Beschneidung: Pogromstimmung wabert durch die Zeitungen

Was jeder, der noch bis drei zählen kann, vorhersagen konnte, ist natürlich eingetroffen: Die unselige „Beschneidungsdebatte“ lässt alle Dämme brechen und lockt die niederträchtigsten Antisemiten aus ihren Höhlen. Der ehemalige IKG-Präsident Ariel Muzikant findet drastische Worte zum diskutierten Beschneidungsverbot in Österreich, die allerdings gar nicht mehr so drastisch klingen, wenn man ein wenig Ahnung hat vom Judentum und der zentralen Bedeutung der Beschneidung (Ein Beschneidungsverbote „wäre dem Versuch einer neuerlichen Schoah, einer Vernichtung des jüdischen Volkes, gleichzusetzen – nur diesmal mit geistigen Mitteln“). Mittlerweile fordert ja eine breite und höchst interessante Koalition, die von Nazis wie der NPD und Rechtsaußenpolitikern wie dem Kärntner Landeshauptmann (der ja im Moment keine größeren Sorgen zu haben scheint und der sich nicht entblödet zu behaupten, keinen Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Beschneidung zu erkennen) über diverse Kinderrechtler aller Fraktionen bis hin zu Grünen, manchen Sozialdemokraten und dezidiert Linken, die Religionskritik mit Religionsvernichtung verwechseln, reicht, dass man den Juden gefälligst eine ihrer heiligsten Traditionen verbieten müsse. Und damit eben jüdisches Leben in Deutschland und Österreich unmöglich machen würde. Wer sich, wie ich, gedacht hatte, das würden sie sich nicht trauen, die Antisemiten, zumindest nicht in den nächsten 1.000 Jahren nach dem Holocaust, der war auf dem Holzweg. Sie trauen sich, und sie fühlen sich auch noch moralisch überlegen dabei. Da ist es kein Wunder, wenn der Pöbel sich ermuntert fühlt, seinen antisemitischen inneren Schweinehund Gassi zu führen und auf Muzikants Warnung entsprechend reagiert. In diesen Tagen gilt besonders, dass man einen Antisemiten daran erkennt, dass er seine Sätze mit „ich bin kein Antisemit, aber“ beginnt. Und Dummköpfe erkennt man daran, dass sie tatsächlich davon ausgehen, ihre wie auch immer motivierte Kritik an der männlichen Beschneidung würde vom braunen Gesindel nicht als Jagdschein (miss?)verstanden werden.

„Kleine Zeitung“:

„Der Standard“:

„Kurier“:

„Die Presse“:

„Krone“:

Penisse in aller Munde

Wer in den vergangenen Wochen die deutschsprachigen Feuilletons und Talkshows und Facebookdebatten mitverfolgt hat, der musste den Eindruck gewinnen, dass nichts die Deutschen und Österreicher so sehr bewegt, wie die Penisse anderer Männer. Vorhaut hier, entblößte Eichel da, Schwänze überall, von BILD bis Zeit, männliche Geschlechtsorgane waren plötzlich in aller Munde, sogar in jenem von Angela Merkel, was in der Tat eine traumatisierende Vorstellung ist. So eine Debatte ist, wie Henryk M. Broder bemerkte, pornographisch, erlaubt sie doch ein schamloses Hingucken auf jüdische und muslimische Geschlechtsteile, unter dem Vorwand natürlich, dass man als gründlich zivilisiertes Kulturvolk, das diese Zivilisiertheit unter anderem durch den furchtbarsten Völkermord der Weltgeschichte unter Beweis gestellt hat, sich herausnehmen dürfe, den wilden semitischen Stämmen mal auszurichten, dass diese, wenn sie die Vorhaut ihrer Knaben beschneiden, Körperverletzung begehen und dass sie solch „archaische Bräuche“ doch bitte gründlich überdenken sollten, denn erst wenn kein jüdischer oder muslimischer Penis mehr ohne Vorhaut ist, wird man … natürlich gleich den nächsten Vorwand suchen, um seinen Antisemitismus zu rationalisieren. Machen wir uns doch nichts vor: Die Beschneidungsdebatte ist, so wie sie geführt wird, natürlich eine antisemitische und antimuslimische. Wenn ausgerechnet ein deutsches Gericht ein Urteil fällt, dass sich massiv negativ auf einen konstituierenden Teil jüdischer Religion, jüdischer Tradition und jüdischer Identität auswirkt, wenn die Nazis darüber jubeln und den Juden bereits eine „gute Heimreise“ wünschen und die Hälfte der Deutschen laut Umfragen ganz ähnlich denkt, dann muss doch auch der Dümmste begreifen, dass es hier natürlich nicht um das Selbstbestimmungsrecht von Kindern geht, um Sinn oder Unsinn der Beschneidung, sondern allein darum, den Juden als Barbaren zu verleumden, der böswillig seine eigenen Söhne verstümmelt, während man sich selbst als ganz doll aufgeklärten Humanisten imaginiert, der mit dem Gestus des Kolonialherren angewidert die Bräuche der Primitiven anprangert.

So wie die Kolonialisten sich einst damit rechtfertigten, den „Wilden“ Jesus und Kultur zu bringen, behaupten auch die meisten Beschneidungsgegner, sie hätten nur das Wohl der armen Kinderlein im Sinn, die man doch nicht einfach so „verstümmeln“ dürfe. Verstümmeln ist etwas ziemlich Negatives, nicht wahr? Das klingt nach Handabhacken, Klitoriswegschneiden und Kastration. Wenn man nun die männliche Beschneidung als Körperverletzung und Verstümmelung klassifiziert, was sagt man damit jenem geschätzten Viertel der männlichen Menschheit, das beschnitten ist? Man sagt diesen hunderten Millionen, dass ihnen im Vergleich zum unbeschnittenen europäischen Mannsbild etwas ganz Wichtiges fehle. Durch die Haltung, Beschneidung sei ein verstümmelnder Eingriff mit negativen Auswirkungen suggeriert man, der Vorhautträger sei eigentlich der vollkommenere Mann, da dem Vorhautlosen ja etwas fehle. Die Beschnittenen selbst, die aus religiösen oder medizinischen Gründen kein Praeputium haben, sehen das zwar ganz anders, aber was wissen die schon? Die sind ja voreingenommen, da braucht es schon den völlig objektiven deutschen Michel, der diesen armen Menschen erklärt, dass sie allesamt körperverletzte Verstümmelte seien.

Sicher, nicht jeder Bescheidungskritiker ist ein von Kastrationsängsten gebeutelter Hanswurst, der seine Ängste als Mitgefühl getarnt auf Judenpenisse projiziert. Und ja, „Gott will es“ ist kein valides Argument pro Beschneidung. Es ist legitim, allerlei Theorien darüber aufzustellen, was die Beschneidung bedeutet, worher sie kommt, welchen Sinn oder Unsinn sie darstellt und ob man an uralten Traditionen festhalten muss, nur weil die eben uralt sind. Das wurde ja schon in den Anfangstagen der Psychoanalyse gemacht und es gibt, natürlich weit abseits der deutschen Hysterie, ernsthafte Diskussionen über die Beschneidung. Auch innerhalb des Judentums existieren Beschneidungskritiker, die zum Beispiel meinen, der Deal zwischen Gott und Abraham sei eher symbolisch gemeint gewesen und dass man im ganz frühen Judentum nur ein Fitzelchen der Vorhaut abgeschnitten hätte und nicht den ganzen Hautfetzen. Leider waren diese Leute damals nicht dabei, als dieser Bund geschlossen wurde (höchstwahrscheinlich war niemand dabei), weshalb dieses Argument auch kein überzeugendes ist, aber  genau dort gehört eine Beschneidungsdebatte hin, nämlich in den innerjüdischen bzw. innermuslimischen Dialog. Im völligen Gegensatz zur weiblichen „Beschneidung“, die tatsächlich eine Verstümmelung ist, deren einziger Zweck die Zerstörung weiblichen Lustgefühls und damit die Unterwerfung von Frauen unter kulturelle Vorstellungen ist, in denen die Frau als Besitztum des Mannes gesehen wird, wirkt sich männliche Beschneidung nicht mal ansatzweise so negativ auf das (Sexual)Leben der Beschnittenen aus, man könnte sogar sagen, dass sie, wenn schon, dann das Sexualleben eher verbessert. Oder meint jemand ernsthaft, die männlichen Amerikaner, von denen rund 70 Prozent beschnitten sind, hätten weniger Spaß am Sex als der gemeine europäische Häutchenbesitzer?

Abschließend ein kleiner Ausflug in die Religionsgeschichte. Die erste große Beschneidungsdiskussion fand in Jerusalem zwischen 44 und 49 nach Christus statt. Hätte sich beim Apostelkonzil die Fraktion um Jesus-Bruder Jacobus durchgesetzt, wären heute alle Christen beschnitten. Das wäre eine gute Sache gewesen, hätte es uns doch erspart, dass wir heute nervtötende und über alle Maßen aufgebauschte Beschneidungsdebatten führen…