Penisse in aller Munde

Wer in den vergangenen Wochen die deutschsprachigen Feuilletons und Talkshows und Facebookdebatten mitverfolgt hat, der musste den Eindruck gewinnen, dass nichts die Deutschen und Österreicher so sehr bewegt, wie die Penisse anderer Männer. Vorhaut hier, entblößte Eichel da, Schwänze überall, von BILD bis Zeit, männliche Geschlechtsorgane waren plötzlich in aller Munde, sogar in jenem von Angela Merkel, was in der Tat eine traumatisierende Vorstellung ist. So eine Debatte ist, wie Henryk M. Broder bemerkte, pornographisch, erlaubt sie doch ein schamloses Hingucken auf jüdische und muslimische Geschlechtsteile, unter dem Vorwand natürlich, dass man als gründlich zivilisiertes Kulturvolk, das diese Zivilisiertheit unter anderem durch den furchtbarsten Völkermord der Weltgeschichte unter Beweis gestellt hat, sich herausnehmen dürfe, den wilden semitischen Stämmen mal auszurichten, dass diese, wenn sie die Vorhaut ihrer Knaben beschneiden, Körperverletzung begehen und dass sie solch „archaische Bräuche“ doch bitte gründlich überdenken sollten, denn erst wenn kein jüdischer oder muslimischer Penis mehr ohne Vorhaut ist, wird man … natürlich gleich den nächsten Vorwand suchen, um seinen Antisemitismus zu rationalisieren. Machen wir uns doch nichts vor: Die Beschneidungsdebatte ist, so wie sie geführt wird, natürlich eine antisemitische und antimuslimische. Wenn ausgerechnet ein deutsches Gericht ein Urteil fällt, dass sich massiv negativ auf einen konstituierenden Teil jüdischer Religion, jüdischer Tradition und jüdischer Identität auswirkt, wenn die Nazis darüber jubeln und den Juden bereits eine „gute Heimreise“ wünschen und die Hälfte der Deutschen laut Umfragen ganz ähnlich denkt, dann muss doch auch der Dümmste begreifen, dass es hier natürlich nicht um das Selbstbestimmungsrecht von Kindern geht, um Sinn oder Unsinn der Beschneidung, sondern allein darum, den Juden als Barbaren zu verleumden, der böswillig seine eigenen Söhne verstümmelt, während man sich selbst als ganz doll aufgeklärten Humanisten imaginiert, der mit dem Gestus des Kolonialherren angewidert die Bräuche der Primitiven anprangert.

So wie die Kolonialisten sich einst damit rechtfertigten, den „Wilden“ Jesus und Kultur zu bringen, behaupten auch die meisten Beschneidungsgegner, sie hätten nur das Wohl der armen Kinderlein im Sinn, die man doch nicht einfach so „verstümmeln“ dürfe. Verstümmeln ist etwas ziemlich Negatives, nicht wahr? Das klingt nach Handabhacken, Klitoriswegschneiden und Kastration. Wenn man nun die männliche Beschneidung als Körperverletzung und Verstümmelung klassifiziert, was sagt man damit jenem geschätzten Viertel der männlichen Menschheit, das beschnitten ist? Man sagt diesen hunderten Millionen, dass ihnen im Vergleich zum unbeschnittenen europäischen Mannsbild etwas ganz Wichtiges fehle. Durch die Haltung, Beschneidung sei ein verstümmelnder Eingriff mit negativen Auswirkungen suggeriert man, der Vorhautträger sei eigentlich der vollkommenere Mann, da dem Vorhautlosen ja etwas fehle. Die Beschnittenen selbst, die aus religiösen oder medizinischen Gründen kein Praeputium haben, sehen das zwar ganz anders, aber was wissen die schon? Die sind ja voreingenommen, da braucht es schon den völlig objektiven deutschen Michel, der diesen armen Menschen erklärt, dass sie allesamt körperverletzte Verstümmelte seien.

Sicher, nicht jeder Bescheidungskritiker ist ein von Kastrationsängsten gebeutelter Hanswurst, der seine Ängste als Mitgefühl getarnt auf Judenpenisse projiziert. Und ja, „Gott will es“ ist kein valides Argument pro Beschneidung. Es ist legitim, allerlei Theorien darüber aufzustellen, was die Beschneidung bedeutet, worher sie kommt, welchen Sinn oder Unsinn sie darstellt und ob man an uralten Traditionen festhalten muss, nur weil die eben uralt sind. Das wurde ja schon in den Anfangstagen der Psychoanalyse gemacht und es gibt, natürlich weit abseits der deutschen Hysterie, ernsthafte Diskussionen über die Beschneidung. Auch innerhalb des Judentums existieren Beschneidungskritiker, die zum Beispiel meinen, der Deal zwischen Gott und Abraham sei eher symbolisch gemeint gewesen und dass man im ganz frühen Judentum nur ein Fitzelchen der Vorhaut abgeschnitten hätte und nicht den ganzen Hautfetzen. Leider waren diese Leute damals nicht dabei, als dieser Bund geschlossen wurde (höchstwahrscheinlich war niemand dabei), weshalb dieses Argument auch kein überzeugendes ist, aber  genau dort gehört eine Beschneidungsdebatte hin, nämlich in den innerjüdischen bzw. innermuslimischen Dialog. Im völligen Gegensatz zur weiblichen „Beschneidung“, die tatsächlich eine Verstümmelung ist, deren einziger Zweck die Zerstörung weiblichen Lustgefühls und damit die Unterwerfung von Frauen unter kulturelle Vorstellungen ist, in denen die Frau als Besitztum des Mannes gesehen wird, wirkt sich männliche Beschneidung nicht mal ansatzweise so negativ auf das (Sexual)Leben der Beschnittenen aus, man könnte sogar sagen, dass sie, wenn schon, dann das Sexualleben eher verbessert. Oder meint jemand ernsthaft, die männlichen Amerikaner, von denen rund 70 Prozent beschnitten sind, hätten weniger Spaß am Sex als der gemeine europäische Häutchenbesitzer?

Abschließend ein kleiner Ausflug in die Religionsgeschichte. Die erste große Beschneidungsdiskussion fand in Jerusalem zwischen 44 und 49 nach Christus statt. Hätte sich beim Apostelkonzil die Fraktion um Jesus-Bruder Jacobus durchgesetzt, wären heute alle Christen beschnitten. Das wäre eine gute Sache gewesen, hätte es uns doch erspart, dass wir heute nervtötende und über alle Maßen aufgebauschte Beschneidungsdebatten führen…

Vollkaskomentalität

Hannes Androsch, ehemaliger sozialdemokratischer Finanzminister Österreichs, wegen Steuerhinterziehung rechtskräftig verurteilt und mittlerweile einer der reichsten Männer des Landes, hat sich nun auch zu der Bande bestens situierter Systemgewinner gesellt, die dem Pöbel mal so richtig die Leviten lesen. Die Österreicher seien „indifferente Lethargiebürger, träge und bequeme Resignationsbürger und obendrein Feig- und Neidbürger.“ Den Vorwurf des „Neides“ macht der Mulitimillionär Androsch an der Forderung der SPÖ fest, die Vermögenssteuern, die in Österreich so niedrig sind wie in keinem anderen Industriestaat, anzuheben. Dass die Superreichen ein bisserl mehr zum Steueraufkommen beitragen sollen, ist für den Großunternehmer unerträglich, denn der Staat würde „in großem Stil Geld verschwenden“, was sich unter anderem an den „vielen Frühpensionen“ zeige. Es sei höchste Zeit, grummelt der feine Herr in Richtung Unterschicht, dass „die Leute ihre Vollkaskomentalität“ ablegen.

Auch wenn Androsch in anderen Punkten, zum Beispiel mit seiner Kritik an den ewig verschleppten Reformen des Bildungswesens und des Förderalismus, recht hat, so spricht aus ihm letztlich doch nur der von der Lebensrealität der Masse abgekoppelte Industrielle, der den Ärmsten noch ihr klägliches Einkommen missgönnt und diese der Faulheit zeiht, was ja die unsympathischste Form des „Neidbürgertums“ überhaupt ist. Besonders ungustös ist der neokonservative Kampfbegriff von der „Vollkaskomentalität“. Ja hallo! Die Menschen in Österreich BEZAHLEN ja sehr hohe Beiträge für die Sozialversicherung. Und wer dann eine Leistung aus dieser Versicherung in Anspruch nehmen muss, der soll dann ein böser Schurke sein? Das erinnert ja an die Praktiken der privaten Versicherungsgesellschaften, die im Schadensfall auch immer allerlei Ausreden dafür finden, den Versicherungsnehmer trotz Vollkasko bluten zu lassen.

Obwohl Herr Androsch diesen Blog wohl kaum lesen wird, würde ich ihn gerne mit ein paar Fällen aus meinem Bekanntenkreis vertraut machen.

-Da gibt´s den Herbert. Der ist 58 und hat ein Leben lang am Bau geschuftet. Heute ist sein Rückgrat so kaputt, dass er kaum noch die Stiegen zu seiner Wohnung im zweiten Stock schafft. Sein Arbeitgeber hat ihn, weil er ja nicht mehr zum Zementsäckeschleppen geeignet ist, vor die Tür gesetzt, und Herbert hat, nach einigen Umschulungsmaßnahmen des AMS, die alle nichts gebracht haben, um eine frühere Verrentung wegen Invalidität angesucht und auch bewilligt bekommen, da ein Aufsichtsratsposten bei der Österreichischen Salinen AG leider gerade nicht frei war. Jetzt lebt er wie ein König von seiner „Vollkasko“ – fast bewegungsunfähig und mit heftigen Abschlägen bei der Rente.

-Und auch Susanne ist ein echtes Vollkasko-Luder. Die hat nach eine Reihe von Schicksalsschlägen doch glatt die „bedarfsorientierte Mindestsicherung“ beantragt und lebt jetzt in Saus und Braus von 400 Euro im Monat. Sicher, ihren kaputten Kühlschrank kann sie schon seit drei Monaten nicht reparieren lassen, sie kann sich kein Auto mehr leisten, obwohl sie in einer ländlichen Gemeinde lebt, und sie hat seit einem Jahr kein Restaurant, kein Kino, kein Theater und kein Hallenbad mehr von innen gesehen, und sie trägt ausschließlich Second-Hand-Klamotten, aber da sie nicht verhungern muss, lebt sie wohl immer noch „über ihren Verhältnissen“.

-Der schlimmste Vollkasko-Fall ist aber der Johannes. Der faule Hund ist erst 45 und genießt schon in vollen Zügen eine Berufsunfähigkeitsrente. Okay, genau genommen ist da nicht viel mit Genießen, denn der Mann leidet seit vielen Jahren unter schwersten Depressionen und Panikattacken, die ihm fast alles verunmöglichen, was das Leben lebenswert macht, und er laboriert überdies an den Folgewirkungen einer einjährigen Chemotherapie, weil er sich aus lauter Jux und Tollerei auch noch Krebs zugezogen hatte. Von seiner fürstlichen Pension bleiben ihm nach Abzug der Fixkosten knapp 300 Euro zum Leben – Ein Betrag, den ein Androsch für ein Mittagessen ausgibt. Kein Wunder also, wenn körperlich und seelisch gesunde Multimillionäre vor Neid fast platzen, wenn sie sich das Luxusleben dieses faulen Schmarotzers anschauen…

Wenn ich wollte, könnte ich dutzende solcher Fälle schildern. Lauter Menschen, denen unsere angebliche „Vollkaskogesellschaft“ gerade mal das nackte Überleben sichert. Keine schlechten Menschen, aber vom Unglück verfolgte Menschen. Dass man auf denen auch noch rumhackt, sie als Sozialschmarotzer diffamiert und als Beispiele dafür hernimmt, dass „der Staat“ Geld verschwenden würde, ist an Widerwärtigkeit kaum noch zu übertreffen, vor allem wenn man bedenkt, dass diese Attacken gegen die Ärmsten vor allem von jenen kommen, die durch „kreative“ Versteuerung ihrer Vermögen, durch die Privatisierung von Gewinnen und die Sozialisierung von Verlusten sowie zum Teil auch durch banale Wirtschaftskriminalität die Gesellschaft und den Staat mehr schädigen, als es die Bezieher von Sozialtransfers jemals schaffen könnten.

ps: Wenn es überhaupt eine „Vollkaskomentalität“ gibt, dann ist diese bei den Banken zu suchen, die Milliarden verspekulieren und dann darauf zählen dürfen, dass sie von den Steuerzahlern gerettet werden!