Schlagwort-Archive: Antisemitismus

Von jüdischen und anderen Toten

Ich denke ja immer, ich sei nicht besonders klug, daher gehe ich davon aus, dass das, was ich schreibe, auch verstanden wird, denn wenn sogar ich das kapiere, sollte es doch jeder schnallen können. Das ist offensichtlich nicht so, wie einige Reaktionen auf meine Kommentare zu den Terroranschlägen in Paris gezeigt haben. Daher versuche ich jetzt noch einmal zu erklären, warum die Morde im koscheren Supermarkt moralisch noch verwerflicher waren als jene in der Redaktion von Charlie Hebdo. Die Morde im Supermarkt waren nicht deswegen so besonders schlimm, weil die Opfer Juden waren, sondern weil die Opfer zu Opfern wurden aus dem einzigen Grund, dass sie Juden waren. Sie haben keine umstrittenen Karikaturen veröffentlicht, sie haben keine satirischen Artikel geschrieben, sie haben nichts anderes getan als kurz vor dem Schabbat noch einkaufen zu gehen. Ihr Mörder hat sie umgebracht, weil sie Juden waren. Das hat er in einem interview und in einem Bekennervideo zugegeben. Ist das soweit verständlich? Die Morde an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Charlie Hebdo waren entsetzlich und haben völlig zu Recht ungeheure Wut und Trauer und eine weltweite Welle der Solidarität mit den Opfern und mit der Presse- und der Meinungsfreiheit losgetreten. Aber zumindest in der perversen Logik der Mörder hätten die Hebdo-Leute ihrem Schicksal entgehen können, wenn sie niemals Mohammed karikiert hätten. Die Mordopfer im koscheren Geschäft hatten nicht mal diese Chance. Sie starben für das, was sie waren. Nicht für eine Meinung oder eine “Provokation”, sondern allein für die Sünde, Jude zu sein. Dieses Ermorden von Menschen, nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehören, ist die tiefste aller Barbareien. Das steht auf einer moralischen Ebene mit dem Holocaust und mit dem Völkermord in Ruanda. Und wenn jetzt einer derjenigen, die dümmer sind als ich, “Israel” schreit und “Besatzung”, dann soll der mir erklären, was vier Pariser Juden, die sich was zu essen kaufen wollten, für die Politik der israelischen Regierung können. Wer jetzt sowas Irres sagen will wie “dort gibt es israelische Produkte, daher war das ein gerechtfertigtes Angriffsziel”, der sollte sich 1. einen guten Psychiater suchen und 2. sein Maul halten, falls er sich seinen Computer oder sein Smartphone und alle dafür nötigen Einzelteile nicht persönlich zusammengebaut und persönlich in Asien nach seltenen Erden gebuddelt hat.

Manchmal bringen Wiederholungen was, daher noch einmal: Die Morde im koscheren Supermarkt waren nicht deswegen besonders schlimm, weil die Opfer zufällig Juden waren, sondern weil sie deswegen ermordet wurden, weil sie Juden waren. Auch wenn die Opfer ermordet worden wären, weil sie Muslime, Chinesen oder Schwaben gewesen wären, wäre es dasselbe. Die Motive der Mörder sind dabei völlig egal. Menschen zu ermorden, nur weil sie einer bestimmten Nation, Religionsgemeinschaft, Ethnie, sexuellen Orientierung oder sonst einer Gruppe angehören, die eben kein politischer Verein ist, sondern eine Tatsache des Lebens, ist der absolute Kontrapunkt zu Kultur und Menschlichkeit.

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Do the right thing

Zur Klarstellung: Ich wurde in den vergangenen Tagen mehrmals gefragt, ob ich Jude sei, da ich in diesem Blog immer wieder gegen den Antisemitsmus und für den Zionismus argumentiere. Nein, bin ich nicht. Es ist seltsam, dass inzwischen von einigen Leuten vermutet wird, nur Jüdinnen und Juden könnten Antisemitismus schlecht finden und Israel für ein probates Mittel zur Rettung jüdischen Lebens halten. Ich bin ein ganz gewöhnlicher österreichischer Taufscheinchrist und Alltagsagnostiker, aber ich habe im Geschichtsunterricht aufgepasst und denke, dass es aus dem Holocaust nur eine Schlussfolgerung zu ziehen gibt, nämlich zu verhindern, dass die Opfer des braunen Wahns erneut zu Opfern werden. Das ist, denke ich, kein “Judenknacks”, kein naiver Philosemitismus oder ähnliches, das ist einfach nur das Richtige, moralisch und praktisch. Und es ist auch Selbstschutz, denn Antisemitismus ist ein Sympthom jener Barbarei und Menschenfreindlicheit, unter der die Menschheit als ganzes, vor allem aber jene Gruppen zu leiden haben, die schon in der Nazizeit neben den Juden ausgegrenzt und ermordet wurden.

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Alle sind Charlie, keiner ist Jude

Es ist der 9. Jänner 2015, Freitag Abend. Zum ersten Mal seit 1945 findet in der großen Synagoge in Paris kein Gottesdienst statt. Aus Sicherheitsgründen. Wenige Stunden zuvor haben Terroristen vier jüdische Mensch ermordet. Sie waren ganz zurecht davon ausgegangen, in einem koscheren Supermarkt welche anzutreffen. 48 Stunden lang zeigte die ganze Welt Solidarität mit den zwei Tage zuvor ermordeten Autorinnen und Zeichnern von “Charlie Hebdo”. Millionenfach wurde das Bekenntnis “Je suis Charlie” (Ich bin Charlie) in Tweets und auf Facebookprofilen verbreitet. Auch politische Parteien und einige islamische Verbände wollten ebenso Charlie sein wie jene Zeitungen und Fernsehsender, die vom Mut des französischen Satireblattes so weit entfernt sind wie ich vom Mond. Dennoch war das ein wichtiges Zeichen, ein Zeichen dafür, dass man den Versuch von Extremisten, ihnen nicht genehme Meinungen mit Mord zu unterdrücken, nicht hinnehmen wolle. Vielleicht sind nun, nach zwei Tagen Hochspannung, alle nur müde geworden und froh, dass es weitgehend vorbei zu sein scheint (während ich dies schreibe ist angeblich noch eine Komplizin der Täter auf der Flucht), vielleicht liegt es auch  daran, dass eine Zeitungsredaktion ein Symbol für einen der Grundwerte der westlichen Zivilisation ist, nämlich eines für Meinungs- und Pressefreiheit, aber bislang sucht man vergeblich nach der millionenfachen Selbstzuschreibung: “Je suis Juif” (Ich bin Jude/Jüdin).

Möglicherweise ist aber alles viel furchtbarer. Als am 24. Mai 2014 im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen totgeschossen wurden, war die europäische Öffentlichkeit nicht sonderlich beunruhigt. Das Leben verlangsamte sich nicht und es wurden keine Solidaritäskampagnen gesichtet. Dasselbe gilt für den Anschlag auf die jüdische Schule von Toulouse im März 2012, bei dem vier Menschen, darunter drei Kinder, starben. Jüdische Tote scheinen Europa, ja die Welt bei weitem nicht so zu erschüttern wie Tote anderen Glaubens. Es ist fast so, als würde Terrorismus gegen Juden als Normalität wahrgenommen und, schlimmer noch, als Reaktion auf den Nahostkonflikt rationalisiert. Dass man den Skandal der Dauerbedrohung jüdischen Lebens in Europa hingenommen hat, ist aber eine der Wurzeln des Nachtschattengewächses Terrorismus. Kaum jemand schien zu verstehen, dass es nicht nur darum geht, jüdische Menschen und Einrichtungen mit Polizeistreifen zu beschützen, sondern dass die Notwendigkeit für diesen Schutz das eigentliche Problem ist. So wie das eigentliche Problem am islamischen Terrorismus nicht die Qualität der Abwehrmaßnahmen dagegen ist, sondern dass diese Maßnahmen nötig sind. Niemand ist frei und ungefährdet, solange Menschen aus dem einzigen Grund, einer bestimmten Religion oder Volksgruppe anzugehören, an Leib und Leben bedroht sind, Muslime selbstverständlich eingeschlossen. Aber Juden sind aufgrund ihrer zahlenmäßigen Schwäche der Gradmesser schlechthin, wie zivilisiert und frei eine Gesellschaft ist.

Europa muss sich darüber klar werden, dass es nicht so weitergehn kann mit dem Ignorieren und Rationalisieren des Antisemtismus. Es reicht nicht, wenn sich Bischöfe, Imame und Rabbiner freundlich die Hände schütteln, es braucht eine Veränderung des Bewusstseins dahingehend, dass Antisemitismus nicht toleriert werden kann. 2014 aber zogen Banden von Antisemiten durch Europas Städte und brüllten ungehindert “Juden ins Gas”. Zum Teil wurden sie dabei sogar von ein paar linken Sekten unterstützt. Da hätte die gesamte europäische Politik und die ganze Publizistik vereint aufstehen müssen um zu sagen: “Nein. Wir dulden das nicht. Wer gruppenbezogenen Hass wie Antisemitismus verbreitet, hat in Europa keinen Platz”. Stattdessen hat man den Schwanz eingezogen und den Mob gewähren lassen, und Figuren wie der SPÖ-Politiker Omar Al-Rawi, der übrigens derzeit auch ganz dringend Charlie Hebdo sein will, durften sich darüber auslassen, wie gemein Israel zu den Palästinensern sei, als ob das selbst wenn es stimmte irgendeine Rechtfertigung für “Juden ins Gas”-Gebrüll wäre. Wieder und immer wieder verabsäumten es Politiker und Meinungsmacher, die demokratischen Grundwerte angemessen eindeutig zu verteidigen, immer ängstlich, die eine oder andere Wählerstimme von Leuten zu verlieren, denen man klar machen hätte müssen, dass in Europa zwar jeder seine Religion praktizieren darf, aber hier weder das Austragen nahöstlicher Konflikte noch theokratische Bestrebungen akzeptiert werden. Muslimischen (und allen anderen) Zuwanderern wäre zu sagen gewesen, dass man sich in Europa Träume von Gottesstaaten und vom Judenumbringen abschminken muss, widrigenfalls man gerne wieder dorthin ausreisen könne, wo solcherlei Barbarei Mainstream ist. Dazu hätte es freilich Politiker und Intellektueller bedurft, die eine Vorstellung von einer europäischen Kultur haben, die über das Verkaufen von Autos hinausgeht. Das visionslose Gesocks, das derzeit regiert, hat nichts im Angebot, und so steht bereits der Neofaschismus in den Startlöchern, der den Hass auf ganze Menschengruppen so richtig aufblühen lassen wird. Und er wird das machen können, weil den gegenwärtigen Knallchargen in Politik und Publizistik Sachen wie Antisemitismus, Menschenrechte und Freiheit allenfalls als Randthemen wichtig sind. Falls morgen die Moscheen brennen, dann weil wir gestern und heute nicht in Solidarität vor den Synagogen standen.

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Antisemitismus und Rebarbarisierung

Für Juden und Jüdinnen ist es nicht besonders wichtig, ob der Antisemit ein Rechter oder ein Linker, ein Muslim oder ein Christ, eine Migrantin oder eine Autochthone, vom Mars oder von der Venus ist. Juden möchten von Antisemitismus, von wem auch immer der ausgeht, nach Möglichkeit verschont bleiben. Dies zu garantieren wäre die Aufgabe zivilisierter Staaten und Gesellschaften, doch die gibt es auf diesem Planeten nicht. Unmittelbar nach der Shoah, dem Völkermord an sechs Millionen jüdischen Frauen, Männern und Kindern, wurde sich die Welt dieses beklagenswerten Umstandes kurz bewusst und ließ die Gründung des Staates Israel zu. Es war ein Augenblick der Selbsterkenntnis, in dem die Weltgemeinschaft zugab, nicht nur bei der Verhinderung des Holocaust versagt zu haben, sondern auch nicht versprechen zu können, dass sich ähnliches nicht wiederhole. Die Gründung des Staates Israel war gleicheitig großartig und einer der traurigsten Momente der Geschichte. Großartig, weil die Sicherheit des jüdischen Volkes nun nicht mehr von der Großherzigkeit und den Stimmungsschwankungen anderer abhing und tief traurig, weil es das Eingeständnis der Welt war, Juden nicht ausreichend beschützen zu können oder zu wollen. Die Welt sagte: “Ja, wir sind Barbaren, wir können die Sicherheit der Juden nicht garantieren, aber zumindest sorgen wir dafür, dass die Juden beim nächsten Versuch, sie auszurotten, nicht wehrlos sein werden”. Und so wurde Israel die Steinschleuder, die David in die Hand nahm, nachdem sein Volk von den Goliaths dieser Erde fast ausgelöscht worden wäre.

Der Antizionist, der die Staatlichkeit israels ablehnt, ist zwingend auch Antisemit, da er die vernichtungsantisemitische Geschichte, die zur Gründung Israels hinführte, ebenso ignoriert wie das Weiterbestehen des Antisemitismus. Im freundlichsten Fall ist der Antiztionist naiv und träumt von einer Welt ohne Staaten, vom sozialistischen Utopia, aber auch diese Freundlichkeit ändert nichts am realen Antisemitismus, der sich darin äußert, die Entstaatlichung der Welt ausgerechnet mit jenem Land beginnen zu wollen, das das Land der Juden ist. Dass antiisraelische Stömungen derzeit weltweit die Oberhand gewinnen, ist weder ein Zufall noch liegt das an der Politik der israelischen Regierung. Die macht zwar viele Fehler und darf und sollte für diese Fehler auch kritisiert werden, doch allein mit Siedlungsbau und ähnlichem Firlefanz lässt sich nicht erklären, warum derzeit ein europäisches Parlament nach dem anderen einseitig und gegen die Warnungen von Expertinnen einen “Staat Palästina” anerkennt und warum die akademische Elite, vor allem die junge, in Europa und den USA so antiisraelisch und damit antisemitisch eingestellt ist wie nie zuvor.

Wollen wir verstehen, was da vor sich geht, müssen wir zunächst eines festhalten: Antisemitismus war in seiner langen, blutigen Geschichte stets ein Gradmesser für den jeweiligen Stand im Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei. Wo immer Juden verfolgt wurden, war die Gesellschaft rückständiger als dort, wo diese Verfolgung milder ausfiel oder zeitweise kaum stattfand. Und wo immer Juden verfolgt wurden, wurden auch andere verfolgt und unterdrückt. Antisemitismus war ohne Frauenunterdrückung, Homophobie, Behindertendiskriminierung, Intellektuellenfeindlichkeit und Antiziganismus nie zu haben. Wo viel Antisemtismus war, gab es stets einen Zug zum autoritären Staat, zu monarchischer Verkrustung, zu Faschismus. Antisemitismus gedieh umso besser, je weniger Freiheit war. Und all das das gilt uneingeschränkt auch heute. Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen dem wachsenden Antisemitismus im modernen Europa und dem anschwellenden, sich ideologisch strukturierenden und formierenden antifeministischen Backlash, dem salonfähig gewordenen Fremdenhass, der Verachtung von Roma, der wachsenden Ausgrenzung von Kranken und Behinderten und der Wiederkehr der Euthanasie in immer mehr Staaten. Dabei ist es völlig unerheblich, ob sich diese Symptome der Barbarei ein progressives Mäntelchen umhängen oder nicht. Wer zum Beispiel den Mord an Kranken legalisieren will, mag noch so sehr beteuern, es ginge ihm um reinste Nächstenliebe und die Linderung von Leid, in Wahrheit will er nichts anderes, als statt der Krankheit die Kranken zu eliminieren. Wenn die Stadtregierung von Marseille beschließt, dass Obdachlose ein gelbes Dreieck auf der Kleidung zu tragen hätten, hat das nichts mit der behaupteten “Hilfe” für diese Menschen zu tun, sondern alles mit deren Stigmatisierung und Demütigung. Und wenn Österreich, Deutschland und die Schweiz sich weigern, Sonderstrafgesetze für psychisch Kranke und Sonderschulen für Behinderte abzuschaffen, liegt das nicht an den vorgeschobenen Motiven der Hilfe, sondern an einer zurückgekehrten bzw. nie überwundenen faschistischen Antimoral, die den “gesunden Volkskörper” vor den “Kranken schützen” will, in Wahrheit also an der Lust, Menschen für deren Persönlichkeitsmerkmale auszugrenzen und zu bestrafen, letztlich zu vernichten.

Wenn die europäischen Parlamente und Regierungen immer antiisraelischer werden und gleichzeitig auf Europas Straßen ungestraft Hitlergrüße gezeigt werden und Sprechchöre “Juden ins Gas” brüllen können, wie das bei den israelfeindlichen Ausschreitungen im Sommer 2014 geschah, sind das keine unglücklichen Zufälle, sondern Anzeichen einer Rebarbarisierung Europas, die umso rascher voranschreitet, je heftigere soziale Verwüstungen die Wirtschaftskrise anrichtet, die wirklich zu bekämpfen den derzeit aktiven Politkerinnen Wille, Mut und Ideen mangelt.

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Ship of leftist fools

Fidel Castro entsteigt wieder mal der Gruft und veröffentlicht in seiner Hauspostille Granma einen Kommentar mit dem Titel “Neue und widerwärtige Form des Faschismus”. Gespannt fängt man an zu lesen und fragt sich, wo der alte Fuchs den neuen, widerwärtigen Faschismus sieht. Er wird doch nicht etwa was über Ungarn sagen, wo der Wohlfahrtsstaat durch einen Zwangsarbeitsstaat ersetzt wird und radikaler Antiliberalismus und Antisemitismus en vogue sind? Oder schreibt er über Putins Russland, wo eine leckere Suppe gekocht wird mit Zutaten aus dem klassischen Faschismus, dem Totalitarismus der Stalin-Ära und Neonationalismus mit klerikaler Garnitur? Widmet Castro sich Erdogans Türkei, die gerade zu einer wirtschaftlich neoliberalen Religionsdiktatur umgebaut wird? Oder nimmt er die ISIS aufs Korn, diese radikalislamische Saubande, die mordend durch Syrien und Irak stapft und auf die die Zuschreibung “Faschismus” ja wohl voll und ganz zuträfe?

Natürlich nicht, er schreibt über Israel und Gaza, und die Faschisten sind, so vermute ich (es geht aus dem Gestammel ja nicht eindeutig hervor), die Israelis. Ein wahrer Volltreffer. Klar, es gibt richtigen Faschismus in Aktion (ISIS), in halb Europa setzen neofaschistische Parteien zum Sprung an die Spitze der Staaten an, in einigen regieren sie schon und die Gesellschaften faschisieren sich schleichend durch die totale Vorherrschaft marktradikalen Denkens und Handelns, aber das hindert Castro und mit ihm die noch verbliebenen Idioten der KPÖ nicht daran, sich an Israel abzuarbeiten. Man möchte schreien angesichts dieser am laufenden Band gelieferten Offenbarungseide der verbliebenen Linken dieser Welt, die so dermaßen neben der Spur läuft, dass man sie nicht einmal mehr ruhigen Gewissens als “links” einstufen kann. Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte jeder sich selbst als links einordnende Mensch angesichts von Mörderbanden, die Menschen aus religiösen Motiven abschlachten und knechten, zum Kampf gegen diese aufgerufen. Heute, wenn in Gestalt der Hamas so eine Bande, die noch dazu im Grundsatzprogramm den Massenmord an Juden stehen hat, einen Terrorkrieg gegen die liberale Demokratie Israel führt, kommt im günstigsten Fall ein Äquidistanzgewäsch der Marke “alle sind gleich schuld, hört auf zu streiten” heraus. Weite Teile der Linken erkennen nicht einmal mehr den reaktionären, klerikalfaschistischen Charakter der Hamas und die, die wenigstens das schaffen, wollen sich nicht dazu durchringen, dem vergleichsweise enorm progressiven Staat Israel gutes Gelingen im Kampf gegen die Terroristen zu wünschen. Stattdessen beschwert man sich über das Wahlverhalten der Israelis, weil die zum Teil rechte Parteien wählen statt zum Beispiel die antizionistischen, also der Auflösung des Staates Israels verpflichteten aktuellen Kommunisten dort.

In Tagen wie diesen merke ich, wie heimatlos ich politisch bin. Ich bin kapitalismuskritisch und halte das derzeitige Wirtschaftssystem für stark reformbedürftig. ich bin für mehr, für viel mehr Sozialstaat. Ich bin für die völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau und für die Akzeptanz aller Lebensformen. Und so weiter und so fort. Ich bin eigentlich für fast alles, was gemeinhin als “links” gilt. Aber wenn das nur zum Preis der Gesellschaft antisemitischer Deppen zu haben ist, die selbst dann noch gegen den Zionismus hetzen werden, wenn sie in ihren eigenen Ländern bereits die Stiefel der echten Faschisten im Nacken haben, dann weiß ich nicht, was ich mit solchen Leuten zu schaffen haben soll. Die sind nämlich offensichtlich zu dämlich, um eine wirklich emanzipatorische Politik jenseits von Floskeln und Dogmen zu machen. Es geht ja nicht allein um Israel und den Zionismus, es geht um viel mehr. Es geht um realistische Einschätzungen, um Analysefähigkeit und, ja doch, um Moral. Jene Sorte Linker, die Israel nicht mag, ist meist personalident mit der, die autoritären Varianten linker Politik gegenüber aufgeschlossen ist. Das sind also die, die nicht das Gefängnis abschaffen, sondern nur den Kerkermeister austauschen wollen. Das sind die, deren geistige Vorfahren schon Millionen Menschenleben am Gewissen hatten und viele weitere Millionen Gefolterte und Gefangene. Aber wenn die angebliche Befreiung nur so zu haben sein soll, also mit Antisemitismus und Gulag und Diktatur des Proletariats, dann kann sie mir gestohlen bleiben, weil sie nämlich keine ist.

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Dawn of the antisemitic Dead

In Frankreich griffen vor ein paar Tagen tobende Mobs Synagogen an und brannten jüdische oder als jüdisch markierte Geschäfte nieder. “Kommt ausgerüstet! Granatwerfer, Feuerlöscher, Schlagstöcke. Besuch des jüdischen Viertels!”, hieß es zynisch in den Aufrufen zum Pogrom, das unter anderem von der Nouveau Parti ancticapitaliste organisiert wurde, einer trotzkistischen linksradikalen Kleinpartei. In Deutschland mobilisierte die Jugendorganisation der Partei “Die Linke” für Demonstrationen, auf denen im tausendfachen Chor vor Synagogen “Jude, Jude, feiges Schwein – komm heraus und kämpf allein”  und “Adolf Hitler” gebrüllt wurde und bei denen die Nazis der NPD mit Transparenten mitmarschierten, auf denen geschrieben stand: “Gestern Dresden, heute Gaza – Völkermörder zur Rechenschaft ziehen”. Nun sollte man annehmen, dass für jeden Menschen mit einem Rest von Anstand, Intelligenz und Geschichtswissen allein schon die Haltung der NPD ausreichen sollte, um in diesen Tagen eindeutig Partei für Israel zu ergreifen, doch stattdessen schalten große Teile der im weiteren und näheren Sinne linken Bewegungen in den Crazy-Modus, verbünden sich mit Nazis und national-religiösen arabischen Fascho-Gruppen und attackieren diejenigen, die den Irrsinn irre nennen, als “Rechte”, “Bürgerliche” oder, in deren Terminologie noch schlimmer, “Liberale”.

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Wer nicht einmal dann aufwacht, wenn er sich mit echten Nazis auf derselben Seite findet, ist bereits tot und weiß es nur noch nicht. Er ist ein Zombie. Über Zombies wusste der Regisseur George A. Romero viel zu erzählen. In seinem Meisterwerk “Dawn Of The Dead” flüchtet sich eine kleine Gruppe vor den lebenden Toten in ein Einkaufszentrum und hat dort unter anderem das Problem, dass die Zombies von dem Gebäude fast magisch angezogen werden. Die wandelnden Leichen strömen in Massen zur Shopping Mall, weil sie es früher, als sie noch Menschen waren, so gelernt haben und nun, von höheren Gehirnfunktionen abgeschnitten, nicht mehr anders können, als den einst eingeübten Verhaltensmustern zu folgen. Die internationale Linke verhält sich ganz ähnlich. Die orientierte sich, ob ihr das voll bewusst war oder nicht, stets mehrheitlich an Moskau, dem langjährigen Zentrum des Realsozialismus. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg war die Sowjetunion eine starke Befürworterin eines jüdischen Staates auf dem britischen Mandatsgebiet Palästina, teils aus dem Kalkül, dadurch London zu schwächen, teils aus Überzeugung. Und so waren auch Linke in aller Welt mehrheitlich für den neuen jüdischen Staat, für den Zionismus. Doch als Moskau in den späten 50er Jahren und dann endgültig nach dem Sechs-Tage-Krieg voll auf eine pro-arabische Linie umschwenkte, schwenkten die Linken weltweit mit, ob sie nun Kommunistinnen waren oder Sozialdemokraten oder us-amerikanische Demokraten. Spätestens seit 1967 gehörte es zum guten innerlinken Ton, Israel nicht zu mögen und die “Palästinenser”, die erst kurz zuvor mit ebenfalls sowjetischer Unterstützung zu diesen mutiert waren (vorher waren sie schlicht Araber gewesen), mit Liebe und Solidarität zu überhäufen. Als dann der realsozialistische Block recht überraschend aufhörte zu existieren, konnte er in der Nahostfrage auch keinen neuerlichen großen Schwenk vollziehen, und so blieb auch die Linke der Welt der antizionistischen Position verhaftet und trottet seither, ganz wie Romeros Zombies, mit den einst einstudierten Parolen und verkürzten Zugängen zur Thematik durch die Straßen und zuckt nicht einmal zusammen, wenn daneben Nazis und Klerikalfaschisten marschieren.

In der “taz” barmt derweil ein Stefan Reinecke: “Es muss in einem freien Land möglich sein, straflos das Existenzrecht Israels infrage zu stellen. Im Zweifel für die Meinungsfreiheit.”  Diese Meinungsfreiheit ist aber ebenso wenig gefährdet wie es gesetzlich verboten wäre, Israel das Existenzrecht abzusprechen. Natürlich ist es in Deutschland und Österreich sowohl gesetzlich erlaubt, als auch gesellschaftlich akzeptiert, den Zionismus abzulehnen. Aber zur Meinungsfreiheit gehört auch, dass man denen, die den Zionismus ablehnen, sagen darf, was man davon und von ihnen hält. Prinzipiell gilt: Wer den Zionismus ablehnt, kann das ohne Verdacht des Antisemitismus machen, solange er jede andere Form von Nation und Staat ebenfalls und mit der gleichen Inbrunst ablehnt. Aber für einen arabischen Staat anstelle des jüdischen zu sein und mit palästinensischen Nationalisten dafür zu demonstrieren, ist nichts als Antisemitismus in seiner reinsten Form. Ähnlich ist es mit der Kritik am Staate Israel und dessen Politik. Selbstverständlich darf man Israel und dessen politische Entscheidungen kritisieren. Und weil das so selbstverständlich ist, macht das auch fast jeder, sei er Hinz, Kunz oder Augstein. Aber auch hier gilt zu prüfen, ob der Kritiker seine strengen Maßstäbe auch an andere Nationen anlegt oder ob er sie exklusiv für Israel, den “Juden unter den Staaten”, reserviert hat. Ein antisemitischer Kern ist am Begriff “Israelkritik” schon allein dadurch erkenntlich, dass es ein Wort dafür gibt. Es gibt keine “Deutschlandkritik”, keine “Jamaikakritik” und keine “Indienkritik”, nicht als Begriffe. Hier wird also schon sprachlich der jüdische Staat aus allen anderen Staaten selektiert und entsprechend antisemitisch gefärbt ist die “Israelkritik” dann meistens.

 

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Saudummer Mob vs. Jutta Ditfurth

Nazis, Zinskritiker, Israelkritiker, Antitizonistinnen, Chemtrail-Freaks, lluminaten-Fürchter, Reichsdeutsche und andere Aluhutträger der gehirnbefreiten regressiven Verschwörungsszene wollen unter der geistigen Führung des Radioplapperers Ken Jebsen (“ich weiß, wer den Holocaust als Propaganda erfunden hat”) für den Frieden demonstrieren, gar eine “neue Friedensbewegung” starten. Jutta Ditfurth hat sich, ebenso wie Konstantin Wecker, von den ekelhaften Spinnern in aller Deutlichkeit distanziert. Das bringt diese Figuren zum schäumen und sie offenbaren in ihrer Empörung, wie sie ticken.

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