Wir Massenmörder

Das Mittelmeer ist mittlerweile das größte Massengrab der Welt. Zehntausende Menschen sind beim Versuch, es zu überqueren um nach Europa zu gelangen, gestorben. Genauer: Sie wurden ermordet. Selbstverständlich hätte Europa die Mittel, um dieses Massensterben zu beenden. Europa will aber nicht. Man lässt die Leute verrecken, um andere abzuschrecken. Das ist Mord und nichts anderes. Massenmord. Vielleicht werden uns unsere Kinder oder Enkel einst fragen, warum wir nichts dagegen unternommen hätten. Wir werden keine Antwort haben.

Das Mordhandwerk Europas beschränkt sich nicht nur auf das Ertränken von Bootsflüchtlingen. Es setzt schon viel früher an, denn Europa ist vielfach ursächlich schuld daran, dass Menschen in Massen aus ihrer Heimat fliehen, weil die Zustände dort so dermaßen elend, gefährlich und hoffnungslos sind, dass selbst das sehr wohl allgemein bekannte Risiko einer Flucht auf den Todesbooten dagegen wie eine Verheißung wirkt. In den vergangenen 20 Jahren haben europäische Mächte und die USA (und jüngst auch China und Russland) in Afrika sowie im Nahen und Mittleren Osten einen Konflikt nach dem anderen angeheizt, haben Regierungen gestürzt und Rebellengruppen unterstützt. Das ist an sich noch nicht einmal falsch, aber man hat sich jedes einzelne Mal aus der Verantwortung gestohlen statt welche zu übernehmen. Nehmen wir das Beispiel Libyen. Gaddafi zu stürzen war durchaus moralisch vertretbar. Das Land danach sich selbst zu überlassen war es nicht. Man kann doch nicht einfach eine Regierung, und sei die noch so despotisch, verjagen und dann das entstehende Machtvakuum achselzuckend ignorieren. Wer Bomben schmeißt, muss auch mit Fußsoldaten rein, und zwar mit so vielen, dass die die Sicherheit im Land garantieren können und einen demokratischen Übergang ermöglichen. Das hat Europa nicht gemacht, das haben auch die USA in Afghanistan und im Irak nicht wirklich gemacht. Alles, was der Westen tat, war Bürgerkriegsschlachtfelder zu eröffnen. Und in Syrien, das zum furchtbarsten Schlachthaus der neueren Geschichte wurde, hat das Rumeiern der westlichen Mächte für einen 15-Fronten-Bürgerkrieg gesorgt, der hunderttausende Tote und Millionen Flüchtlinge produziert.

Und noch etwas: In den vom Westen geschaffen oder zumindest mit zu verantwortenden Machtvakua morden und vergewaltigen vor allem radikal islamistische Bewegungen. Bis heute kann sich Europa nicht dazu durchringen, diese Banden als Feinde der Menschheit zu sehen und entsprechend zu behandeln. Es ist keine islamophobe Spinnerei festzustellen, dass ISIS, Boko Haram und wie sie alle heißen einen Krieg gegen alles führen, wofür der Westen zu stehen zumindest vorgibt. Menschenrechte, Demokratie, Säkularität, Vernunft, Freiheit – all das und mehr wollen diese Leute vernichten. Es sind Barbaren und das, was sie ihre Kultur nennen, ist keine. Islamischer Klerikalfaschismus ist genausowenig Kultur wie es der Nationalsozialismus war und es hat einen Grund, dass diese Leute dieselben Feindbilder haben wie einst die Nazis: Juden, Frauen, Homosexuelle, Wissenschaft, Kunst, Demokratie, Diversität usw. der erste Schitt  zur Bekämpfung dieser Leute, die zum guten Teil die aktuellen Flüchtlingswellen lostreten, muss sein, diesen Verbrechern nicht länger zuzugestehen, sie stünden halt doch irgendwie für eine legitime Meinung und für den Islam. Tun sie nicht. Sie stehen nur für Mord und Tod und Barbarei. Sie müssen bekämpft und aufgehalten werden. Aber der Westen kann sich allenfalls dazu aufraffen, hin und wieder ein paar Drohnen loszuschicken, die dann oft noch Unschuldige mit in den Tod reißen.

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CSU und SPD blasen zur Jagd auf Depressive

Wenn jetzt der bayrische Innenminister Joachim Herrman (CSU) Berufsverbote für Depressive verhängen will, könnte man kurz auflachen und rufen: “Ach, diese Bayern mal wieder”. Solcherlei inhumanen Quatsch Kennt man ja von diesem Gebirgsvolk, dessen derzeitiger Ministerpräsident Horst Seehofer 1987 verlangt hatte, HIV-Infizierte in “speziellen Heimen zu konzentrieren” (sic). Leider ist es mittlerweile so, dass wo zur Jagd auf Menschen geblasen wird, die SPD dringend mitblasen möchte, und so kann sich auch SPD-Vizebundestagsfraktionsvorsitzender Karl Lauterbach vorstellen, an Depression Erkrankten die Ausübung ihres Berufes zu verbieten. Bei Lauterbach klingt das noch schlimmer als beim CSUler: “Wenn etwa eine gefährliche Depression eindeutig diagnostiziert wird und sich der Patient einer Behandlung verweigert, wäre ein Berufsverbot die letzte Konsequenz”.

“Gefährliche Depression” – da ist er wieder, der Mythos vom gefährlichen Irren, rücksichtlos geschürt von populistischen  Politikern im Wissen darum, dass eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung meint, Depressiven ihre Existenzgrundlage zu entziehen, sei eine gute Idee. Nicht weniger als 58 Prozent wollen laut einer repräsentativen Umfrage depressive Menschen durch Berufsverbote zusätzlich stigmatisieren. Früher mal lag ein Vorteil der repräsentativen Demokratie darin, dass Politikerinnen nicht jede Verfolgungslust, die sich von Boulevardmedien geschürt im Volk breitmachte, übernehmen mussten. Das ist spätestens seit den Jahren der rot-grünen Regierung in Deutschland vorbei. Unter Gerhard Schröder wurde zum Beispiel das menschenrechtswidrige “vorsorgliche” Wegsperren psychisch Kranker massiv forciert. Rot-Grün brachte jene Verschärfungen, die den Fall Gusl Mollath erst möglich machten. Und heute redet SPD-Chef Sigmar Gabriel mit den xenophoben Schwachköpfen von Pegida und meint, es gäbe ein Recht darauf, deutschnational zu sein.

Hinter den Forderungen nach Berufsverboten für Depressive steckt aber nicht bloß die Psychopathie populistischer Politiker, die kein Mitgefühl haben und denen nichts anderes wichtig ist als der eigene Erfolg. Es geht wohl auch darum, dem epidemischen Anstieg depressiver Erkrankungen in unserer Höher-Schneller-Weiter-Gesellschaft durch repressive Maßnahmen gegen die Kranken zu begegnen. In Österreich und der Schweiz hat man hierfür die Invalidenrenten abgeschafft um zu verhindern, dass sich Depressive dem Zwang, irgendeinen Nutzen als Arbeitskraft zu haben, entziehen können. Kombiniert man dies mit der Verleumdung psychisch Kranker als gefährlich, kann man sich in etwa vorstellen, was in absehbarer Zeit auf die Betroffenen zukommen wird, nämlich entweder die Abdrängung in Obdachlosigkeit und Elend oder die Zwangsarbeit in “Betreuungseinrichtungen” genannten Straflagern, wo sie unter der Aufsicht von Ärzten, Pflegerinnen und Wachdiensten Körbe flechten und ähnlich niedrigen Tätigkeiten nachgehen werden.

Viele Jahre lang haben Psychologen, Psychiaterinnen und Medien versucht, psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren. Kein Artikel über Depressionen kam ohne die Aufforderung auf, Betroffene sollten sich nicht schämen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nun sehen wir aber, dass eine einzige spektakuläre Untat eines einzelnen Menschen, von dem noch nicht mal sicher ist, dass Depressionen ihn dazu getrieben haben, ausreicht, um alle Versuche der Aufklärung über psychische Andersartigkeiten zunichte zu machen. Der Kranke wird wieder zum “gefährlichen Irren”, dem man Fluglizenz und Führerschein wegnehmen muss und ihn am besten wegsperrt, denn man weiß ja nie, wozu so ein Verrückter fähig ist. Unter diesen Umständen kann man Menschen, die an Depressionen leiden, nicht mehr ruhigen Gewissens raten, sich in Behandlung zu begeben. Da ja auch schon am Aufweichen der Verschwiegenheitspflicht der Ärzte gearbeitet wird, drohen psychisch Kranke bald in einem Register zu landen, auf das die Behörden Zugriff haben. Und dann kommt eines Tages ein Brief des Inhalts, dass man seinen Führerschein beim Amt abzugeben habe und sich zur Umschulung anmelden müsse, da man bedauerlicherweise nicht mehr als Taxifahrer, Sanitäter, Lehrerin, Kranführer, Chirurgin und Buschauffeur arbeiten dürfe.

Ein Berufsverbot für Politiker, die sich auf Kosten kranker Menschen als Sicherheitsapostel profilieren wollen, fordert unterdessen niemand, obwohl doch ganz klar ist, dass die mehr Schaden anrichten, als es alle psychisch Kranken zusammengenommen je könnten.

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Schärfere Psychotests für Piloten

Die Fluglinien reagieren. In Hinkunft gibt es intensivere Psychotests für Piloten/Pilotinnen.

Haben Sie vor, demnächst ein Flugzeug gegen ein Felsmassiv zu fliegen?

(ja), (vielleicht), (nein)

Sind sie irre?

(Nö), (weiß nicht), (SIE sind irre, sie Illuminatenechse aus dem Weltraum)

Nehmen Sie Drogen oder Medikamente?

(Nur den branchenüblichen Speed), (Viagra), (ich doch nicht, hahahahaha)

Was halten sie von erweitertem Suizid?

(Super Sache), (lehne ich eher ab), (nur denkbar, wenn meine Exfrau/mein Exgatte an Bord ist)

Wie sehen Sie sich selber?

(Ich bin ein Gott unter Menschen), (hängt von den Drogen ab), (fragen Sie meine Mama).

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Esoterik-PR in der “Kleinen Zeitung”

Vielleicht ist der Journalismus ja tatsächlich an seinem natürlichen Ende angekommen und man darf sich von ihm nicht länger erwarten, auch nur minmalen Anforderungen an Recherche und Aufklärung gerecht zu werden. Vielleicht ist bald wirklich jeder “Journalismus” nur mehr eine Aneinanderreihung von süßen Tierfotos, radikal subjektiven Erlebnisaufsätzen und beruhigenden Feelgood-Stories, aber solange noch ein paar altmodische Trottel wie ich leben und lesen, wird es wohl noch eine Zeit lang Kritik an jenen Kollegen und Kolleginnen geben, die das Metier niveautechnisch immer tiefer absinken lassen.

Heute berichtete zum Beispiel die “Kleine Zeitung” von den Plänen, in der Kärntner Stadt Friesach eine “LAIS Schule” zu eröffnen. Ohne eine einzige kritische Eigenleistung reicht die “Kleine” einfach die Werbesätze der Betreiber an die Leserinnen und Leser weiter. Wer den Artikel liest bekommt den Eindruck vermittelt, hier würden super nette und fortschrittliche Menschen ein kinderfreundliches Bildungsangebot schaffen, das die klassische Schule nicht bieten könne. Ich habe ganze zehn Minuten in eine Google-Recherche gesteckt und dabei folgendes herausgefunden: Hinter dem Konzept LAIS-Schule steht der “Verein Gaia”. Das ist eine esoterische, sehr rechtslastige Gruppierung, die zum Beispiel verkündet, der Mensch brauche keine Nahrung, sondern könne von Licht leben. Der Verein Gaia wurde außerdem 2014 für das “Goldene Brett vor dem Kopf” nominiert, eine satirische Auszeichnung, die für den “skurrilsten, haarsträubendsten, dreistesten pseudowissenschaftlichen Nonsense-Beitrag des Jahres” vergeben wird. Und zwar für den Versuch, Leichtgläubigen um schlappe 12.000 Euro ein wirkungsloses “Auftriebskraftwerk” zur persönlichen “Energie-Autarkie” unterzujubeln. Beworben wird die “Freie Energie” unter anderem von der neonazistischen “Thule-Gesellschaft”.  Weitere kurze Recherchen zeigen, dass die Fans des Vereins im Internet eifrig rechtslastige Verschwörungstheorien verbreiten und auffallend oft Anhänger der “Germanischen Neuen Medizin” des Antisemiten Ryke Geerd Hamer sind, der die wahnsinnige Verleumdung verbreitet, Juden hätten die Chemotherapie erfunden, um “Arier” zu ermorden.

Ich bekomme für diesen Blogbeitrag kein Geld. Trotzdem habe ich ein paar Minuten meiner Zeit investiert, um zu hinterfragen, ob die LAIS-Schule tatsächlich so eine wunderbar kinderfreundliche Sache ist, wie es der Artikel der “Kleinen Zeitung” suggeriert. Warum die bezahlten Kollegen und Kolleginnen das nicht schafften, ist eine Frage, die man der Chefredaktion der “Kleinen” stellen müsste. Bei der Gelegenheit könnte man auch fragen, warum ausgerechnet eine zu einem katholischen Medienkonzern gehörende Zeitung es für nötig erachtet, Esoteriker zu bewerben.

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Arme Ukraine: Jetzt auch noch Spindelegger

Den Menschen in der Ukraine bleibt auch nichts erspart. Sie durchleiden einen Bürgerkrieg, leben in einer Oligarchie statt in einer Demokratie und jetzt hetzt ihnen der Milliardär Dimitri Firtasch, der wegen eines US-Haftbefehls in ausgerechnet Österreich festsitzt, Michael Spindelegger und Karl Schlögl auf den Hals. Spindelegger, der weltberühmte Ex-ÖVP-Chef, und Schlögl, vom Innenminister Österreichs zum Bürgermeister von Purkersdorf aufgestiegen, sollen Direktoren der “Agency for the Modernization of the Ukraine” werden, einem Verein, den sich Firtasch zusammen mit Bernard-Henry Levy ausgedacht hat. Levy ist bekannt als Philosoph, der auf alles eine und nur eine Antwort hat: Bombardierung. Ob Serbien oder ein Taschendiebversteck – Levy fordert das Eingreifen der NATO, denn Krieg heißt Frieden. Dem Ukraine-Modernisierungsverein sollen auch noch Peer “Hartz IV” Steinbrück, der deutsche Ex-Kriegsminister Günther Verheugen sowie ein paar britische Lords beitreten. Man mag zwar der Ansicht sein, die Ukrainer hätten in den vergangenen Monaten einiges falsch gemacht, aber sowas haben sie nicht verdient. Sowas hat niemand verdient.

Für den moralischen Zustand unserer Zeit sehr aussagekräftig ist, dass Spindelegger und Schlögl einem auf fragwürdige Weise reich gewordenen Milliardär, der per Haftbefehl gesucht wird, nicht etwa nachdrücklich das Loch zeigen, das der Zimmermann hinterlassen hat, sondern ganz geil auf ihre neuen, sicherlich bestens dotierten Jobs sind. Der Gedanke, ein Oligarch könnte bei der “Modernisierung der Ukraine” noch anderes im Kopf haben außer freedom and democracy und Eiapopeia, kommt solchen Leuten ebenso wenig wie Alfred Gusenbauer der Verdacht, der kasachische Präsident sei womöglich ein Diktator und kein liebevoller Landesvater. Natürlich ist es nicht auszuschließen, dass der eine oder andere Milliardär tatsächlich noch was anderes im Sinne hat außer noch reicher zu werden. Milliardäre sind ja auch nur Menschen und als solche vor philantropischen Anfällen und ernsthaft demokratischen Wallungen nicht gänzlich gefeit. Die Erfahrung zeigt freilich, dass vor allem osteuropäsche Oligarchen, die ihren Reichtum selten guten Geschäftsideen, aber häufig einem robusten Durchsetzungsvermögen während der  wörtlich mit Bomben und Granaten geführten Verteilungskämpfe um die ausverkauften Volksvermögen verdanken, unter einer “Modernisierung” vor allem den Eigenutz verstehen, ihren Reichtum ohne die Gefahr enteignet, eingesperrt oder erschossen zu werden genießen zu können. Das will ich gar nicht abwerten, denn rechtsstaatliche Sicherheit kommt letztlich ja allen zugute, nicht nur den Dagobert Ducks. An weiteren Merkmalen einer entwickelten Demokratie wie etwa einem ausgebauten Sozialstaat ist solchen Figuren schon viel seltener und weniger gelegen. Das nämlich würde heißen, dass sie von ihren Milliarden ein paar Prozent an die Allgemeinheit abgeben müssten, und dies wiederum ist nach (neoliberalem) Modernitätsverständnis fast so teuflisch wie Kommunismus oder Mafiaherrschaft.

Ich habe grundsätzlich gar nichts dagegen, wenn Leute für ukranische Oligarchen oder kasachische Diktatoren arbeiten. Es muss ja jeder essen und Miete zahlen. Ein bisserl unwohl wird mir aber, wenn das ehemalige Spitzenpolitiker machen. Da liegt dann halt, wie auch im Falle von Ex-Politikern, die nach ihrer Polit-Karriere hohe Posten bei internationalen Konzernen bekleiden, der Verdacht nahe, diese Leute machten Politik im Interesse jener, die sie später mit traumhaft bezahlten Jobs belohnen. Man kann auch sagen: Es besteht Korruptionsverdacht. Früher mal war es so, dass Politiker ihre politische Laufbahn und die wenigstens teilweise Umsetzung ihrer Überzeugungen als höchstes anzustrebende Lebensziel betrachteten. heute hat man zunehmend den Eindruck, das wahre Ziel sei der Traumjob nach der Politik.

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Fit to work

Ich wollte mir vorhin einen Kebap holen und wurde stattdessen Zeuge, wie die Hundstorferischen Sozialreformen das Land verändern. Die Kebapbude hatte einen neuen Mitarbeiter, einen großen, etwa 250 Kilo wiegenden Mann Ende 40, der gerade darin eingeschult wurde, wie man das Fleisch vom Spieß schabt und die Fladenbrötchen füllt. Der Mensch sah aus, als würde er jeden Moment umkippen vor Erschöpfung und Verwirrung. Die Blut unterlaufenen Augen flackerten unsicher, als würde der Wind der Realität sie fast zum Verlöschen bringen, und unter den Augen waren Tränensäcke, die so aussahen, als wollte Eiter daraus hervorplatzen. Der traurige Koloss stand offensichtlich unter dem Einfluss einer Elefantendosis Neuroleptika, die ihn völlig willenlos und stumm machte, und roboterhaft tat er, was ihm der Lokalbesitzer befahl. An den Handgelenken trug er schweren Goldschmuck, den er beim Bröchtchenfüllen langsam durch die verschiedenen Saucen und Salate schleifen ließ, was er aber nicht mal bemerkte. Vor kurzem wäre der Mann auf einer Parkbank gesessen, hätte Tauben gefüttert und es sich mit einer Invalidenrente in seinem Elend so angenehm wie halt möglich gemacht, jetzt ist er “fit to work”.

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50 Shades of künstliche Aufregung

Ich habe die literarische Frauenwichsvorlage “Fifty Shades Of grey” nicht gelesen und die Verfilmung nicht gesehen, aber nach etlichen Buchbesprechungen, Filmkritiken und Facebookdiskussionen ist mir so, als hätte ich. Alle, die das Zeug in Grund und Boden verdammen, haben natürlich recht, denn das Teil ist auf gleich mehreren Ebenen der reine Schund, aber sie liegen gleichzeitig falsch weil sie nicht recht kapieren, worum es da geht und wie weibliche Fantasie funktioniert. Ich verstehe das ansatzweise, weswegen ich ja eine Umschulung auf Zuhälter oder Marketingleiter eines Kosmetikkonzerns nicht völlig auschließen mag.

Was bemäkeln die “Fifty Shades”-Nörgler und was ist daran Blödsinn?

1. Sadomasochismus werde in Buch und Film falsch dargestellt. Nämlich statt einer einvernehmlichen Sexualpaktik als weit über die Bettkante hinausreichende Machtausübung und Unterwerfung.

Überraschung: Frauen haben und lesen gerne über sexuelle Fantasien, die sie nie umsetzen würden, weil sie wissen, dass das gefährlich wäre, die sie aber trotzdem erregend finden. Erregender halt als die Wirklichkeit mit Anstandsdamen-Dating, Präservativ, an der Schlafzimmertür lauschenden Kindern und Safewords. Kein sich vornehmlich an weibliche Leser wendendes Schundheft, kein “historischer” Roman, keine Fantasy-Fernsehserie kommt ohne Vergewaltigung, Sklaverei, Auspeitschungen und ganz viel anderen Schweinkram aus. Millionen Frauen ziehen sich sowas seit Jahrzehnten rein und sind, da sie mehr lesen als Männer, seit jeher die Hauptkundschaft mehr oder weniger erotischer Literatur. Trotzdem möchte fast keine Frau real vergewaltigt, versklavt oder gegen ihre Zustimmung verhauen werden. Die Story vom Milliardär, der das schüchterne Mauerblümchen “hart fickt”, um mal den Jargon von “Fifty Shades” zu verwenden, und sich zum bestimmenden “Besitzer” aufschwingen will, ist klassischer Pulp, der sich von ähnlichen Produkten dieser Gattung nur dadurch unterscheidet, dass er furchtbar brav und langweilig ist.

2. Das Zeug ist ganz doll reaktionär. 

Falls es jemandem entgangen sein sollte: Wir leben in reaktionären Zeiten. Entsprechend schaut die Popkultur aus. Wenn überall nur mehr Backlash und Sexualangst und großes Comeback religiöser Eiferer ist, wird halt aus einer kreuzbraven wie kreuzdummen Story ein großer Aufreger, der mit befeuchtender Wirkung direkt ins Höschen fährt.

3. Fifty Shades bedient sowohl das Klischee von der weiblichen Unterwürfigkeit als auch jenes des weiblichen Helferinnensysndroms.

Dass viele Frauen davon fantasieren, sich sexuell einem dominanten, “richtigen” Mann hinzugeben, liegt zum Teil an tradierten Geschlechtersterotypen, zum Teil auch an der luschigen Weicheierigkeit, die Männer heute vortäuschen müssen, um als zeitgemäß zivilisiert durchgehen zu können. Zumindest in den besser gebildeten Kreisen hat die Furcht, als Sexist zu gelten, durchaus kastrierende Ausmaße angenommen. Ist es da ein Wunder, wenn Frauen zumindest in der Fantasie mal was mit Nicht-Eunuchen anfangen wollen? Darüber sollten die ganzen männlichen Heulsusen mal nachdenken, sie sich immer wieder darüber beschweren, dass die “netten Jungs” keine abkriegen. Der dominante Milliardär als Objekt der Begierde ist eine Art Überreaktion auf die überkorrekten Langweiler, die seit Jahren den Paarungsmarkt verstopfen. Und was das Helferinnensyndrom betrifft: Einen Mann mit Macken wie zB die Figur des als Kind missbrauchten Milliardärs wieder “geradebiegen” zu können, ist eine uralte Wunschvorstellung vieler Frauen, die zum größten Teil mit der patriachalen Rollenverteilung zu tun hat, in der der Frau der Part der unbezahlten Pflegerin, Therapeutin und Supernanny zukommt. Dazu kommen dann noch Allmachtswünsche wie jener, es würde schon ausreichen, jemanden richtig doll lieb zu haben, und schon könne der “gesund” werden und fertig ist die Frauenfantasie.

4. Fifty Shades Of Grey reproduziert Geschlechterverhältnisse.

Ja. So wie 90 Prozent aller anderen Kulturproduktion. Das mag man scheiße finden, aber als feministische Aufklärungskampagne war die Sache, die als “Twilight”-Fanfic begann, wohl nie gedacht. Warum auch immer, viele Frauen finden Geschlechterverhältnisse wie aus den Märchen der Gebrüder Grimm “romantisch”. Sich die Jungfräulichkeit für den Prinzen aufzusparen, der auf weißem Schimmel oder halt im Privatjet einreitet, mag auf Menschen, die eine auch nur halbwegs stimmige Sexualaufklärung und einen Mindesteinblick in die gesellschaftlichen Implikationen von Sexualität haben, komisch wirken, Millionen Frauen fahren darauf ab, denn “Fifty Shades” erlaubt es der 45-jährigen Karriefrau, noch einmal zum jungen Mädchen zu werden mit all den Flausen und überkommenen Vorstellungen, die da immer noch dazugehören. So wie Millionen Erwachsene beiderlei Geschlechts durch die Harry-Potter-Bücher wieder zu Kindern wurden, die noch einmal die bittersüßen Jahre der Pubertät durchleben konnten.

Ich könnte noch lange so weitermachen, aber dazu ist mir das Zeug einfach nicht wichtig genug. “Finfty Shades Of Grey” ist kein Porno, sondern eher “Normo”, eine klinisch saubere heteronormative Masturbationshilfe für Frauen, die sich nix trauen. Für heterosexuelle Männer und aufgeklärte Frauen weitgehend ein Buch mit sieben Siegeln, aber halt nicht mehr als eine dem Geschmack der Zeit angepasste Variante jener “dirty books”, die einen für kurze Zeit in eine (rein sexuell) bessere Welt entführen, wo hart gefickt und im Privatjet gereist wird. Das Buch und der Film mögen doof sein, gegen das meist reine Elend jener Aufblastitten-Cumshot-Reinraus-Pornographie, die sich vorwiegend an Männer richtet, ist das aber geradezu hochwertiger Stoff.

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