Parasite Of This Town

Wer stets heiter durch das Leben wandelt und nie auch nur den Anflug einer Depression verspürt möge jetzt bitte weiterblättern. Für solche Menschen hat Nick Drake seine Lieder nicht geschrieben. Seine Songs sind den Verlierern gewidmet, den lebensuntüchtigen Träumern, die mit der großen Beleidigung, die man Alltag nennt, nicht zurecht kommen. Drake war die leise Stimme des Zweifels und der Verzweiflung, die gegen den Lärm der gedankenlosen Frohnaturen nicht ankam. Er starb 1974 an einer Überdosis Anidepressiva.

Am 19. Juni 1948 wird Nicholas Rodney Drake in Burma geboren, wo sein Vater als Ingenieur arbeitet. 1951 geht’s zurück nach England, die Familie lässt sich im Shakespeare-Städchen Tanworth-in-Arden nieder. Früh lernt Nick Klavierspielen, interessiert sich zunächst aber mehr für Klassik als für Blues und Folk. In der Schule deutet nichts darauf hin, dass der junge Drake auf die Verliererstraße einbiegen würde: Er ist Captain des Rugby-Teams, ein hervorragender Leichtathlet und beliebt bei den Mädchen. Er beginnt, sich für die Beatles, Bob Dylan und Randy Newman zu interessieren und bittet seine Eltern, ihm eine Gitarre zu kaufen. Binnen weniger Monate fängt er an, Songs zu schreiben. Kurz danach tritt er in kleinen Clubs in Cambridge auf und beeindruckt dort Ashley Hutchings, der bei den Folkrockern von „Fairport Convention“ mitgeigt. Hutchings spielt den Bossen von Island Records ein paar Demos von Nick vor und die nehmen den gerade mal 20-Jährigen unter Vertrag.

Drei Alben nimmt Drake im Laufe von drei Jahren auf, und alle sind sie zu Lebzeiten des Künstlers erfolglos. Den Start macht 1969 “Five leaves left”, wo sich schon zeigt, dass da ein ganz außergewöhnlicher junger Mann am Werk ist. Der Titel der Platte bezieht sich auf die Warnung, die allen Selberdrehern und Jointfabrikanten bekannt sein dürfte, dass nämlich nur mehr fünf Blättchen Zigarettenpapier vorhanden sind. Schon auf seinem Debutwerk klingt Nick anders als die folkige Konkurrenz. Die offenen Tunigs für seine Gitarre sind so eigenwillig, dass manche seiner Lieder bis heute nicht richtig transponiert werden konnten, seine Stimme ruft Bilder hervor von vielen leergerauchten Zigarettenpackungen und von der Verlassenheit niedergebrannter Lagerfeuer, die im Finstern nachglimmen, nachdem die Party längst vorbei ist.

1970 schiebt Nick den Longplayer “Bryter Layter” nach, der aber auch nicht den erhofften Durchbruch bringt, obwohl prominente Kollegen wie das Gitarrengenie Richard Thompson aushelfen. Der ausbleibende Erfolg liegt zu einem großen Teil auch daran, dass Drake sich weigert, auf Promo-Tour zugehen. Die ersten Symtome einer schweren Depression haben eingesetzt und Nick fürchtet sich vor Liveauftritten. Neuere Studien deuten an, dass Menschen mit einer Prädisposition für psychische Erkrankungen von exzessivem Haschischkonsum die Finger lassen sollten, ganz zu schweigen von LSD. Drake hat über Jahre hinweg Joints geraucht wie andere Leute Zigaretten (wobei er die Krebstorpedos zusätzlich in Massen konsumierte), und gerne trippte er auf Dr. Hofmanns Elixier. Während viele andere Psychonauten sanft landeten, krachte Nick in die Schluchten seiner Seele, aus denen er nie mehr herausfand.

Zum musikalischen Misserfolg kommt ein privates Desaster: Nick, patholgisch menschenscheu, verliebt sich und gesteht der Frau nach Monaten endlich seine Zuneigung, doch sie lässt ihn eiskalt abblitzen. Das verstärkt bei Drake das Gefühl, ein Loser zu sein, ein Außenseiter, der zwischen sich und der Welt eine unüberwindbare Mauer vorfindet. Nach “Five leaves left” schmeißt er auch noch sein Studium zwei Monate vor dem Abschluss hin und zieht nach London. Sein Vater beschwört ihn, doch nicht die “Sicherheit” einer brotberuflichen Ausbildung wegzuwerfen, aber Nick antwortet: “Sicherheit ist genau das, was ich nicht will.” Bei einem Kurztrip nach Frankreich lernt er die Chanteuse Francoise Harin kennen und lieben. Von der jungen Parisiern mit den traurigen Augen fühlt Drake sich verstanden. Doch eine längere Beziehung wird daraus nicht.

Fast zwei Jahre lang arbeitet Nick dann an seinem letzten Werk, dem Klassiker “Pink Moon”. Der Titelsong wurde Anfang der 90er von VW für eine Werbekampagne missbraucht, was wohl einen Tiefpunkt der ohnehin nicht gerade überschäumenden Sensibilität der Werbebranche darstellt. “Pink Moon” und VW Golf, das ist wie Black Metall und Vatikan, also eigentlich unvereinbar. Die Platte klingt nach der Abgeklärtheit des Selbstmörders, der fast amüsiert auf den Misserfolg seines Lebens zurückblickt. Lieder wie “Parasite of this Town” erzählen von einem jungen Mann, der keine Zukunft sieht, sondern nur Schmerz und Erniedrigung. Gesungen werden die schwarzen Balladen mit einer Stimme, die von mehreren Packungen Zigaretten pro Tag und einer Scheu vor dem eigenen Klang gezeichnet ist.

Nachdem auch diese Platte floppt, fällt Drake endgültig in ein bodenloses Loch. Er hält sich für auf allen Linien gescheitert, weiß nicht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Nach einem Besuch beim Psychiater ist er noch depressiver. “Welchen Grund gibt es, weiterzuleben?”, fragte er einen Freund. Zunehmend verwirrt will er sich bei der Armee melden, fällt aber mit Karacho durch den Aufnahmetest. Dann hat er die glorreiche Idee, Computerprogrammierer zu werden, meldet sich bei einer Londoner Firma, schmeißt den Job aber nach einer Stunde hin. Er trifft sich nicht mehr mit seinen Freunden, zieht sich zurück und schreibt Lieder über den Tod. 1974 kann sich Nick noch ein letztes Mal dazu aufraffen, in ein Tonstudio zu gehen. Das letzte Lied, das er je aufnimmt, handelt von einem schwarzäugigen Hund, der – als Symbol des Jenseitigen, des Todes – den Namen des Sängers ruft. Der Song endet mit den bestürzend resigniert gesungenen Worten “I am tired and I wanna go home”. Damit bringt Nick seinen Gefühlszustand wenige Tage vor seinem Tod auf den Punkt: Er hat die Schnauze voll. Das Musikbusiness, das ihn anekelt, die lieben Mitbürger, die in ihm nur einen gescheiterten Schmarotzer sehen, ja die ganze Welt – alle können sie ihm den Buckel runter rutschen, sie interessieren ihn nicht mehr.

Am 25. September 1974 geht Nick im Haus seiner Eltern in Tanworth-in-Arden zu Bett. Weder seine Mutter, noch seine Schwester bemerken irgendwelche Alarmzeichen. Am nächsten Tag wird er mit einer Überdosis Tabletten im Bauch tot aufgefunden. Abschiedsbrief hinterlässt er keinen, bis heute ist es umstritten, ob er Selbstmord begangenen hat oder einfach nur versehentlich zu viele Antidepressiva geschluckt hat. Einmal im Jahr spielt der Organist der örtlichen Kirche Nicks Lieder. Inzwischen ist man in Tanworth-In-Arden nämlich stolz auf den einstigen “Parasiten der Stadt”.

Malvina Reynolds: Sich nicht in „little boxes on the hillside“ stecken lassen…

Als der ORF 2007 die amerikanische TV-Serie „Weeds“ ins Programm nahm, die von einer alleinerziehenden Mutter handelt, die, um nach dem Tod ihres Gatten ihren Lebensstandard halten zu können, in das Geschäft mit Marihuana einsteigt, war ich sofort vom Eröffnungssong gefesselt. Das Lied „Little Boxes“, das schön sarkastisch das glattgebügelte, durchgeplante und konformistische Leben in den amerikanischen Vorstädten beschreibt, wo „alle gleich aussehen“ und die Kinder genau so werden wie ihre Eltern, zog mich in seinen Bann, also erkundete ich Autorin und Interpretin des Songs (der übrigens orginellerweise in jeder Weeds-Episode von anderen Künstlern gecovert wird) und stieß auf einen Namen, der mir bis dahin unbekannt gewesen war: Malvina Reynolds. Da „Weeds“ zur Zeit auf  diversen Fernsehsendern wiederholt wird, ist ein guter Anlass gegeben, um an diese bemerkenswerte Frau zu erinnern.

Jewish communist internationalists

Im Jahr 1900 bekam ein jüdisches Kommunistenpärchen, das aus der Alten Welt voller Hoffnung auf bessere Zeiten nach Amerika ausgewandert war, in San Francisco ein Baby. Malvina Reynolds erblickte das Licht einer Welt, die noch nicht wusste, dass ihr zwei Weltkriege und die Vernichtung eines Großteils des europäischen Judentums bevorstand. Als Malvina 14 Jahre alt war, sah sie ihre Eltern gegen die Teilnahme der USA am Ersten Weltkrieg agitieren, der von ihnen, da sie internationalistisch eingestellte Sozialisten waren, als „Imperialistischer Krieg“ wahrgenommen wurde. Und wenige Jahre später erlebte und teilte Malvina den Jubel ihrer Eltern und von deren Freunden und Gesinnungsgenossen über die russische Oktoberrevolution. Malvina Reynolds wurde also durchgängig politisch links sozialisiert.

Obwohl ihre Eltern nicht begütert waren, legten sie Wert darauf, dass ihre Tochter nicht nur Musikunterricht bekam, sondern auch eine Universitätsausbildung – alles andere als selbstverständlich in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die junge Frau studierte also Literaturwissenschaft und lernte in den Vorlesungen Leute kennen, die ähnlich politisiert waren wie sie. Aber sie heiratete keinen Akademiker, sondern einen von der Poesie begeisterten Matrosen, der später mit dem Slogan „Ihr schmeißt die Leute aus ihren Wohnungen, wir organisieren den Aufstand dagegen“ erfolglos für ein US-Senatorenamt kandidierte. Musik spielte im damaligen Leben Malvinas zwar bereits eine große Rolle, aber selber Songs zu schreiben kam ihr noch nicht in den Sinn.

Freiwillig in der Munitionsfabrik

Das änderte sich erst, als sie Platten von Woody Guthrie hört und den Folksänger und Politiaktivisten Pete Seeger persönlich kennenlernte. Sie war von dessen Auftritten so begeistert, dass sie im zarten Alter von 42 anfing, Lieder zu schreiben – und damit eine Ausrucksform fand, die ihr mehr lag als die Arbeit als Teilzeitjournalistin, die sie zuvor ausgeübt hatte. So wie ihre Eltern und wie fast alle amerikanischen Linken, inklusive Pete Seeger, war Malvena überzeugte Pazifistin, die Kriege grundsätzlich als Unternehmungen zugunsten der herrschenden Klassen wahrnahm. Doch als die USA in den Zweiten Weltkrieg eintreten, änderte sie ihre Meinung und arbeitete sogar freiwillig in einer Munitionsfabrik. Sie wusste genau, dass der Nazifaschismus und der japanische Imperialismus Todfeinde der Freiheit und der Menschheit waren, und sie wollte etwas gegen den Vernichtungsantisemitismus unternehmen. Und sei es auch nur, Granaten zusammenzuschrauben.

Erfolg und Depressionen

Erst nach dem Krieg begann sie eine ernsthafte Karriere als Musikerin und schaffte es recht rasch, als eine der Stimmen des „Protest-Folks“ wahrgenommen zu werden. Die Kommunistenhatz der McCarthy-Ära schadete ihr nicht, da sie materiell genügsam und nicht abhängig von Aufträgen oder Posten im öffentlichen Dienst war. Ihr – nicht nur wegen „Weeds“ – bleibendstes Statement gelang ihr 1962 mit dem Lied „Little Boxes“, aber auch der Anti-Atomkriegssong „What Have They Done To The Rain“ erlangte große Populäritat, nicht zuletzt durch die Coverversion von Joan Baez. Malvina Reynolds’ größter kommerzieller Erfolg ist allerdings das Kinderlied „Mornington Ride“, das 1965 in der Version der Band „The Seekers“ auf Nummer 5 der britischen Charts kletterte. Kinderlieder waren überhaupt die große Leidenschaft der Songschreiberin, vor allem, als sie selbst Mutter wurde. Sie hat insgesamt drei Alben mit Liedern für Kinder vollgesungen.

Späte Anerkennung und Tod

Ende der 60er Jahre und in den frühen 70ern bekannten sich viele junge Stars der Folk- und Folkrockszene dazu, von Malvina Reynolds beinflusst worden zu sein. Einer ihrer größten Fans ist Country Joe McDonald, aber auch Phil Ochs und Arlo Guthrie benennen öffentlich den Einfluss, den die energiegeladene Frau auf sie hatte. Dass sie an schweren Depressionen litt, wussten nur wenige, obwohl der Song „There Is A Bottom Below“ davon ein beredtes Zeugnis ablegt. Am 17. März 1978 starb Malvena Reynolds nach kurzer Krankheit im Kreise ihrer Familie. Neben den drei Platten mit Kinderliedern hinterlässt sie sechs Alben mit Protestsongs, die auch heute noch hörenswert sind.

They took the long way home

Der exzentrische niederländischer Millionär Stanley August Miesegaes, fasziniert von der Rockmusikzene, setzt sich 1969 in den vermutlich bekifften Kopf, einen Teil seines Vermögens in eine britische Band zu investieren. „Sam“, wie Miesegaes Spitzname lautet, ist zu dieser Zeit mit dem britischen Musiker Rick Davies befreundet, also gibt er dem den Auftrag, eine Gruppe zusammenzustellen. Für das Finanzielle würde Sam schon sorgen. Davies schaltet kurzerhand eine Anzeige mit dem verlockenden Titel „Musiker gesucht – einmalige Gelegenheit“ im Szenemagazin „Melody Maker“, und neben dem Gitarristen Richard Palmer und dem Drummer Robert Millar antwortet auch der blutjunge Multiinstrumentalist Roger Hodgson auf das Inserat. Als dieser beim Casting „Dear Mr. Fantasy“ von Traffic zum Besten gibt, ist Davies von der falsettartigen, aber dennoch voluminösen Stimme Hodgsons so begeistert, dass er ihn vom Fleck weg engagiert – eine weitreichende Entschiedung, wie sich einige Jahre später zeigen sollte. Die Band sucht noch einen Namen, und als Hodgson im Bücherregal von Davies den obskuren Roman „The Autobiography of a Super-Tramp“ stehen sieht, macht es „klick“.

Das erste, selbstbetitelte Album erblickt am 14 Juli 1970 das Licht der Welt und wird zunächst nur in Großbritannien und Kanada veröffentlicht. Mit gelinde gesagt mäßigem Erfolg. Schade eigentlich, denn die Platte ist eine hübsche Mischung aus versponnenen musikalischen Hippieträumen und leicht angejazzten Rockern. Roger Hodgson singt fast alle Leadvovals und spielt einen höllisch heißen Bass. Noch ist man weit von dem Stil entfernt, der die Band zu einer der erfolgreichsten aller Zeiten machen wird, aber schon hier tauchen in den Texten jene Motive auf, die später immer wieder eine Rolle spielen werden: Das Unbehagen sensibler junger Leute an der Kultur, Entfremdungsgefühle, Sinnsuche.

Vom Misserfolg entmutigt, verlassen Palmer und Millar die Band und werden durch Frank Farrel und Kevin Currie ersetzt. Man nimmt das Album „Indelibly Stamped“ auf, das am Plattencover mit dem Foto der nackten Brüste einer über und über tätowierten Frau provoziert. ,Rick Davies wagt sich nun auch selber hinters Mikrophon und singt die von ihm geschriebenen Songs, so wie Hodgson es bei seinen Liedern macht. Dennoch steht unter allen Nummern als Writers Credit „Roger Hodgson/Richard Davies“. Das sollte beiden kreativen Köpfen gleiche Einkünfte sichern und entsprach dem linken Zeitgeist. Viele Jahre später sollte Hodgson diese Entscheidung öffentlich bereuen, da die größten Hits der Band großteils aus seiner Feder stammen und Davies dennoch bis heute daran mitverdient. „Indelibly Stamped“ verkauft sich noch schlechter als der Vorgänger und der niederländische Financier zieht sich zurück, nachdem er noch die offenen Schulden der Band beglichen hat. Dennoch sind auf der Platte mit Rick Davies` „Friend in need“ und Hodgsons „Rosie had everything planned“ zwei Songs drauf, die bis heute zuweilen im Radio zu hören sind.

1973 stehen Supertramp ohne Geldgeber und ohne Plattenvertrag da und wieder verlassen zwei Mitglieder die scheinbar glücklose Kapelle. Doch Davies und Hodgson beschließen nach einem gemeinsam durchlebten LSD-Trip weiterzumachen und engagieren den amerikanischen Drummer Bob Siebenberg, den begnadeten Saxophonisten John Helliwell und den schottischen Bassisten Dougie Thompson. Das Quintett spielt Demobänder ein und schickt sie an das neu gegründete Label A&M. Die dortigen Jungmanager erkennen das Potenzial, nehmen die Gruppe unter Vertrag und erlauben ihr sogar, das neue Album sehr aufwändig und mit neuester Technik zu produzieren. Heraus kommt im Jahr 1974 „Crime of the Century“, das von vielen Kritikern als eine der besten Platten der 70er eingestuft wird und endlich den internationalen Durchbruch einleitet. Stilistisch wandeln Davies und Hodgson hier auf Progrock-Pfaden, wenn auch zugänglicher und nicht ganz so abgehoben wie die Kollegen von Genesis, Yes oder Van Der Graaf Generator zu dieser Zeit. Die Schulschwänzerhymne „School“ eröffnet die von „Teenage-Angst“ schier platzende Platte und stellt die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines angepassten Lebens. Thematisch wie auch musikalisch nahtlos anschließend folgt der erste US-Hit der Gruppe, der Davies-Song „Bloody Well Right“. In Europa macht vor allem Hodgsons „Dreamer“ die Gruppe in den Hitparaden bekannt. Man hat endlich das Erfolgsrezept gefunden: Texte, welche die Verunsicherung und Verstörung junger Menschen angesichts der Herausforderungen das modernen Lebens auf den Punkt bringen und Melodien, die von oberster Ohrwurmqualität sind. Wer fühlt sich nicht manchmal wie „Rudy“ in einem Zug nach Nirgendwo sitzend? Wer geht schon gerne zur Schule oder ins Büro? Wer ist nicht frustriert, wenn sich die angeblich freie Welt als kaum durchlässige Klassengesellschaft entpuppt? Supertramp treffen einen Nerv, und diese Treffsicherheit wird mit kommerziellem Erfolg belohnt. „Crime of the Century“ schafft es in den USA bis auf Platz 38 der Billboard-Charts.

Ein Jahr später legen Davies und Hodgson mit „Crisis? What Crisis“ den nächsten Longplayer nach, der aber bei weitem nicht so ausgefeilt durchkomponiert und produziert ist wie die Vorgängerplatte und auch keinen echten Hit enthält. Einzig das fragil-schöne „A Soapbox Opera“ und das Swamp-rockige „Ain`t Nobody but Me“ retten die Scheibe vor der Bedeutungslosigkeit. Nach zwei Jahren Studiopause kommt 1977 „Even In The Quietest Moments“ heraus und der von Hodgson komponierte Feelgood-Song „Give A Little Bit“ wird zum ersten Welthit der Band. Das simple Liebeslied ist dermaßen mitreißend und bezaubernd, dass es noch über 30 Jahre später in den FM-Stations aller Welt rauf und runter gespielt wird, ohne dass der Charme des Songs totzukriegen wäre. Dass zu dieser Zeit gerade der Punk die Musikwelt revolutioniert, geht an Davies und Hodgson spurlos vorbei, was ihnen auch gar nicht weiter schadet. Supertramp sind so „anti-punk“, wie es nur geht, und das gefällt ihren Fans.

1979 kommt „Breakfast in America“, das Werk, das den Musikern die Rente sichern sollte. Der Megaseller trumpft mit einem Hit nach dem anderen auf („The Logical Song“, „Goodbye Stranger“, „Take The Long Way Home“, der Titelsong…) und erreicht fast überall in der westlichen Welt Gold- und Platinstatus, obwohl die Lieder von zerbrechenden Ehen, geplatzten Immigrantenträumen und der Sinnlosigkeit des Konsumentendaseins handeln. Oder gerade deswegen? Die nunmehrigen Weltstars schieben 1980 das famose Livealbum „Paris“ nach, doch innerhalb der Band kriselt es, weil sich die Gattinnen von Davies und Hodgson spinnefeind sind und man breits heftig über die Tantiemenaufteilung streitet. Das letzte Album mit Hodgson, „Famous Last Words“, gerät trotzdem ausgesprochen wohl und bietet mit „It´s Raining Again“ erneut einen weltweiten Nummer-1-Hit. Danach verlässt Hodgson die Band und veröffentlicht sein Solodebut, „In The Eye Of The Storm“, das sich annehmbar verkauft. Die zurückgelassenen Kollegen machen als Supertramp weiter und das anspruchsvolle, mit Prog- und Jazzelementen glänzende Konzeptalbum „Brother Where You Bound“ wird zu einem letzten künstlerischen und kommerziellen Welterfolg. Danach ist die Luft entgültig raus. Supertramp spielen noch zwei Platten ein, die wie Blei in den Regalen liegen, und auch Hodgson gewinnt am Musikmarkt keinen Blumentopf mehr. Sowohl Supertramp, als auch Hodgson tingeln von Zeit zu Zeit durch die Lande und zehren von alten Großtaten, machen sich zum Teil auch lächerlich (Hodgson wird Juror der kanadischen Version von „Deutschland sucht den Superstar“) und jeder Versuch einer Reunion scheitert trotz des immer noch vorhandenem Interesse der Fans an den Egos der ehemaligen Hitfabrikanten.


I think of demons

In der texanischen Irrenanstalt „Rusk State Hospital for the Criminally Insane“ hat man Ende 1969 von Gesprächstherapie und offener Psychiatrie noch nicht viel gehört. Die Patienten, egal ob depressiv oder schizophren, werden niedergespritzt, an ihre Betten gekettet und mit Elektroschocks traktiert. Unter den Insassen befindet sich damals auch Roky Erickson, ein hagerer junger Mann, der zwischen den „Behandlungen“ Songs schreibt und mit anderen Patienten die Gruppe The Missing Links gründet, die manchmal für ihre Folterer und für Rednecks, die „Verrückte“ in Aktion sehen wollen, aufspielen darf. Einige Lieder singt Erickson seiner Mama vor, die das Material mit einem primitiven Rekorder dokumentiert. Als er 1973 endlich entlassen wird, hält er sich für einen Marsmenschen und konvertiert zum Satanismus – ein weiterer großer Heilungserfolg der Psychiatrie.

Slip Inside This House

Anfang 1969 ist Erickson noch Sänger und Gitarrist der 13th Floor Elevators, jener Band, die dem Psychdelelic-Rock seinen Namen gegeben hat (LP „The Psychedelic Sounds of the 13th Floor Elevators“, 1966). Die Gruppe ist  vom Beat-Poeten und LSD-Verherrlicher Tommy Hall gegründet worden, als Background-Sängerin agiert kurzzeitig eine gewisse Janis Joplin, und im Vorprogramm darf eine unbekannte Truppe, die sich später ZZ TOP nennen wird, auftreten. Nachdem sich Joplin in das gelobte Hippie-Land Kalifornien aufgemacht hat, wo sie sehr bald Starruhm, Heroin und den Tod finden wird, nehmen die Elevators drei Alben auf, die bis heute fortgeschrittene Rockfans in ihren Bann ziehen. Markenzeichen der Band ist ein elektrifizierter Jug (krugartiges Instrument aus der amerikanischen Volksmusik), der die wunderbar geschriebenen Songs mit einem hypnotischen Zusatz-Rhythmus aufpeppt. Und natürlich ist da diese Stimme, Ericksons Stimme, die sich wie eine mit Lysergsäure geschmierte Kreissäge in das Bewusstsein der Zuhörer frisst. Wie es damals üblich ist, wird die Band von ihrer Plattenfirma gnadenlos betrogen und keiner der noch lebenden Elevators – der Rhythmusgitarrist wird 1978 im Heroinrausch von seiner Freundin erschossen werden – wird bis zur Jahrtausendwende einen einzigen Cent an Tantiemen sehen.

Roller Coaster

Man kann sich vorstellen, dass es eine Psychedelic-Band im Texas der 60er Jahre nicht leicht hat. Tatsächlich geraten ihre Auftritte und Tourneen zu einem Katz-und-Maus-Spiel mit den Cops, die es sich zu ihrer Lebensaufgabe gemacht zu haben scheinen, diese langhaarigen Drogenaffen hinter Gitter zu bringen. Die Truppe benimmt sich auch nicht gerade unauffällig. Erickson wird ein paar Jahre später zu Protokoll geben, „rund 300 LSD-Trips“ geschluckt zu haben, und es ist keine Seltenheit, dass die Band völlig bedröhnt auf der Bühne steht – der Sänger und Gitarrist auf Acid, der Bassist auf Psylocibin, der Schlagzeuger auf Speed, der Jug-Mann auf Meskalin und der Rhythmusgitarrist auf Peyote. Mitte 1969 hat die Polizei endlich Glück: Sie verhaftet Roky Erickson wegen des Besitzes von ganzen sechs Joints. Das mag heute lächerlich wirken, aber damals konnte man in Texas wegen einer einzigen Wundertüte zu 20 Jahren Knast verdonnert werden.

Please, Judge

Roky entschließt sich, vor Gericht den Irren zu mimen und erzählt „His Honour“ von schlimmen Halluzinationen und bösen Stimmen in seinem Kopf. Nach seinem jahrelangen exzessiven Konsum von LSD & Co braucht er sich vermutlich nicht einmal allzu sehr verstellen. Judge and Jury schicken den Musiker in eine Klapsmühle für Kriminelle. Das ist das Ende für die 13th Floor Elevators, obwohl es Anfang der 80er Jahre einen eher mauen Reunion-Auftritt gibt. Nach seinem unfreiwilligen Gig in der Psychiatrie ist Erickson zwar tatsächlich nicht mehr zurechnungsfähig, aber immer noch in der Lage, hinreißende Songs über Dämonen, Zombies und Vampire zu schreiben. All die Monster und Geister, mit denen ihn seine streng abergläubische Mutter aufgezogen hatte, verfolgen ihn jetzt und er kann sie nur bannen, indem er sich auf ihre Seite schlägt. So entstehen im Laufe der späten 70er und frühen 80er Jahre, auf mehrere kommerziell erfolglose Soloalben verteilt, musikalische Hommagen an den Satan und dessen Gehilfen. In klaren Momenten lässt Roky sogar den Protestsänger raushängen und prangert „social and social-political injustices“ an. Live ist Erickson nach wie vor ein Erlebnis, seine Konzerte rund um 1980 herum sind legendär, und es existieren zum Glück Aufnahmen davon.

Where the pyramid meets the eye

Anfang der 90er zollen berühmte Fans und alte Weggefährten wie REM, ZZ Top und Primal Scream Erickson mit dem Album „Where The Pyramid Meets The Eye“ Tribut. 1995 folgt mit „All That May Do My Rhyme“ Ericksons Comebackalbum. Der psychisch beeinträchtigte Künstler, der sich 1982 per Notariatsakt zum Marsianer erklären ließ, lebt danach trotzdem zurückgezogen in einem Vorort von Austin und hält die Dämonen und Teufel mit der Hilfe von Neuroleptika auf Distanz. Nun mögen manche denken, das sei eine tragische Geschichte. Verglichen mit seinen ehemaligen Band-Kollegen geht es Roky heute aber gar nicht mal schlecht. Gründer Tommy Hall nahm bis Mitte der 80er Jahre regelmäßig LSD und hört heute „alle 15 Minuten eine Botschaft von Gott“, was reichlich lästig sein muss. Wenn Gott gerade nichts zu sagen hat, arbeitet Hall an Computerprogrammen. Rhythmusgitarrist Stacy Sutherland liegt seit 1978 im Sarg, Drummer Danny Thomas wurde Mitglied der Sekte „The Pouadakhan Society“ und Bassist Benny Thurman schlägt sich mit schlecht bezahlten Gigs durchs Leben. Erickson bekommt nun immerhin ein paar Dollar Tantiemen. Hin und wieder kriegt Roky Post von Leuten wie Michael Stipe oder Henry Rollins. Geantwortet hat er lange nicht. Seinem jüngerem Bruder Sumner Erickon gelingt es schließlich, Roky so weit zu stabilisieren, dass er wieder live spielen kann. 2010 kommt dann das, womit niemand mehr gerechnet hat: Ein neues Album! Auf „True Love Cast Out All Evil“ hört man einen gereiften Erickson, dessen Stimme nicht mehr ganz die schneidende Stärke hat, wie man sie von früheren Platten kennt, doch die Kompositionen sind durchwegs geglückt und beweisen, dass man aus einer Hölle voller Dämonen doch wieder herausfinden kann.

Peter Green – a blue life

Mitte der 80er Jahre filmt ein Kamerateam einen völlig verwahrlosten Typen, der in einer Sozialwohnung in einem Londoner Ghetto lebt. Der Mann, der aussieht wie ein Sandler, ist Peter Green, ehemals Gründer, Sänger und Gitarrist von Fleetwood Mac. Er schaut verwirrt in die Kamera und sagt: „Es ist nur ein Stückchen Papier, aber es dauert bis zu 24 Stunden lang“. Nein, Gitarre spielen könne er nicht, dafür seien seine Fingernägel zu lang. Tatsächlich hat der Mann Klauen wie Nosferatu, gelb, krumm, ungepflegt. Anschließend flüchtet er vor den Reportern und knallt die Tür seiner versifften Bude zu.

Die Karriere des Peter Greenbaum, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, beginnt 1967 bei John Mayalls Bluesbreakers, wo er als Ersatz für Eric Clapton, der gerade Cream gegründet hatte, angeheuert wird. Mit Mayall teilt der damals blutjunge Peter die Leidenschaft für den Blues und schreibt erste Songs wie „The Supernatural“, die bereits andeuten, wohin die Reise gehen wird. Mayall erkennt das Genie in Green und hält ihn für „gleich gut wie Hendrix“. Tatsächlich macht das gefühlvolle Spiel, der unnnachahmliche klagende Ton, den er aus der Gitarre herausholt, ihn zu einem vor allem von Musikern fast kultisch verehrten Saitenvirtuosen. B.B. King meint,Green sei der einzige Weiße, der den Blues authentisch spielen könne. Green ist spieltechnisch sehr vielseitig, er beherrscht den zurückhaltenden Einsatz einzelner Bluenotes ebenso gut wie das Hinaushämmern rockender Riffs und das Spielen von Soli, die wie jene von Hendrix oder Clapton ganzen Generationen von Gitarristen als Blaupausen dienten.

Der Musiker freundet sich mit dem Schlagzeuger der Truppe, Mick Fleetwood, und dem Bassisten John McVie an und die drei stellen bald ihre eigene Bluesrock-Partie zusammen: Fleetwood Mac. Zunächst spielt man nur traditionelle Bluesnummern und straigten Rock´n Roll, bald aber beginnt Green, eigene Kompositionen zu schreiben und sich vom starren Zwölftakt-Schema zu lösen. 1969 ist das Jahr von Peter Greens Fleetwood Mac. Die Band verkauft mehr Platten als die Beatles und landet mit „Albatross“, einer Instrumentalnummer mit kunstvoll ineinander fließenden Gitarren, einen Welthit. Green schreibt einen Hit nach dem anderen und gilt neben Jimi Hendrix, Eric Clapton und Jimi Page als einer der besten Gitarristen der Welt. Außerdem verleiht seine klagende, dunkle Stimme den Liedern zusätzliche emotionale Tiefe. Aus seiner Feder stammt „Black Magic Woman“, ein bedrohlich swingender Songs, mit dem später Carlos Santana Furore machen und die Hippies dieser Erde beglücken sollte. Die Musik der „Mac“ jener Jahre hat nichts zu tun mit dem Westcoast-Gewinsel, mit dem die Gruppe in den späten 70er Jahren Millionen unschuldiger Ohren quälen sollte.

Live sind Fleetwood Mac zu dieser Zeit ein Ereignis. Mit drei Leadgitarren und einer brutal lauten Rhythmussektion hauen sie dem Publikum rauen Bluesrock und ausufernde Psychedelic-Jams um die Ohren. Alle in der Band nehmen Drogen, Green vor allem LSD. Viel LSD. Sehr viel LSD. Er wird ein wenig wunderlich und läuft in bodenlangen Fummeln rum, trägt ein Kreuz und vertieft sich in christliche Mystik. Als die Band durch Deutschland tourt, wird Green in München von ein paar Freaks auf eine Drogenparty eingeladen. Dort verabreicht man dem sensiblen Gitarristen eine Mörderdosis Acid. Nach drei Tagen kommt er von dem Trip wieder runter und ist davon überzeugt, dass es unmoralisch sei, mit Rockmusik Geld zu verdienen. Peter legt seinen Bandkollegen nahe, doch auf allen weltlichen Besitz zu verzichten und nur mehr Gratiskonzerte zu spielen. John McVie, Mick Fleetwood und die anderen halten das nicht ganz zu unrecht für eine schlechte Idee, da sie sich gerade erst an das Leben mit Geld, Koks und Groupies gewöhnt haben, und sagen ihrem Boss, er könne ja tun, was ihm beliebe, sie würden aber ganz sicher nicht auf die Kohle verzichten. Man veröffentlicht noch die Single „The Green Manalishi“, die von vielen als Loblied auf Marihuana missverstanden wird, obwohl es doch schlicht eine Kritik am schnöden Mammon ist. Es kommt schließlich zum Bruch. Green verlässt die Band und spielt mit ein paar Jazzrockern die famose Platte „The End Of The Game“ ein, ein einziger langer Jam, eine Reise in die auseinander brechende Psyche eines LSD-überfütterten Musikergehirns. Einmal noch kehrt er zur Band zurück und geht auf Tournee, danach bricht Green endgültig zusammen und landet in der Klapsmühle. Diagnose: Schizophrenie.

Bis in die späten 70er Jahre hinein darf Peter die Segnungen der damaligen Psychiatrie genießen: Elektroschocks und Tranquilizer in rauen Mengen. In der Musikwelt machen Gerüchte die Runde, Green arbeite als Totengräber oder lebe in einem israelischen Kibbuz. Stimmt alles nicht, er sitzt als Zombie im Rohypnol-Motel. In dieser Zeit heiratet er und zeugt mit seiner Frau eine Tochter. Die Ehe hält nur ein Jahr lang. 1979 hat sich Green so weit erholt, dass er eine neue Platte aufnehmen kann. „In The Skies“ ist eine wundervoll melancholische Scheibe, voll mit düsteren Songs mit wirren religiösen Texten, die von Peters unnachahmlich weinerlicher Gitarre und seinem Gesang getragen werden. Mit „Fool No More“ enthält die LP den wohl depressivsten Blues, der jemals geschrieben wurde. Pure Hoffnungslosigkeit, tiefste Trauer. Es folgen sporadische Auftritte und drei weitere, nicht besonders gelungene Soloplatten, doch Greens Seele kollabiert wieder. Ab 1984 zieht sich der scheue Musikant erneut in seine von Dämonen heimgesuchte Privathölle zurück. Er pendelt zwischen dem Krankenhaus und seiner verlausten Wohnung hin und her und muss auf Anweisung seiner Ärzte bis zu 18 Valiumtabletten pro Tag (!) schlucken.

Ende er 80er Jahre starten Freunde einen neuen Versuch, dem Albatros wieder Flügel zu verleihen. Vorsichtig lockt man Green aus der Isolation, schneidet ihm die Fingernägel und drückt ihm eine Gitarre in die Hand. Er muss erst wieder lernen, wie man so ein Ding bedient. Eine kleine, feine Kapelle namens Splinter Group entsteht und Green macht wieder das, was er am liebsten tut: Er spielt und singt den Blues. Mit dieser Band veröffentlicht Peter bis Ende der 90er Jahre mehrere Platten, geht sogar wieder auf Tour und gibt Interviews. Die Shows sind manchmal fast magisch, dann wieder totale Reinfälle. An einem Abend ist Green fast ganz der Alte und zeigt, was ein begnadeter Musiker aus einer Gibson rausholen kann. In anderen Nächten reicht es gerade für ein wenig Rhythmusgitarre und fragilen Gesang, wobei er recht oft den Text vergisst. Neue Songs schreibt er nicht mehr, und das Tourneeleben tut ihm auch nicht so richtig gut. Er beginnt wieder zu kiffen und zu trinken und greift auch zu härteren Drogen. Dann folgt ein bizarrer Rechtsstreit zwischen der Splinter Group und Greens  legalen Vormund, einer schwedischen Organisation, die sich um die finanzielle Lage geistig eingeschränkter Menschen kümmert. Green lebt nun in Schweden und versucht, seine Drogenprobleme in den Griff zu bekommen. Hin und wieder gibt er Konzerte, doch sein Gesundheitszustand lässt derzeit keine Tourneen zu.

Remember Danny Kirwan?

In einem Obdachlosenheim im Londoner Soho lebt ein älterer Alkoholiker, der jeden Monat einen kleinen Scheck bekommt, den er sogleich in Schnaps umsetzt. Außerdem gewährt ihm der Staat eine winzige Notstandshilfe. Er sieht genau so aus, wie man sich einen alkoholkranken Stadtstreicher vorstellt: Abgetragene Klamotten aus zweiter Hand, fettiges Haar, aufgequollenes Gesicht, kaum mehr Zähne im Mund. Von seinen Mitbewohnern im Heim unterscheidet er sich nur dadurch, dass er hin und wieder auf seiner akkustischen Gitarre, die er sich weigert zu versetzen, Bluesstücke klimpert. Danny Kirwan heißt der Mann.

Den monatlichen Scheck kriegt er, weil er von 1968 bis 1972 Gitarrist, Sänger und Songwriter bei Fleetwood Mac war. Gemeinsam mit Peter Green und Jeremy Spencer bildete er das erste Leadgitarren-Trio der Rockgeschichte. Während Bassist John McVie und Schlagzeuger Mick Fleetwood einen soliden Rythmusteppich legten, hoben die drei Gitarrenheroen mit aberwitzigen Läufen, dem gnadenlosen Einsatz von Verzerrern und Elmore-James-artigen Slide-Exzessen in die Stratosphäre ab. Wer eine Ahnung davon erleben will, wie sich das im Konzert angehört hat, der sollte sich die Scheibe “live in Boston“ zulegen. Die “Mac“ donnern durch ihre Songs wie getunte Überschalljets, die Wucht der Darbietung erinnert an jene Energie, die 20 Jahre später die Seattler Lärmpoeten Nirvana freisetzen sollten. 1970 verkauften Fleetwood Mac mehr Platten als die Beatles und landeten mit “Albatros“ einen weltweiten Superhit. Fleetwood Mac war auch eine der ersten Bands, die mit kalkulierten Provokationen arbeitete. So benutzte der etwa der Schlagzeuger manchmal Dildos statt Drumsticks…

Das Rockstar-Leben jener Zeit hat schon härtere Brocken aus der Bahn geworfen als den damals gerade 20-jährigen Kirwan. Zuerst aber drehte Peter Green nach einem dreitägigen LSD-Rausch durch und verließ die Band, weil diese sich weigerte, auf allen weltlichen Besitz zu verzichten. Die Jungs verkrafteten den Abgang ihres Leadsängers und Songwriters erstaunlich gut, holten die Frau des Bassisten, Christine McVie, ins Boot  und veröffentlichten mit “Future Games“ eine wunderschöne Platte, auf der sich verträumte Balladen mit jazzigen Rockern abwechseln. Danny Kirwan steuerte zu dem Album einige fantastische Songs bei, darunter “Woman of a thousand years“, eine musikalische Reise auf Wolke sieben. Mehrfach übereinandergelegte Akkustik-Gitarren und ein engelsgleicher Harmoniegesang machten das Lied zu einem der schönsten Songs der 70er Jahre. Das Nachfolgealbum “Bare Trees“ glänzte mit denselben Tugenden wie “Future Games“, verkaufte sich aber wesentlich schlechter. Kirwan komponierte für die Platte das unheilschwangere Lied “Dust“, eine Auseinandersetzung mit dem Tod (“When the white flame in us is gone, and we stiffen in darkness, left alone…“)

Danny entwickelte mittlerweile schlechte Angewohnheiten, die seinen Bandkollegen gehörig auf die Nerven gingen. Er trank wie der Protagonist eines Bukowsky-Romans, warf pausenlos Trips ein und rollte sich zum Frühstück jeden Tag drei Joints. Das wilde Treiben machte ihn launisch und unzuverlässig. Sein Spiel ließ mehr und mehr zu wünschen übrig, und als er sich eines Tages kurz vor einem Konzert weigerte, auf die Bühne zu gehen, um anschließend die laue Vorstellung der Band zu kritisieren, schickten ihm seine Kollegen den blauen Brief. Fleetwood Mac engagierten das amerikanische Pop-Pärchen Steve Nicks und Lindsey Buckingham und lieferten fortan eine Super-Mega-Platin-Mainstream-Platte nach der anderen ab.

Kirwan trommelte ein paar Sessionmusiker zusammen und veröffentlichte drei totale Flops, die heute nur mehr auf gut sortierten Plattenbörsen zu finden sind bzw deren rare CD-Wiederveröffentlichungen meist zu Apothekerpreisen gehandelt werden. Musikalisch empfehlenswert ist die zweite Soloplatte, „Midnight in San Juan“, auf der nochmal das Songwritergenie des Mannes aufblitzt. Der kommerzielle Misserfolg gab dem psychisch bereits angeschlagenen Musiker den Rest, und anstatt mit dem Bottleneck zu spielen, soff er die Schnapsflaschen lieber leer. In jüngster Zeit gibt es verstärkt Versuche seiner Familie und seiner ehemaligen Kollegen, den ehemaligen Star trocken zu legen, aber Kirwan widersetzt sich den gut gemeinten Aktivitäten mit der Hartnäckigkeit eines Mannes, der im permanenten Alkoholrausch sein Glück gefunden zu haben meint. 1998 wurde er gemeinsam mit allen anderen Fleetwood Macs in die Rock´n Roll Hall of Fame aufgenommen. Man hatte ihm sogar ein Flugticket geschickt, aber er erschien nicht. “Amerika erschreckt mich zu Tode“, sagte er einem Freund.