Der Heiler von Spittal an der Drau

Es ist einer der großen Irrtümer, dass mit dem zunehmenden Bedeutungsverlust der christlichen Religionsgemeinschaften in Europa die Aufklärung sich nun endlich durchsetzen werde und der Glaube an metaphysischen Hokuspokus erledigt sei. Zwar ist der Pfaffen Wort nicht mehr Gesetz und es interessiert immer weniger Menschen, was der Mann mit dem großen Hut, der von sich behauptet, der Stellvertreter eines Gottes auf Erden zu sein, dahermurmelt wenn der Tag lang ist, doch schon breitet sich mit dem Islam die nächste Aberglaubensgemeinschaft mit Totalitätsanspruch aus und bedroht die Freiheit der Rede und des Denkens, viele suchen in fernöstlichen Religionen Antworten, Sekten aller Art breiten sich rasend schnell aus und immer mehr Leute wenden sich mit kleinen und großen, realen und eingebildten Problemen an „Geistheiler“, „Schamanen“, „Hexen“ und andere Kreaturen, die die natürliche Dummheit der Menschen auszunutzen verstehen. Ohne den Glauben an höhere Mächte und Zauberei mögen viele offensichtlich nicht leben, weshalb sich gerissenen Scharlatanen ein neuer Milliardenmarkt erschlossen hat. Nun kann ich niemanden hindern daran zu glauben, dass man über angeblichen Wasseradern schlecht schlafe und dass es sehr heilsam sei, in einer Schwitzhütte bei Vollmond seine „Aura“, was immer das auch sein mag, „reinigen“ zu lassen. Und wer sein Gehirn an der Gardarobe abgeben und sein Geld verbrennen möchte, der soll das halt tun. Sehr wohl kann ich es bedenklich finden, wenn Vertreter einer Partei, die sich programmatisch und historisch dem Kampf für die Aufklärung und gegen religiöse und pseudoreligiöse Verblödung verschrieben hat, neoheidnischem Unsinn das Wort reden.

Auftritt Gerhard Köfer, Bürgermeister der Kärntner Stadt Spittal an der Drau und SPÖ-Abgeordneter im Palament.  Köfer hat sich als „Heiler“ geoutet. Er behauptet, „eine Gabe“ zu besitzen. Und die wäre? „Im bioenergetischen Feld, das jeder Mensch hat, spüre ich Blockaden, die zu Verspannungen, Höhenangst, Burn-out und anderen Problemen führen können. Ich versuche, sie aufzulösen und die Selbstheilungskräfte der Leute zu aktivieren, ohne sie zu berühren“, erzählt Köfer der „Kleinen Zeitung“. Seine „Fähigkeit“ habe er bereits „bei hunderten Menschen“ eingesetzt. Ich weiß nicht, was mich mehr entsetzt: Dass ein sozialdemokratischer Spitzenpolitiker sich für einen Medizinmann hält und in einem Interview die dümmsten Nicht-Begriffe aus dem Bereich des Esoterikbusiness benutzt, oder dass „hunderte Menschen“ (und nach Erscheinen des Zeitungsartikels wohl bald tausende) meinen, sie besäßen ein „bioenergetisches Feld“, in dem es zu „Verspannungen“ komme, welche durch einen Politiker, der früher mal Dorfpolizist war, „aufgelöst“ werden könnten.

Das einzig „Heilsame“ an Köfer ist die Lächerlichkeit der Angelegenheit, den Lachen ist bekanntlich wirklich gesund. Doch so richtig lustig ist die Sache nun auch wieder nicht, denn dass ausgerechnet ein zumindest nominell roter Politiker der Verbreitung von Irrationalität Vorschub leistet, ärgert mich. Ein Bruno Kreisky hätte den Köfer an den Ohren gepackt und zum nächsten Einführungskurs über die philosophischen Grundlagen der Sozialdemokratie gezerrt. Aber mittlerweile ist die SPÖ wohl schon dermaßen fundamentlos und ideologisch beliebig, dass auch in dieser Partei  gilt: Anything goes.