Weinende Flüchtlingskinder und wie wir uns selbst entmenschlichen

Ein Bus soll Flüchtlinge in eine Unterkunft im sächsischen Dorf Clausnitz  bringen. Plötzlich versperrt ein 100 Mann starker Mob dem Bus den Weg. Eineinhalb Stunden lang belagert der Trupp den Autobus und brüllt dabei unentwegt „wir sind das Volk“. Einer der Täter filmt das Geschehen. Auf dem Video sieht man, wie im Bus Kinder und Frauen vor Angst weinen. Der Mob hört nicht auf. Weinende Kinder würden jeden seelisch halbwegs intakten Menschen dazu bringen, Mitgefühl zu haben. Wenn ein Kind weint, will man es trösten, will ihm, wenn es vor Angst heult, diese Angst nehmen. So würden Menschen reagieren, die noch zu Mitgefühl fähig sind. Wir wissen, dass es Leute gibt, die keine Empathie gegenüber verängstigten Kindern empfinden. Pädophile Sexualstraftäter zum Beispiel, Kriegsverbrecher und die historischen Nazis. Spätestens seit dem Video von der Busbelagerung ist klar, dass auch die „besorgten Bürger“, die sich zu flüchtlingsfeindlichen Aufmärschen zusammenrotten, zu dieser menschlichen Grundregung nicht fähig sind. Sie haben die Menschlichkeit in sich abgetötet oder nie besessen. So ist das nämlich mit der Dehumanisierung. In Wirklichkeit wird nicht das Opfer seiner Menschlichkeit beraubt, sondern die Täter machen das mit sich selber. Nicht die Juden, die man in Viehwaggons steckte, wurden dadurch zu Tieren, sondern jene, die sie da hineinsteckten.

Die selbst gewählte Entmenschlichung hat inzwischen große Teile der europäischen Politik erreicht. Als wäre es mit Menschlichkeit vereinbar, beschließt man „Obergrenzen“, nach deren Erreichen Asylsuchende gnadenlos abgewiesen werden. Als wäre es mit Menschlichkeit vereinbar, schiebt man Familien ab, die seit 20 Jahren im Land gelebt und ihre Kinder hier zur Welt gebracht haben, weil die Länder, aus denen sie einst flohen, inzwischen als „sicher“ gelten. Wie in den finstersten Tagen der Menschheit kommt die Polizei mitten in der Nacht, um den Überraschungseffekt zu nützen. Lautes Hämmern an der Tür, dann liest ein Polizist den Abschiebungsbefehl vor und die vor Angst und Verzweiflung zitternden Menschen müssen in aller Hast ein paar Wäschestücke einpacken, bevor man sie in Gefangenentransportern in den Abschiebeknast bringt. Die Gesetze, die diese Unmenschlichkeiten erlauben, werden immer weiter verschärft. Sie machen weder vor bestens integrierten Leuten halt noch vor Kranken. Vorschrift sei Vorschrift, meinen die Behörden, und exekutieren die inhumanen Gesetze, die Politikerinnen ohne Gewissen gemacht haben. In den Abschiebegefängnissen versuchen immer mehr Verzweifelte, sich das Leben zu nehmen.

Was ist schiefgegangen? Warum baut ein europäisches Land nach dem anderen Grenzzäune und betreibt eine inhumane Politik? Wieso meint der reichste Kontinent der Welt, auf dem mehr als eine halbe Milliarde Menschen leben, er könne ein paar Millionen Schutzsuchende nicht aufnehmen und ihnen ein menschenwürdiges Leben bieten? Woher kommt all der Hass auf Menschen, die alles verloren und zurückgelassen haben? Die Wurzeln sind ausgerechnet dort zu finden, wo man sie am wenigsten vermuten würde, in der Aufklärung nämlich. Die hat zwar den Menschen aus dem Feudalismus befreit, aber gleichzeitig den Weg frei gemacht für Ideen und Praktiken, die es zuvor nicht gegeben hatte, nämlich Kapitalismus, Rassismus, Utilitarismus, Nationalismus und weitere Produktions- und Herrschaftsformen sowie technokratische Ideologien, die den Menschen zum Objekt degradierten, dem nichts Heiliges mehr innewohnte und dessen massenhafte Entmenschlichung, ja sogar Vernichtung daher moralisch vertretbar erscheint, solange diese Mittel den Zweck heiligen, und der Zweck heißt je nach Gusto: Profit, Diktatur des Proletariats, Rassenhygiene, Standortsicherung… . Der Tiefpunkt an Amoralität wurde mit dem Nationalsozialismus erreicht, der wie keine andere Ideologie die kapitalistische Scheinlogik von nützlichem und unnützem Menschenmaterial verinnerlicht hatte und seine kranken und falschen Milchmädchenrechnungen den durch Wirtschaftskrisen verängstigten Menschen als Schiefheilungsmethode anbot. „Es geht dir schlecht, weil du die parasitären Elemente mittragen musst. Wenn wir die ermorden, fällt mehr für dich ab“. Dieser Kern nationalsozialistischer Ideologie wirkt bis heute weiter und tritt uns nun in Form der xenophoben Propaganda entgegen, die ähnlich beschränkt argumentiert und wohl gerade deswegen bei den Beschränkten so gut ankommt. „Die Fremden kommen und wollen am Kuchen mitnaschen, deswegen wird dein Stück davon immer kleiner. Wenn wir sie nicht kommen lassen, wird es wieder größer“, so erzählt man es den Leuten, und weil die meisten nichts von Ökonomie verstehen, kommt das gut bei ihnen an. Tatsächlich ist beispielsweise das Gerede von den Flüchtlingen und Migrantinnen, die bloß wegen der Sozialleistungen zu uns kommen wollten, nichts anderes als ein Echo der NS-Propaganda gegen „unnütze Esser“. Es ist eine antizivilisatorische Regung, denn volkswirtschaftlich gesehen gibt es keine „unnützen“ Menschen. Sogar der Koma-Patient gibt dem Menschen, der ihn betreut, Lohn und Brot. Eben jener Koma-Patient wird erst dann zum Belastungsfaktor und somit zum potenziellen Mordopfer, wenn man die volkswirtschaftliche Betrachtung durch eine betriebswirtschaftliche ersetzt. Und das ist seit 40 Jahren die Kernbotschaft rechtsliberaler Propaganda und Praxis. „Mehr privat, weniger Staat“ lautet seit Jahrzehnten die Catchphrase jener, die alle Lebensbereiche der Kapitalverwertung unterwerfen wollen. Damit aber stoßen sie das Tor zur Barbarei auf, denn wenn sich alles und jeder rentieren muss, und zwar betriebswirtschaftlich, dann gibt es tatsächlich „unnütze“ und „überflüssige“ Menschen, deren Erhaltung den „Standort“ schwächt.

Die Anzeichen der erneuten Barbarisierung der Verhältnisse sind schon seit Jahren für jene gut sichtbar, die die Augen nicht fest verschließen. In diesem Blog wurde immer wieder darauf hingewiesen. Die Rückkehr der Euthanasie in den Benelux-Staaten, wo inzwischen eine psychiatrische Diagnose ausreicht, um sich mit offizieller Genehmigung töten zu lassen. Die um ein Vielfaches härteren Strafen, die kriminell gewordenen psychisch Kranken im Vergleich zu sogenannten gesunden drohen und die teils jahrzehntelange Freiheitsberaubung psychisch Auffälliger. Die Abspeisung von Millionen Armen durch private Charity wie die Tafeln. Die teilweise Abschaffung der Invalidenrenten. Existenzgefährdende Sanktionen für Arbeitslose. Und nun das Gerede, von Sozialhilfe abhängigen Menschen Essensmarken statt Geld zu geben und sie zur Zwangsarbeit einzuteilen. All das und mehr war das Vorglühen der neuen Bestialität, deren Fratze uns im Eingangs beschriebenen Video anstarrt, die in den hasserfüllten Gesichtern jener Mitleidslosen zu erkennen ist, die Kinder zum Weinen bringen und dabei weder Scham noch Reue empfinden.

Obergrenzen und Idioten

Die Idiotie der derzeit Österreich regierenden ÖVP (die SPÖ existiert nur mehr als abnickende Kanzlerdarstellerpartei) kennt leider keine Obergrenzen. Da beschließt man, heuer nur mehr die Schnapszahl von 37.000 Asylanträgen zuzulassen, kommendes Jahr nur mehr 35.000 und im Jahr 2018 nur mehr 30.000 (und irgendwann keinen mehr?). Einmal ganz abgesehen davon, dass hier Völker- und Menschenrecht gebrochen wird, ist das ungeheuer dumm, denn was passiert, wenn Asylbewerber Nummer 37.001 ankommt? Knallt man den dann an der Grenze ab? Lässt man ihn in einem Niemandsland zwischen Österreich und einem angrenzenden Staat auf bessere Tage warten? Die Obergrenze wird nicht einhaltbar sein, ohne zu barbarischen Methoden zu greifen und dem Schlepperbusiness einen Boom zu bescheren, und dann wird die FPÖ antanzen und sagen: „Wir machen das“. Die Obergrenze ist also schon rein taktisch ausgesprochen blöd. Dass eine Obergrenze für Asylanträge völker- und europarechtswidrig ist, wird noch Konsequenzen der schauerlichsten Art haben. Wenn wir Völker- und Europarecht ignorieren, weil es „das Volk“ angeblich so will, dann können wir auch wieder die Todesstrafe und die Folter einführen. Anything goes. Die ÖVP will auch ganz dringend die Mindestsicherung für anerkannte Asylwerber (und damit für alle, da ja ein Gleichheitsgrundsatz gilt) senken oder am liebsten ganz abschaffen. Das kommt allen Ernstes von einer selbsternannten „Wirtschaftspartei“. Auch die SPÖ wird dabei mitmachen, hat sie doch selber bereits vorgeschlagen, die Mindestsicherung auf Sachleistungen zumzustellen.

Extra für die beiden Parteien, die Österreich gerade in den Abgrund regieren, und für die lieben fremdenfeindlichen Schreihälse da draußen habe ich ein paar Thesen zusammengestellt:

-Europa hat ein massives Problem mit einer immer älter werdenden Bevölkerung. Immer weniger wirtschaftlich Aktive müssen immer mehr Pensionisten versorgen. Europa bräuchte daher eine Verjüngung durch Zuwanderung wie einen Bissen Brot. Unter denen, die nach Europa fliehen, sind überdurchschnittlich viele junge und tatkräftige Menschen. Wer tausende Kilometer höchst riskanter Flucht auf sich nimmt, macht das nicht um danach Däumchen zu drehen. Der will was schaffen, will was arbeiten, was unternehmen.

-Zunächst kommen Asylsuchende und Migranten Europa teuer. Es dauert eine gewisse Zeit, bis die Schutzsuchenden und Zuwanderer die Sprache lernen und sich zurecht finden. Aber schon in dieser Zeit, in der sie ein Taschengeld und dann vielleicht die Mindestsicherung beziehen, sind sie Konsumenten. Sie brauchen Lebensmittel Kleidung, Wohnraum und alles das, was man halt so braucht und haben will. Die Folge: Der Konsum steigt massiv an. Das schafft dann direkt Arbeitsplätze. Die Wirtschaft samt den Arbeitsplätzen ist nicht so, wie das eine zunehmend idiotischer werdende Öffentlichkeit glaubt, nämlich ein immer gleich groß bleibender Kuchen, der kleiner wird, wenn mehr Leute von ihm naschen wollen. Die Wirtschaft wächst mit der Zahl von nachfragenden Konsumenten. Mehr Nachfrage = mehr Wirtschaft = mehr Arbeitsplätze. Und nur so werden wir unseren Wohlstand erhalten können.

-Wäre es so, dass Einwanderung die Wirtschaft schwächt und Arbeitsplätze gefährdet, dann wären die USA, seit jeher das Einwanderungsland Nummer 1, niemals zur Weltmacht aufgestiegen.

-Statt hirnrissige Obergrenzen einzuführen bräuchten wir eine gesamteuropäische Asylpolitik und eine Zuwanderungsstrategie. Es ist ein Irrsinn, dass gerade jene Teile Europas, die wirtschaftlich am Boden kriechen, sich am heftigsten gegen Einwanderung wehren. Gerade die brauchen neuen Schwung durch eine steigende Bevölkerungszahl. Dennoch fährt die ganze europäische Politik in die Gegenrichtung und steuert damit auf einen Crash zu, der wohl unweigerlich zum Zerfall der EU und dann zu neuen innereuropäischen Verteilungskriegen führen wird.

-Die sozialen Sicherungsnetze müssen nicht ab- sondern ausgebaut werden. Nur so kann die andauernde und sich, worauf alles hindeutet, massiv verschärfende Wirtschaftskrise überstanden werden, ohne dass es zum völligen Zusammenbruch kommt. Nur so können wir die Chance, die die Zuwanderung darstellt, auch nützen. Wer nichts hat außer ein paar Essensmarken (Modell Mindestsicherung a la ÖVP und jetzt auch SPÖ), versinkt in Lethargie und Passivität. Und muss ein würdeloses Leben fristen. Wir können uns gut ausgebaute Sozialstaaten selbstverständlich leisten. Noch nie gab es dermaßen viele Millionäre und Milliardäre wie jetzt, nie war die Wirtschaft produktiver. Es ist eine Frage des politischen Willens, sonst gar nichts.

Die Moorsoldaten, 2.0

Wohin auch das Auge blicket

Moor und Heide nur ringsum

Vogelsang uns nicht erquicket

Eichen stehen kahl und stumm

Wir sind die Moorsoldaten

und ziehen mit dem Spaten

ins Moor

„Die Presse“, 22.7.2015: Wer die staatliche Sozialhilfe bezieht und arbeitsfähig ist, solle gemeinnützige Arbeit verrichten. In einer Resolution hat der Landtag – übrigens mit den Stimmen der SPÖ – die Bundesregierung aufgefordert, Projekte, bei denen die Bezieher der Mindestsicherung für gemeinnützige Organisationen oder Behörden arbeiten, aus den Mitteln des Arbeitsmarktservice zu finanzieren.

Hier in dieser öden Heide

ist das Lager aufgebaut

wo wir fern von jeder Freude

hinter Stacheldraht verstaut

Wir sind die Moorsoldaten…

Andreas Unterberger, 14.1.2016: Warum werden nicht alle Asylwerber in dieser Zeit in Lagern untergebracht, die sie nicht verlassen dürfen (damit man sie gegebenfalls abschieben kann, damit sich nicht Köln in Österreich wiederholt)?

Morgens ziehen die Kolonnen

in das Moor zur Arbeit hin

Graben bei dem Brand der Sonne

doch zur Heimat steht der Sinn

Wir sind die Moorsoldaten…

Der Standard, 13.8.2015: Noch führt die sogenannte Balkanroute für diese Menschen über die 175 Kilometer lange Grenze zwischen Ungarn und Serbien. Doch seit zwei Wochen baut die Armee, verstärkt durch arbeitsverpflichete Sozialhilfeempfänger und Sträflinge, mit Volldampf einen Zaun, der Migranten den Zugang verwehren soll.

Auf und nieder gehn die Posten

keiner, keiner kann hindurch

Flucht wird nur das Leben kosten

vierfach ist umzäunt die Burg

Wir sind die Moorsoldaten…

Die Presse, 17.1.2016: „Diejenigen, denen wir helfen, sollen auch uns helfen“, sagt Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl in der ORF-Pressestunde, und meint damit nach Österreich kommende Flüchtlinge. Diese sollen seiner Meinung nach ein verpflichtendes Sozialjahr absolvieren.

Heimwärts, heimwärts jeder sehnet

zu den Eltern, Weib und Kind

Manche Brust ein Seufzer dehnet

weil wir hier gefangen sind

Wir sind die Moorsoldaten….

Die Presse, 12.7.2011: Die rechtsnationakle ungarische Regierung unter Premier Victor Orban will Sozialhilfe-Empfänger zur Arbeit zwingen. (…) Die Gesetzesänderung sieht vor, dass Sozialhilfeempfänger zu Arbeiten im Interesse der Gemeinden verpflichtet werden können. Gemeint sind damit Straßenreinigung, Instandhaltung öffentlicher Objekte, Garten- und Waldarbeiten, aber  auch Arbeiten auf Baustellen bei großen staatlichen Projekten. Festgehalten wird im Gesetz zudem, dass Betroffene auch zur Arbeit weit weg von ihrem Wohnort verpflichtet werden können.

Wir sind die Moorsoldaten

und ziehen mit dem Spaten….

 

Mordskerle, diese Politiker

Nichteinmal dann, wenn ihm die Leichen vor die Haustüre fallen, kann das Politikergesindel kurz das Maul halten. Die Toten im Kühllaster waren noch nicht gezählt, da legten unsere Mordskerle von Politikern schon los mit ihren Forderungen, „Schlepper“ härter zu bestrafen, als läge es an den Fluchthelfern, dass schon zehntausende Menschen beim Versuch, nach Europa zu gelangen, elendiglich verreckt sind und nicht an einer verbrecherischen Abschottungspolitik, die Menschen dazu zwingt, extrem riskante Fluchtmethoden zu wählen. Als wäre es nicht genau diese Politik, die den kommerziellen Schleusern erst die Geschäftsgrundlage eröffnet. Wenn Menschen überleben wollen und eine Überlebenschance nur in Europa sehen, wird die Flucht zur Ware, nach der selbst dann eine ständig steigende Nachfrage bestünde, würde man Fluchthelfer öffentlich vierteilen.

Es war der ehemalige ÖVP-Innenminister Ernst Strasser, der die Möglichkeit abschaffte, in österreichischen Botschaften Asylanträge zu stellen. Damit hat er Menschen, die sich nach Österreich in Sicherheit bringen wollen, gar keine andere Wahl gelassen, als dies auf „illegalem“ Wege zu versuchen. Aber die Verantwortung kann man nicht allein der damaligen FPÖ/ÖVP-Regierung umhängen, denn auch die Nachfolgeadministrationen haben das nicht rückgängig gemacht. Und ganz Europa macht sich mitschuldig am Massensterben. Je brutaler die Grenzen dicht gemacht werden, desto verzweifelter die Versuche, sie doch zu überwinden.

Man muss es einmal aussprechen: Europa wird von Mördern regiert. Heute kam aus Großbritannien die Meldung, dass bereits mehr als 4.000 kranke und behinderte Menschen verstorben sind, nachdem ihnen die Regierung die Unterstützung gestrichen und sie für arbeitsfähig erklärt hat. Viele werden sich wohl selbst das Leben genommen haben. Was ist das anderes als Mord? Was ist es anderes als Mord, Menschen in solche Verzweiflung zu stürzen, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sehen als den Suizid? Was ist es anderes als Mord, eine Abschottungspolitik zu machen, der allein den vergangenen zehn Jahren bereits geschätzte 40.000 (!) Menschen zum Opfer fielen? Was ist es anderes als Mord, wenn in Griechenland und Spanien Menschen zu Tausenden sterben, weil sie sich keine medizinische Versorgung mehr leisten können?

Wer sich wehrt, ist verrückt?

Wie der „Standard“ berichtet, verklagt ein Asylbewerber die Republik Österreich und die Kärntner Krankenanstalten Betriebsgesellschaft. Der Mann wurde während eines Hungerstreiks von der Polizei in die Psychiatrie am Klinikum Klagenfurt eingeliefert und dort „fixiert“, also an Armen und Beinen festgebunden, und mit Drogen ruhig gestellt. Er behauptet, 24 Stunden gefesselt gewesen zu sein. Als er über Schmerzen geklagt habe, sei dies ignoriert worden, so seine Darstellung. Unstrittig ist, dass bei dem Mann anschließend eine massive Thrombose festgestellt wurde. Er ist nun teilweise invalid, muss Blutverdünner nehmen und klagt über Depressionen. Dazu eine kleine Punktation:

1. Ein Hungerstreik ist kein Symptom einer Geisteskrankheit, sondern eine politische Handlung. In Klagenfurt wurde also ein Mensch wegen seines politischen Protests gegen politische Verhältnisse in die Psychiatrie eingeliefert. Das widerspricht den Menschenrechten und ist eine Vorgehensweise, die man in Diktaturen oder semi-diktatorischen Regimes verorten möchte, nicht aber in einem demokratischen Rechtsstaat. Die Psychiatrierung politischer Anliegen hat in einer Demokratie nichts verloren. 

2. Die Darstellung des Klägers erscheint mir zumindest teilweise glaubwürdig. Ich habe schon von einigen Betroffenen gehört, dass in der Klagenfurter Psychiatrie (wie auch in anderen psychiatrischen Einrichtungen) körperliche Beschwerden von Patientinnen gerne ignoriert bzw als unglaubwürdige Äußerung von „Unzurechnungsfähigen“ abgetan werden.

3. Wie kommt es, dass Ärzte und Pflegerinnen in diesem Fall so bereitwillig das taten, was die Polizei von ihnen verlangte? Nämlich einen Menschen psychiatrisch behandeln, nur weil der gegen seine Abschiebung protestiert. Ist es ein Anzeichen einer psychischen Erkrankung, wenn jemand nicht dorthin zurück will, von wo er unter Lebensgefahr geflohen ist? Das erscheint mir nicht geisteskrank zu sein, sondern das genaue Gegenteil davon.

4. Der Sonderberichterstatter über Folter des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, Juan E Méndez, erklärte in der 22. Sitzung des “Human Rights Council” am 4. März 2013 Zwangsbehandlung in der Psychiatrie zu Folter, bzw. grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung. Er forderte, dass alle Staaten ein absolutes Verbot aller medizinischen nicht einvernehmlichen bzw. Zwangsbehandlungen verhängen sollten, einschließlich nicht-einvernehmlicher Psychochirurgie, Elektroschocks und Verabreichung bewusstseinsverändernder Drogen, sowohl in lang- wie kurzfristiger Anwendung. Laut der UN-Behindertenrechtskonvention darf eine Behinderung oder Erkrankung „in keinem Fall“ Freiheitsentzug rechtfertigen. Warum wird das in Österreich fast zur Gänze ignoriert?

5. Es geht hier nicht um die Frage, ob man Hungerstreikende sterben lassen soll oder nicht. Selbst wenn sich der Staat zu einem Einschreiten entschließt, gibt es andere Möglichkeiten als die Psychiatrierung samt Fixierung und Verabreichung von Drogen. Was in Klagenfurt passiert ist, läuft darauf hinaus, dass Menschen, die sich gegen politische Zustände wehren, für verrückt erklärt werden und man ihnen noch die letzten Menschenrecht aberkennt.

Biokost im Abschiebungsflieger

Was die österreichischen Grünen wollen, ist rasch erklärt: Das Abschiebungsregime aufrecht erhalten, aber dafür sorgen, dass die Asylbewerberinnen im Knast und im Abschiebungsflieger einwandfreie Biokost bekommen. Eine Änderung des Asylrechts in Richtung mehr Humanität ist ja nach Ansicht der grünen Bundessprecherin Ewa Glawischnig keine Koalitionsbedingung mehr. Nach dem Glattschleifen des sozialen Profils der Partei folgt nun also der Abschied von Menschenrechtspositionen. Und alles nur, damit man im Herbst zusammen mit der ÖVP die „Wirtschaft entfesseln“ kann, wie es ÖVP-Chef Spindelegger vorhat, der ja meint, dass Österreichs Unternehmer nach wie vor unter viel zuviel Sozialklimbim und Menschlichkeitsgedusel litten, ja sozusagen in schweren Keten lägen deswegen. Aber der Mann kann beruhigt sein, denn völlig egal, wer die Wahlen in Österreich gewinnen wird: Der Sozialabbau wird weitergehen und Asylpolitik wird menschenfeindlich bleiben.

Menschen zum Fürchten

Falls sich jemand fragt, wo nach einer faschistischen bzw totalitären Machtergreifung immer so rasch all die Folterknechte und Mittäterinnen und Erschießungskommandofreiwilligen herkommen, hier die Antwort anhand von Userkommentaren zum Polizeiübergriff bei einer Demo gegen Abschiebungen.

„Krone“:

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„Die Presse“:

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„Kleine Zeitung“:

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Arschlochweihnachten

Weihnachten ist schon ein lustiges Fest. Da sitzen antisemitische Xenophobiker ergriffen vor den Abbildern einer jüdischen Flüchtlings-Patchworkfamilie und singen sentimentale Lieder. Gleich danach hetzen sie am Stammtisch oder im Internet wieder gegen Flüchtlinge, Juden und alles, was ihnen sonst noch fremd vorkommt. Diese Leute sind dermaßen dem Denken entwöhnt, dass ihnen die himmelschreienden Widersprüche nicht einmal auffallen. Den Soundtrack zu dieser allgemeinem Dumpfheit lieferte heute eine Sprecherin der ORF-Wohltätigkeitsveranstaltung „Licht Ins Dunkel“, die den erneuten Spendenrekord mit folgendem Satz bejubelte: „Die Spender wissen bei uns halt, dass ihr Geld nur Österreichern zugute kommt“. Ich gratuliere, besser hätte auch ich die Niedertracht in diesem Land nicht zusammenfassen können.

Wie sehr der Geist der Nächstenliebe gerade in diesen feierlichen Tagen durch die Herzen der Österreicher weht, lässt sich bei der Lektüre der Leserforen in den Zeitungen gut ersehen. Asylbewerber, die derzeit in der Wien  gegen ihre Lebensbedingungen protestieren, kriegen die geballte Menschenfreundlichkeit der weihnachtlich gestimmten Arschgeigen zu fühlen.

Krone:

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Die Presse:

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Der Standard:

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Kleine Zeitung:

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