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Mit Homophobikern reden?

Der weltanschaulich verhaltensauffällige Ex-Linke Jürgen Elsässer hat also seinen Anti-Schwulen-Kongress über die Bühne gebracht und einige Aktivistinnen haben dabei zu stören versucht. Nun hatte ich gerade eine Diskussion auf Facebook darüber, ob solche Störaktionen die Homophobiker-Riege, die auf Elsässers Einladung tagte, in ihrer Ablehnung gegen Schwule, Lesben und Transgenderpersonen bestärken und dadurch konkrete negative Auswirkungen auf zB die Landsleute der schwulenfeindlichen russischen Abgeordneten Elena Misulina haben könne, welche auch an der Tagung teilnahm. Dazu ein paar Worte nur.

Zunächst ist festzuhalten, dass auch Vollidioten und Arschlöcher das Recht haben, eine Konferenz auszurichten und daran teilzunehmen, solange dort nicht gegen Gesetze verstoßen wird. Und ja, auch Vollidioten und Arschlöcher haben ein Recht auf Meinungsfreiheit und auf körperliche Unversehrtheit (warum es sich bei Menschen, die ernsthaft meinen, es ginge der Welt besser, wenn man Schwulen und Lesben die Liebe verböte und die ernsthaft glauben, Passagen aus Bibel oder Koran würden ihrem Menschenhass Legitimation verschaffen, um Vollidioten und Arschlöcher handelt, muss und will ich nicht weiter erklären. Wer das nicht schnallt, soll abhauen und mich nicht mehr lesen, soll rübergehen zum Elsässer). Es ist okay, dass auch solche Veranstaltungen polizeilich geschützt werden. Aber schadet nun das massive Auftreten der Gegendemonstranten dem Ruf der LGTP-People? Nein, tut es nicht. So wie der Antisemit Juden in jedem Fall hasst, egal ob sie sich bereitwillig ermorden lassen oder Widerstand leisten, weil der Antisemitismus eben eine irrationale Sache, ein Wahn ist, können auch Homophobiker nicht noch homophober werden. Homophobie ist dem Antisemitismus wesensverwandt in ihrer Irrationalität. Der homophobe Mensch hasst LGTP-Leute auch dann, wenn die ganz leise und unauffällig sind, ja oft noch ein wenig mehr, denn wie der Antisemit ist auch der Homophobiker so gut wie immer eine autoritäre Persönlichkeit, sprich: Je mehr man ihm nachgibt, desto stärker fühlt er sich, je mehr Widerstand er spürt, desto eher zieht er den Schwanz ein. Erklären kann man solchen Leuten nix, genauso wenig, wie man Antisemiten den Antisemitismus ausreden kann. Homophobiker können also nicht Adressaten einer Kritik sein, die anderes ist als eine fundamentale. Diese Figuren sind daran zu hindern das zu tun, was sie tun oder gerne tun möchten, nämlich Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung zu benachteiligen, zu verfolgen und zu ermorden. Ob der Benachteiliger, Verfolger und Mörder das gemein findet, interessiert mich dabei einen Scheiß.

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Droge Antisemitismus

Die Europäische Union hat durchaus ihre sympatischen Seiten. Der Abbau von Grenzen, die Niederlassungsfreiheit, ein übernationaler Rechtsstaat – lauter Sachen, die auch mir gefallen. Wenn es aber um Israel geht, sind dieselben Politikerinnen, die in Europa den Nationalismus abbauen wollen, wie auch viele “no border”-Aktivisten und “Kein Mensch ist illegal”-Verkünderinnen plötzlich von Grenzen und vom Völkischen wie besessen. Da wird jede Hausmauer, die einen Meter über die immer wieder beschworene “Grenze von 1967” hinausragt, zum Friedenshindernis. Da wird jedes jüdische Kind, das außerhalb dieser Grenzen in der Region lebt, zum Besatzer. Da werden Farmen und Dörfer und die Menschen, die dort wohnen, plötzlich “illegal”. Da nimmt man es mit größtem Verständnis hin, wenn arabische Politiker verkünden, alle Juden hätten aus Judäa und Samaria zu verschwinden und ein künftiger Palästinenserstaat werde “judenfrei” sein. Kurz: Sobald es um Israel geht, werden ganz andere Maßstäbe angesetzt als sonst und alle Sonntagsreden und liberalen Posen sind hinfällig.

Ich frage mich manchmal, wie es der durchschnittliche europäische Politiker oder die typische Palästina-Aktivistin schafft, den Zionismus abzulehnen, gleichzeitig aber arabischen Chauvinismus extremster Ausprägung gut zu finden, ohne dass dieser Widerspruch zu einem psychischen Zusammenbruch führt. Aber vielleicht täusche ich mich ja auch und diese Leute sind schon längst seelisch schwerst krank, aber gut geübt im Heucheln von Normalität und Gesundheit? Oder ist es so, wie Arno Gruen und Erich Fromm behaupteten, dass nämlich seelische Verkrüppelungen dermaßen weit verbreitet sind, dass der Wahnsinn als normal durchgeht und das Gesunde als krank gesehen wird? Wenn ich mir die europäische Nahost-Politik ansehe oder mit Pro-Palästinensern diskutiere, gewinne ich diesen Eindruck häufig. Sobald man Stehsätze und Null-Begriffe wie “Grenzen von 1967”, “illegale Siedlungen”, “Rückkehrrecht der Flüchtlinge” usw hinterfragt und auf auf deren Realitätsgehalt abklopft, wird man von den meisten Gesprächspartnern fast mitleidig eingeschätzt als Irrer, der gerade behauptet hat, die Sonne sei gelb. Ja klar, die ist ja auch gelb, aber wenn die Mehrheit sagt, sie sei grün, dann hat der, der das bestreitet, einen schweren Stand. Psychologisiere ich hier zuviel? ich denke nicht, denn die Haltung vieler “Israelkritiker” und Antisemiten ist nicht rational, ja nicht einmal halbwegs geistig gesund. Antisemitismus, und um solchen handelt es sich meistens bei ungerechtem und einseitigem Israel-Bashing, ist eine Krankheit, genauer: Eine Art Droge, mit deren Hilfe sich die seelische Zwangslage, ein falsches Leben zu führen, besser aushalten lässt. Diese Droge erlaubt es, die Zumutungen einer oft überfordernden Realität durch Schuldzuweisung zu mildern. Die Droge ist in verschiedenen Stärken auf den meisten Weltanschauungsmärkten zu haben, in der Hardcoreversion der Nazis, wonach an allem, was den Menschen quält, der Jude schuld sei, bis zu mit allerlei linksliberalem Brimborium gestreckten Formen, bei denen der Staat Israel an die Stelle des Juden tritt.

Ich übertreibe nicht, ich untertreibe wohl eher. Was sonst als Wahnsinn ist es, wenn, wie es mir kürzlich widerfuhr, ein Lateinamerikaner sich bitter darüber beschwert, dass sich immer mehr arabische Milliardäre in Südamerika als Oligarchen breitmachten, nur um dann zu einer langen antisemitischen Suada zu schwenken und “den Juden” die Schuld an jedem Missstand zu geben? Das entspricht doch durchaus schon einem psychiatrischen Krankheitsbild. Antisemitismus ist immer wahnhaft, da er nicht die geringste Deckung durch die Realität hat. Die 15 Millionen Juden könnten die Geschicke der acht Milliarden nicht bestimmen und lenken, selbst wenn sie es wollten und versuchten. In Wirklichkeit gibt es auf diesem Planeten genau einen einzigen Kleinstaat, in dem Juden die Macht haben, und das ist Israel. Israelische Jüdinnen sind neben den Herausforderungen eines normalen Alltags damit beschäftigt, die Vernichtung ihres Staates abzuwenden, und sie werden dabei andauernd von europäischen und amerikanischen Politikern behindert. im Wahngebäude des Antisemiten aber wird von Jerusalem aus die Welt regiert. Und kein Gegenbeweis bringt den Antisemiten von seinem Wahn ab. Eben weil es ein Wahn ist und keine auf rationalen Überlegungen beruhende Meinung. Da dieser Wahn aber so weit verbreitet ist, wird er nicht als das behandelt was er ist, sondern gilt als akzeptable Realitätseinstufung. Als ich auf Facebook andeutete, mir mache das Leben zur Zeit nicht allzu viel Spaß, wurde ich gegen meinen Willen für eine Woche in die Psychiatrie verschleppt. Der Antisemit, der im Wirtshaus gegen Juden hetzt oder auf Facebook antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet, ist vor solchen Zwangsmaßnahmen sicher.

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Was hilft gegen Antisemiten? Waffen!

Zu den Dingen, die ich mir von einem Flaschengeist wünschen würde, falls ich mal einen fände, gehört, dass er die Juden so mächtig machen solle, wie die Antisemiten es von ihnen behaupten. Der Dschinn würde dann aus den weltweit 15 Millionen Jüdinnen und Juden 1,5 Milliarden machen, die Protokolle der Weisen von Zion in Realität verwandeln und Ariel Scharon wieder aufwecken. Leider gibt es keine Dschinns, und so bleibt einem bloß, mit den Zähnen zu knirschen, wenn Polit-Gangster wie der türkische Vize-Regierungschef Desir Atalay wider alle Logik und Evidenz behaupten, hinter dem, was ihnen nicht gefällt, steckte eine jüdische Verschwörung. Man muss versuchen, gelassen zu bleiben und es mit Humor zu sehen, wenn in Ägypten Regierung und Regierungskritiker dem jeweils anderen vorwerfen, im Dienste jüdischer Mächte zu stehen, und daran denken, dass dies halt arabische Folklore ist, so wie es seit Jahrzehnten zur Erzählung größter Teile der internationalen Linken und der Befreiungsbewegungen gehört, Israel als Unterdrücker und die Palästinenser als Unterdrückte wahrzunehmen. Die meisten Menschen sind dumm, weshalb das Erkennungsmerkmal der Dummheit schlechthin, der Antisemitismus, natürlich überall gute Karten hat und sich in den Hirnen auch dann festsetzt, wenn alle Fakten dagegensprechen, dass es irgendwie sinnvoll und rational begründbar wäre, Juden zu hassen. So gerne ich es sehen würde, dass die Antisemiten einmal, ein einziges Mal nur recht hätten, nämlich damit, dass die Juden ganz arg mächtig und weltbeherrschend seien: Es wird keine Gestalt aus einem arabischen Märchen kommen und mir meine Wünsche erfüllen, aber ich kann zumindest darauf hoffen, dass jene Jüdinnen und Juden, die in Israel wohnen, sich zu wehren verstehen. Und ich kann denen nur wünschen, militärisch immer so stark zu sein, jeden Versuch der Ausrottung im Ansatz zu unterbinden. Das ist die einzig richtige Schlussfolgerung, wenn man es mit der Ablehnung des Antisemitismus ernst meint. Wer gegen Antisemitismus und Antisemiten ist, muss befürworten und unterstützen, dass Juden zurückschießen können.

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Taksim: Fass, “Zins-Lobby”!

Auch wenn die Demonstrationen in der Türkei nicht meine ungeteilte Begeisterung hervorrufen, vornehmlich ihrer Ästhetik und ihrer nervigen Facebookigkeit wegen und weil das Drehbuch wieder das gleiche, wenn nicht sogar dasselbe ist wie bei der Arabellion: Falls die Kämpferinnen und Kämpfer für Bier nach 22 Uhr es schaffen sollten, Tayyip Erdogan zu stürzen, hätten sie bei mir was gut. Sollte die Alternative nicht Militärdiktatur heißen, wäre mir fast jeder andere Politiker lieber an den türkischen Schalthebeln als dieser traurige Wutclown und räudige Antisemit, der wie alle anderen halbdemokratischen Autoritären die Schuld den Juden gibt, wenn es für ihn und seine Clique nicht mehr so rund läuft. Man wünschte sich beinahe, die “Zins-Lobbby”, die Erdogan hinter den Protesten die Strippen ziehen sieht, existierte wirklich und würde dem Schönwetter-Softislamisten die Hölle heiß machen. Allein: Eine antisemitische Fantasie bleibt eine solche, und Erdogan los zu werden müssen die Türkinnen und Türken aus eigener Kraft schaffen.

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Böse Religionskritik, guter Antisemitismus?

Heinz-Christian Strache, FPÖ-Chef und größter Verteidiger des Christentums seit mindestens Karl Martell, postete auf Facebook folgenden Grammatik-Fail und Syntax-Amoklauf:

deix

 

Nur zur Erinnerung: Das schreibt derselbe Strache, der auf seiner Facebookseite eine lupenrein antisemitische Karikatur im Stürmer-Stil gepostet hat.

Schauen wir uns das noch einmal an:

stracheantisemitismus

 

stracheantisemitismusdetail

 

Sich über Religionen und deren Bodenpersonal lustig zu machen, ist in Straches Wunderwelt also ganz böse und ruft Bestrafungsfantasien hervor (“in anderen Ländern müsste Deix mit Konsequenzen rechnen…”), Juden als Verursacher und Profiteure der Finanzkrise zu verleumden ist hingegen voll okay? I rest my case.

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SPÖ will nicht beim Juden kaufen

Immer wenn die SPÖ Weltpolitik vortäuschen will, wird es peinlich bis unangenehm. Und immer, wenn die Ösi-Sozialdemokraten außenpolitisch dilettieren, fährt ihr Finger über die Weltkarte, an Dutzenden Diktaturen,  Hunderten Krisenherden, 50 Kriegen und 30 Hungersnöten vorbei und landet verlässlich auf dem winzigen Klecks namens Israel. 2010 konnte der Wiener Gemeinderat, ein geopolitisches Gremium eher untergeordneter  Wichtigkeit, nicht an sich halten und verfasste auf Initiative der SPÖ einstimmig eine Protestnote gegen das völkerrechtlich einwandfreie Aufbringen der Gaza-Blockadebrecherflotte durch die israelische Marine. Das geschah im vollen Wissen, dass es die Welt einen Scheiß interessierte, was Wiener Lokalpolitiker zu dieser Sache zu sagen hatten, aber SPÖ/ÖVP/FPÖ/Grüne wollten klar stellen: In Sachen Israelfeindschaft gibt es keine Parteien in Wien, sondern nur mehr Volksgemeinschaft. Die außenpolitische Sprecherin der SPÖ, Christine Muttonen, geht nun einen Schritt weiter und fordert eine gesonderte Kennzeichnung von Waren, die aus jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria stammen. Und wieder ist großer Schulterschluss, denn das von der ÖVP geführte Außenministerium ließ verlauten, man stehe so einer Kennzeichnungspflicht “aufgeschlossen gegenüber”. Das ist kein österreichisches Phänomen, in ganz Europa gewinnt die Boykottbewegung gegen Waren aus dem Westjordanland immer mehr an Boden.

Es gibt gute Gründe, die israelische Siedlungspolitik nicht für eine Sternstunde politischer Intelligenz zu halten. Ich persönlich meine, dass Jerusalem gut daran täte, große und strategisch wichtige Siedlungen im Rahmen eines Gebietstausches dem eigenen Staatsgebiet einzuverleiben, statt das Territorium mit immer mehr Kleinsiedlungen zu zersplittern. Das Vorhaben ganz rechter Kräfte in Israel, Judäa und Samaria langsam zu okkupieren, um dann eine Ein-Staaten-Lösung durchzudrücken, kann nicht gelingen, da dies, so man den jüdischen Charakter dieses Staates erhalten möchte, einen groß angelegten Bevölkerungsaustausch voraussetzen würde, der Israel in die totale Isolation zu treiben drohte. Einer Vertreibung der arabischen Bevölkerung würden weder die Nachbarstaaten, noch der Rest der Welt tatenlos zusehen, und wenn die Gebiete ohne vorherige Vertreibungen an das Kernland angeschlossen werden sollten, wäre es mit der jüdischen Majorität in Israel bald vorbei. Das zionistische Projekt drohte dann zu scheitern. Die Boykott-Kasper ignorieren aber eine ganze Reihe von Fakten, die nicht in ihr schlichtes Weltbild vom bösen israelischen Juden passen. Zuvorderst muss einmal mehr gesagt werden, dass die Siedlungen entgegen aller Behauptungen und entgegen der dauernden Wiederholung dieser Behauptungen in den westlichen Medien nicht “illegal” sind. Das wären sie, würden sie auf einem existierenden Staat “Palästina” errichtet, doch den gibt es bekanntlich nicht. Das Gebiet, um das es geht, wurde zwar 1947 von der UNO-Vollversammlung einem noch zu gründenden arabischen Staat zugesprochen, doch diese UN-Entscheidung wurde von den Arabern nicht anerkannt. Die haben es vorgezogen, gegen Israel noch am Tag von dessen Gründung Krieg zu führen, und im Rahmen dieses Krieges besetzte Jordanien Judäa und Samaria. Nach dem Sechs-Tage-Krieg zogen sich die jordanischen Streitkräfte aus dem Gebiet zurück. Seither war es unter israelischer Verantwortung, seit 1993 wird es zum Teil auch von der palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet. Mehrere Anläufe zu einer Zwei-Staaten-Lösung scheiterten immer wieder vor allem an arabischen Maximalforderungen und an der Unfähigkeit der Palästinenser, für Sicherheit zu sorgen. Die Erfahrungen, die Israel mit dem Abzug aus dem Gazastreifen gemacht hat, der nach dem Rückzug der IDF und der Siedler zu einer einzigen großen Abschussbasis für Terror-Raketen wurde, waren auch nicht dazu angetan, sie im Westjordanland zu wiederholen. Die jüdischen Siedlungen sind also nicht “illegal” oder “völkerrechtswidrig”, sie sind umstritten. Wie so viele andere Gebiete auf diesem Planeten, für deren Produkte die Frau Muttonen und die EU jedoch keine gesonderte Kennzeichnung verlangen.

Wir sehen: Die Lage im Westjordanland ist kompliziert und ganz sicher nicht ideal, aber sich ausgerechnet die dort hergestellten Produkte für einen Boykott auszusuchen, während die EU mit Waren aus Diktaturen und seit Jahrzehnten okkupierten Gebieten nicht das geringste Problem zu haben scheint, zeigt die Heuchelei hinter diesem erneuten Anlauf, die Konsumenten dazu zu bewegen, nicht “beim Juden” zu kaufen. Und es verblüfft, wie einig sich Politikerinnen und Medien darin sind, den Juden alle Schuld an der vertrackten Situation im Westjordanland zu geben und nicht einmal auf die Idee kommen, dass die Weigerung der Araber, Juden in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft wohnen zu lassen, der eigentliche Skandal ist. Ich habe es schon mehrfach gefragt und ich frage es wieder: Weshalb unterstützt der Westen die nationalen Ambitionen der Palästinenser, wo die doch ganz offen sagen, sie würden, sobald sie ihren Staat hätten, keine Juden im Land tolerieren? Erst wenn dieser offene Antisemitismus der Araber verschwindet und sie sich dazu durchringen, jüdische Minderheiten ebenso zu akzeptieren wie Israel seit jeher seine arabische Minderheit, also eine zukünftige jüdische Minorität in einem Staat Palästina mit Wahl- und anderen Bürgerrechten ausstattet, kann sich Israel auf die Zwei-Staaten-Lösung einlassen. Bevor diese Minimalanforderung nicht erfüllt ist, ist es aberwitzig, von den Israelis zu verlangen, sie möchten doch bitte bei der Entstehung eines offiziell antisemitischen Staates aktiv mithelfen. Leider hält das die SPÖ und andere europäischen Parteien, die  bei der systematischen Diskriminierung der Roma in Mitteleuropa ebenso tatenlos zusehen, wie sie den Tod Tausender Flüchtlinge, die jedes Jahr im Mittelmeer ertrinken, aktiv mit zu verantworten haben, nicht davon ab, die Israelis zu ihrem Unglück zwingen zu wollen, natürlich stets mit dem Hinweis, dies sei doch nur zu ihrem Besten und man selbst sei ein ganz doll guter Freund Israels und lehne Antisemitismus strikt ab. Wenn es etwas zu boykottieren gäbe, dann wäre das in erster Linie dieser Stumpfsinn und die darin enthaltene verkappte Judenfeindschaft.

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Augstein-Debatte: Unbewusste Antisemiten und alte Geschichten

In der aktuellen deutschen Antisemitismusdebatte geht es nicht darum, sich auf die Seite einer der beiden Hauptakteure zu stellen, auch wenn die Mehrzahl der Kommentatoren genau das macht, also entweder (und bei weitem mehrheitlich) hinter Jakob Augstein aufmarschiert und laut verkündet, der sei nun wirklich kein Antisemit, denn schließlich habe man bei ihm Zuhause weder die Protokolle der Weisen von Zion noch “Mein Kampf” im Bücherregal erspäht, oder aber Henryk M. Broder zur Seite springt und mehr oder weniger originell dessen Argumentation wiederholt. Nun braucht aber keiner der beiden Fürsprecher. Broder ist intelligent und rhetorisch brillant genug, um sich selbst zu wehren, und der Multimillionär Augstein verfügt dank 25-Prozent-Anteil am “Spiegel” und der Verlegerschaft des “Freitag” über ausreichend Medienpower, um seinen Standpunkt zu vertreten und vertreten zu lassen. Durch die Personalisierung droht der wichtigste Aspekt der Angelegenheit in den Hintergrund zu rücken, dass nämlich das Simon-Wiesenthal-Zentrum Augstein auch stellvertretend für den Mainstream journalistischer deutscher “Israelkritik”, die sich seit vielen Jahren dadurch auszeichnet, dass sie gegenüber dem Staat Israel all jene Ressentiments und Klischees in Anschlag bringt, die, würde man “Israel” durch “Jude” ersetzen, lupenrein antisemitische Texte ergäben, in die Liste mit den schlimmsten antisemitischen und antiisraelischen Beleidigungen des Jahres 2012 aufgenommen hat. Augstein hat sich als der lautstärkste und wirkungsmächtigste Vertreter der pathologisch deutschen Unart etabliert, gegenüber Israel weit strengere Maßstäbe anzusetzen als gegenüber jedem anderen Land der Welt, Israel zu weit mehr aufzublasen, als es ist, zu einer “Gefahr für den Weltfrieden” gar, für jede tatsächliche oder vermeintliche Fehlentwicklung im Nahen Osten stets nur Israel verantwortlich zu machen oder, wie es Augstein nachweislich tat, verschwörungstheoretisch in den Raum zu stellen, Israel sei von 9/11 über den Mohammendfilm bis hin zum Arabischen Frühling und amerikanischen Präsidentschaftswahlen ein weltweit mächtiger, ja fast allmächtiger Strippenzieher. Letzteres ist lupenreiner Antisemitismus und sollte auch von jedem, für den Antisemitismus nicht erst mit der Errichtung von Vernichtungslagern beginnt, als solcher erkennbar sein. Natürlich ist auch eine unsachliche, auf Delegitmierung abzielende “Israelkritik” antisemitisch, denn selbst wenn es nicht ins traditionelle linke Weltbild passt, ist es historisch doch erwiesen, dass ein jüdisch dominierter Staat Israel das Einzige ist, das eine neue Shoah verhindern kann. Was Sonntagsreden und vermeintliche Zivilisiertheit wert sind, wenn es ernst wird, haben Jüdinnen und Juden oft genug erlebt, nämlich nichts. Der Staat Israel allein kann garantieren, dass Juden nie mehr ermordet werden, weil die angeblich so Toleranten und Mutigen dann plötzlich doch feige und tatenlos zuschauen, wenn die jüdischen Nachbarn verschleppt werden, und weil angeblich zivilisierte Staaten keine Visa für flüchtende Juden ausstellen wollen. Israel schützt durch seine Existenz und seine militärische Stärke nicht nur seine Bürgerinnen und Bürger (von denen bekanntlich nicht alle Juden sind), sondern alle Juden auf der Welt. Und wahrscheinlich macht genau das Leute wie Augstein wahnsinnig vor Wut. Juden als dem Wohlwollen von sich selbst als gut und gerecht empfindenen Menschen ausgelieferte Minderheit, das würde vielen gerade recht sein. Juden mit Staat, Knarre und Atombombe gehen aber gar nicht und sind dann ganz böse und gefährlich für einen fantasierten Weltfrieden, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass jedes Jahr Hunderttausende Menschen in Kriegen sterben, die die “Israelkritiker” aber nicht interessieren, weil in diese Kriege keine Juden involviert sind.

Dass die Debatte eine personalisierte bleibt, dafür sorgt schon Augsteins “Freitag”, der nun einiges unternimmt, seinem Chef argumentativ zu helfen. Das versucht ein dort schreibender Wolfram Heinrich, indem er einen alten Broder-Text ausgräbt, von dem Heinrich glaubt, er sei  mindestens so “Israel kritisch”, wie die Ergüsse Augsteins.  Nun stimmt es zwar, dass das Archiv die Rache des Journalisten ist, aber halt nur dann, wenn der Journalist sein Handwerk beherrscht und zum Beispiel den Unterschied zwischen Kritik und Dämonisierung kennt. Heinrich erweist Augstein mit dem zitierten Text aus dem Jahr 1989 einen Bärendienst, denn Broder geht in dem seinerzeit im “Semit” erschienenen Kommentar zwar hart mit der damaligen israelischen Politik ins Gericht, prangert Untaten von IDF-Einheiten an und kritisiert die Tendenz zur Wagenburgmentalität in der israelischen Gesellschaft, und das alles mit der für Broder typischen sprachlichen Schärfe und Lust an der Polemik, doch ist das eben wirkliche Kritik an wirklichen Vorgängen, keine Projektionen und Insinuationen, wie man sie bei Augstein findet, sobald der über Israel schreibt. Es macht einen großen Unterschied, ob man einzelne Aspekte israelischer Politik und Lebensrealität, wie scharf auch immer, hinterfragt, was ja durchaus erlaubt ist und was vor allem Juden und Israelis selbst machen, oder ob man Israel, den Juden unter den Staaten, zur Weltgefahr aufbauscht und damit nazistische Propaganda leicht modernisiert weiterführt. Das zu lernen wäre Aufgabe Augsteins und seiner Sympathisanten, und wenn die das mal kapiert haben, kann man wieder nett zueinander sein. Meine diesbezüglichen Erwartungen sind nicht allzu groß, denn beim Antisemiten, der sich selbst nicht als solchen sieht, blocken Abwehrreaktionen jeglichen Ansatz zur Selbsterkenntnis. Zum vom “Freitag” veröffentlichen alten Broder-Text bleibt noch zu sagen: Menschen haben die wunderbare Eigenschaft, dass sie ihre Meinung ändern können, wenn sich die Realität geändert hat. Vor 23 Jahren konnte Broder noch nichts wissen von einem atomar aufrüstenden Iran, von der schrittweisen Ablösung der Fatah durch die noch extremere Hamas, von der Kompromisslosigkeit der Araber in den Verhandlungen, von der beispiellosen Terrorkampagne der “Zweiten Intifada”, von der Räumung des Gazastreifens, die Israel dadurch gedankt wurde, dass dieses Gebiet ein einziges großes Terroristenlager und eine einzige große Raketenabschussbasis wurde.  Und von der immer hurtiger voranschreitenden Verblödung und Barbarisierung der europäischen und amerikanischen Linken, die von einseitigen Schuldzuweisungen bis hin zu nazihaften “Kauft-nicht-beim-Juden”-Kampagnen reichen sollte.

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