Abendrot der Zivilisation

Als hätten sie geahnt, was auf die Welt zukommt, haben sich in den vergangen Monaten viele mit einer Clownsmaske getarnt, um ihre Mitbürger zu erschrecken, und die Medien machten daraus ein großes Spektakel. Jetzt zieht einer, der jahrzehntelang den Playboy-Clown spielte, in das Weiße Haus ein und der Horror wird real. Derzeit und wohl noch bis Neujahr schreibt jeder, der eine Tastatur bedienen kann, über die möglichen Motive der Wählerinnen und Wähler Donald Trumps. Das Naheliegende liest man in all den mehr oder weniger klugen Analysen selten: Trump wurde für das gewählt, was er versprochen hatte und was in seinem letzten Wahlwerbespot völlig klar zum Ausdruck kam: Die Entmachtung einer fantasierten jüdischen Elite, die keine Heimatliebe habe und daher den amerikanischen Arbeitern die Jobs geklaut und den Chinesen geschenkt hätte. „The Global Special Interests“ und „The Establishment“ nennt Trump die angeblichen Verschwörer gegen „das Volk“. Das ist das Vokabular von Neonazis, so redet der Ku Klux Klan, so quasseln Alexander Dugin und Marine Le Pen. Das heißt nicht, dass eine knappe Minderheit, die dank des US-Wahlsystems über eine knappe Mehrheit der abgegebenen Stimmen triumphierte, aus lauter antisemitischen Nationalisten bestünde, aber sie besteht aus Leuten, die solches wenigstens billigend in Kauf nehmen.

Viel diskutiert wird auch die Frage, was man dem Rechtspopulismus entgegenhalten könne. Die Antwort, die ich habe, wird Euch nicht gefallen: Nichts. Ein mit antisemitischen Codes agierender Rechtspopulismus war nur aus dem einzigen Grund bis vor wenigen Jahren nirgendwo erfolgreich, weil sich alle an den Konsens hielten, damit nicht Politik zu machen. Der Konsens ist futsch, einfach ignoriert von der Das-Wird-Man-Ja-Noch-Sagen-Dürfen-Bande, die ganz genau wusste, was folgen würde, wären die mühsam errichten Wälle der Zivilisation erst einmal sturmreif geballert. Gegen „Die Juden sind schuld“, „die Ausländer sind schuld“, „die Liberalen sind schuld“, „die Afroamerikaner sind schuld“, „die Intellektuellen sind schuld“, gegen all diese Sündenbockerei kommt keine Vernunft an, kein rationales Argument. Knapp 40 Prozent aller Menschen sind durch Dummheit und frühkindliche Abrichtung zum Gehorsam nicht in der Lage oder willens, die Verantwortung für ihr eigenes Leben und dessen Gelingen oder Misslingen zu übernehmen und springen daher begeistert auf das autoritäre Angebot an, die Schuld für alle Widrigkeiten  irgendeiner Minderheit zuzuschieben. Weitere 40 Prozent laufen dann aus Angst oder Ehrgeiz einfach mit und die verbleibenden widerständigen 20 Prozent landen im Knast oder im Krematorium. So geht das aus, wenn es erst einmal ins Rollen gekommen ist, und es rollt immer schneller. Die Parole „Wehret den Anfängen“ haben sich die Antifaschisten, die den Faschismus erlebten, nicht zum Spaß ausgesucht, sondern weil sie wussten, dass nicht mehr viel zu retten ist, wenn der faschistische Anfang erst einmal gemacht wurde, wenn faschistoide Politiken erst einmal den Sprung zur Salonfähigkeit geschafft haben.

Was wird Trump nun machen? Woher soll ich das wissen? Niemand weiß das. Aber wenn es eine Lehre aus der Geschichte gibt, dann wohl die, dass man die Ankündigung von Verbrechen ernst nehmen sollte und dass manches tatsächlich so heiß gegessen wird, wie man es kocht. Er wird schon aus Selbstschutz und aus Angst vor den Geistern, die er rief, wenigstens einige seiner Versprechen umsetzen müssen. Vielleicht wird es eine fünf Meter hohe Mauer zu Mexiko, für die er eine Rechnung an die mexikanische Regierung schickt. Vielleicht will die mexikanische Regierung diese Rechnung nicht bezahlen? Vielleicht droht Trump dann mit Gewalt, die Mexikaner sagen „fuck you“ und es kommt zum Krieg? Das ist genauso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich wie ein Handelskrieg mit China, der, falls er dutzende Millionen chinesischen Arbeitern den Job und chinesischen Milliardären ihren Reichtum kostet, auch mit scharfen Waffen ausgetragen wird? Vielleicht geht die Welt aber auch gar nicht in einem großen Krieg unter, sondern einfach durch die von Trump angedrohte Aufkündigung aller Klimaschutzabkommen? Keine Ahnung, was alles passieren wird, aber wir werden ab Jänner 2017 in einer anderen Welt leben. Die Chance, dass es eine bessere sein wird, ist verschwindend gering. Viele, die jetzt noch feiern, weil die USA sich unter Trump von der Rolle als „Weltpolizist“ zurückziehen wollen, werden noch blöd gucken, wenn sie erst mal begriffen haben, dass ohne Polizei meist nicht die coole Anarchie ausbricht, sondern das Recht der Stärkeren und es keineswegs ausgemachte Sache ist, dass man selber immer zu diesen gehört.

Ist die Linke noch zu retten?

Wundert das noch jemanden? Jürgen Elsässer und seine Phantomarmee „Volksinitiative“ wollen gemeinsam mit der islamistischen, pro-iranischen und vom Verfassungsschutz beobachteten Gruppe „Quds-AG“ und der eigenartigen Organisation „Neue Mitte“ in Berlin demonstrieren. Das Motto des Deppenaufmarsches: „Kein Steuergeld für Israels Kriegspolitik“.

Bei Elsässer, der die Demokratiebewegung im Iran als Ansammlung von „Disco-Miezen und NATO-Yuppies“ diffamierte, wundert einen ja gar nichts mehr. Der gelernte Lehrer und ehemalige „K-Gruppler“ schrieb noch in den 90er Jahren gut recherchierte und gar nicht mal dumme Artikel, war einer der Vordenker der neuen kritischen Linken, der so genannten „Antideutschen“, machte sich um den Kampf gegen linken und rechten Antisemitismus verdient und verließ sogar seinen Posten als Chefredakteur der „Junge Welt“, als diese begann, inhaltlich auf Nationalbolschewismus umzuschwenken. Er war dann Mitbegründer der „antideutschen“ Zeitschrift „Jungle World“ und schrieb immer wieder für das Flaggschiff der linken Publizistik, die „konkret“. Doch irgendwann um die Jahrtausendwende herum scheinen dem Mann einige Glühbirnen im Hirn durchgebrannt zu sein, und es wurde finster in Elsässers Kopf. Nach seltsamen und unreflektiert antiamerikanischen und antiwestlichen Artikeln und seiner Parteinahme für Saddam Hussein wurde er schließlich als Redakteur der „konkret“ entlassen. Auch die „Jungle World“ wollte seine immer rasender werdenden anti-internationalistischen und immer mehr in Richtung einseitigen Antiimerperialismus, Nationalismus und Kulturrelativismus tendierenden Beiträge, die bereits eine erschreckende antiemanzipatorische Schlagseite hatten,  nicht mehr drucken. Seither schreibt er für das publizistische und ideologische SED-Überbleibsel „Neues Deutschland“, für die „Islamische Zeitung“, das Verschwörungstheorien-Internethauptquartier „Telepolis“ und für den boulevardesken  irgendwie-linksliberalen-oder-auch-nicht „Freitag“. Bei der „Jungen Welt“, mit der er mittlerweile ja auf einer Linie liegt, ist er nun auch wieder willkommen. Und er betreibt ein Blog. Seine Lieblingsthemen sind heutzutage Israel-Dämonisierung und die Legitemierung der iranischen Klerikalfaschisten, Berührungsänsgte mit extrem antiemanzipatorischen, frauenfeindlichen, schwulenhassenden und den Fortschritt bekämpfenden Ideologien/Religionen hat Elsässer nicht. Ganz im Gegenteil sucht er aktiv deren Nähe und biedert sich bei den Mullahs an. Der nächste Schritt, nämlich ein Kooperationsversuch mit Neonazis, ist wohl nur eine Frage der Zeit. Immerhin hat er bereits Artikel veröffentlich, in denen er, ganz im Stil der Faschisten, gegen die Abtreibung wetterte und wahnhaft die „Zerstörung der Familie und der Nation“ als finsteren Plan sinistrer kapitalistischer Verschwörer beschrieb. Er schreckte nicht einmal davor zurück, Hetze gegen Homosexuelle zu betreiben und die patrachalische islamische Großfamilie als Vorbild abzufeiern. Nationalismus toll finden, Imperialismus immer und ausschließlich als von den USA und ihren Verbündeten ausgehend sehen, ideelles wie auch praktisches Paktieren mit den reaktionärsten Strömungen unserer Zeit, Familienideale von katholischen und islamischen (und neonazistischen) Fundis mittragen, das antisemitische Machwerk „Tal der Wölfe“ verteidigen, bei jeder antiisraelischen Aktion ganz vorne dabeisein – das ist heute die Welt des Jürgen Elsässer.

Elsässer kann man stellvertretend für einen leider allzu großen Teil der heutigen Linken sehen. Wie er scheint ein guter Teil der Menschen, die sich selbst als links einstufen, den Bezug zur Realität und zur marxistischen Kritik völlig verloren zu haben und klammert sich ängstlich an alles, was auch nur im Entferntesten an die „gute alte Zeit“ der Systemauseinandersetzung erinnert. Wie schon damals rennen diese Leute jedem blutrünstigen und/oder lächerlichen Irren hinterher, solange der sich nur als Feind des Westens geriert und links klingende Floskeln wie „Revolution“ (zB Iran) oder „Sozialismus“ (siehe Venezuela) im Mund führt. Die historischen Parallelen sind übrigens nicht zu übersehen: So wie in den Zeiten Stalins die westliche Linke bis auf wenige Ausnahmen trotz der allgemein bekannten Verbrechen in der Sowjetunion, des Verrats am Internationalismus und sogar trotz des Hitler-Stalin-Paktes weiterhin auf das Wohl des Mega-Verbrechers trank, so wie in den 70er Jahren etliche europäische und amerikanische Linksintellektuelle das massenmordende Wirken Pol Pots verteidigten, so armselig und in der Wahl ihrer Verbündeten debil ist auch der Großteil der heutigen Linken. Man ist in diesen Kreisen nicht nur unfähig zur kritischen Analyse, man ist auch kritikresistent und gehirngelähmt wie das Mitglied einer Sekte, bei der die Abgabe des Denkzentrums an der Garderobe Pflicht ist.

Fazit: Die Linke, vor allem der Großteil der radikalen Linken, hat moralisch und intellektuell Bankrott angemeldet. Das merken die Menschen und bescheren den orientierungslosen und visionslosen Linksparteien europaweit Wahlniederlagen (mit Ausnahme von Parteien wie der deutschen „Die Linke“ oder den französischen Trotzkisten, die als populistische Protestwortführer  Wähler einfangen). Grundsätzlich muss sich die Linke, von den Sozialdemokraten bis zu den diversen kommunistischen Gruppierungen, von Grund auf erneuern, wozu meiner Meinung nach vor allem die Befassung mit den konkreten sozialen und ökonomischen Problemen VOR ORT gehört, anstatt die gesamte Energie auf fruchtlose und natürlich auch dumme Projektionen auf die USA oder Israel zu verschwenden. Die Musik, die für europäische Linke relevant sein sollte, spielt vor allem in Europa. HIER werden Minderheiten wie die Sinti und Roma verfolgt und ermordet, HIER formiert sich der Neofaschismus und Neonazismus zu einer gefährlichen Schlagkraft, HIER gibt es die 1-Euro-Jobs und Hartz IV und andere soziale Sauereien. Und was die viel besungene „Internationale Solidarität“ betrifft: Die Welt beteht aus mehr als nur Amerika und Nahost. Eine Linke, die diese Bezeichnung verdiente, würde sich außerdem ganz genau ansehen, mit wem sie sich solidarisch erklärt, bevor sie mit Hamas-Leuten oder Hisbollah-Tarnorganisationen, die das genaue Gegenteil von echtem Linkssein darstellen, gemeinsam auf die Straße rennt. Das ist nämlich unter keiner rationalen Betrachtungsweise links, das ist nur dumm, beziehungsweise die Folge von Verblendung auf Grund unkritischer und damit ins Nichts oder in den politischen Abgrund führender pubertärer Radikalität.