufhäuften, hielt ich das Gemetzel für das letzte Aufbäumen jener Verrückten und Verbrecher, die Nationen aufeinander hetzten.

Wir schrieben das Jahr 1995, in Ex-Jugoslawien wurde ein brüchiger Frieden erzwungen und der schon von tödlicher Krankheit gezeichnete französische Präsident Mitterand trat vor das Europaparlament und warnte: „Nationalismus bedeutet Krieg“. Er musste es wissen, er war beim letzten großen Krieg dabei gewesen. Vorbei, so meinte ich, so blöd würde niemand mehr sein, Europa zurück in die Nationalstaaterei und damit in den Krieg zu treiben.

Ich war grenzenlos naiv in einem grenzenlos werdenden Europa.

Wir, die Pro-Europäer, hatten die Zählebigkeit von Chauvinismus und Nationalismus unterschätzt. Und wir hatten vor allem nicht damit gerechnet, dass Thatcheristen und rechts gewendete Sozialdemokraten die Chance verspielen würden, dieses neue vereinte Europa mit Emotion und Leben zu füllen. Stattdessen beeilten sie sich, die Wirtschaft der EU ohne Rücksicht auf volkswirtschaftliche Ungleichgewichte zu liberalisieren, was nur wenige Jahre später dazu führte, dass die weltweite Überproduktionskrise durch deutsches Lohndumping Europa viel härter traf, als es notwendig gewesen wäre. Diese Krise fing 2007 an und dauert bis heute an. Die EU erweiterte sich derweil um ein osteuropäisches Land um das andere, kümmerte sich aber nicht groß um den Lebensstandard in diesen Ländern, was zu einem historisch einzigartigen Brain-Drain im Osten führte, da fast jeder, der halbwegs gebildet war und nicht beim örtlichen Oligarchen, dem Staat oder bei EU-Dependancen beschäftigt war, sein Heil im Westen suchte. Zurück blieben die Dummen, Schwachen und Unflexiblen – und die Roma, die das vermeintlich so großartige Europa nicht haben wollte. Bevor wir uns versahen regierten zwischen Ungarn und Polen extrem rechte, autoritäre Parteien, die auf den europäischen Gedanken einfach pfiffen und sich weigerten, bei einer halbwegs solidarischen Flüchtlingspolitik mitzumachen. Eine solche wäre bitter nötig gewesen, denn die vermeintlich so großartige EU hatte einfach tatenlos dabei zugesehen, wie der syrische Diktator einen unfassbar blutigen Bürgerkrieg entfesselte und sich in dessen Windschatten Terrororganisationen bislang nicht gekannter Grausamkeit bildeten.

Die syrischen Kriegsflüchtlinge waren freilich nur die jüngste Gruppe von Menschen, die vor Tod und absolutem Elend zu fliehen versuchte. Schon seit der Jahrtausendwende nahmen Hunderttausende den Tod in Kauf, um sich nach Europa zu retten. Zehntausende starben bislang dabei. Denn da gab es noch etwas, was wir in Europa allzu lange ignorierten: Der Kapitalismus schrieb immer größere Teile der Welt einfach als Verlustgebiete ab, was für jene Menschen, die das Pech hatten, dort zu wohnen, bedeutete, dass man auch sie abschrieb. Abgeschrieben zu sein bedeutet im globalen Kapitalismus, dass es keine Investitionen mehr gibt, das politische System ebenso zerfällt wie die Staatsapparate, die Gesundheitssysteme und Schulen und dass sich Banden bilden, die mit äußerster Brutalität um die verbliebenen Reste kämpfen. Europa schottete sich ab und ließ abertausende Menschen an seinen Grenzen und im Mittelmeer sterben. Und als die deutsche Kanzlerin Angela Merkel wenigstens einmal eine Ausnahme machte, war das den autochthonen Bewohnern dieses Europa schon zu viel. FPÖ, Front National, Ukip und wie sie alle heißen: Geduldig wie die Tarantel, die in ihrer Höhle auf Beute lauert, haben sie gewartet und dann zugeschlagen. Sie haben das Unbehagen und die Angst gewittert, von denen dieses Europa in der Krise heimgesucht wird, und befeuerten beides mit jeder nur denkbaren und für anständige Menschen auch undenkbaren Propagandalüge.

Die Stunde der Nationalisten ist wieder da. Und vermutlich war das auch gar nicht anders möglich, denn wir, die wir vor vielen Jahren solche Hoffnungen in Maastricht gesetzt hatten, haben wohl unterschätzt, welche Beharrungskräfte einer wirklichen europäischen Vereinigung im Wege standen. Das sind ja nicht nur ein paar politische Abzocker und Hasardeure, sondern große Teile der gesellschaftlichen Eliten. Wir Pro-Europäer waren wirklich so blöd zu denken, all die Beamten in den vielen nationalen Verwaltungsebenen und all das Personal in den Botschaften der EU-Mitgliedsstaaten rund um den Globus würden einfach nur zusehen dabei, wie sie langsam überflüssig werden. Hölle, was waren wir bescheuert! Dabei hatten wir doch live miterlebt, wie sie Jugoslawien zerfetzten, nur um an all die schönen Posten und Goodies zu kommen, die ein Nationalstaat zu bieten hat. Eine wirkliche Europäische Union würde zehntausende Leute ihre hoch dotierten und bequemen Jobs kosten. Natürlich nehmen die das nicht einfach hin, sondern wehren sich. Ob es danach Krieg gibt, ist denen komplett egal, Hauptsache sie behalten ihre Pfründe. Oder kriegen sogar neue dazu.

With a new world to bult we´ll say „Auf Wiedersehen“

What did they do for us? What did it prove to us?

As we stand beside the silent grave

The Unknown Soldier can´t be saved

(The Kinks, „The War Is Over“)