Wenn Zombies Moralpolizei spielen

Als Wolfgang Pohrt über Menschen sprach, „die man außer mit dem Messer nicht verletzen kann“, meinte er damit jenes Milieu, das in den fast 20 Jahren, die diese Aussage nun am Buckel trägt, noch viel bestimmender wurde als es damals schon war, denn während 1998 die Zombiefizierung der Gesellschaft erst begann, ist sie zum Jahreswechsel 2016/2017 so weit fortgeschritten, dass diejenigen, die noch Leben in sich tragen, die noch etwas fühlen und somit lieben und hassen können, unweigerlich den Zorn der lebenden Toten auf sich ziehen, die keiner realen Emotion mehr fähig sind, da sie, wie Pohrt es nannte, „entkernt“ sind, ihrer eigenen Menschlichkeit schon lange beraubt. Pohrt meinte all die kleinen Streber und Anpasser, die Lehrerinnen und Beamten, die Psychologinnen und Pädagogen, die Journalisten und Agenturleiterinnen, das saturierte, irgendwie linksliberale, sich an den deutschen Staat und die Herrschenden anschmiegende Kleinbildungsbürgertum, das brav nachplappern kann, wie böse die DDR war und wie großartig der freie Westen sei, das Adorno, Horkheimer, Freud, Foucault, Marx und de Beauvoir gelesen, aber davon bestenfalls Ansätze verstanden hat und das nichts anderes mehr will, als irgendwie weiter zu machen und jeden Futtertrog, wie klein der auch sein mag, gegen Außenseiter zu verteidigen und ansonsten das Primat des Kapitals vor den Menschen zu affirmieren und am ideologischen Unterfutter für das globale Verrecken und Leiden zum Wohle der Shareholder zu stricken. Immerhin kämpfe man ja gegen die „Barbarei“, und Barbaren sind immer die anderen.

Flüchtlinge zum Beispiel, die sich nicht so recht an die Sittenregeln linker Szenekneipen zu halten wissen. Als das Plenum des Leipziger Kulturzentrums Conne Island den unsäglichen Text „Ein Schritt vor, zwei zurück“ veröffentlichte und ich diesen Text in „Konkret“ mit der nötigen Schärfe kritisierte, schlug mir eine letztlich doch unerwartete Welle an Ablehnung, Wut und Hass entgegen, wie sie ansonsten von Menschen geschlagen wird, die sich nicht für Rassisten halten, aber des Rassismus überführt werden. In Blogs und auf Facebook wurde zum Boykott der „Konkret“ aufgerufen und man verteilte PDF-Kopien, um der Zeitschrift finanziell zu schaden. Mehrere Leute aus der irgendwie linken Szene ergingen sich in wüsten Angriffen ad hominem und im letztlich mangels Interesse gescheiterten Versuch, mich und „Konkret“ zu shitstormen. Besonders Geschichtsbewusste unter diesen Leuten schrieben an Zeitschriften, sie würden diese weder lesen noch kaufen und schon gar nicht mehr ihre Edelfedern für sie in Bewegung setzen, sollte man weiterhin mit einem Unmenschen wie mir zusammenarbeiten.

Paulette Genser zum Beispiel, die ganz ernsthaft schrieb, muslimische Frauen, die sich nicht nackt oder halbnackt an den Stand legen, sondern ihren Körper teilweise bedecken, führten damit einen „Jihad“ und die den Islam so hasst, dass sie meinen historisch korrekten Hinweis, der Islam habe sich von christlich beherrschten Ländern dadurch unterschieden, dass er bis zum Kontakt mit deutschen Nazis keinen Vernichtungsantisemitismus kannte, während in Europa über die Jahrhunderte hindurch alle paar Jahre die Synagogen brannten und die Juden ermordet und vertrieben und schließlich industriell vernichtet wurden, ernsthaft mit der „Vertreibung dreier jüdischer Stämme“ durch Mohammeds Armee im Jahre 625 kontert, was in etwa so sinnvoll argumentiert ist, wie die heutige Mongolei für die Untaten Dshingis Khans anzuprangern, warf mir im Blog „Distanz“ „pathische Projektion“ vor. Weiters ferndiagnostizierte die Dame bei mir „abgrundtiefen Hass auf alle Mitmenschen“ und „ausgeprägte Paranoia“. Letzteres, weil ich vor dem neuerlichen Zusammenwachsen der Deutschen zur Volksgemeinschaft gewarnt hatte, die nicht davor zurückschrecken werde, die in Minderheiten und Dissidenten ausgemachten Gegner in Gefängnisse oder an den Galgen zu bringen. Und wirklich; Menschen, von der Volksgemeinschaft totgeschlagen oder gehenkt – wie kann man ausgerechnet in Deutschland oder Österreich auf derlei kommen? So etwas gab es hierzulande noch nie und es gehen auch keine neuen Nazis mit kleinen Galgen spazieren und falls doch, dann vermutlich um ihrer Verachtung für die Todesstrafe Ausdruck zu verleihen, nicht wahr? Denn wenn es eine Bevölkerung auf dieser Erde gibt, der man schon allein aus historischer Erfahrung vertrauen sollte, stets zivilisiert zu bleiben, dann ja wohl die deutsche. Darüber wacht Paulette Genser, deren gesamte publizistische Karriere daraus besteht, dem deutschen Volk zu bestätigen, wie nobel es im Vergleich zu den islamischen Barbaren sei.

Martin Niewendick wiederum, der sich fast täglich ein Stückchen weiter nach rechts bewegt, beklagte meine moralische Verkommenheit, nachdem ich auf Facebook ein Foto teilte, das den Mörder des russischen Botschafters in Ankara zeigte, wie er in heroischer Pose neben seinem Opfer stand und, bevor man ihn abknallte, „vergesst nicht Aleppo, vergesst nicht Syrien rief“. Dies, so hatte ich geschrieben, seien „starke Worte“ und eine „coole Pose“. Das war den Karrrieredeutschen, die schneller als jede Generation vor ihnen sich mühen, den Pöstchen und Einkommen vergebenden Altvorderen zu gefallen, ein weiterer Beweis dafür, welch Unmensch ich sei. Abgesehen davon, dass Mord nicht gut zu heißen ist, gab der Polizist, der zum Attentäter wurde und das in einem letzten verzweifelten Ausruf zu rechtfertigen versuchte, tatsächlich ein Bild ab, dessen ästhetischer Reiz und Aussage nur jenen verschlossen bleibt, die am Wüten der russisch-syrischen Kriegsmaschine und deren mittlerweile in die Hunderttausende gehenden Opfer nichts weiter finden oder die das insgeheim sogar befürworten, da unter den Opfern sicher auch der eine oder andere islamistische Terrorist ist – und ganz viele Kinder, die womöglich mal welche werden hätten können. Da hat einer den Abgesandten eines Regimes, das in Tschetschenien einst 180.000 Menschen, darunter 42.000 Kinder, totmachen ließ und das derzeit in Syrien das gleiche veranstaltet, erschossen, und die Sittenpolizei der liberalen Publizistik findet es ganz furchtbar, wenn man das nicht mit ausreichend glaubwürdig geheuchelter Anteilnahme beweint. Die Lehre aus den Kämpfen gegen den Faschismus, gegen den historischen wie aktuellen in all seinen Kostümen, also gegen Ideologien, die laut Selbstbeschreibung den Tod lieben und das Leben hassen, lautet freilich nicht, wie Niewendick, Genser und Konsorten meinen, den Mördern die andere Wange hinzuhalten, sondern sie am Morden zu hindern. Das Leben statt den Tod liebt nicht der, der nicht zurückschießt wenn sie seine Leute ermorden, sondern der, der andere am Ermorden seiner Leute hindert oder das wenigstens versucht, ob mit Armee und Geheimdienst oder ganz allein mit einer Knarre in der Hand. Man muss nicht die Überzeugungen eines Menschen teilen, der das praktiziert, man kann sie sogar komplett ablehnen, aber man kann das Prinzip respektieren und sehen, dass so einer wenigstens noch lebt während die deutschen Moralprediger, die sich bestenfalls ein Tränchen abringen können, wenn sie die Fotos der zerfetzten Kinderleichen in Aleppo sehen oder an die tausenden Menschen denken, die jedes Jahr vor den abgeschotteten Toren Europas ersaufen, innerlich abgestorben sind, Zombies eben.

Von solchen Leuten nicht gemocht zu werden, ist mir eine Ehre.

Acht Lehren aus Van der Bellens Wahlsieg

  1. Die Österreicherinnen und Österreicher wollten mit recht deutlicher Mehrheit doch lieber keinen Bundespräsidenten, der sich nur mit einer geladenen Waffe auf die Straße traut, Österreich aus der EU hinaus und in einen Bund mit Balkan-Halbdemokratien hineinführen wollte und den äußersten, gerade noch legalen rechten Rand des politischen Spektrums verkörpert.

2. Die Lopatka-Kurz-Fraktion in der ÖVP, die gerne eine Neuauflage von Schwarz-Blau hätte, wurde geschwächt.

3. Die Niessl-Troch-Fraktion in der SPÖ, die gerne mal mit der FPÖ in die Kiste steigen würde, wurde geschwächt.

4. Die globale Welle rechtsextremer Wahlerfolge brach. In Österreich!

5. Trotz gegenteiliger Vermutungen der FPÖ und ihrer Anhänger wird morgen nicht die Pflicht-Homo-Ehe für Heterosexuelle eingeführt. Auch der Kommunismus wird nicht ausgerufen. Straftäter werden weiterhin strafrechtlich verfolgt, abgelehnte Asylbewerber abgeschoben und die Polizei wird nicht aufgelöst.

6. Der Lindwurm wird weiterhin nicht die fürstliche Apanage kriegen, die ihm das gute Volk eigentlich schuldet.

7. Österreich hat einen klugen, liberalen und doch auch sozial eingestellten Bundespräsidenten, der nicht einen angenehmen Menschen spielen muss, wie es Norbert Hofer musste, da er tatsächlich einer ist.

8. Es bringt nix, die Rechten rechts überholen zu wollen. Es bringt aber was, authentisch zu bleiben und zu seinen Überzeugungen zu stehen, selbst wenn die Boulevardmedien und die rechten Schreihälse den Eindruck erwecken wollen, man gehöre damit zu einer Minderheit und könne keine Wahlen gewinnen.

 

Abendrot der Zivilisation

Als hätten sie geahnt, was auf die Welt zukommt, haben sich in den vergangen Monaten viele mit einer Clownsmaske getarnt, um ihre Mitbürger zu erschrecken, und die Medien machten daraus ein großes Spektakel. Jetzt zieht einer, der jahrzehntelang den Playboy-Clown spielte, in das Weiße Haus ein und der Horror wird real. Derzeit und wohl noch bis Neujahr schreibt jeder, der eine Tastatur bedienen kann, über die möglichen Motive der Wählerinnen und Wähler Donald Trumps. Das Naheliegende liest man in all den mehr oder weniger klugen Analysen selten: Trump wurde für das gewählt, was er versprochen hatte und was in seinem letzten Wahlwerbespot völlig klar zum Ausdruck kam: Die Entmachtung einer fantasierten jüdischen Elite, die keine Heimatliebe habe und daher den amerikanischen Arbeitern die Jobs geklaut und den Chinesen geschenkt hätte. „The Global Special Interests“ und „The Establishment“ nennt Trump die angeblichen Verschwörer gegen „das Volk“. Das ist das Vokabular von Neonazis, so redet der Ku Klux Klan, so quasseln Alexander Dugin und Marine Le Pen. Das heißt nicht, dass eine knappe Minderheit, die dank des US-Wahlsystems über eine knappe Mehrheit der abgegebenen Stimmen triumphierte, aus lauter antisemitischen Nationalisten bestünde, aber sie besteht aus Leuten, die solches wenigstens billigend in Kauf nehmen.

Viel diskutiert wird auch die Frage, was man dem Rechtspopulismus entgegenhalten könne. Die Antwort, die ich habe, wird Euch nicht gefallen: Nichts. Ein mit antisemitischen Codes agierender Rechtspopulismus war nur aus dem einzigen Grund bis vor wenigen Jahren nirgendwo erfolgreich, weil sich alle an den Konsens hielten, damit nicht Politik zu machen. Der Konsens ist futsch, einfach ignoriert von der Das-Wird-Man-Ja-Noch-Sagen-Dürfen-Bande, die ganz genau wusste, was folgen würde, wären die mühsam errichten Wälle der Zivilisation erst einmal sturmreif geballert. Gegen „Die Juden sind schuld“, „die Ausländer sind schuld“, „die Liberalen sind schuld“, „die Afroamerikaner sind schuld“, „die Intellektuellen sind schuld“, gegen all diese Sündenbockerei kommt keine Vernunft an, kein rationales Argument. Knapp 40 Prozent aller Menschen sind durch Dummheit und frühkindliche Abrichtung zum Gehorsam nicht in der Lage oder willens, die Verantwortung für ihr eigenes Leben und dessen Gelingen oder Misslingen zu übernehmen und springen daher begeistert auf das autoritäre Angebot an, die Schuld für alle Widrigkeiten  irgendeiner Minderheit zuzuschieben. Weitere 40 Prozent laufen dann aus Angst oder Ehrgeiz einfach mit und die verbleibenden widerständigen 20 Prozent landen im Knast oder im Krematorium. So geht das aus, wenn es erst einmal ins Rollen gekommen ist, und es rollt immer schneller. Die Parole „Wehret den Anfängen“ haben sich die Antifaschisten, die den Faschismus erlebten, nicht zum Spaß ausgesucht, sondern weil sie wussten, dass nicht mehr viel zu retten ist, wenn der faschistische Anfang erst einmal gemacht wurde, wenn faschistoide Politiken erst einmal den Sprung zur Salonfähigkeit geschafft haben.

Was wird Trump nun machen? Woher soll ich das wissen? Niemand weiß das. Aber wenn es eine Lehre aus der Geschichte gibt, dann wohl die, dass man die Ankündigung von Verbrechen ernst nehmen sollte und dass manches tatsächlich so heiß gegessen wird, wie man es kocht. Er wird schon aus Selbstschutz und aus Angst vor den Geistern, die er rief, wenigstens einige seiner Versprechen umsetzen müssen. Vielleicht wird es eine fünf Meter hohe Mauer zu Mexiko, für die er eine Rechnung an die mexikanische Regierung schickt. Vielleicht will die mexikanische Regierung diese Rechnung nicht bezahlen? Vielleicht droht Trump dann mit Gewalt, die Mexikaner sagen „fuck you“ und es kommt zum Krieg? Das ist genauso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich wie ein Handelskrieg mit China, der, falls er dutzende Millionen chinesischen Arbeitern den Job und chinesischen Milliardären ihren Reichtum kostet, auch mit scharfen Waffen ausgetragen wird? Vielleicht geht die Welt aber auch gar nicht in einem großen Krieg unter, sondern einfach durch die von Trump angedrohte Aufkündigung aller Klimaschutzabkommen? Keine Ahnung, was alles passieren wird, aber wir werden ab Jänner 2017 in einer anderen Welt leben. Die Chance, dass es eine bessere sein wird, ist verschwindend gering. Viele, die jetzt noch feiern, weil die USA sich unter Trump von der Rolle als „Weltpolizist“ zurückziehen wollen, werden noch blöd gucken, wenn sie erst mal begriffen haben, dass ohne Polizei meist nicht die coole Anarchie ausbricht, sondern das Recht der Stärkeren und es keineswegs ausgemachte Sache ist, dass man selber immer zu diesen gehört.

Strache verbreitet Putins Anti-Österreich-Propaganda

Im Juni wurde in Österreich ein Mann, der einen zehnjährigen Buben vergewaltigt hatte, zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Im Oktober hob der Oberste Gerichtshof das Urteil teilweise auf, da das Erstgericht die Posttraumatische Belastungsstörung des Opfers nicht berücksichtigt habe. Diese sei mit einer schweren Körperverletzung gleichzusetzen, was das Strafmaß auf bis zu 15 Jahren erhöht.

Noch einmal in anderen Worten: Der Oberste Gerichtshof hat ein Urteil teilweise aufgehoben, da es zu milde war. Weder wurde der Täter freigelassen noch bekommt er einen Strafnachlass. Er wird im Gegenteil eine längere Freiheitsstrafe kriegen.

Der russische Präsident Wladimir Putin verbreitete daraufhin die Falschmeldung, das Gericht habe den Täter freigesprochen. Russische Medien griffen das auf und schmückten die Lüge mit weiteren Erfindungen aus.

Schlimm genug, wenn der russische Präsident die österreichische Justiz und damit auch den Staat Österreich mit Lügenpropaganda attackiert. Völlig unverständlich ist aber, dass FPÖ-Chef Strache die Putin-Lüge zustimmend weiterverbreitet. Auf seiner Facebookseite postete Strache dies:

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Strache hat den Artikel der „Krone“, zu dem er verlinkt, wohl entweder nicht gelesen oder er hofft, seine Facebookfans würden ihn nicht lesen. In dem Artikel steht: „Allerdings beruhen Putins Anschuldigungen auf einer Falschmeldung, denn in dem besagten Fall gab es keinen Freispruch, der Flüchtling sitzt weiterhin in Haft“.

Es stellen sich nun ein paar Fragen.

Wieso schreibt Strache, Putin habe recht? Putin verbreitete eine Falschmeldung, um Österreich schlecht aussehen zu lassen.

Wieso verbreitet der vorgebliche Patriot Strache Lügenpropaganda, die der Kreml in die Welt gesetzt hat, um Österreich zu schaden?

Hält Strache seine Facebookfans für unfähig oder zu dumm, einen vom ihm selbst verlinkten Artikel zu lesen und zu verstehen?

Als Ramid vor Menschenfeinden floh und bei anderen Menschenfeinden landete

Ramid ist 26 Jahre alt und stammt aus Syrien. Ich habe ihn zweimal getroffen. Einmal im Sommer 2015, als er gerade tausende Kilometer zu Fuß, auf Schlauchbooten und in Güterzügen hinter sich gebracht hatte, und ein zweites Mal vor ein paar Wochen. Bei unserem ersten Zusammentreffen war er noch von der Flucht gezeichnet, müde, und ausgezehrt, aber auch zufrieden, es nach Österreich geschafft zu haben. Im Gespräch mit ihm fiel mir der Gegensatz zwischen seinem Lächeln und seinen Augen auf. Er hatte Augen, wie man sie oft bei Refugees sieht, aber auch bei Kriegsberichterstatterinnen oder Veteranen. Es klingt nach einem Klischee, klar, aber wenn die Augen eines Menschen zu viel Schreckliches sehen, wirken sie älter als sie sein sollten, trauriger, tiefer, ein bisschen abwesend, über das unmittelbare Jetzt hinwegblickend. „Like black holes in the sky“. Fast das Letzte, was er in Syrien gesehen hatte, bevor er floh, war ein Nachbar, dem vor seinen Augen in den Kopf geschossen worden war.

Als ich Ramid ein Jahr später wieder traf, war er körperlich fitter, wirkte aber psychisch wesentlich angeschlagener. Auch seine Augen waren anders. Der Blick war fahriger, flackernder, härter. Aus der Freude, erfolgreich der Kriegshölle entronnen zu sein, war Enttäuschung über ein Land geworden, das ihm einst ein Synonym für „Menschenrechte und Kultur“ gewesen war, in dem nun aber alle nur mehr darüber redeten, ob Araber womöglich durchwegs gefährliche Leute, Terroristen gar seien, was Flüchtlinge alles tun müssten oder nicht tun dürften und wie rasch man sie wieder loswerden könne. Das, so Ramid, sei alles, worüber Österreicher mit ihm sprächen, während sich in Syrien die Leichenberge auftürmten. Der Westen, und zu dem gehöre Österreich ja wohl, schaue dabei zu und fühle sich dann auch noch moralisch überlegen. In St. Pölten, wo Ramid in einem Flüchtlingsheim lebt, geht er oft spazieren, denn was anderes darf der studierte Jurist ja nicht machen. Vielleicht noch ein bisschen in der Heimküche helfen. Während Ramid durch eine niederösterreichische Kleinstadt läuft oder Kartoffeln schält, interessiert sich niemand für die Wut, die in ihm immer größer wird, eine Wut, die sich aus der Gleichgültigkeit eines Landes speist, dessen Politiker immer von „Hilfe vor Ort“ schwafeln und dann genau gar nix unternehmen. Eine Wut, die von der Arroganz von Menschen ausgelöst wird, denen Ramid immer wieder aufs Neue erklären muss, dass er kein Islamist und schon gar kein Terrorist ist. Eine Wut, die auch von den Schlägen mazedonischer Grenzschützer herrührt, von den nächtlichen Märschen durch kalte Wälder auf der Flucht vor europäischen Polizeieinheiten, von der Gewalt in improvisierten Lagern, von Hunger und Durst und dem täglichen kalten Dosenfisch, den es im Lager Traiskirchen zu essen gab. Und von der ständigen Ungewissheit. Wird der Asylantrag angenommen? Lebt die Familie noch? Sind Freunde und Bekannte unter den jüngsten Opfern der Bombardierungen?

Ich fühlte mich zusehends elend bei diesem zweiten Treffen mit Ramid. Ich spürte seine Wut und die ansteigende Verzweiflung und ich wusste, dass es viele wie ihn gab. Menschen, die schwere Traumata mit sich herumschleppen, denen aber niemand bei der Aufarbeitung hilft. Das ist gefährlich. Zwischen all dem xenophoben Gebrüll der Menschenfeinde und der Politiker, die meinen, die Menschenfeinde wären die Mehrheit, gehen Menschen psychisch kaputt und keiner hilft ihnen. Manche von diesen Menschen fangen an zu saufen und nehmen Drogen. Andere verlieren langsam den Verstand und drehen irgendwann durch. So wie jener junge Syrer, der in Wien kürzlich versuchte, sich vor eine Straßenbahn zu werfen und der danach auf die Zuggarnitur kletterte, um nach den Stromkabeln zu greifen. Angeblich hatte der Mann gerade erfahren, dass seine Familie einem Bombenangriff der syrischen Regierungstruppen zum Opfer gefallen war. Aber selbst falls das nicht der Fall war, kann schon die ständige Sorge, können die Posttraumatischen Belastungsstörungen so eine Verzweiflungstat auslösen. Es ist das letzte Aufbäumen von Menschen, denen niemand zuhört und die von dem Land, in dem sie Schutz suchten, nur als Belastung wahrgenommen werden. Es ist ein Schrei: „Hier bin ich, ich bin ein Mensch, keine Nummer in der Statistik“.

In Reaktion auf die desperaten Handlung des Flüchtlings in Wien erreichte die FPÖ einen neuen Tiefpunkt an Inhumanität. FPÖ-Chef Strache postete ein Video des Vorfalls und schaute dann ohne einzugreifen zu, wie seine Facebook-Fans darum wetteiferten, wer auf die Verzweiflung eines Menschen grausamer reagieren kann. Wer versuchte, der Lynchstimmung mit sachlichen Argumenten oder auch nur mit Aufrufen zu mehr Menschlichkeit entgegenzuwirken, wurde gelöscht oder gar blockiert, Mordaufrufe blieben stehen. Das ist fast alles, was man über diese FPÖ wissen muss. Sie lassen Leute, die andere umbringen wollen, weil sie einen Nervenzusammenbruch haben, gewähren und bringen die zum Schweigen, die mit Menschen menschlich umgehen möchten. Da braucht es gar keine tiefe politische Analyse mehr, da muss man keine Parteiprogramme wälzen. Das wurde alles schon gemacht und brachte keine anderen Ergebnisse als jenes, das nach Lektüre der Facebookauftritts von Strache herauskommt: Die FPÖ ist eine menschenfeindliche Bewegung. Noch hat diese Partei keine Mehrheit, aber sie kommt ihr schon gefährlich nahe. Man sollte nicht wollen, dass die FPÖ Österreich regiert, und man sollte mit allen legalen Mitteln versuchen, das zu verhindern. Dazu braucht man nicht einmal „links“ zu sein, es reicht, ein Mensch zu sein.

Ich weiß nicht, wie es Ramid heute geht. Ob er wieder herausgefunden hat aus der seelischen Not oder ob er immer tiefer darin versinkt. Vielleicht hat er jemanden gefunden, der ihm nicht nur zuhört, sondern ihn sogar versteht? Vielleicht denkt er an Suizid? Der Zufall spielt da schon auch eine gewisse Rolle, aber entscheidender sind die Lebensbedingungen, und die sind nicht vom lieben Gott gemacht, sondern von uns allen. Politiker, die aus Feigheit vor den Unmenschen eine unmenschliche Politik betreiben und mit Menschen verfahren, als wären sie Gepäckstücke, machen sich mitschuldig an vermeidbarem psychischem Elend und letztlich auch an Verzweiflungstaten. Und dieses psychische Elend betrifft nicht alleine Refugees, es betrifft uns alle. Alle, die noch fühlen wie Menschen statt wie Mörder. Es gibt ein Zitat eines gewissen Jesus von Nazaret. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. War ein kluger Mann, dieser Jesus, denn er wusste offenbar, dass sich niemand sicher fühlen kann, solange Minderheiten misshandelt werden.

Die Mordlust der Strache-Fans

Ein junger Asylbewerber aus Syrien erlitt heute einen psychischen Zusammenbruch. Er legte sich in Wien vor eine herannahende Straßenbahn, kletterte danach aufs Dach der Zuggarnitur und versuchte, nach den Stromkabeln zu greifen. Er rief dabei angeblich „Ich bin nicht vom IS“ und „Russland hat meine Familie ermordet“. Auf der Facebookseite von FPÖ-Chef Strache reagierten dessen Fans mit Mord- und Folterfantasien am laufenden Meter. Das sind dieselben Leute, die immer jammern, man grenze sie aus. Ja, ihr Drecksäcke, wir grenzen euch aus, weil ihr ein unzivilisiertes Pack seid, das sich öffentlich den Tod eines Menschen wünscht und sich dabei wohl noch stark fühlt in seiner Erbärmlichkeit.

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Geschlossene Gesellschaft – Neues aus den Irrenhäusern

Der Standard:

Ein junger Mann, der an einer paranoiden Schizophrenie leidet und deswegen in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen werden soll, sitzt seit vier Monaten unter fragwürdigen Bedingungen in der Justizanstalt Wien-Josefstadt, wo Anfang Juni über ihn die U-Haft verhängt wurde. Der psychisch Kranke ist wie ein „normaler“ Strafgefangener in einer Zehn-Mann-Zelle untergebracht. Einen Psychiater hat der Mann zuletzt am 23. Juni gesehen, bestätigte sein Rechtsbeistand Sven Thorstensen. Ob die Medikamente, die der 28-Jährige verabreicht bekommt, die optimale Wahl sind, ist unklar.

Abendzeitung: Der Bruder von Gustl Mollath ist tot. Wie der 70-Jährige ums Leben gekommen ist, wirft Fragen auf. Ebenso die Tatsache, warum der Mann ins Bezirksklinikum gebracht worden ist. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft. (…) Der zuvor in einem Nürnberger Altenheim lebende Mann habe unter anderem durch unachtsames Hantieren mit einer Zigarette einen Zimmerbrand ohne nennenswerte Folgen ausgelöst und sei sonst lediglich durch wenige Schwarzfahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln und einer Zechprellerei aufgefallen, die aber strafrechtlich nicht weiter verfolgt worden seien. Die Einweisung sei wie bei seinem Bruder Gustl durch die Nürnberger Justiz erfolgt.

Schwäbische: Da der 32-Jährige, der bei seiner vorläufigen Festnahme die Beamten beleidigte, einen psychisch auffälligen Eindruck machte, wurde er ins Krankenhaus gebracht. Der behandelnde Arzt wies den Mann anschließend in ein Zentrum für Psychiatrie ein. 

tz: (…) Seit Mittwoch sitzt er auf der Anklagebank des Landgerichts. Die Staatsanwaltschaft hat ihn wegen Betrugs in 58 Fällen angeklagt. Die Geschichte mit dem Erbe stimmte nämlich nicht ganz – etlichen Freunden hatte L. sie aber erzählt und sich Geld geliehen. Sie glaubten ihm. Zurückgezahlt hat Uwe L. aber so gut wie nie. Und verursachte so laut Anklage einen Schaden von insgesamt 285.265 Euro. (…) Ob er hinter Gitter oder in die Psychiatrie muss, ist noch unklar.

Merkur:

Jack P. wäre so gerne aus dem Isar-Amper-Klinikum gekommen. „Das Essen ist so grässlich“, klagte der 65-jährige Mannheimer am Rande seines Prozesses vor dem Landgericht München I. Doch die Richter ließen ihn in der Psychiatrie.Jack P. war bereits als Säugling mit sechs Monaten ins Heim gekommen. Einrichtungen dieser Art sollte er nie wieder verlassen. In Haar lebt er seit zehn Jahren. Versuche, ihn zu entlassen, schlugen immer wieder fehl. Weil er Geld brauchte, ging er stehlen.(…) Zuvor hatte dessen Verteidigerin noch heftig um eine Entlassung in die Freiheit gekämpft. Das Gericht aber entschied für die Unterbringung: Bei Einbruchsdiebstählen würden die Opfer oft schweren seelischen Schaden erleiden. Das war zwar in einem der angeklagten Taten nicht der Fall, ganz im Gegenteil: Ein Wohnungsbesitzer prügelte den Angeklagten krankenhausreif, als er ihn erwischte.

Volksstimme.de:  Die Experten des Psychiatrieausschusses haben bei 96 Besuchen in Einrichtungen zwei besonders eklatante Fälle ausgemacht: In einem geschlossenen Heim in Haldensleben hätten sie mehrere psychisch behinderte Patienten angetroffen, die dort ohne gültigen Unterbringungsbeschluss festgehalten wurden, berichtete der Ausschussvorsitzende Bernd Langer am Mittwoch in Magdeburg. Er überreichte den Bericht der Kommission an Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch (CDU). Es habe zu wenig Personal gegeben, der Zustand eines Gebäudes liege unter der Grenze der Zumutbarkeit. Die Heimaufsicht sei sofort eingeschritten, die Missstände seien zum großen Teil abgestellt worden. In einer kleinen Einrichtung für Menschen mit Mehrfachbehinderungen in Halle hätten die Experten Patienten gefunden, die „schlichtweg verwahrt“ wurden. Bei einem unangemeldeten Besuch im März hätten Kommissionsmitglieder viel zu wenige und nicht ausreichend qualifizierte Mitarbeiter getroffen. Es habe keine Angebote gegeben, die den Tag der neun Bewohner strukturiert hätten.