Von jüdischen und anderen Toten

Ich denke ja immer, ich sei nicht besonders klug, daher gehe ich davon aus, dass das, was ich schreibe, auch verstanden wird, denn wenn sogar ich das kapiere, sollte es doch jeder schnallen können. Das ist offensichtlich nicht so, wie einige Reaktionen auf meine Kommentare zu den Terroranschlägen in Paris gezeigt haben. Daher versuche ich jetzt noch einmal zu erklären, warum die Morde im koscheren Supermarkt moralisch noch verwerflicher waren als jene in der Redaktion von Charlie Hebdo. Die Morde im Supermarkt waren nicht deswegen so besonders schlimm, weil die Opfer Juden waren, sondern weil die Opfer zu Opfern wurden aus dem einzigen Grund, dass sie Juden waren. Sie haben keine umstrittenen Karikaturen veröffentlicht, sie haben keine satirischen Artikel geschrieben, sie haben nichts anderes getan als kurz vor dem Schabbat noch einkaufen zu gehen. Ihr Mörder hat sie umgebracht, weil sie Juden waren. Das hat er in einem interview und in einem Bekennervideo zugegeben. Ist das soweit verständlich? Die Morde an den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Charlie Hebdo waren entsetzlich und haben völlig zu Recht ungeheure Wut und Trauer und eine weltweite Welle der Solidarität mit den Opfern und mit der Presse- und der Meinungsfreiheit losgetreten. Aber zumindest in der perversen Logik der Mörder hätten die Hebdo-Leute ihrem Schicksal entgehen können, wenn sie niemals Mohammed karikiert hätten. Die Mordopfer im koscheren Geschäft hatten nicht mal diese Chance. Sie starben für das, was sie waren. Nicht für eine Meinung oder eine „Provokation“, sondern allein für die Sünde, Jude zu sein. Dieses Ermorden von Menschen, nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehören, ist die tiefste aller Barbareien. Das steht auf einer moralischen Ebene mit dem Holocaust und mit dem Völkermord in Ruanda. Und wenn jetzt einer derjenigen, die dümmer sind als ich, „Israel“ schreit und „Besatzung“, dann soll der mir erklären, was vier Pariser Juden, die sich was zu essen kaufen wollten, für die Politik der israelischen Regierung können. Wer jetzt sowas Irres sagen will wie „dort gibt es israelische Produkte, daher war das ein gerechtfertigtes Angriffsziel“, der sollte sich 1. einen guten Psychiater suchen und 2. sein Maul halten, falls er sich seinen Computer oder sein Smartphone und alle dafür nötigen Einzelteile nicht persönlich zusammengebaut und persönlich in Asien nach seltenen Erden gebuddelt hat.

Manchmal bringen Wiederholungen was, daher noch einmal: Die Morde im koscheren Supermarkt waren nicht deswegen besonders schlimm, weil die Opfer zufällig Juden waren, sondern weil sie deswegen ermordet wurden, weil sie Juden waren. Auch wenn die Opfer ermordet worden wären, weil sie Muslime, Chinesen oder Schwaben gewesen wären, wäre es dasselbe. Die Motive der Mörder sind dabei völlig egal. Menschen zu ermorden, nur weil sie einer bestimmten Nation, Religionsgemeinschaft, Ethnie, sexuellen Orientierung oder sonst einer Gruppe angehören, die eben kein politischer Verein ist, sondern eine Tatsache des Lebens, ist der absolute Kontrapunkt zu Kultur und Menschlichkeit.

Wir gegen die Barbaren?

Die wichtige Frage der Woche lautet: Was passiert da eigentlich gerade und welcher Krieg findet da statt? Sicher scheint mir eines: Wir stehen nicht in einem Kulturkrieg, denn die Kultur der fanatischen Islamisten ist keine und war nie eine. Die Barbarei, die diese Leute als ihre „traditionelle“ Kultur sehen wollen, hat so nie existiert und ist auch innerislamisch eine relativ junge Erscheinung. Der Islam war über weite Strecken seiner Geschichte geprägt von einer großen Toleranz gegenüber Andersgläubigen und gegenüber der Wissenschaft, vor allem im Vergleich zum finsteren Europa, wo die Scheiterhaufen brannten und die innerchristlichen Fraktionen sich Kriege mit völkermörderischen Ausmaßen lieferten. Jahrhundertelang waren die islamisch dominierten Gebiete auch Zufluchtsorte für Juden, die im christlichen Abendland immer wieder Pogromen, Berufsverboten und Deportationen zum Opfer fielen. Wenn heute jemand von einer Auseinandersetzung zwischen dem „christlich-jüdischen Abendland“ und „dem islam“ fabuliert, dann ist das ein schlechter Witz, über den wohl seit dem Mittelalter kein europäischer Jude lachen würde können, schon gar keiner von den sechs Millionen, die noch im 20. Jahrhundert von ihren durchwegs christlichen Nachbarn millionenfach ermordet wurden. Wenn wir von Kulturen reden, dann müssen wir zugeben, dass im historischen Vergleich die christlich-abendländische um einiges schlechter aussieht als die islamische. Von einem „Kampf der Kulturen“ zu sprechen und dabei auch noch Partei für die abendländische zu ergreifen können demnach nur Geschichtsvergessene, Fantasten und Demagogen.

Natürlich hat die abendländische Kultur große Leistungen hervorgebracht, allein: Auch die islamische war da recht beeindruckend unterwegs. Die Darstellung der Rassisten, wonach der Okzident Renaissance und Aufklärung produziert hätte und der Orient nur Despotismus und Fanatsimus, ist falsch. Die kulturellen Leistungen des islamischen Kulturkreises sind mannigfach und zu einem nicht geringem Teil auch die Bedingung für jene des Abendlandes. Ich werde hier nicht alles aufzählen, was die Welt der islamischen Kultur verdankt, das möge bitte jeder Leser und jede Leserin selber nachschlagen, ist in jeder mittelmäßigen Biblothek zu finden. Aber man kann durchaus sagen, dass wir ohne Islam vermutlich immer noch im Mittelalter feststecken würden. Dass Teile der islamischen Welt genau dort, nämlich im Beinahe-Mittelalter, wieder gelandet sind, ist nicht die Schuld des Islam, sondern seiner reaktionärsten Teile, die sich durch Putsche und teils auch mit der Unterstützung westlicher Kolonialisten gegen die eigene Tradition und gegen die Liberalen durchsetzen konnten. Hätten Europa und später die USA nicht im Nahen und Mittleren Osten herumgepfuscht, wer weiß was sich dort entwickeln hätte können? Hätten die Westmächte nicht gegen Mohammed Mossadegh putschen lassen, hätten wir es heute vielleicht nicht mit einem theokratischen Iran zu tun, um nur ein Beispiel zu erwähnen. Auch die sunnitische islamistische Pest, die seit 30 Jahren die Erde mit Terror und Krieg überzieht, würde vielleicht in dieser Form gar nicht existieren, hätten „wir“ nicht die afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjetunion hochgepäppelt. Die islamistische „Kultur“, von der diese Islamisten und die rechten westlichen islamfeinde sprechen, ist demnach keine islamische Hervorbringung, sondern ein vom Westen maßgeblich mitgebautes Frankensteinmonster, das sich wie sein literarisches Vorbild nun gegen seine Schöpfer wendet.

Das ist wichtig zu begreifen bevor man von „Kultur“ redet. Die aktuellen radikalislamischen Strömungen vertreten keine Kultur, sondern eine primitive tribalistische Barbarei, die die kriegerischen Formierungsjahre des Islam als islamisches ideal missversteht. Die Attraktion dieser militanten Rückwärtsgewandtheit auf die Deklassierten, auf die Zukurzgekommenen und in der globalen Wirtschaft Abgehängten liegt einzig darin, dass die Militanten wenigstens irgendeine Veränderung nicht nur versprechen, sondern auch umsetzen. Es ist ein Angebot, das dem der Nazis an die Verlierer der Wirtschaftskrise der späten 20er jahre insoferne vergleichbar ist, als dass es eine Scheinlösung offeriert, die auch der Dümmste verstehen kann: Alles wird besser, wenn wir die „Ungläubigen“ ermorden oder vertreiben (bei den Nazis: „Alles wird besser, wenn wir die Juden beseitigen“). Der theokratische Totalitarismus hat also durchaus ein fruchtbares Rekrutierungsfeld in der wirtschaftlichen Bedrängnis, woran sich auch dadurch nichts ändert, dass viele Islamisten wohlhabenden Familien entstammen. Die Basis dieser Strömungen sind Menschen, die in Verzweiflung und Elend existieren müssen und die in politische Strömungen westlicher Prägung keine Hoffnungen mehr setzen, weil die entweder in von (Bürger)Krieg überzogenen Gegenden nichts mehr ausrichten können oder die materielle und psychische Notlage ignorieren, wie das hier bei uns zunehmend geschieht.

Aber was kann man machen? Zunächst müssen wir, die wir gegen Barbarei und für Zivilisation sind, für die Menschenrechte und gegen die Despotie, uns klar positionieren und äußern, indem wir den islamistischen Fanatismus ebenso ablehnen wie die Bedrohung der Zivlisation durch jene, die einen Kulturkrieg herbeizureden versuchen. Wir müssen uns darüber klar werden, dass die Reaktionen auf islamistischen Terrorismus gefährlicher sein können als der Terrorismus selbst. Wir müssen erkennen und benennen, dass eine perverse Querfront besteht zwischen Islamisten und rechten Islamhassern. Jeder Terroranschlag bringt diese beiden Gruppen ihren Zielen näher, denn je mächtiger Strömungen werden, die den Islam als ganzen verteufeln und gegen alle Muslime vorgehen wollen, desto legitimierter fühlen sich jene Muslime, die einen Dschihad führen möchten. Diese Mechanismen gilt es zu verstehen, zu entlarven und bloßzustellen.

Zweifrontenkrieg um die Freiheit

Ich traue mich zu wetten, dass heute bei nicht wenigen Mitläufern von Pegida große Freude herrscht, denn islamistische Terroristen haben mit dem Massaker in Paris den rechten Islamfeinden nicht nur neue Argumentationsmunition geliefert, sondern dabei auch noch ein paar jener Leute erledigt, die auch viele Rechte gerne erledigen würden. Pegida und Al Quaida vereint ja mehr als sie trennt. Zum Einenden gehört der Hass auf Intellektuelle, freche Satiriker und Journalistinnen, die das eigene beschränkte Weltbild nicht nur zum Wanken bringen, sondern es jener Lächerlichtkeit preisgeben, die einem frühmittelalterlichen Fanatikerglauben und dem nach Bieratem stinkenden Gelalle rechtsdrehender Verschwörungsdioten naturgemäß innewohnt. In der Tat führen muslimische Extremisten und rechte Abendlandverteidiger zwar verbal heftig Krieg gegeneinander, ihre Opfer suchen sie sich aber zumindest auf dem Schlachtfeld Europa zumeist unter ihren gemeinsamen Feinden aus. Der norwegische Islamhasser Anders Breivik schoss nicht etwa in einer Moschee um sich, sondern ermordete 77 junge Sozialdmokratinnen, deren Eintreten für Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechte bei Breiviks vorgeblichen Feinden von der Mohammed & Co KG mindestens ebenso schlecht ankommt wie beim blonden Massenmörder selbst. Und heute massakrierten Islamisten in Frankreich nicht etwa Kader des Front National, sondern Autoren und Karikaturisten eines Blattes, das die Neofaschisten um Le Pen immer wieder heftig durch den Kakao gezogen hatte. Faktisch wütet da eine braun-grüne Querfront, die nicht nur die tolerante liberale Demokratie hasst, sondern noch etwas anderes gemein hat, nämlich den Antisemitismus. Der Blogger „Egoteaist“ ging mit einer israelfahne zu einer Pegida-Kundgebung und wurde nach einer Reihe wüster antisemitischer Beschimpfungen von den Ordnern verjagt.

Es passiert derzeit genau das, wovor ich immer gewarnt habe. Die ignoranz weiter Teile der Linken gegenüber den Gefahren des islamischen Fundamentalismus ließ zu, dass sich ausgerechnet sehr Rechte und Rechtsextreme als Verteidiger jener Werte aufspielen können, die sie selber in Wahrheit hassen und die zu verteidigen sie nur vorgeben, um ihren Rassismus transportieren zu können, und die Blindheit der nicht rechtsextremen Islamkritiker gegenüber der politischen Bräune von vielen Islamhassern machte es möglich, dass diese den ohnehin schwachen Cordon sanitaire durchbrechen konnten. Und jetzt stehen wir, die wir an Menschenrechte und Fortschritt und Demokratie glauben, in einem Zweifrontenkrieg und drohen zwischen den illiberalen Blöcken zerrieben zu werden. Es steht alles auf dem Spiel, was in den vergangenen 200 Jahren gegen die Kirchen und alle anderne Reaktionäre erkämpft wurde.