Eine Illusion namens Europa

Here is hope for all the people

And generations yet to come

And the future´s bright tomorrow

Illuminated by the morning sun

All nations will unite as one

A new horizon clear to view

Down all the days to 1992

(The Kinks, „Down All The Days“, 1989)

Nach dem „Brexit“ wirken diese euphorischen Zeilen, mit denen die vielleicht britischste aller Rockgruppen einst den bevorstehenden Vertrag von Maastricht besungen hat, seltsam aus der Zeit gefallen. Ich erinnere mich aber noch gut an die Hoffnungen, mit denen nicht nur ich diesen Gründungsvertrag der Europäischen Union verknüpft habe. Ich erinnere mich an das Gefühl, direkt nach dem EU-Beitritt Österreichs als Teil einer Pressedelegation nach Luxemburg zu fliegen, wo abends junge Briten, Franzosen, Deutsche und Italiener gemeinsam in den Cafés feierten und wie selbstverständlich miteinander Spaß hatten. Das, so dachte ich, war die Zukunft. All die Jahrhunderte der Kriege, die im großen Massenabschlachten des 20. Jahrhunderts kulminierten, würden nun wenigstens in Europa ein für allemal der Vergangenheit angehören, ein finsterer Schrecken aus den Geschichtsbüchern, aus denen wir unseren ungläubig staunenden Kindern Stories über die Dummheit ihrer Vorfahren vorlesen würden. Die Nationalisten hatten verloren, so dachte ich, und obwohl Nationalisten genau damals neue Leichenberge im ehemaligen Jugoslawien aufhäuften, hielt ich das Gemetzel für das letzte Aufbäumen jener Verrückten und Verbrecher, die Nationen aufeinander hetzten.

Wir schrieben das Jahr 1995, in Ex-Jugoslawien wurde ein brüchiger Frieden erzwungen und der schon von tödlicher Krankheit gezeichnete französische Präsident Mitterand trat vor das Europaparlament und warnte: „Nationalismus bedeutet Krieg“. Er musste es wissen, er war beim letzten großen Krieg dabei gewesen. Vorbei, so meinte ich, so blöd würde niemand mehr sein, Europa zurück in die Nationalstaaterei und damit in den Krieg zu treiben.

Ich war grenzenlos naiv in einem grenzenlos werdenden Europa.

Wir, die Pro-Europäer, hatten die Zählebigkeit von Chauvinismus und Nationalismus unterschätzt. Und wir hatten vor allem nicht damit gerechnet, dass Thatcheristen und rechts gewendete Sozialdemokraten die Chance verspielen würden, dieses neue vereinte Europa mit Emotion und Leben zu füllen. Stattdessen beeilten sie sich, die Wirtschaft der EU ohne Rücksicht auf volkswirtschaftliche Ungleichgewichte zu liberalisieren, was nur wenige Jahre später dazu führte, dass die weltweite Überproduktionskrise durch deutsches Lohndumping Europa viel härter traf, als es notwendig gewesen wäre. Diese Krise fing 2007 an und dauert bis heute an. Die EU erweiterte sich derweil um ein osteuropäisches Land um das andere, kümmerte sich aber nicht groß um den Lebensstandard in diesen Ländern, was zu einem historisch einzigartigen Brain-Drain im Osten führte, da fast jeder, der halbwegs gebildet war und nicht beim örtlichen Oligarchen, dem Staat oder bei EU-Dependancen beschäftigt war, sein Heil im Westen suchte. Zurück blieben die Dummen, Schwachen und Unflexiblen – und die Roma, die das vermeintlich so großartige Europa nicht haben wollte. Bevor wir uns versahen regierten zwischen Ungarn und Polen extrem rechte, autoritäre Parteien, die auf den europäischen Gedanken einfach pfiffen und sich weigerten, bei einer halbwegs solidarischen Flüchtlingspolitik mitzumachen. Eine solche wäre bitter nötig gewesen, denn die vermeintlich so großartige EU hatte einfach tatenlos dabei zugesehen, wie der syrische Diktator einen unfassbar blutigen Bürgerkrieg entfesselte und sich in dessen Windschatten Terrororganisationen bislang nicht gekannter Grausamkeit bildeten.

Die syrischen Kriegsflüchtlinge waren freilich nur die jüngste Gruppe von Menschen, die vor Tod und absolutem Elend zu fliehen versuchte. Schon seit der Jahrtausendwende nahmen Hunderttausende den Tod in Kauf, um sich nach Europa zu retten. Zehntausende starben bislang dabei. Denn da gab es noch etwas, was wir in Europa allzu lange ignorierten: Der Kapitalismus schrieb immer größere Teile der Welt einfach als Verlustgebiete ab, was für jene Menschen, die das Pech hatten, dort zu wohnen, bedeutete, dass man auch sie abschrieb. Abgeschrieben zu sein bedeutet im globalen Kapitalismus, dass es keine Investitionen mehr gibt, das politische System ebenso zerfällt wie die Staatsapparate, die Gesundheitssysteme und Schulen und dass sich Banden bilden, die mit äußerster Brutalität um die verbliebenen Reste kämpfen. Europa schottete sich ab und ließ abertausende Menschen an seinen Grenzen und im Mittelmeer sterben. Und als die deutsche Kanzlerin Angela Merkel wenigstens einmal eine Ausnahme machte, war das den autochthonen Bewohnern dieses Europa schon zu viel. FPÖ, Front National, Ukip und wie sie alle heißen: Geduldig wie die Tarantel, die in ihrer Höhle auf Beute lauert, haben sie gewartet und dann zugeschlagen. Sie haben das Unbehagen und die Angst gewittert, von denen dieses Europa in der Krise heimgesucht wird, und befeuerten beides mit jeder nur denkbaren und für anständige Menschen auch undenkbaren Propagandalüge.

Die Stunde der Nationalisten ist wieder da. Und vermutlich war das auch gar nicht anders möglich, denn wir, die wir vor vielen Jahren solche Hoffnungen in Maastricht gesetzt hatten, haben wohl unterschätzt, welche Beharrungskräfte einer wirklichen europäischen Vereinigung im Wege standen. Das sind ja nicht nur ein paar politische Abzocker und Hasardeure, sondern große Teile der gesellschaftlichen Eliten. Wir Pro-Europäer waren wirklich so blöd zu denken, all die Beamten in den vielen nationalen Verwaltungsebenen und all das Personal in den Botschaften der EU-Mitgliedsstaaten rund um den Globus würden einfach nur zusehen dabei, wie sie langsam überflüssig werden. Hölle, was waren wir bescheuert! Dabei hatten wir doch live miterlebt, wie sie Jugoslawien zerfetzten, nur um an all die schönen Posten und Goodies zu kommen, die ein Nationalstaat zu bieten hat. Eine wirkliche Europäische Union würde zehntausende Leute ihre hoch dotierten und bequemen Jobs kosten. Natürlich nehmen die das nicht einfach hin, sondern wehren sich. Ob es danach Krieg gibt, ist denen komplett egal, Hauptsache sie behalten ihre Pfründe. Oder kriegen sogar neue dazu.

With a new world to bult we´ll say „Auf Wiedersehen“

What did they do for us? What did it prove to us?

As we stand beside the silent grave

The Unknown Soldier can´t be saved

(The Kinks, „The War Is Over“)

Nach Brexit: Mehr Europa statt weniger

Die Stimmen waren noch nicht ganz ausgezählt, da zeigte Nigel Farage den Briten schon, was von rechtspolulistischen Versprechungen zu halten ist. Die Sache mit den 350 Millionen Pfund, die Großbritannien wöchentlich an die EU überweise und die die Brexit-Befürworter laut ihrer Kampagne stattdessen in das öffentliche Gesundheitssystem zu investieren versprachen, werde man wohl doch anders handhaben. Oder auf Englisch: „Screw you, idiots!“ Natürlich wird kein einziges Pfund, das sich der britische Staat ohnehin nur nach Milchmädchenrechnungen durch den EU-Austritt „spart“, im Gesundheitssystem oder bei den ärmeren Teilen der Bevölkerung landen. Im Gegenteil ist zu erwarten, dass die Briten nun einen brutalen Sparkurs fahren werden müssen und die Reste ihres Sozialstaats zusammenstreichen. Was ja unter anderem Sinn der ganzen nationalistischen Übung ist.

Apropos Nationalismus: Die Engländer, die im Gegensatz zu den Schottinnen und Nordiren mehrheitlich für den Ausstieg aus der EU stimmten, werden schon sehr rasch merken, dass chauvinistische Aufwallungen an der Grenze des kleinen Great Britain nicht halt machen. Schon kurbeln sie in Schottland die Unabhängigkeitsbwegung wieder an, schon ließ die irische Sinn Féin Gelüste nach einer Vereinigung der grünen Insel durchblicken. Es ist absehbar, dass Schottland diesmal Ernst machen und sich samt Erdöl und Whisky aus dem Vereinigten Königreich verpissen wird. Wales hat zwar außer Konsonanten keine nennenswerten Exportgüter, könnte sich aber von der nationalen Aufbruchstimmung mitreißen lassen und den englischen Cousins einen nahezu unleserlichen Abschiedsbrief schicken. Und Spanien meldet bereits Ansprüche auf Gibraltar an, was nur logisch ist, denn solange Großbritannien in der EU war, war es quasi wurscht, wer Gibraltar offiziell regierte. Nun aber ist das wieder richtiges Ausland mitten im spanischen Inland.

Die EU wird nun mit Großbritannien langwierige Verhandlungen beginnen, in denen es unter anderem auch um den Rechtsstatus von Hunderttausenden EU-Bürgerinnen, darunter besonders viele Polen, die in GB arbeiten und leben gehen wird. Und es muss jede einzelne kleine EU-Regelung in neue Verträge übertragen werden. Hierbei wäre es wünschenswert, wenn die EU den Briten nur so weit entgegenkommt, wie es für die Wirtschaft der EU zwingend erforderlich ist. Grundsätzlich sollte gelten, was für alle anderen Nicht-EU-Mitglieder gilt: Friss oder stirb! GB wird weiterhin seine Produkte an EU-Standards anpassen müssen oder es kann sie halt leider nicht in Europa verkaufen. Die Inselbewohner werden also alles machen müssen, was die EU vorschreibt, ohne aber diese Vorschriften mitgestalten zu können. Die Reise- und Niederlassungsfreiheit für Briten wird aufgehoben und durch temporäre Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen ersetzt. Das europäische Wahlrecht erlischt für Briten selbstverständlich.

Noch feiern die britischen und europäischen Nationalisten ihren Sieg. Der Kater wird schnell genug folgen.

Traurig ist das alles trotzdem. Die EU ist die in die Praxis umgesetzte Lehre aus zwei Weltkriegen und Hunderten kleineren Kriegen vor diesen. Sie ist voller Fehler und Ärgernisse, aber sie ist besser als jede realistische Alternative. Es ist also sinnvoll, für sie zu kämpfen. Aber wie sollte das am besten geschehen? Vor allem durch einen politischen Sprung nach vorne. Die EU muss endlich ihre Strukturen so ändern, dass aus dem eher losen Staatenbund die Vereinigten Staaten von Europa werden. Mit nachvollziehbaren demokratischen Abläufen statt der faktischen Regentschaft der einzelnen Mitgliedsregierungen. All das Tolerieren von Sonderwünschen, all das Entgegenkommen gegenüber Nationalisten war nichts als Appeasement, und Appeasement hat noch nie funktioniert. Was also braucht Europa? Europaweit antretende Parteien, europaweit aktive Gewerkschaften, die Übertragung der Befugnisse von Kommission und Rat an das Europaparlament. Und natürlich muss endlich ein Aktionsplan her, um die himmelschreienden ökonomischen und sozialen Ungleichheiten in der EU zu bekämpfen. Solange nicht ganz zu Unrecht der Eindruck besteht, die EU bringe nur den Eliten was, den Gebildeten und Weltgewandten, werden nationalistische Rückwärtsgang-Einleger weiter reüssieren. Solange in Teilen Europas die Jugendarbeitslosigkeit bei 50 Prozent liegt und es Gebiete gibt, deren Lebensstandard in etwa dem von Gaza entspricht, wird ein großer Teil der europäischen Bevölkerung empfänglich sein für die Songs über Unabhängigkeit und Nationalstolz.

Vergewaltigung: Von Opfern und Tätern und Tätern als Opfer

 

Eine kleine Wohnung in Klagenfurt. Eva R. sitzt am Küchentisch, auf dem ein voller Aschenbecher neben leergetrunkenen Kaffeetassen steht, raucht eine Zigarette nach der anderen und sieht viel älter aus als 32. Neben ihr sitzt eine Frau um die 50. Evas Mutter. Eva kann Besucher nicht alleine empfangen, schon gar keine männlichen. Vor fünf Jahren wurde Eva vergewaltigt. Sie hatte in einer Bar einen charmanten und gut aussehenden Mann kennengelernt und war mit ihm in dessen Wohnung gegangen. „Eigentlich bin ich gar keine für one night stands“, sagt sie, „aber ich war damals schon länger allein gewesen und der Alkohol hat mich enthemmt“. Zunächst läuft alles gut. Der Mann gibt ihr noch ein Gläschen Wodka und legt Musik auf. Küssen, schmusen, gegenseitiges Ausziehen, sich eng umschlungen in Richtung Schlafzimmer tastend. Der Mann wirft Eva aufs Bett. Sie lacht noch. Aber dann ändert sich etwas. „Ich weiß auch nicht genau, aber plötzlich fand ich ihn nicht mehr attraktiv“, erzählt die junge Frau. Sie will keinen Sex mehr, will aufstehen und gehen, aber der Mann hält sie fest. Eva bekommt Panik, fängt an zu weinen. Der Mann ohrfeigt sie und knurrt sie an, sie solle mit dem Heulen aufhören, das törne ihn ja ab. „Er war aber nicht abgetörnt“, erinnert Eva sich. Sein Gesicht sei ganz hart geworden, eine Mimik voller Zorn und Aggression. „Da habe ich Angst um mein Leben bekommen“. Der Kerl macht weiter, presst Eva an den Armen auf den Polster und vergeht sich an ihr. Als er fertig ist, sagt er höhnisch: „Na, das war doch nicht so schlimm, oder?“ Er bietet Eva noch einen Wodka an, aber sie verzichtet, zieht sich rasch an und geht weg. Drei Tage lang hockt sie wie gelähmt in ihrer Wohnung, dann geht sie zur Polizei. Es folgt ein Gerichtsverfahren, in dem ihr Peiniger aus Mangel an Beweisen freigesprochen wird. Das Gericht bescheinigt Eva zwar „Glaubwürdigkeit“, weswegen ihr auch keine Anklage wegen Falschaussage droht, aber der Vergewaltiger geht trotzdem frei. Wenige Wochen nach dem Gerichtsverfahren erleidet Eva ihre erste Panikattacke. Dazu kommen massive Essstörungen. Sie kann nicht mehr arbeiten und verbringt mehrere Monate in der Psychiatrie. Seither nimmt sie Neuroleptika und Antidepressiva in hoher Dosierung, aber es geht ihr nur sehr langsam besser. „Vorigen Dienstag habe ich es geschafft, alleine bis zum Supermarkt zu gehen“, sagt sie stolz. Ihr Mutter tätschelt ihr aufmunternd die Schulter. Eva zuckt zusammen.

Eine andere Klagenfurter Wohnung. Horst A. dreht sich einen Tschick. Der 43-Jährige kann sich keine Zigaretten leisten und greift daher zum Wuzeltabak. Er ist arbeitslos, lebt von der Notstandshilfe. Früher war er Buchhalter bei einer größeren Oberkärntner Firma. Früher, vor den zweieinhalb Jahren Gefängnis, die er hinter sich hat. Horst ist ein verurteilter Sexualstraftäter, der, so sah es das Gericht, eine Arbeitskollegin nach einer Betriebsfeier vergewaltigt hat. „Ich hab es nicht getan“, behauptet Horst. Vor Gericht war er freilich geständig, doch das Geständnis habe er auf Anraten seines Anwalts abgelegt. Der Staatsanwalt hatte nämlich die Einweisung in eine „Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher“ verlangt und aus der, so hatte es ihm sein Rechtsvertreter erklärt, wäre er womöglich nie wieder rausgekommen. Man verurteilt Horst zu drei Jahren und acht Monaten unbedingter Haft und tansportiert ihn in ein ostösterreichisches Gefängnis für Schwerverbrecher. Dort sorgen die Wärter nicht nur dafür, dass alle Mitgefangenen wissen, dass A. Ein Vergewaltiger sei, die Wachbeamten spucken jeden Tag vor seinen Augen in sein Essen. Monatelang. Als Horst mit einem rumänischen Zuhälter auf eine Zelle gelegt wird, schlägt ihn dieser und vergewaltigt ihn. „Das ging über Wochen. Als ich mit blutendem After beim Arzt war, meinte der Wärter, der mich auf die Krankenstation begleitete, dass ich nur das kriegen würde, was ich verdiene“. Nach 26 Monaten ist die Qual vorbei, A. wird die Reststrafe erlassen. Doch er verlässt den Knast als gebrochener Mensch. Wieder in Freiheit zieht er nach Klagenfurt, weil er in seiner Oberkärntner Heimatgemeinde andauernd Drohbriefe bekommt. Auch in der Landeshauptstadt traut er sich kaum außer Haus und leidet unter massiven Angstzuständen. Horst zieht an seiner Wuzelzigarette. „Ich hab doch gar nichts gemacht“, sagt er.

ps: Beide Interviews führte ich im Jahr 2004, als ich an einer Reportage über Sexualstraftaten arbeitete, die ich aber nie fertigstellte.

Tanz der Teufel -Sebastian Kurz, die Dämonen und das Böse

Wenn der österreichische Außenminister Sebastian Kurz Flüchtlinge auf griechischen Inseln in Internierungslager stecken will und diese sadistische Fantasie in jenem sanften Tonfall vorträgt, der die autoritäre Irrationalität als Produkt vernünftigen Denkens verkaufen soll, wird die systembedingt geförderte Bösartigkeit des politischen Personals, das die Interessen der Besitzenden je nach Klassenzugehörigkeit in Nuancen unterschiedlich gewichtet, am Ende aber stets volksgemeinschaftlich im Sinne eines Wohlstands-Wir vertritt, sogar für jene sichtbar, die sich mit der Realität dieser Welt aus Bequemlichkeit, Überforderung oder Selbstschutz nicht gerne befassen und daher ehrlich entsetzt sind, wenn sich diese Wirklichkeit so zeigt, wie sie ist. Menschen für ihr bloßes Sein, in diesem Falle für ihr Flüchtlings-Sein, in Lager zu stecken, ist längst kein Anfang mehr, den abzuwehren es gelte, sondern eine fortgeschrittene Eskalation des Autoritarismus, der seit den ersten Krisenzyklen des Kapitalismus die Menschheit so hartnäckig begleitet wie der Floh den Hund.

Die kurz´schen Internierungslager wären nicht einmal ein Bruch mit dem, was unsere Gesellschaften sind, sondern nur eine weitere Fortsetzung und allenfalls Zuspitzung der alltäglichen Barbarei, die als abendländische Zivilisation missverstanden wird. Das Aussortieren von Menschen aus dem zuvor konstruierten Kollektiv, um sie dann zu quälen und im Extremfall auch zu töten, hat in den postfaschistischen westeuropäischen Gesellschaften nie aufgehört, es trat bloß in einer quantitativ und qualitativ gemilderten Form auf oder wurde in die Ausbeutungsgebiete der sogannten Dritten Welt verlagert. Der Übergang von der massenhaft eliminatorischen Praxis der Nazis zur Nachkriegsdemokratie, die sich formal auf die Menschenrechte bezog, war kein so glatter und gut datierbarer, wie es die Schulbücher darstellen, sondern ein fließender voller Kontinuitäten. In österreichischen und deutschen Psychiatrien kamen noch bis in die 1950er Jahre hinein hunderte, vielleicht sogar tausende Menschen durch Mangelernährung und Misshandlung ums Leben, weil dort die Nazi-Ärzteschaft einfach ihr Programm der Vernichtung „unwerten“ Lebens unauffällig weiter umsetzte und lediglich auf den Einsatz der unmittelbar tödlichen Giftspritze verzichtete. Die Alliierten ahnten zunächst nicht, dass es neben den Konzentrationslagern noch andere Orte der Vernichtung zu befreien galt, und die Täter-Bevölkerung leckte die Wunden, die sie sich beim Umbringen und Foltern ihrer Opfer zugezogen hatte. Psychische Andersartigkeit, sexuelle Abweichungen von der Norm, Aufbegehren gegen die alltägliche und oft genug bis zum Mord gewalttätige Unterdrückung von Frauen – all das und mehr wurde bis in die 1990er Jahre hinein je nach Ausmaß und Auffälligkeit der Deviation mit Freiheitsentzug und Umerziehungsmaßnahmen sanktioniert und wird das teils bis heute. In den Waisen- und Erziehungsheimen prügelten und vergewaltigten Ex-Nazis und Geistliche massenhaft Kinder und Jugendliche, die Parlamente setzten sich bis zu 70 Prozent aus ehemaligen NSDAP-Mitgliedern zusammen und während die Hippies bei Konzerten tanzten, sperrten die irischen Christen Kate Millet ins Irrenhaus. In Spanien, Portugal und Griechenland lebte der offene Faschismus fort, in Lateinamerika putschte er sich mit Unterstützung westlicher Geheimdienste an die Macht. In der Sowjetunion und ihren Satelliten sorgte ein dröger Funktionärs-Staatskapitalismus für die erwünschte Ruhe über den Massengräbern des stalinistischen Terrors und hobelte konsequent und brutaler noch als in den westlichen Staaten alles weg, was aus der Masse hervorragte. In den Stellvertreterkriegen zwischen den USA und Russland starben Millionen und dabei kam alles zum Einsatz, was der Mensch sich an Inhumanität ausdenken kann.  Folterzentren, Todesschwadronen, Flächenbombardements, Todeslager… 

Es wäre grenzenlos naiv zu meinen, auf Basis dieser jüngeren Geschichte seit 1945 könne eine belastbare Zivilisation wachsen, ein verlässlicher Gegenpol zu barbarischen Regungen aller Art. In der Realität geschah das genaue Gegenteil, denn trotz gewisser Erfolge antiautoritärer humaner Bestrebungen lauerte nicht nur überall und immer die Reaktion auf jeden noch so kleinen Fortschritt. Die Praxis der Kapitalverwertung und der dazu notwendigen Dehumanisierung selbst schuf massenhaft Individuen, deren Ich mit den nicht immer bewusst erkannten, aber sehr wohl stets gefühlten und erlebten Widersprüchen nicht zurande kam und darauf mit verzweifelten Schutzversuchen reagierte. Der Linksterrorismus der 70er Jahre war ebenso ein Ausdruck dieser gescheiterten Versuche zur Selbstheilung des Leidens an einem Wahnsinn, der eben nicht im Individuum angelegt, sondern gesellschaftlich inhärent war, wie es der Islamismus und der neue Rechtsautoritarismus heute sind. Und weil es zum Scheitern verurteilte Versuche waren und sind, sind auch deren Resultate entsprechend beklagenswert. Immer muss jemand sterben oder wenigstens bekehrt werden, sei es der „Klassenfeind“, der „Ungläubige“, der „Muslim“ oder jeder, der anders ist als die Mehrheit.

Sebastian Kurz, mit dem dieser Text begann, ist ein sehr beliebter Politiker und er hofft, umso beliebter zu werden je destruktivere Vorschläge er macht. Das ist bei allen politischen Figuren zu beobachten, die dem global voranschreitenden Rechtsautoritarismus zugerechnet werden können. Immer wieder zu sehen ist, ob bei Donald Trump oder österreichischen Provinzkaspern, das Kokettieren mit dem „Bösen“, das bewusste Abgehen vom ohnehin nur symbolischen zivilisatorischen Konsens. Die Attraktivität des Bösen, des Dämonischen begegnet uns als populärkultureller Topos, wofür der Erfolg des Films „Das Schweigen Der Lämmer“ und vor allem seiner Fortsetzungen als anschauliches Beispiel herangezogen werden kann. Ein kannibalische Serienmörder wurde zum geheimen Helden Millionen von Kinobesuchern nicht trotz, sondern weil er eine Sehnsucht nach der Vorkultur, der Barbarei verkörperte und mit seinem luziden Charisma dem Publikum ein attraktives Angebot machte, nämlich das einer satanischen Schuldlosigkeit, eines Lebens ohne Reue und Gewissen in einer realen Welt, deren extreme Brutalität Menschen mit Fähigkeit zu Reue und Gewissen entweder in eine aufgezwungene Psychopathie treibt oder im klinischen Sinne verrückt macht. Und da das Böse, das Dämonische den Ruf hat, schwer zu widerstehen zu sein, ist die Ausrede für die Verbrechen, die zu begehen es einen ermuntert, auch gleich zur Hand: „Es war ein böser Mensch, der uns in Krieg und Völkermord getrieben hat, aber wir konnten nichts dafür, wir sind dem Teufel erlegen“. Dass der einzige reale Dämon, der einzige wirkliche Teufel der ist, der in Form der eigenen Destruktivität je nach Ausmaß der seelischen Beschädigung Teil der eigenen Persönlichkeit ist, sollte banal sein, ist aber ungeheuer schwer zu vermitteln. Und so ist leider zu erwarten, dass den Trumps und Kurzs und Straches und Erdogans niemand ernsthaft in die Parade fahren wird.

You fight for the throne and you travel alone – Happy Birthday, Bob Dylan

Wenn sich erst mal Kunsttheoretiker, Kulturwissenschaftler und Leute, die ansonsten unverständliches Angeberkauderwelsch in Ausstellungskataloge oder elitäre Hirnwixermagazine schmieren, mit einem befassen und einen im Zuge gut gemeinter Erklärungsaufsätze zum Objekt ihrer Sprachvernichtungen machen, muss man sich als Rockmusiker entweder die Kugel geben oder Bob Dylan sein, denn wenn man Bob Dylan ist, dann ist es einem egal, dass sich sogar in der Klagenfurter Universitätsbibliothek, gut versteckt in der Anglistikabteilung, eine Magisterarbeit über die „Surrealen Elemente in den Texten Bob Dylans“ findet. Mit akademisch verpeilten Kindern aus gutem Hause, die jedes Bein anspringen, von dem sie annehmen, es gehöre zu einem, der ist, was sie nicht sein können, und sich dann so lange daran reiben, bis sie ein unlesbares Buch oder einen verschwurbelten Artikel ejakuliert haben, musste sich Dylan schon früh auseinandersetzen, und dass ihm das lästig war, ließ er die Welt auch wissen: You’ve gone to the finest school all right, Miss Lonely / But you know you only used to get juiced in it. Er war noch keine 22 Jahre alt, da sollte er schon „die Stimme seiner Generation“ sein, ein „Prophet“ gar, und alle, alle wollten sie ein Stück von ihm haben, nahmen ihn in ihre Parteien und Debattierclubs und Sekten und „Movements“ auf, ohne ihn zu fragen, und trugen seine frühen Songs vor sich her wie ein süditalienisches Dorf die mumifizierte Zehe ihres lokalen Heiligen bei einer Prozession, die von der Kirche zu den Weinkellern führt. Ein gutes Gefühl für das Dorf, für die „Bewegung“, aber letztlich heidnisch, unheilig, naiv.

Natürlich kam dann das erste große Nichtverstehen der Nixblicker, als Dylan der US-amerikanischen Folkszene, dieser Ansammlung von dauerempörten Halbtalenten, entwuchs und, ausgestattet mit einem messerscharfen Modebewusstsein, das ihn auch optisch zur hippsten Person des Universums machte, die Kraft seiner alles bislang in der Populärkultur Dagewesenen übertreffenden Sprachvirtuosität mit jener des Rock´n Roll verband und zusammen mit Musikern, die kapierten, was er kapierte, durch Amerika und England donnerte, so unaufhaltsam wie die Zeiten, die sich trotz des Beharrungswillens der Linken, Rechten, Lechten und Rinken änderten. Die konservativen Progressiven buhten ihn aus, nannten ihn „Judas“, denn für sie war ein rockender, sonnenbebrillter engjeanstragender Dylan in etwa das, was die Gentechnik für angebliche „Grüne“ heute ist: Unverständlich, daher unheimlich und deswegen abzulehnen, so rein vom Buchgefühl her, welches bei diesem Menschentyp ja bekanntermaßen das Denken ersetzt. Dylan hat das nicht gestört, er hat, ganz im Gegenteil, die Verwirrung der Dummen sogar genossen. Er spielte aber den empörten Unverstandenen und ließ genussvoll seine ätzende Ironie auf die Unbedarften los, die nicht ahnten, dass hier einer mit ihren Erwartungshaltungen und Vorurteilen spielte wie es sonst nur Meister des Neurolinguistischen Programmierens können. Man höre zB jenes Bootleg von seiner England-Tournee aus dem Jahr 1966, auf dem er, völlig bedröhnt von mindestens drei illegalen und zwei legalen Drogen, in Richtung Publikum nuschelt: „I ain´t gonne play any more concerts here in England. Because the english papers called the following song a drug song. This is not a drug song“. Und dann spielt er das beste Lied aller Zeiten, den Drogensong „Visions of Joahnna“, der aber noch viel mehr ist, nämlich der Paradevertreter von Dylans damaliger Stream-of-Consciousness-Poesie, die den Hörer mitnahm auf einen Trip in eine Welt voller wunderschöner Metaphern, erleuchtender Gedankenblitze und Sprachbilder, die, und hier stimmt die Phrase, das Bewusstsein des Hörers erweiterten. „Judas“, brüllte ein dummer Mensch in Richtung Bühne. „I don´t believe you, you´re a liar“, konterte Dylan, und bat seine Band, „Like A Rolling Stone“ doch bitte „fucking loud“ zu spielen. Soweit die schöne Legende. In Wirklichkeit war es Robbie Robertson, der Gitarrist der Band, der die Empörung seines Chefs in die Aufforderung zum Lautspielen fasste.

Dann verstummte Robert Zimmerman, als der Dylan einst geboren worden war, nach einem Motorradunfall für fast zwei Jahre und sah zu, wie die ganze Welt plötzlich die Musik hörte, die er als Erster gemacht hatte, und die Drogen nahm, die er genommen hatte. Und während sich tout le monde LSD einwarf und erst die psychedelische Majestät von „Blonde On Blonde“ zu begreifen begann, was sich unter anderem darin äußerte, dass dieses Dylan-Doppelalbum von 1966 an allen Kunst-Unis, auch an jener in Wien, wo die Fantastischen Realisten den Aufstand gegen gerade Linien wagten, auf Dauerrotation gesetzt wurde, antwortete Dylan auf Briefe von Johnny Cash und veröffentlichte zum Entsetzen der „linken“ Hippies nicht nur eine gemeinsame Platte mit dem als „reaktionär“ verleumdeten Man in Black, sondern spielte auch Solowerke ein, die stark vom Country beinflusst waren. Wer gerade noch zu „Subterranian Homesick Blues“ abgespaced war, verstand nun den neuerlichen Schwenk Dylans ebenso wenig, wie die Folkies Dylans Wechsel zum Rock kapiert hatten. Jimi Hendrix und andere verstanden sehr wohl, und kaum waren der Spott und der Hohn, die über den angeblich fortschrittsfeindlichen Dylan ausgegossen wurden, verklungen, griff schon eine ganze neue Generation von Musikern Dylans Faible für traditionelle Americana auf und wurde damit extrem erfolgreich. Dreimal schon hatte sich der schmächtige Gigant gegen Trends gestellt und damit die Musikwelt revolutioniert. Drei Revolutionen angestoßen zu haben, das ist mehr, als alle anderen, die sich als Revolutionäre fühlten und fühlen, jemals geschafft haben, aber Anfang der 70er Jahre war die Musikpresse, im Gleichschritt mit all den anderen Hinterherrennern und Nachplapperern und Wenigdenkern, immer noch gefangen in der idiotischen, von Dylan längst als überholt entlarvten Zwangsvorstellung, wonach Musik danach bewertet werden müsse, ob sie dem politischen Mainstream entspricht, also „politisch korrekt“ bzw. „relevant“ ist, oder eben nicht und dann dem Reich des Bösen zugeordnet werden muss. Der Regisseur Sam Packinpah war einer, der Dylan verstanden hat, weshalb er Herrn Zimmerman auch bat, den Soundtrack zu seinem Western „Pat Garret and Billy The Kid“ zu schreiben. Das war ein Männerfilm, so wie Dylans Lyrik immer Männerpoesie war, keineswegs frauenfeindlich, aber eben der Tatsache bewusst, dass Männer die Welt teilweise anders wahrnehmen als Frauen. Übrigens etwas, was schon Italian Poets from the 13th century wussten…

Einmal noch konnte Dylan bei den Bauchlinken punkten, als er sich im Song „Hurricane“ für den seiner Meinung nach unschuldig eingesperrten schwarzen Boxer Rubin Carter stark machte, und zwar ganz im Stil seiner frühen Protestsongs. Und auch die zwei Ehekrisenplatten „Blood On The Tracks“ und „Street Legal“ wurden mit großem Wohlwollen aufgenommen. Nicht ganz zu Unrecht, betrachtet man das großartige Songmaterial auf diesen Scheiben, das in dem unfassbar deprimierenden, aber dennoch trotzigen „No Time To Think“, in dem Bob eine Art Generalabrechnung mit Kapitalismus und Realsozialismus vornahm und, als ginge es um sein Leben, für die Würde des zwischen den Extremen verrückt gemachten Menschen sang, seinen Höhepunkt fand. Nie zuvor und auch nicht danach hat Dylan sein Mitgefühl für die „bedrängte Kreatur“ so klar und direkt und poesiegewaltig ausformuliert.

Dann….ja dann wurde Herr Zimmerman spirituell neu geboren, mutierte also zum „born again christian“, und schockte als Vertreter einer ultrakonservativen Auslegung des Christentums nicht nur seine durchwegs nicht sonderlich religiösen Fans, sondern auch seine jüdische Familie. Jahrelang gab er den Hardcorechristen, drohte zum Entsetzen seiner Interviewpartner und seiner Anhänger Schwulen mit dem ewigen Höllenfeuer und veröffentlichte gleich drei Platten nacheinander, die sich alle mit dem tollen Wirken des Christengottes befassten (und mit der Ausnahme von „Slow Train Coming“ musikalisch nicht gerade zum Besten gehörten). Kaum jemand sah genau hin, denn dann wäre es vielleicht dem einen oder anderen aufgefallen, dass der Mann, der da evangelikanen Quatsch von sich gab und brav geschnittene Anzüge anhatte, an seinen Füßen immer noch Schuhe aus Schlangenleder trug. Vermutlich hat sich Dylan in diesen Jahren bei der Lektüre der ihn verdammenden Artikel in der progressiven Presse so amüsiert wie nie zuvor. Ernst machte er erst wieder 1983, und zwar mit dem Album „Infidels“, das zwar seinen Abschied vom christlichen Fundamentalismus markierte, aber die Dummlinken unter seinen Fans noch schlimmer verunsicherte als es seine pseudoreligiösen Gospelausflüge getan hatten. Denn während es in der „linken“ Szene zum schlechten Ton geworden war, Israel zu verfluchen und sich auf die Seite der Araber zu schlagen, ergriff Dylan so pointiert und eindeutig Partei für den Judenstaat, dass man seinen Song „Neighbourhood Bully“ als das bis heute gedanklich klarste und politisch redlichste Lied, das jemals über den Nahostkonflikt geschrieben wurde, sehen muss. Da gibt es kein Heurmgeeiere, kein Anheischen an den pseudoliberalen Mainstream, sondern einfach eine klare, nachvollziehbare und, bei Betrachtung der Fakten, einfach wahre Beurteilung der Lage Israels. Bob Dylan ist übrigens, schenkt man den Interviews seit 1980 Glauben (und, wichtiger: hört man sich die Texte genau an), ein spiritueller Mensch, der aber keiner organisierten Religion angehören mag, sondern die Nähe zu „Gott“ in der Musik fühlt – eine Herangehensweise an das Metaphysische, die er mit vielen Musikern teilt. Im wirkliche Leben, also abseits der Bühnen, der Masken und der Ironie lebt Dylan eine ganz normale jüdische Identität.

Seit Dylan Musik macht, fühlen sich unmusikalische Menschen bemüßigt, immer wieder Unsinn über seinen Gesangsstil zu schreiben. Von „Krächzen“ wird da berichtet, oder von „Näseln“. In Wahrheit gehört Dylan zu den besten und stilprägendsten Sängern, die die Rockmusik hervorgebracht hat. Aber Leute, die von Musik soviel verstehen wie ich von Quantenphysik, seit den ersten Kritikern in den 60er Jahren bis heute haben nicht realisiert, dass ein Rocksänger nicht mit denselben Maßstäben zu messen ist wie ein Angestellter der Wiener Oper. Und hier kommen wir wieder zum Anfang dieses Beitrags: Die Dämlacke und Klischeeliebhaber müssen Dylan in ihre viel zu kleinen Schubladen stecken, weil sie nicht begriffen haben, was dieser Mensch hervorgebracht hat. Sie dummschreiben etwas daher vom „Hippie“ Dylan, obwohl der nie ein Hippie war, und sie stellen Dylan in eine Gegenposition zum von ihnen, diesen Amateuren, so verehrten Punk, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben oder haben zu wollen, dass Dylan die Musikwelt in den 60ern wesentlich härter aufgerüttelt hat, als es der Punk in den 70ern tat. Aber, und auch das haben wir ja schon festgestellt: Ein Bob Dylan steht da drüber und es ist ihm auch wurscht, ob er nun den Literaturnobelpreis bekommt oder nicht, oder ob irgendein Wicht seine jeweils neueste Platte als „gut“ oder „schlecht“ in seine knapp bemessene Schachtel steckt. Er macht einfach weiter, veröffentlicht gute bis sehr gute Musik und spielt immer noch gern live.

Happy 75th birthday, Bob!

Die Gutmenschen haben gewonnen

Ich kann die FPÖ-Anhänger, die wegen des Wahlsiegs Van der Bellens in Panik geraten, beruhigen. Es werden morgen keine Haschtrafiken aufsperren, die Grenzen werden weiterhin kontrolliert, niemand muss schwul werden und der Stephansdom bleibt eine Katholische Kirche und wird weder Moschee noch Synagoge.

Ich muss die Wählerinnen und Wähler Van der Bellens ein bisschen einbremsen. Morgen werden keine Haschtrafiken aufsperren, die Grenzen werden weiterhin kontrolliert und es wird nicht der Ökosozialismus ausbrechen,

Es ist aber ein Tag der Freude, denn Österreich bekommt nun doch keinen rechtsextremen Bundespräsidenten, dessen Lieblingsmaler „Odin“ heißt, dessen Burschenschaft die österreichische Nation ablehnt, der an Chemtrails glaubt und die Sinnhaftigkeit des NS-Verbotsgesetzes angezweifelt hat. Statt eines Wut-Bundespräsidenten, der mit der Absetzung der Regierung droht, kriegen wir den gemütlichen Raucher Alexander Van der Bellen, einen liberalen Bürgerlichen, der an Rechtsstaat und demokratische Gewaltenteilung glaubt.

Van der Bellen ist kein Revolutionär. Dass sich aber die Zivilgesellschaft, die von den Rechten als „linksversiffte Bahnhofsklatscher“ verhöhnt wurde, gegen die gut geölte Kampagnenmaschine der FPÖ und die hetzerische „Krone“ durchgesetzt hat, ist durchaus eine kleine Revolution, eine Art Revolutiönchen für Österreich. Hinter Van der Bellen stand keine 30-Prozent-Partei wie hinter Hofer, sondern die grüne Kleinpartei und eine bunte Koalition aus Liberalen, Linken, Christen, Muslimen, Juden, Flüchtlingshelferinnen, Oko-Aktivisten, Bobos und den vernünftigen Teilen aus SPÖ und ÖVP. Man könnte die alle auch unter dem Begriff „Gutmenschen“ zusammenfassen. Die Gutmenschen haben gewonnen, die Bösmenschen haben verloren. Es ist ein schöner Tag.

Aber mehr als zwei Millionen Menschen haben für Norbert Hofer gestimmt. Für Gepolter, Geschrei und Hass. Wir haben eine Menge wütende Menschen in Österreich und die werden nicht einfach wieder verschwinden. All die, die sich für Van der Bellen eingesetzt haben, müssten jetzt daran arbeiten, dass der Hass in diesem Land wieder weniger wird, damit diejenigen, die Menschen verhetzen, keine politische Zukunft haben. Wie das gehen soll? Ich weiß es auch nicht so genau. Aber mir scheint klar, dass die Hofer-Wähler großteils Menschen sind, die hassen, weil sie Angst haben. Angst vor dem Abstieg, der als Angst vor „Ausländern“ rationalisiert wird. Das zentrale politische Ziel müsste demnach sein, den Menschen die Ängste zu nehmen. Das schafft man am besten, indem man eine Gesellschaft baut, in der niemand zurückgelassen wird. Man wird es sicher nicht schaffen, indem man den Sozialstaat weiter abbaut und die Menschen noch härterer Ausbeutung unterwirft.

Bundeskanzler Kern spricht gerne von einem „New Deal“. Ich vermute, dass er Optimismus verbreiten will. Damit liegt er schon einmal richtig, denn Optimismus ist der Feind der Angst und damit des Hasses. Mit dem historischen New Deal schafften es die USA, ein demokratisches Land zu bleiben, während halb Europa in Folge der Weltwirtschaftskrise faschistisch wurde. Der New Deal der Amerikaner umfasste nicht nur ein gigantisches Investitionsprogramm, sondern auch viele Verbesserungen im Arbeits- und Sozialrecht. Wenn wir also auch hier einen New Deal wollen, sollten wir uns auch am historischen Vorbild orientieren. Österreich braucht nicht nur Investitionen und ein besseres Klima für Wirtschaftstreibende, sondern auch Garantien für diejenigen, die nicht mitkommen, weil sie zu alt, zu krank oder zu schwach sind. Sollte es die Politik unter Kanzler Kern und Präsident Van der Bellen schaffen, so eine Wende zum Positiven hinzukriegen, also den Menschen und den Unternehmerinnen so viel Mut zu machen, dass wieder investiert und konsumiert wird, könnte die FPÖ bald ihren Hochwassermarke erreicht haben und langsam wieder auf jene Stärke zurückfallen, die extrem rechte Kräfte haben, also so um die zehn Prozent. Fällt der Regierung aber nichts anderes ein, als nur die „Agenda 2010“ aus Deutschland zu kopieren, also die Löhne zu senken und die Sozialleistungen zusammenzustreichen, dann wird der nächste Bundeskanzler vielleicht Strache heißen. Oder Norbert Hofer, denn in der FPÖ mehren sich die Stimmen, die sich mit dem moderat wirkenden Hofer größere Chancen ausrechnen als mit dem Schreihals Strache.