Kann die FPÖ den Juden jemals verzeihen?

Ein imaginäres Interview, basierend auf einem echten

Journalist: Lieber Herr FPÖ-Politiker XYZ. Ihre Partei wurde von der jährlichen Gedenkfeier im ehemaligen KZ Mauthausen ausgeladen. Ein Auftritt von FPÖ-Politikern dort wäre „eine erneute Demütigung für die Überlebenden“, so das Mauthausen-Komitee. Können Sie das nachvollziehen?

FPÖ-Politiker XYZ: Nein, kann ich nicht. Ich bin zutiefst gekränkt und frage mich nun wirklich, ob wir den Juden je verzeihen können, was sie unseren Vätern und Großvätern angetan haben. Irgendwann muss doch auch mal Schluss sein mit den alten Geschichten!

Journalist: Wie bitte? Sechs Millionen Juden wurden ermordet und…

FPÖ-Politiker XYZ: Legen Sie mir keine Worte in den Mund! Ich sage es in aller Deutlichkeit: Ich finde Straflager wie Mauthausen entsetzlich. Wir lehnen die Nationalsozialisten, obwohl sie eine ordentliche Beschäftigungspolitik machten, ebenso klar ab wie den Bombenterror der Alliierten.

Journalist: Straflager? Das waren Vernichtungslager! Straflager würde implizieren, dass die dort Inhaftierten eine Straftat begangen hätten. Und die Bomben kamen, weil Hitler zuerst ganz Europa überfallen hat.

FPÖ-Politiker: Nun ja, Jude zu sein war damals halt ebenso strafbar wie Opposition zur Regierung. So waren halt die Gesetze und wer bin ich, gesetzestreue Bürger von damals zu verurteilen? Und Krieg ist immer schrecklich, ganz gleich, wer ihn auch beginnt.

Journalist: FPÖ-Chef Strache, FPÖ-Klubobmann Gudenus und FPÖ-Innenminister Hofer haben vor kurzem behauptet, der jüdische Milliardär George Soros sei für die Flüchtlingsströme verantwortlich. Eine klassische antisemitische Verschwörungstheorie.

FPÖ-Politiker XYZ: Aber nein! Dass wir uns aus hunderten Milliardären, die Lobbyarbeit finanzieren, ausgerechnet einen jüdischen ausgesucht haben, um ihm die Schuld für die Flüchtlinge zu geben, hat nicht das Geringste mit Antisemitismus zu tun. Es geht uns doch nicht um die Religionszugehörigkeit dieses Herren, der keine Heimat kennt, sein raffendes Kapital vermehrt und wie ein Krake die Welt mit seinen raffgierigen Fangarmen im Griff hat, sondern ausschließlich um Fakten. Wie sie wissen gibt es fundierte Gerüchte und glaubwürdige Lügen, die Herrn Soros eine Beteiligung an der Flüchtlingskrise nachweisen.

Journalist: Was ist mit den Liederbüchern der Burschenschaften, in denen von der Ermordung einer weiteren Million Juden geschwärmt wird? Was ist mit den FPÖ-Inseraten in Zeitschriften wie der „Aula“, in der KZ-Überlebende als „Landplage“ und „Kriminelle“ verunglimpft wurden?

FPÖ-Politiker: Wenn sie nicht Fake News verbreiten würden, sondern ordentlich recherchiert hätten, dann wüssten sie, dass in dem Liederbuch keineswegs gefordert wird, noch eine Million Juden zu ermorden. Das Büchlein, mit dem wir übrigens nichts zu tun haben, sagt lediglich, die Juden hätten den Holocaust selbst inszeniert, um danach Israel geschenkt zu kriegen. Die „Aula“ hat mit uns rein gar nichts zu tun, obwohl sie sich selbst „das freiheitliche Magazin“ nennt und wir dort inserieren wie die Blöden. Außerdem muss man in einer Demokratie auch Stimmen aushalten, die sich nicht dem Diktat der Politischen Korrektheit beugen.

Journalist: Sie verstehen also nicht, dass KZ-Überlebende sich durch Bezeichnungen wie „Landplage“ oder „Kriminelle“ gedemütigt fühlen?

FPÖ-Politiker XYZ: Wirklich nicht! Sie, da gibt es Sachen, die die Mainstream-Geschichtsschreibung bis heute totschweigt. Ich selber kenne einen Bauern, dem KZ-Überlebende kurz nach ihrer Befreiung ein paar Äpfel gestohlen haben. Der Mann war danach ein seelisches Wrack. Es gab eben auch deutsche Opfer des Holocaust, aber über die redet mal wieder keiner. Das ist typisch für die linken Brunnenvergifter, dass sie nie über die Opfer reden wollen.

Journalist: Ich danke ihnen für dieses, äh, erhellende Interview.

FPÖ-Politiker XYZ: Immer gerne, aber keine Lügengeschichten drucken wie sonst immer, gell?

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Arik Brauer und die „ungefährlichen“ Antisemiten

Arik Brauer war für mich ein wichtiger Einfluss. Noch bevor ich seine Werke als bedeutender Vertreter des Phantastischen Realismus sah und lange bevor ich seine atemberaubend schöne Ausgestaltung der Wiener Hauptsynagoge bewundern durfte, gaben mir seine Lieder einen frühen moralischen Kompass. Songs wie „Surmi Sui“, „Die Spinnerin“, „Die Jause“ oder „Sein Köpferl im Sand“ waren mehr als nur kritische Anmerkungen zur österreichischen Zeitgeschichte und Gegenwart. Sie waren voller Weisheit und Menschlichkeit. Eine Weisheit und Menschlichkeit, die sich aus seinem persönlichen Erleben des Nationalsozialismus und seinem Leiden daran (sein Vater wurde im KZ ermordet) ebenso speiste wie aus Reisen durch Europa und Afrika und einem Weltbürgerdasein zwischen Wien, Israel und Paris. Am 11. März 2018 trat Arik Brauer in der ORF-Talkshow „Im Zentrum“ auf und zertrümmerte mit einer Reihe von Aussagen, die weder weise noch besonders menschlich waren, das positive Bild, das ich von ihm hatte.

Thema der Sendung war das Gedenken an den „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland vor 80 Jahren und das Erstarken neuer extrem rechter Strömungen im heutigen Europa. Brauer, angesprochen auf antisemitische Skandale bei deutschnationalen Burschenschaften, deren Vertreter nunmehr in der österreichischen Regierung sitzen, sagte, er habe keine Angst vor rechtsextremen Antisemiten, denn: „Es gibt fast keine Juden in Österreich“, weswegen Antisemitismus gar kein Problem sein könne. Die echte Gefahr, so Brauer, drohe von anderswo: „Es gibt ein viel schwereres Problem, und das ist ja wirklich die Einwanderung. Das ist das Problem und die Grundursache für das Aufkommen von diesem rechten Gedankengut in jeder Hinsicht. Man sieht das in Polen und man sieht das auch in Ungarn. (…) In den 30er Jahren war jeder normale Mensch ein Antisemit, das ist nicht mehr der Fall, es gibt ja keine Juden mehr. (…) Es gibt eine Viertel Milliarde Araber, die uns lieber unter der Erde oder auf dem Grund vom Mittelmeer sehen wollen. Das ist so und ich weiß das, und von denen gibt es viele, die hier einwandern und das ist eine Gefahr.“

Mit seiner Argumentation, die in sich unlogisch ist, folgt Brauer der  rechtsextremen Propaganda. Ich werde versuchen zu erklären, warum das so ist und warum das höchst problematisch ist

Laut Angaben des Forums gegen Antisemitismus haben sich antisemitische Vorfälle in Österreich seit 2014 verdoppelt. 62 Prozent dieser Angriffe konnten ideologisch nicht klar zugeordnet werden, 24 Prozent hatten einen rechtsextremen Hintergrund, zehn Prozent einen islamischen und drei Prozent einen linken. Wie Brauer aus solchen Zahlen ableiten kann, der rechte Antisemitismus sei keine Gefahr, ist ebenso rätselhaft wie seine Meinung, in Ungarn und Polen würden wegen der Flüchtlinge extrem rechte Parteien herrschen. Flüchtlinge, die die Ungarn und Polen gar nicht erst ins Land lassen und gegen die man dort täglich von höchster staatlicher Stelle hetzt, sind verantwortlich für diese extrem rechten Regierungen? Extrem rechte Regierungen, die den Antisemitismus nach Kräften fördern, indem sie, wie Orban in Ungarn, Kampagnen gegen den jüdischen Philanthropen George Soros führen und Statuen für den Nazi-Kollaborateur und Antisemiten Miklós Horthy enthüllen, der an der Ermordung von 500.000 Juden beteiligt war. Oder wo sie, wie in Polen, wohlwollend Massendemonstrationen von Rechtsextremisten dulden, auf denen antisemitische Parolen gebrüllt werden, die an deutlichen Vernichtungswünschen nichts offen lassen.

Am selben Tag, an dem Brauer verkündete, der rechte Antisemitismus sei keine Gefahr mehr, trat Wladimir Putin vor die Kameras und richtete den USA aus, nicht „Russen“ seien für die Cyberangriffe auf Amerika verantwortlich, sondern „möglicherweise Juden“. Putin, Präsident Russlands mit großem Einfluss auf Europas rechtsradikale Szene, belebt antisemitische Verschwörungstheorien wieder, die seine Ahnen im zaristischen Russland einst als „Protokolle der Weisen von Zion“ auf die Welt losgelassen haben. Putin, mit dessen Partei die FPÖ einen Kooperationsvertrag unterschrieben hat, der dem Front National einen Kredit in Millionenhöhe spendierte und der AfD-Politiker nach Syrien einlud, um sie das Hohelied auf Russland und Assad singen zu lassen, bedient die gefährlichsten antisemitischen Ressentiments überhaupt. Aber laut Brauer macht das alles nix und verblasst im Vergleich zu Menschen arabischer Herkunft, von denen einige bei Kundgebungen antisemitische und antiisraelische Parolen brüllen. Kann man so sehen, es ist halt leider keine realistische Einschätzung dessen, was gerade passiert.

Nun gibt es durchaus einen arabischen oder, genauer, islamischen Antisemitismus. Es gibt einen iranischen Vernichtungsantisemitismus, der wahnhaft auf das Ziel hinarbeitet, Israel und seine Bevölkerung zu vernichten. Es gibt grassierenden Antisemitismus unter Flüchtlingen, Migranten und Europäern arabischer Herkunft. Der ist aber weder gefährlicher noch ungefährlicher als der klassische europäische Antisemitismus, sondern ganz genau gleich gefährlich. Antisemitismus ist Antisemitismus und es gibt keine harmlose Variante davon. Der arabische antisemitische Terrorist, der auf Juden schießt, macht das, was der rechtsextreme europäische Antisemit auch gerne machen würde, wenn er könnte und dürfte. Die europäische und amerikanische extreme Rechte mag seit ein paar Jahren vorgeben, ganz doll philosemitisch zu sein, in Wirklichkeit will sie damit nur einen Koscher-Stempel für ihren antimuslimischen Hass, der bei genauerer Betrachtung nichts anderes als ein Platzhalter für den dahinter stehenden antisemitischen Wahn ist. Rechtsextreme wie Orban oder Putin machen auch gar keinen Hehl daraus, dass die „wahren“ Feinde die Juden seien, weil die nämlich hinter der „muslimischen Migration“ steckten. Das ist der Wahn, der immer im Hintergrund lauert und der sich ganz schnell in mörderischen eliminatorischen Antisemitismus der Tat verwandeln kann. Und wegen dieses Wahns ist der rechtsextreme Antisemitismus eben nicht harmlos oder im Verschwinden begriffen, sondern brandgefährlich und höchst aktiv. Die Rechten schüren mit allen Mitteln Hass auf Menschen arabischer, afghanischer, iranischer oder afrikanischer Herkunft, doch es gibt da etwas, das sie noch mehr hassen, und das ist die fantasierte Verschwörung einer globalen Elite, die die „weiße Rasse“ auslöschen wolle. Das ist ein Code für Juden. Einer von vielen, den Rechtsextremisten verwenden. „Globalisten“, „Kulturmarxisten“, „68er“, „Ostküste“, „Rotschilds“, „Soros“, „Gutmenschen“ – das alles und mehr steht für „Juden“.

Und was werden diese Rechtsextremisten wohl mit denen machen, denen sie unterstellen, sie wollten die „weiße Rasse“, das „Ungartum“ oder das „heilige katholische Polen“ auslöschen? Ein Blick in die Geschichtsbücher ist da ebenso hilfreich wie einer nach Norwegen, wo Anders Breivik nicht 77 Muslime abschlachtete, sondern 77 junge Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die er für die „Migration“ verantwortlich machte. Dass keiner der jungen Opfer in irgendeiner Regierung gesessen war, war Breivik egal. Sie waren in seinen Augen allesamt schuldig, weil sie „Linke“ waren. Genau das ist der Kern des Antisemitismus rechtsextremer Prägung: Du bist Jude, also bist du schuldig und zum Tode verurteilt, egal ob Mann, Frau, Greis oder Baby. Das unterscheidet den rechtsextremen Antisemitismus auch qualitativ vom Muslimischen Antijudaismus und von der antiisraelischen Variante. Der islamische Antisemit lässt dir wenigstens theoretisch noch die Möglichkeit, durch Konversion der Ermordung zu entgehen. Der antiisraelische Antisemit kann vielleicht Juden akzeptieren, die ihr Land aufgeben und als Minderheit existieren. Der europäische Rassenantisemitismus kennt solcherlei nicht, der handelt nach dem Motto, dass nur ein toter Jude ein akzeptabler sei. Dass man, wie Brauer, nach Auschwitz immer noch die Gefährlichkeit des europäischen Antisemitismus kleinredet, ist deprimierend und ahistorisch. Nicht „die Araber“ haben sechs Millionen Jüdinnen und Juden planmäßig ermordet, sondern christliche Europäer. Nicht „die Araber“ haben Juden immer wieder in Pogromen ermordet und vertrieben, sondern die christlichen Europäer. Das „jüdisch-christliche Abendland“, von dem Rechte so gerne fabulieren, zeichnete sich dadurch aus, dass über Jahrhunderte Christen Juden unterdrückten, verfolgten und ermordeten und schließlich ein Drittel des gesamten weltweiten Judentums ausrotteten.

Kurz: Es gibt keinen harmlosen Antisemitismus, und ganz gewiss ist der europäische Antisemitismus nicht harmloser als der islamische/arabische.

Als der WDR die Hosen runterließ und darunter ein kleiner Antisemit zum Vorschein kam

Als der WDR den Film „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ von Joachim Schroeder und Sophie Hafner nach Wochen der Weigerung doch noch zeigte, tat er das auf eine beispiellose Weise. Auf seiner Website veröffentlichte der Sender eine Art Beipackzettel, den man frech „Faktencheck“ nannte, dessen Fakten aber großteils keine waren, sondern nur Statements, ganz so, als wäre die Doku ein gefährliches Medikament, ein Fläschchen Gift, und im Anschluss an den Film ließ man notorische „Israelkritiker“ wie Norbert Blüm über den Film zu Tribunal sitzen. Die ganze Vorgehensweise, die ganze Attitüde des WDR war von ungeheurer und durch nichts gerechtfertigter Überheblichkeit, der Überheblichkeit deutscher Besserwisser, die nichts besser wissen und die ihr Unwissen mit Zähnen und Klauen vor der Aufklärung zu verteidigen suchen. Die Botschaft war: „Okay, wir senden das, denn sonst steigt uns die allmächtige Juden-Lobby aufs Dach, aber wir machen deutlich, dass wir die Doku für Mist halten“. Was der WDR da veranstaltete, war zutiefst paranoid und von genau dem Antisemitismus geprägt, die Schroeders Film aufzeigt.

Was ist Antisemitismus?

Um die Ungeheuerlichkeit dieser Vorgänge zu verstehen muss man zuerst begreifen, was Antisemitismus ist. Antisemitismus ist unter anderem das Beharren des Dummen nicht nur auf seinem vermeintlichen Recht, unhinterfragt dummes Zeug denken und sagen zu dürfen, sondern auch sein Begehren, die Dummheit der Intelligenz als gleichwertige Geistesleistung beigestellt zu sehen. Antisemitismus ist Projektion und Fantasie und demnach, wie Adorno es ausdrückte, das Gerücht über die Juden. Antisemitismus kann Symptom eines Wahns sein, einer pathologischen Fehlinterpretation der Realität, aber es wäre falsch und psychisch Kranken gegenüber unfair, ihn als krankhaft im psychiatrischen Sinne abzutun. Der Wahn des Antisemiten ist ein gesellschaftlicher Wahn, dessen pathischer Charakter nur während jener Phasen erforschbar und somit bewusst wird, in denen Gesellschaften es ihren Intellektuellen erlauben, sich mit eben diesen Gesellschaften tiefgreifend kritisch zu befassen und an die Wurzeln ihrer Destruktivität zu gehen. Üblicherweise korreliert das mit dem Ausmaß an Offenheit einer Gesellschaft oder ihrer historischen Entwicklungsstufe. Je enger, autoritärer und letztendlich totalitärer die Gesellschaft, desto beschränkter die Hervorbringungen ihrer Denkerinnen und Denker, umso unhinterfragter und unbehandelter die Eiterungen von Wahn und Fantastik. Der Hass auf Juden, primärer und sekundärer Antisemitismus – das wuchert dort, wo nur ein Gott der Größte sein soll und/oder wo nur eine Ideologie unhinterfragt herrscht am mächtigsten. Wenig überraschend fanden und finden Antijudaismus und Antisemitismus fruchtbarsten Boden stets, wo Totalität und Absolutheit die Räume für das Denken schließen. Ein womöglich unterschätzter Grund für das neuerliche Erstarken des im kulturellen Hintergrundrauschen stets mitsummenden Antisemitismus ist die Transformation des gesamten Planeten in eine Kultur des totalen Marktes. Der Glaube an die Alternativlosigkeit des kapitalistischen Absolutismus führt zu einer Verengung und Verarmung des Denkens und wo eng und ärmlich gedacht wird, ist auch Antisemitismus, der sich dann bei Apologeten wie vermeintlichen Kritikern der Zustände gleichermaßen in die Argumentation einschleicht, also aus dem Hintergrundrauschen hervortritt und mit zunehmender Verblödung der Gesellschaft immer unverschämter formuliert wird.

Der Neid auf Israel

Der Hass auf Juden und, seit über 70 Jahren, auf ihren Staat Israel hat viel mit dem Zurückdrängen visionären und utopischen Denkens zugunsten einer pseudorationalen ideologischen Behübschung trostloser Zustände zu tun. Zionismus ist Utopie als Realität, der Beweis für die Machbarkeit des angeblich Unmachbaren. Die schiere Existenz der Juden nach Jahrtausenden der Verfolgung und mehreren, in der Shoah gipfelnden Versuchen der Ausrottung ist auf mehrere Arten eine Kränkung des falschen Bewusstseins. Die Juden überstanden nicht nur tatsächlich tausendjährige Reiche wie das römische, sie überlebten als Gemeinschaft auch das zwölfjährige der Nazis. Und nach dem größten Verbrechen, der größten von Verbrechern verursachten Katastrophe des jüdischen Volkes, dem gut die Hälfte des europäischen Judentums zum Opfer fiel, gründeten die Juden einen Staat und kehrten dorthin zurück, physisch wie emotional, von wo man sie einst vertrieben hatte. Das Judentum hat den Holocaust nicht nur überlebt, es war danach stärker als je zuvor, denn man hatte sich an Theodor Herzls Motto gehalten: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“. Es ist kein Zufall, dass die ersten Sympathien für Israel und die erste konkret lebenswichtige Unterstützung mit Waffen aus dem realsozialistischen Block kamen. Ende der 1940er Jahre lebten dort trotz Stalin noch Kommunisten, die das Bestreben, eine Utopie zur Realität zu machen, nachvollziehen konnten und die die nahe Verwandtschaft der sozialistischen und zionistischen Träume noch verstanden. Es ist kein Zufall, dass Israel jahrzehntelang sozialistisch geprägt war und dass linke Projekte wie der Kibbuz das Land durchzogen und geistig mitbestimmten. Noch heute, nach der kapitalistischen Wende im Land und dem politischen Rechtsrutsch, ist Israel ein Staat, in dem scheinbar Unmögliches möglich wird und Märchen in die Realität übertreten. Sicher, die Märchen der heutigen Zeit drehen sich um Geschäftsideen, Geldverdienen und teilweise um religiös unterfütterte Siedlungsvorhaben, aber sie sind immer noch beseelt von der Möglichkeit der Realisierung, vom unglaublichen Optimismus im Angesicht schwerster Hindernisse. Das beunruhigt und kränkt die angeblich Vernünftigen, deren Vernünftigkeit keine Vernunft ist, sondern die Kapitulation vor den herrschenden Verhältnissen. Das befeuert den Antisemitismus unter vermeintlich Linken, die den Juden nie verziehen haben, nicht auf die Weltrevolution gewartet zu haben, die den Israelis ihre Tatkraft immer neideten und die ihre eigenen Träume dadurch enttäuscht sehen, dass der jüdische Staat sich ständig verändert und anpasst, um zu überleben. Dass dies und nichts anderes der Sinn und die Daseinsberechtigung Israels ist, nämlich durch eine jüdische Staatlichkeit zu garantieren, dass Juden nie wieder abgeschlachtet werden, weil angeblich zivilisierte Staaten im Ernstfall dem Morden einfach zusehen, ist großen Teilen der aktuellen Linken nicht vermittelbar, nicht intellektuell und nicht emotional.

Schroeders Film zeigt nur auf, was jeder wissen kann, der sich mit der Materie ein bisschen eingehender befasst, dass nämlich Antisemitismus nicht nur bei Neonazis zu finden ist, sondern den gesellschaftlichen Mainstream und seine Ränder durchfließt wie eine Sepsis die Blutgefäße. Antisemiten, die sich selbst für keine halten, reagieren auf solcherlei Aufklärung gereizt, mit aggressiver Abwehr und mit Angriffen auf die Aufklärer. Genau das ist rund um „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ geschehen. WDR, Arte und viele Politiker verhielten sich exakt so, wie es leider zu erwarten war. Sie alle haben bewiesen, dass eine Haltung, die Antisemitismus wirklich durchwegs kritisiert und ihn auch dort aufspürt und bloßstellt, wo er nach Eigen(fehl)einschätzung der Kritisierten nicht sein könne, die Aggression der Ertappten auslöst, und diese Aggression resultiert aus der traurigen Tatsache, dass der Antisemitismus viel stärker und tiefer im Unbewussten vergraben weiterwirkt, als es gerade die deutschen vorgeblichen Weltmeister in Sachen Geschichtsaufarbeitung wissen oder wahr haben wollen.

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Die FPÖ ist nicht ganz koscher

Die FPÖ bemüht sich seit einiger Zeit recht nachdrücklich um einen Koscher-Stempel. Damit hat sich auch bei Teilen der jüdischen Gemeinde Österreichs Erfolg. Viele fürchten den muslimischen Antijudaismus mehr als den rechten Antisemitismus und weil die FPÖ am lautesten gegen Muslime wettert, meint man in ihr eine Verbündete gegen „den Islam“ gefunden zu haben.

Schauen wir uns mal genauer an, wie die Realität in Sachen FPÖ und Antisemitismus aussieht. Auch in Bezug auf muslimischen Antisemitismus.

August 2015: Die FPÖ-nahe Zeitschrift „Aula“ veröffentlicht eine Buchrezension, in der KZ-Überlebende als „Landplage“ und „Kriminelle“ verleumdet werden. Die FPÖ unterstützt das Magazin seit jeher mit Inseraten.

Oktober 2015: Die FPÖ-Nationalratsabgeordnete Susanne Winter liket auf Facebook ein antisemitisches Posting.

Oktober 2014: Der Steirische FPÖ-Landesrat Gerhard Kurzmann fordert ein Verbot der Schechita. In der entsprechenden Aussendung schreibt er dazu: Unter „Schächten“ oder „Schechita“ versteht man das rituelle Schlachten von Tieren, insbesondere im Judentum und im Islam. Bezweckt wird das möglichst rückstandslose Ausbluten des Tieres, da der Genuss von Blut sowohl im Judentum als auch im Islam verboten ist. Die Tötung erfolgt im Judentum unbetäubt; im Islam ist eine elektrische Betäubung nach bestimmten Rechtsschulen zulässig.

November 2013: Der damalige FPÖ-Nationalratspräsident und nunmehrige Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, Norbert Hofer, sagt in einem Interview, das NS-Verbotsgesetz „spießt sich mit der Meinungsfreiheit“. Das NS-Verbotsgesetz verbietet in Österreich die Neugründung der NSDAP und ihrer Vorfeldorganisationen sowie die Leugnung oder Relativierung des Holocaust.

20.1.2013: Andreas Mölzer, Leiter der FPÖ-Delegation im Europaparlament, fordert eine Lockerung der Sanktionen gegen Iran. Hassan Rohani sei „ein gemäßigter und konzilianter Staatspräsident“.

2012: Die FPÖ startet eine Kampagne gegen die Brit Mila. Mehrere FPÖ-Verbände und einzelne FPÖ-Politiker treten gegen die Beschneidung von Knaben ein. In Vorarlberg „empfiehlt“  der Landeshauptmann Ärzten auf Druck der FPÖ, keine Beschneidungen mehr vorzunehmen.

2012: FPÖ-Chef Strache veröffentlicht auf seiner Facebookseite eine judenfeindliche Karikatur.

2012: FPÖ-Chef Strache postet ein Foto auf Facebook, versehen mit dem launigen Spruch: Isst du Schwein, darfst du rein“

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2010: Strache besucht in Israel die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem – und trägt dabei den Hut einer deutschnationalen Burschenschaft.

August 2009: Der Vorarlberger FPÖ-Politiker Dieter Egger bezeichnet den Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems als „Exil-Juden aus Amerika“, den die österreichische Politik nichts angehe.

2009: Die Tiroler Jugendorganisation der FPÖ veröffentlicht einen Artikel, in dem Israel als „aggressive Siedlerkolonie“ beschimpft wird, die „einen Vernichtungskrieg gegen das palästinensische Volk“ führe.

2008: Norbert Hofer fordert eine Volksabstimmung über das NS-Verbotsgesetz.

2007: Das FPÖ-nahe Magazin „Zur Zeit“ bietet T-Shirts zum Kauf an, auf denen das Konterfei des damaligen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad prangt und in  großen Lettern „A World Without Zionism“ zu lesen ist.

2007: FPÖ-Chef Strache will „eine Diskussion, ob das NS-Verbotsgesetz noch zeitgemäß ist“.

Das ist nur eine kleine Auswahl antisemitischer Vorfälle in der FPÖ aus den vergangenen paar Jahren. Selbstverständlich kann man auch als Jude, als Jüdin gute Gründe haben, die FPÖ zu wählen, und das Recht dazu ist ohnehin unbestritten. Diese Auflistung soll lediglich ein Anreiz sein, eine eventuelle Präferenz für die Freiheitliche Partei noch einmal zu überdenken und zu überprüfen, ob die FPÖ sich tatsächlich vom Antisemitismus losgesagt hat und eine Bündnispartnerin im Kampf gegen islamistische Judenfeindlichkeit sein kann.

 

 

 

Links sein neben linken Antisemiten?

Als sich Israel im Jahr 2014 militärisch gegen Rakentenangriffe aus dem Gazasteifen wehrte, kündigten mir viele sich für politisch links haltende Leute die (Facebook)Freundschaft und schimpften mich einen „Rassisten“. Ich hatte nämlich Verständnis dafür geäußert, dass ein Staat nicht tatenlos zusehen kann, wenn Terroristen seine Bürger mit Raketen beschießen. Neben Rassismus wurde mir auch unterstellt, mich am Tod von Zivilisten, ja von Kindern in Gaza zu erfreuen. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass ich für viele geradezu ein Monster war. Ein Rassist, der es gut findet, wenn im Krieg Kinder sterben. Das verletzte mich mehr, als ich zugeben wollte. Ich weiß zwar, dass ich weder Rassist bin noch mich an Leid und Tod von Kindern und anderen Zivilisten ergötze, aber es lässt mich nicht ganz kalt, wenn dergleichen in mehr oder weniger linken Kreisen über mich verbreitet wird. Ich bin freilich nicht der einzige, dem es so geht.

Die Linke hat, obwohl sie ohne jüdische Geistesgeschichte und jüdische Intellektuelle nicht existieren würde, seit jeher ein Antisemitismusproblem, das von Beginn an eigentlich ein Intelligenzproblem war und das bis heute geblieben ist. Schon daran, Karl Marx zu verstehen, scheiterten viele Zeitgenossen und später sogar Intellektuelle wie Hannah Arendt, die Marx´ Text „Zur Judenfrage“ als Wurzel linken Antisemitismus missverstand, dabei weder die geistige Umgebung, in der dieser Text geschrieben worden war, berücksichtigend, noch die Synonymität des Begriffs vom Judentum darin verstehend. Entscheidender als jener selten gelesene Text war aber die Komplexität marxistischer Theorie, die von Beginn an Vereinfachungen und Verkürzungen attraktiv machte bis hin zu protonazistischen Personalisierungen systemischer Prozesse und Verhältnisse. Statt den Kapitalismus als Produktionsweise, Distributionsverfahren und Gesellschaftsordnung zu begreifen, trat teilweise schon bei Marx und Engels, verstärkt und immer öfter aber seit der ersten Rezipientengeneration eine Moralisierung an die Stelle der Analyse und mit der Moralisierung eine Personalisierung. Vor allem simplen Gemütern schien ein tatsächliches oder vermeintliches moralisches Fehlverhalten von Vertretern der Kapital besitzenden Klasse eine viel einleuchtendere Erklärung für den schlimmen Zustand der Welt zu sein als die Zwänge des Systems, dem selbst der menschenfreundlichste Kapitalist nicht entrinnen konnte. Aus dieser Personalisierung des Systemischen in einem gesellschaftlichen Klima, in dem sich antijüdische Motive aus dem Mittelalter mit rassistischen Ideen verbanden, wurde der linke Antisemitismus geboren, der freilich eine derartige Perversion wahren linken Denkens darstellt, dass er bereits historisch und bis heute immer wieder zur Folge hat, dass so denkende Linke ohne große Probleme rasch sehr rechte Positionen übernehmen können und, das ist heute wieder oft zu beobachten, Rechte mit Versatzstücken linker Rhetorik reüssieren können. Neue Kraft schöpfte linker Antisemitismus in den 1960er Jahren aus geopolitischen Positionierungen des realsozialistischen Blocks mitsamt einer dazu ausgeheckten falschen Imperialismusdefinition sowie seit den 1990er Jahren durch antiuniversalistische Regressionen in postkolonialen und postmodernen Strömungen vor allen innerhalb der akademischen Linken.

Heute steht man als Linker, dem der neokonservative und rechtsautoritäre Backlash sehr missfällt, vor dem Problem, dass fast überall dort, wo sich im weiteren Sinne linke Gegenbewegungen formieren, auch Antisemitismus in variierenden Dosierungen mit von der Partie ist. Zumeist ist dieser Antisemitismus als Israelkritik verkleidet, die jedoch oftmals weit über die ohnehin schon unfaire Sondermoral gegenüber dem Staat Israel hinausgeht und dessen Schädigung oder gar Abschaffung vorantreibt, was selbst ohne die aus den historischen Erfahrungen sich zwingend ableitende Israelsolidarität nichts anderes wäre als reiner Antisemitismus. Wohin man auch blickt, ob auf Jeremy Corbyn in Großbritannien, auf Podemos in Spanien, Syriza in Griechenland, die Partei Die Linke in Deutschland, etliche Sozialdemokratien und auch außerparlamentarische linke Regungen – überall wird man auf (Unter)Strömungen treffen, die mehr oder weniger ausgeprägte Varianten des linken Antisemitismus sind. Da stellt sich die Frage, wie man damit umgehen sollte. Manche beantworten diese Frage für sich damit, dass sie sich aus jeder potenziell historisch wirksamen Linken zurückziehen und in Mini-Sekten Kritik am linken Mainstream üben, der inzwischen freilich selber nur ein politisches Rinnsal ist. Diese Haltung treibt dann oft Blüten, die sonderbar zu nennen noch stark untertrieben ist, denn wenn zum Beispiel Teile der „antideutschen“ Szene weit rechts stehende Politiker unterstützen und damit bereit sind, emanzipatorische Errungenschaften in Europa, den USA oder Israel zu opfern, weil diese Politiker sich wenigstens verbal zugunsten Israels und gegen die Barbarei radikalislamischer Regimes und Rackets stellen, ist das objektiv kaum weniger wahnhaft und reaktionär wie das Paktieren anderer Linker mit ultrareaktionären bis faschistoiden Bewegungen, wie es beispielhaft die lateinamerikanische Linke mit dem Iran und dessen globalen Terrorgruppen vorgemacht hat. Natürlich ist was dran an der Feststellung, dass selbst die von Rechtsrepublikanern regierten Vereinigten Staaten oder das von den Tories in einen viktorianischen Sozialalptraum zurückverwandelte Großbritannien mehr Zivilisation und damit lebenswertes Leben zu bieten hätten als die Klerikalfaschisten in Iran oder die Vernichtungsantisemiten von Hiszbollah und Hamas, aber die kalte Bereitschaft, für die tatsächliche, meist aber nur theoretische Verbreitung universeller menschenrechtlicher Konzepte auf dem Rücken vieler Millionen immer prekärer existieren müssender Amerikaner und Europäer in die Schlacht zu reiten, ist ebenso unmoralisch wie sich die Annahme, ausgerechnet Herrschaften wie Trump, Bush, Cameron oder Netanyahu stünden für einen energischen Kampf gegen die Barbarei, als furchtbarer Trugschluss entpuppen könnte.

Also was tun? Sich den Reaktionären anschließen, weil die derzeitige Linke voller moralischer und strategischer Schwächen ist? Ich würde sagen: Nein. Stattdessen muss man sich in all der Wahnproduktion, die links und rechts auf Hochtouren läuft, seine Vernunftfähigkeit ebenso bewahren wie eine grundlegende linke Ethik. So wie man linken Antisemitismus ständig aufdecken und bekämpfen muss, muss man auch den Anschluss an die rechten Frauenfeinde, Minderheitenverfolger, Kriegstreiber, Schwulenhasser, Armen- statt Armutsbekämpfer, Rassisten und Autoritären kritisieren und verweigern. Nur weil es viele Idioten gibt, die sich links nennen, ist es nicht falsch, links zu sein. Und sehr hilfreich ist auch, den Blick von der Theorie auf die Praxis zu lenken, denn das kann so manche Vorstellung, die man von der Welt und ihrem Funktionieren hat, zurechtrücken. Die griechische Regierung unter der Führung von Syriza, der im Vorfeld nachgesagt wurde, sie bestünde aus lauter Antizionisten, ja Antisemiten, pflegt mit Israel so freundschaftliche Beziehungen wie kaum eine griechische Administration zuvor. Israel war historisch stets unter Linksregierungen am stärksten und am sichersten. Die massivste  Unterstützung seitens der USA genoss Israel unter demokratischen Präsidenten. Nur weil sich im weiten Feld linker Politik immer wieder auch antisemitische Figuren herumtreiben, muss die Regierungspraxis noch lange nicht von diesen bestimmt werden. Vor allem dann nicht, wenn man aktiv gegen diese Leute vorgeht und nicht aufhört, sie zu benennen und zu kritisieren.

„Nie wieder“ heißt, für Israel zu sein

Es ist wieder mal Internationaler Holocaust-Gedenktag und damit drohen uns erneut die üblichen Phrasen und Floskeln, vorgetragen von Politikerinnen in Schwarz und Politikern, die Hüte tragen. Aus Respekt. Ernst blicken sie drein, die Präsidenten und Bundeskanzlerinnen, und sagen, was sie seit Jahrzehnten sagen: „Nie wieder“. Sie meinen damit allerdings ausschließlich „nie wieder Auschwitz“. Was diesseits von Vernichtungslagern ist, fällt nicht unter diesen Schwur, wird nicht abgedeckt vom Wiederholungsverbot. Seit dem von außen erzwungenen Ende der Naziherrschaft nicht.

Nirgendwo in Europa waren Juden nach 1945 je so sicher, wie sie es sein hätten müssen, hätten wir tatsächlich aus der Geschichte gelernt. In Deutschland und Österreich versuchte man zunächst, die wenigen verbliebenen Jüdinnen und Juden zu vergraulen und denjenigen, die den Mördern durch Flucht entronnen waren, eine Rückkehr wenig schmackhaft zu machen. Mit allerlei juristischen Spitzfindigkeiten drückte man sich vor der Rückerstattung geraubten Vermögens und arisierten Besitzes. Wer sich dadurch nicht entmutigen ließ, musste bis in die späten 1960er Jahre hinein Angst davor haben, dass ihm Alt- oder Neonazis Briefbomben schickten oder ihn auf offener Straße totschlugen. Und dann kam die Bedrohung durch palästinensische Terroristen, die mit der Unterstützung linksextremer europäischer Komplizen jüdische und israelische Einrichtungen angriffen und Juden sowie proisraelisch eingestellte Politiker ermordeten. Mit diesen arabischen Terroristen schlossen die europäischen Staaten dann einen Pakt, der bis heute in Kraft ist: „Ihr hört auf, bei uns Terror zu machen, dafür kriegt ihr jährlich ein paar hundert Millionen Dollar von uns“. Doch für Europas Juden war die daraus resultierende Verschnaufpause nur sehr kurz, denn fast nahtlos schlüpften islamistische Fanatiker in die vernichtungsantisemitische Lücke und zielen nun mit Bomben und Knarren auf alles, was jüdisch ist oder was sie dafür halten. Kurz: Seit 1945 müssen in Europa jüdische Kindergärten von Polizei und Wachdiensten beschützt werden, weil jüdische Kinder sonst in Lebensgefahr wären. Mit Ausnahme der Betroffenen und einer winzigen Anzahl Intellektueller findet das kaum jemand skandalös, weil kaum jemand begreift, was das über unsere Gesellschaft aussagt.

Während ich das hier schreibe, erfahre ich, dass eine 24-jährige Israelin ihren Stichwunden erlegen ist, die ihr ein arabischer Teenager zugefügt hatte. Totgestochen im Supermarkt. Allein seit Oktober 2015 wurden in Israel 25 Menschen von Arabern ermordet und dutzende zum Teil schwer verletzt. Das große Schweigen, das in Europa dazu zu vernehmen ist, sagt vielleicht mehr zum Weiterbestehen antisemitischer Haltungen aus, als alle Antisemitismusstudien zusammen. Empörung und Demonstrationen gegen Gewalt im Nahen Osten finden in Europa nur statt, wenn Israel sich verteidigt. Dann sind alle plötzlich laut und präsent, die immer schweigen, wenn Juden ermordet werden. Und oft sind das dieselben, die am Holocaust-Gedenktag ganz traurig tun und die Untaten ihrer Vorväter tapfer anklagen, während sie die Untaten der aktuellen Judenmörder entweder ignorieren oder als „Widerstand“ verharmlosen. 350 Millionen Araber stehen gut sechs Millionen Juden gegenüber. Wer hier Widerstand leisten muss, ergibt sich schon rein mathematisch. Dennoch bereitet gerade vielen Linken und Liberalen nichts so große Sorge wie das Wohlergehen jener sich Palästinenser nennenden Araber. Ein moralischer, strategischer und propagandistischer Bankrott, den die Rechten nach einigen Jahren des Zögerns erkannt haben und für ihre Zwecke ausnützen. Kaum eine (west)europäische Rechtsaußenpartei kommt mittlerweile noch ohne proisraelische Lippenbekenntnisse aus. Das hat nichts damit zu tun, dass diese im Kern hart antisemitischen Parteien ihren Antisemitismus aufgearbeitet hätten, sondern mit taktischen Überlegungen und populistischem Gespür. Die gefährlichsten Gegner Israels sind muslimischen Glaubens, die europäischen Rechten hassen Muslime noch mehr als Juden, also scheinen Allianzen nahe zu liegen. Was die europäischen Rechten nicht wissen wollen und manche israelischen Rechten gerne verschweigen: Einige der patriotischsten Israelis sind Muslime und die große Mehrheit der jüdischen Israelis will nicht „den Islam“ bekämpfen, sondern sich lebensgefährlicher Feinde erwehren, egal, woran die gerade glauben oder zu glauben vorgeben. Es steht zu befürchten, dass jene von der Linken gründlich enttäuschten Israelis, die nun darauf hoffen, ein nach rechts rutschendes Europa würde Israel mehr Verständnis und Solidarität entgegenbringen, sich gründlich täuschen. Ein in rechts regierte Nationalstaaten zerfallendes Europa wird sich gerade in der immer schlimmer werdenden Wirtschaftskrise lukrative Waffengeschäfte mit der arabischen und muslimischen Welt nicht entgehen lassen. Das zeichnet sich ja bereits ab, denn die „Normalisierung“ der Beziehungen mit dem Iran und das Klinkenputzen europäischer Politiker und Wirtschaftsbosse in Teheran zeigt ja, dass schon jetzt moralische Kategorien kaum mehr eine Rolle spielen. Zu meinen, ausgerechnet Rechte, die ja oft nichts anderes sind als der politische Arm der Industrie, würden da einen Kurswechsel herbeiführen, ist eine gewagte Annahme.

Wer aus der Geschichte wirklich etwas gelernt hat und es ernst meint mit dem „Nie Wieder“, muss realistischerweise für die sichere Existenz Israels eintreten. Juden sind weltweit in Gefahr und es ist nicht irgendeine moralische Lehre aus Auschwitz, die Judenmörder von einer Wiederholung der Shoah abhalten kann, sondern allein ein schwer bewaffneter Staat Israel, in dem es eine deutliche jüdische Mehrheit gibt. Auf die Lernfähigkeit der Europäer kann man sich leider nicht verlassen. Auf die Angst, im äußersten Fall eine Atombombe made in Israel aufs Dach zu kriegen, dagegen schon. Faktisch ist also jeder, der an einer Schwächung oder gar Zerstörung Israels arbeitet, sei es als „Aktivist“ der Boykottbewegung oder als Befürworter des „Rückkehrrechts“ der Nachfahren aller jemals auf israelischem Gebiet gelebt habenden Araber, ein schlimmerer Antisemit als das faschistische Gesindel, das sich derzeit mit Israelbegeisterung tarnt.

Geile Araber im Frauenparadies

Nachdem in der Silvesternacht in Köln mehrere Dutzend Frauen bei organisierten Taschendiebstählen und durch enthemmte Männergruppen sexuell gedemütigt wurden, glänzten Polizei, Journalistinnen, Medien und Politiker als hervorragende Ethnologen, die sofort die im Zusammenhang überaus sinnlose Information verbreiteten, die mutmaßlichen Täter seien „Nordafrikaner oder Araber“ gewesen. Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) blies zum Halali und großkotzte in Pressemikrofone: „Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen.“ Zu dem Zeitpunkt war weder bekannt, ob die Angriffe organisiert gewesen waren, noch ob die sexuelle Erniedrigung deren Hauptzweck gewesen war und schon gar nicht war sicher, dass es sich bei den mutmaßlichen Tätern tatsächlich um „Nordafrikaner“ gehandelt hatte. Nach der Maxime, dass den Letzten die Hunde beißen und es besser ist, der Meute voran zu laufen als von ihr gehetzt zu werden, gab sich die gesamte deutschsprachige Politik- und Medienszene unter Verzicht auf Unschuldsvermutung und Recherche der lüsternen Fantasie hin, 1.000 Männer aus dem Morgenland hätten deutsche Mädels gejagt. Obwohl die Polizei bald klarstellte, dass von 1.000 Tätern keine Rede sein könne, sondern es sich um ein paar Dutzend Taschendiebe gehandelt habe, die die sexuelle Belästigung als Trick anwandten, um ihre Opfer vom Diebstahl abzulenken, hält sich das einmal in die Köpfe gebrachte Narrativ vom muselmanischen Massenvergewaltiger bis heute. Ein Narrativ, das offenbar so sehr die Projektionsbedürfnisse befriedigt, dass jeder Mensch, der eine differenzierte Betrachtung einmahnt, wütend angesprungen und mindestens als „Täterschützer“ verleumdet wird.

In einem Rechtsstaat ist es wenigstens theoretisch so, dass für eine Tat der Täter individuell bestraft wird. Nicht seine Cousins, nicht seine Oma, nur er. Eine, die dieses rechtsstaatliche Procedere für überflüssig hält, ist Alice Schwarzer. Für die ehemalige Feministin ist klar: Das waren 1.000 Täter, und die waren alle Muslime und lauter Flüchtlinge oder Migranten. Und die hätten viele böse Sachen mitgebracht aus dem finsteren Orient: „Mit dem blauäugigen Import von Männergewalt, Sexismus und Antisemitismus gefährden wir nicht nur unsere Sicherheit und Werte; wir tun auch diesen verrohten jungen Männern unrecht, die ja nicht als Täter geboren sind. Sie sind geprägt von den Erfahrungen eines traditionell gewalttätigen Patriarchats innerhalb der Familie sowie der Bürgerkriege auf den Straßen, was sie zu Tätern wie Opfer gemacht hat. Wenn wir sie nun aufnehmen, haben sie auch das Recht darauf, eine Chance zu bekommen: die Chance, anständige Menschen zu werden. Was auch heißt: die Pflicht zur Integration.“

Man stelle sich vor! Bringen diese unanständigen Menschen doch tatsächlich Männergewalt, Sexismus und gar Antisemitismus nach Deutschland! Lauter Dinge, die es in Deutschland zuvor nie gegeben hat. Okay, da war vielleicht dieser eine antisemitische Ausrutscher, vor Ewigkeiten mal, als ein Österreicher die armen Deutschen gezwungen hatte, Nazis zu werden und sechs Millionen Juden zu ermorden, aber das wurde doch gründlichst aufgearbeitet. Nur mehr jeder dritte Deutsche ist laut Umfragen noch antisemitisch, also quasi gar keiner. Und Sexismus und Männergewalt? In Deutschland seit Jahrzehnten unbekannt. Gerade auch in Köln wurde nie eine Frau Opfer von besoffenen Karnevalgrapschern, niemals. Vergewaltigung in der Ehe war ein so unbekanntes Phänomen, dass sie in diesem nicht sexistischen Frauenparadies erst Anfang der 1990er Jahre unter Strafe gestellt wurde. Mit sexistischen Sujets zu werben, kam anständigen deutschen Werbeagenturen so wenig in den Sinn wie anständigen deutschen Pfaffen und Aufsehern die Vergewaltigung von Kindern und Jugendlichen in Heimen. Frauen verdienten seit jeher gleich viel wie Männer. Ein geradezu feministisches Land war dieses Deutschland, bevor die Mauren einfielen. Das ist ein wahrhaft edles hohes Ross, von dem herab die gütige Alice Schwarzer den kraushaarigen Untermenschen die Hand entgegenstreckt, um sie in den Stand anständiger Menschen zu erheben. Falls sie parieren.

Wo dermaßen viel Feminismus ist, wäre es vermessen, Banalitäten zu fordern wie eine bessere Ausbildung von Polizisten und Juristen, auf dass diese Frauen, die eine Vergewaltigung melden, nicht mehr wie teilschuldigen Dreck behandeln. Oder den Ausbau von Frauenhäusern und anderen Fluchteinrichtungen. Oder eine (Sexual)Erziehung, die Kindern die Gleichwertigkeit der Geschlechter vermittelt. Oder bessere Löhne für Berufe, in denen vor allem Frauen tätig sind, um sie unabhängiger zu machen. Lauter Firelfanz. Wirklich wichtig ist fast allen, die derzeit Kommentare schreiben, das Triebleben des muslimischen Mannes. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Hübsch ausgelagert an eine Minderheit, wie es halt Tradition ist in deutschen Landen. Was einst der böse geile Jude war, der unschuldige arische Mädchen verführte, ist nun der tumbe Muslim, der nicht anders kann als Frauen zu missbrauchen, weil er halt aus einer anderen Kultur kommt. Weil er halt anders ist irgendwie. Kein anständiger Mensch von Schwarzers Gnaden.

Sieht man sich an, wie rasant die Zivilisation erneut zum Teufel geht, wie leicht der rassistische ethnisierende Müll aus den Edelfedern fließt, bleibt nicht mehr viel übrig außer der Frage, warum das so widerstandslos passiert. Der Postnazismus trug stets die Drohung in sich, ein Pränazismus zu sein, was vor allem bis Mitte der 1980er Jahre all jene wussten und zu spüren bekamen, die zu den Opfergruppen des Nationalsozialismus gehörten und jeden Tag in Schulen und Ämtern, vor Richtern und Gerichtsgutachtern, in Psychiatrien und Gefängnissen oder einfach nur vor der Glotze bei Berichten aus Parlamenten und über das Wirtschaftsleben auf Menschen in Machtpositionen trafen, die ihre NSDAP-Parteibücher zwar unter dem Zwang amerikanischer und sowjetischer Panzer abgegeben, ihre braune Überzeugung aber nie abgestreift hatten. Heute, da auch die robustesten Hitlerjungen langsam wegsterben, zeigt sich, wie viel von der NS-Ideologie auch ohne Originalnazis weiterlebt, wie unglaubwürdig die Sonntagsreden-Bekenntnisse des „Nie Wieder“ waren und wie unzureichend Entnazifizierung und kritische Aufarbeitung. Ein paar Knöpfe am ungesunden Volksempfinden gedrückt und schon ist alles vergessen, was mal an Aufklärung vorhanden gewesen sein mag.