Beyerdynamic DT770 Pro – lohnt der sich noch im Jahr 2021?

2024 wird die Firma Beyerdynamic 100 Jahre alt. Wer sich so lange auf dem Audio-Markt hält, macht wohl einiges richtig. Das gilt auch für Produkte, die fast unverändert seit bald 40 Jahren verkauft werden, wie zum Beispiel den Kopfhörer DT770, der zusammen mit seinen Geschwistern DT880 und DT990 im Jahr 1985 auf den Markt kam und sich bei Tontechnikern wie auch Hifi-Fans immer noch großer Beliebtheit erfreut. Natürlich hat Beyerdynamic die alte DT-Linie im Laufe der Jahrzehnte immer wieder ein bisschen angepasst und getunt, aber im Grunde haben wir hier den gleichen Kopfhörer, der in die Geschäfte kam, als Madonna gerade zum Weltstar wurde und Ostdeutschland noch sicher hinter Mauern und Zäunen eingeschlossen war.

Foto © Beyerdynamic

Wie sagen unsere englischsprachigen Freunde? If ain’t broken don’t fix it! Frei übersetzt: wenn etwas funktioniert, verschlimmbessere es nicht! Die DTs haben ihren bis heute anhaltenden guten Ruf nicht ohne Grund. Ich selbst besaß zwölf Jahre lang einen DT990 und habe den immer noch in bester Erinnerung. Er war super bequem gebaut, extrem stabil, hatte trotz des nicht abnehmbaren Kabels, über das ich etliche Male mit den Rädern des Bürosessels drüber gefahren bin, nie einen Wackelkontakt und er klang wunderbar. 2015 beschlossen die Chefs bei Beyerdynamic, es wäre an der Zeit, vom Trend zu immer teureren Kopfhörern zu profitieren und ließen die Modelle DT1770 Pro, DT1990 Pro sowie die zweite Generation des Flaggschiffs T1 auf die Welt los. Und da ist ihnen irgendein Upsie passiert, denn ich habe sowohl den T1 als auch den DT1990 besessen und ich war nicht nur nicht begeistert, sondern regelrecht enttäuscht und zornig. Ich vermute, die viel beworbenen „Tesla“-Treiber, die in diesen neueren Beyerdynamics zum Einsatz kommen, sind schlicht und einfach eine Fehlentwicklung. Der T1.2 klang nur mit Musik gut, die sparsam instrumentiert war. Sobald eine größere Band oder gar ein Orchester ins Spiel kam, wirkte er überfordert und produzierte vor allem im Hochtonbereich einen krächzenden und krachenden Sound-Schrott, der an einen 15-Euro-Kopfhörer erinnerte und nicht an ein fast 1.000 Euro teures Spitzenmodell. Der DT1990 war kaum besser. Ein bisschen souveräner in den Höhen, aber auch heftig zum Übersteuern und Krächzen neigend. Und ja, ich habe die mit ausreichend Verstärker-Energie gefüttert. Der DT1990 entwickelte trotz abnehmbaren Kabels übrigens schon nach nur eineinhalb Jahren einen Wackelkontakt, der eine Hörmuschel komplett ausfallen ließ. Mein Vertrauen in Beyerdynamic war erschüttert und ich suchte mein akustisches Heil vorerst anderswo.

Mit dem AKG K812 (rund 1.000 Euro) und dem Meze Empyrean (3.000 Euro) fand ich, wonach ich so lange gesucht hatte: Audiophile Perfektion. Der AKG spielt extrem gut auflösend, aber er foltert einen nie mit völlig übertriebenen Hochtönen, wie es der T1 und der DT1990 machen (der berüchtigte Beyer-Peak). Musik mit dem AKG K812 zu hören, könnte man so beschreiben: Man steht in einer mond- und sternenlosen Nacht im tiefsten Wald. Es ist so finster, dass man die Hand vor Augen nicht sieht. Setzt dann die Musik ein, ist es, als würde im Dorf nebenan ein Feuerwerk in die Luft geschossen werden. Jede einzelne Farbe erstrahlt vor dem pechschwarzen Nachthimmel, und jede Nuance jeder einzelnen Farbe ist ganz klar zu erkennen. Es ist akustische Analytik auf höchstem Niveau, die aber dennoch nicht ermüdend wirkt. Der Meze Empyrean wiederum ist nicht Technik, sondern Schwarze Magie, Teufelswerk. Egal, welche Musik man ihm füttert, er streut Feenstaub oder Einhorntränen drauf und sie klingt fantastisch. Alles, was man mit dem Meze hört, klingt erhaben, majestätisch, imperial. Und weil er mit Magie arbeitet, verändert er sich auch von Song zu Song. Er kann alles und spielt alles, und allem verleiht er noch diese extra Portion Gravitas und Patina.

Verarbeitung und Komfort

Kann ein technisch fast 40 Jahre alter Kopfhörer, der noch dazu kaum 130 Euro kostet, mit solchen Sound-Kanonen mithalten? Ich habe es ausprobiert und mir den DT770 gekauft. Der kommt in einer simplen Verpackung und ohne Zubehör. Der Hörer selbst wirkt, wie von den alten DTs gewohnt, extrem gut gebaut und stabil. Er besteht aus einem Kopfband und Gabeln aus Metall. Das Kopfband ist mit abnehmbarem Leder gepolstert. Nicht dick, aber ausreichend. Die Ohrmuscheln sind aus Hartplastik, das eine interessante Maserung aufweist, und die Ohrpolster bestehen aus Velours. Das Kabel ist drei Meter lang und fix verbaut. Es ist dünn, aber stabil und flexibel. Gesamteindruck: Ein Panzer.

In Sachen Komfort ist Beyerdynamic verlässlich gut. Ich habe den DT770 direkt aus der Schachtel mehr als acht Stunden getragen und hatte nicht das geringste Problem. Kein Zwicken, kein Drücken, kein Jucken. Der Hörer hat zwar nicht die größten Polster, aber meine Ohren stießen nie irgendwo unangenehm an. Überraschend bei einem Kopfhörer, der als Arbeitsgerät für das Studio beworben wird: Die Ohrpolster sind sehr mikrofonisch. Schon wenn man nur gähnt hört man, wie sie sich knarzend dehnen. Ähnliches passiert, wenn man isst, kaut oder den Kopf schüttelt. Ich hoffe, das wird noch besser, sobald der Kopfhörer erst einmal „eingeritten“ ist, aber ich muss es erwähnen, da man sich, falls es nicht weggeht, zwar womöglich daran gewöhnen kann, es aber bei keinem Kopfhörer in keiner Preisklasse vorkommen sollte, schon gar nicht bei einem, der ein „Pro“ sein will.

The Sound of good old Beyer

Der Sound hat mich einerseits überrascht, andererseits aber willkommen geheißen wie einen alten Freund. Überraschend ist, dass ich, vom Meze Empyrean und vom AKG K812 kommend, nie das Gefühl hatte, vom Weltcup in die Regionalliga abgestiegen zu sein. Die Vertrautheit ergab sich daraus, dass der DT770 meinem geliebten DT990 recht ähnlich ist. Ja, der 770 ist geschlossen, der 990 offen, aber die Grundsignatur ist nicht so unterschiedlich, wie man meinen könnte. Der schönste Trick, den der DT770 beherrscht, ist der Bass. Dieser Kopfhörer kann als einer der wenigen unter 1.000 Euro echten Tiefbass darstellen, also Frequenzen von 50Hz abwärts, und zwar mit Wumms und nicht nur ganz zart. Ja, es gibt noch basslastigere Kopfhörer, aber wenige, die den Bass nicht nur mit Gusto abbilden, sondern auch mit Finesse. Der Tiefbass grummelt tief unten vor sich hin, der normale Bass ist saftig und, was mich beim geschlossenen Design überrascht hat, sehr kultiviert. Man kann zB einen E-Bass von einer Bassdrum problemlos auseinanderhalten, ebenso eine Tuba von einem Kontrabass, auch wenn sie dieselben Noten spielen. Okay, man muss ein bisschen konzentrierter hinhören als zB am Emyprean, aber die Differenziertheit ist da. Bravo, DT770!

Die Mitten sind ein bisschen zurückhaltender als zB einem Sennheiser HD650 oder einem Hifiman Sundara (um auch mal Beispiele zu bringen, die preislich näher am Beyer liegen als der Empyrean), aber sie saufen nicht im Mix ab. Ich höre in Stimmen, sowohl männlichen wie auch nicht allzu hohen weiblichen, die ganze Bandbreite, die verschiedenen Timbres und Phrasierungen. Es springt einen nicht so an wie bei mittenbetonten Kopfhörern, aber es geht auch nicht unter. Manchmal merkt man die U-Form des Sounds, wenn man zB genau weiß, dass eine E-Gitarre, die gerade im rechten Stereobereich spielt, eigentlich lauter sein sollte, aber verschwunden ist sie halt auch nicht, und das ist dann insgesamt okay.

Die Höhen sind, je nach Geschmack, das Sahnehäubchen oder die Achillesferse aller Beyerdynamic-Kopfhörer. Auch der DT770 hat den Beyer-Peak, also eine Überbetonung ab ca 7-8 Khz, die den Sound besonders luftig und detailliert wirken lässt, aber empfindliche Menschen unter den daraus manchmal folgenden scharfen bis überschärften „S“-Lauten bei Gesang oder einem Zisch-Effekt bei hohen Percussion-Instrumenten leiden lässt. Was bei T1 und DT1990 tatsächlich oftmals kaum zu ertragen ist, ist beim DT770 zum Glück nicht so arg. Ich hatte sogar den Eindruck, der geschlossene Beyer spielt genau bis zur Grenze, ab der es unangenehm werden könnte, überschreitet sie aber nur sehr selten.

Die Schwäche des DT770 ist das, was eigentlich seine Stärke sein sollte: Er ist mit den meisten Musikstücken sehr neutral und nicht sehr dynamisch. Das heißt, dass zB der Wow-Effekt, wenn nach einem leisen Intro eine laute Band einsteigt, nicht so stark ist wie bei Kopfhörern, die mehr auf Genuss getrimmt wurden statt auf Exaktheit. Ein Vorteil ist das sicher bei der eigentlichen Aufgabe des 770, nämlich beim Recording und vor allem beim Tracking. Während einer Aufnahme und später, wenn man einen Song nach Fehlern absucht, SOLL einen ja kein Wow-Faktor von der Arbeit ablenken. Das gesagt habend, muss ich aber festhalten, dass das nur auffällt, wenn man direkt zuvor Kopfhörer wie den Empyrean gehört hat. Für sich allein genommen ist der DT770 durchaus auch spaßig und dynamisch. Fast ein wenig erschrocken bin ich über die Bühne des Beyer. Die ist nämlich für einen geschlossenen Kopfhörer recht groß, sowohl vertikal wie horizontal, und sogar Tiefenstaffelung kann er ordentlich darstellen.

Fazit

Abschließend bleibt zu sagen, wie sehr mich der günstige Beyerdynamic für sich einnehmen konnte. Eine großartige Tonqualität, eine sehr gute Verarbeitung und zum aktuellen Preis nur mit wenig ernsthafter Konkurrenz. Sucht man in der Preisregion, könnte man eventuell die Grados SR60 und SR80 als dynamischere und „rockigere“ Alternativen empfehlen, und wer es lieber neutral, aber mit weiterer Bühne und weniger Bass hat, kann mit dem AKG702 ein Schnäppchen schießen. Die Firma Beyerdynamic muss sich freilich die Frage gefallen lassen, warum ein 40 Jahre alter 130-Euro-Kopfhörer in vielen Belangen besser klingt und schlichtweg besser IST, als andere ihrer Produkte, die vier bis zehnmal soviel kosten.