High zur Pride-Parade

Wer Geld hat, kann sich ein schönes Leben machen, wer keines hat, geht vor die Hunde oder wird vom Repressionsapparat durch Einsperren oder Umbringen entsorgt. Das ist weltweit so üblich, mit Ausnahme einiger gerade untergehender sozialstaatlicher Inseln vielleicht. Natürlich stehen die Chancen, durch Arbeit oder Geschäfte zu so viel Geld zu kommen, dass es zumindest zum Überleben reicht, dort besser, wo die Wirtschaft brummt, was die Hauptursache moderner Migrationsbewegungen ist, aber prinzipiell herrscht durch die Globalisierung des Kapitalismus überall auf der Welt die Bemessung des Wertes menschlicher Existenz nach ihrer Rentabilität. Ist also alles die gleiche Sauce? Nein, denn der Menschen will ja mehr als bloß überleben, der möchte auch noch ein bisschen Spaß haben und, wenn es geht, lieben oder wenigstens Liebe machen. Und seine Meinung möchte er ebenso sagen dürfen wie er die Freiheit schätzt, zum Gott seiner Wahl zu beten. Wo der Mensch das alles darf, ist er freier als dort, wo er es nicht darf. Er bleibt zwar Gefangener des ökonomischen Zwangs, aber er darf sich zumindest darüber beschweren und er wird nicht verfolgt, bloß weil seine Art zu lieben, zu feiern oder zu glauben anderen nicht passt.

Wie steht es um die Liebe? In den USA dürfen Männer Männer lieben und Frauen Frauen, und wer das verbieten will, wird politisch nicht mehr ernst genommen. In Russland steht die bloße Äußerung der Meinung, Homosexualität sei nichts Schlechtes, unter Strafe, in China werden LGTB-People trotz gesetzlicher Liberalisierungen weiterhin massiv diskriminiert, in vielen islamisch dominierten Ländern steht auf gleichgeschlechtliche Liebe der Tod, etliche afrikanische Staaten ahnden Homosexualität mit drakonischen Gefängnisstrafen. Israel ist das einzige Land im Nahen Osten, in dem offen gelebte Homosexualität weitgehend akzeptiert wird.

Und wie ist es ums Feiern bestellt? In den USA, obwohl lange der Hauptscharfmacher im „Krieg gegen Drogen“, liberalisieren immer mehr Bundesstaaten ihre Drogengesetze. In Colorado dürfen Erwachsene seit kurzem legal Marihuana erwerben, andere Bundesstaaten werden folgen. 57 Prozent aller US-Bürger sind laut Umfragen für eine bundesweite Freigabe von Cannabis. In Russland gibt es für den Besitz kleiner Mengen Hasch zwar nur Geld- oder kurze Haftstrafen, aber schon wer nur einen Joint verkauft, wandert für mindestens sieben Jahre in den Knast. In vielen islamischen Staaten ist Alkohol verboten und auf Drogenbesitz stehen jahrelange Haftstrafen oder gar der Tod. In China werden jährlich rund 500 Menschen hingerichtet, weil sie mit Drogen, meist Cannabis, gehandelt haben. In Israel ist Hasch illegal, aber niemanden juckt das und fast jeder raucht es.

Wenn ich die Verfolgung und Diskriminierung Homosexueller falsch und die Kriminalisierung von Kiffern doof finde, ist es dann so abwegig, dass ich Amerika für fortschrittlicher halte als das, was derzeit als geopolitische Alternative bereitsteht? Wenn schon überall Kapitalismus sein muss, dann wenigstens eine Variante, die es gestattet, high zur Pride-Parade zu gehen statt nüchtern im Knast zu sitzen.

 

Legalize it!

Na bitte, selbst jahrzehntelange Propaganda scheitert, wenn sie an der Lebenserfahrung der Menschen vorbeizielt: Cannabis wird gesellschaftsfähig:  Den Volksdrogen Alkohol und Nikotin erwächst langsam, aber sicher ein ernst zu nehmender Mitbewerber: Cannabis und seine Derivate sind auf dem besten Weg, von breiten Teilen der Bevölkerung konsumiert oder toleriert zu werden. Das ist eines der Ergebnisse des Wiener „Suchtmittel-Monitors“, der auf Basis einer repräsentativen Umfrage seit inzwischen 18 Jahren Entwicklungen, Versäumnisse und Trends zum Thema Drogen erfasst. Der aktuelle Bericht 2011 liegt der „Presse“ exklusiv vor. 21 Prozent der Wiener, das ist mehr als jeder Fünfte, hat demnach wenigstens einmal im Leben „etwas geraucht“. Damit rangieren Cannabisprodukte erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen an erster Stelle aller abgefragten Suchtmittel (Ausnahme: Alkohol und Nikotin). Schlaftabletten (19 Prozent) rutschten auf Rang zwei. Mindestens genauso bedeutend wie die Zahlen zum Cannabiskonsum selbst sind die Befragungsergebnisse zur gesellschaftlichen Akzeptanz. Stark vereinfacht haben die Wiener inzwischen mehr Verständnis für Kiffer als für Trinker. Oder anders ausgedrückt: Der Joint ist – trotz seines Verbots – in einem gewissen Sinn gesellschaftsfähig geworden.

Die Leute haben eben bemerkt, dass moderater Haschischkonsum keineswegs zu Abhängigkeit und zur Gier nach härteren Drogen führt, dass Kiffen bei weitem harmloser ist als Saufen und dass Alkoholmissbrauch und Nikotinsucht weit größere gesundheitliche und soziale Schäden verursachen als der Zug am Joint. Klar, wer täglich kifft, der wird ein bisserl weich in der Birne, aber selbst dann ist das nicht mal annähernd mit den Auswirkungen einer Alkoholsucht zu vergleichen. Es wird Zeit, dass die Politik endlich ihre sinnlose, Ressourcen verschwendende und immer noch viele Leben ruinierende Prohibitionshaltung aufgibt!