Eine Wurst gegen Intoleranz

Conchita Wursts Triumph beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen war einer dieser raren Momente in denen man spürt, dass sich etwas grundlegend verändert, dass die Welt sich ab genau diesem Zeitpunkt ein wenig anders drehen wird als bisher. Wursts Erfolg ist nicht nur für LGBT-People ein Grund zum Feiern, sondern für alle Menschen, die von der sogenannten Norm abweichen, ob freiwillig oder unfreiwillig, und die deswegen Diskriminierung erfahren. Die Jugend Europas, die hier hauptsächlich abstimmte, hat ein Zeichen gesetzt für Toleranz und Akzeptanz und gegen die Normierer und Ausgrenzer, auch eines für Vielfalt und gegen Uniformität. Es ist eine Jugend, die nicht mehr einsieht, weshalb Menschen ein Leben lang nur eine einzige Identität haben sollten und warum es schlecht sein sollte, wenn man sich auch mal für etwas anderes entscheidet als nur für das, was Biologie, der Zufall des Geburtsortes und die kulturellen Vorstellungen der Gesellschaft vorgegeben haben. Diese Jugend stimmte für die Freiheit des Individuums, abweichen zu dürfen, anders sein zu dürfen, und sie stimmte gegen den Hass und die Angst derjenigen, die das Andersartige und Fremde gerne einsperren, pathologisieren oder gar vernichten wollen. Indem die jungen Leute zwischen Hammerfest und Tel Aviv einen bärtigen Travestiekünstler zur Siegerin des Songcontest wählten, verabreichten sie dem reaktionären faschistoiden Gesindel dieser Erde, das Hass und Intoleranz verbreitet, eine saftige Ohrfeige, und die Backen reiben sich nun verwundert Wladimir Putin, die Svoboda-Partei und der Rechten Sektor in der Ukraine, Viktor Orban, Heinz Christian Strache, Marine Le Pen, Akif Pirincci und Jürgen Elsässer, die iranischen Mullahs, die Islamisten überall, etliche katholische Bischöfe sowie Faschisten und Nazis auf der ganzen Welt.

Die meisten derer, die für Wurst votierten, mögen vielleicht kein umfassendes politisches Konzept haben, ja nicht mal ein kapitalismuskritisches Bewusstsein, aber sie haben den Anmaßungen jener autoritären Herrschaften, nach deren Vorstellungen der Mensch sich bis zur geschlechtlichen Identität hin von hegemonialer Kultur und Staat kontrollieren lassen müsse, auf dass er viele zukünftige Arbeiter, Soldaten und Konsumenten produziere, eine Abfuhr erteilt. Aber hier wurde keineswegs nur gegen etwas gestimmt, hier wurde auch für Lebensfreude votiert, für ein Leben, das mehr sein kann als bl0ß eine möglichst angepasste Existenz in engen Schranken. Die, die darauf nun erneut mit Hass erfüllten Leserbriefen und Tweets reagieren, machen das auch deswegen, weil sie wissen, dass Conchita für etwas steht, das sie sich selbst versagen, nämlich für die Überwindung Geschlechts bezogener Ängste, die nach wie vor Millionen Menschen ein erfülltes (Sexual)Leben verunmöglichen. Diese Hasser sind Charaktere, die sich selbst zu Opfern ihrer eigenen moralischen Verklemmungen machen, darunter leiden und daraus nicht etwa den Schluss ziehen, das, was das Leid verursacht, zu überwinden, sondern möglichst viele andere Menschen ebenfalls leiden zu lassen. Im Zeichen von „Normalität“ und „Gesundheit“. Was ich aus dem Kopenhagen-Ereignis herauslese, ist in etwa das: „Nicht wir, die wir anders sind als die tatsächliche oder angebliche Mehrheit, sind die Kranken und die Freaks, sondern ihr seid es, die ihr das, was ihr mit eurem begrenztem Horizont als normal anseht, auf alle anderen Menschen ausdehnen wollt“.

Natürlich darf man bei aller Euphorie nicht vergessen, dass wir mitten in einem weltweitem Kampf zwischen reaktionären und fortschrittlichen Kräften stehen. LGBT-People  werden in vielen Ländern bis hin zu Freiheitsentzug und – oft auch staatlichem – Mord verfolgt und unterdrückt. Deren Rechte sind, wie auch jene der Frauen, durch die weitere Verbreitung fundamentalistischer Islamvarianten, durch eine Renaissance der politisierenden christlich-orthodoxen Kirche in Russland und Osteuropa, durch ultra-reaktionäre Gesetzgebungen in Afrika und durch die Wiederkehr extrem rechter Politik in Westeuropa in unmittelbarer Gefahr. Auch für heterosexuelle Menschen mit psychischer Andersartigkeit drohen massive Rückschritte, und zwar durch das Rentabilitäts-Dogma einer zunehmend radikaler werdenden Marktwirtschaft. Es wäre schön, wenn nach dem Feiern all jenen, die immer noch auch hier, mitten in Europa, gegen Ausgrenzung und Diskriminierung kämpfen, klar wird, dass sie am selben Strang ziehen, denn die, die LGBT-Leute hassen, sind meist dieselben, die auch Frauen unterdrücken und seelisch Beeinträchtigten die vollen Menschenrechte absprechen.

Kurzer Nachtrag: Israel vergab an Conchita Wurst die volle Punktzahl, die von der islamisch-konservativen AKP regierte Türkei zog es vor, am Eurovision Song Contest gar nicht erst teilzunehmen. Das sagt etwas darüber aus, mit welchen kulturellen Vorstellungen sich die beiden Länder identifizieren und mit welchen nicht. Die Europäische Union sollte darauf reagieren, statt Israel mit Boykottdrohungen zu ärgern. Israel will offensichtlich zu einer Wertegemeinschaft, in der andersartige sexuelle Identitäten akzeptiert werden, dazugehören, die Türkei nicht.