Team_Zivilisation vs Team_Gina_Lisa

Als Gina-Lisa Lohfink vorigen Montag in Berlin wegen falscher Verdächtigung verurteilt wurde, waren die Sozialen Medien nicht nur voll sexistischen Hohns und abgrundtief bösartigen Hasses auf das It-Girl und Frauen generell, sondern auch voller trotziger Justizschelte, Rechtsstaatsverachtung und pseudofeministischem Radikalismus. Der Blog „Mädchenmannschaft“, eine Art Zentralorgan des postmodernen Gefühlsfeminismus, heulte auf: „Wie sieht Vergewaltigungskultur aus? Genau so“. Weil ein Berliner Gericht zum Schluss kam, Lohfink habe zwei Männer fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigt, schloss die „Mädchenmannschaft“, in Hinkunft würden sich weniger Frauen trauen, Vergewaltigungen anzuzeigen. Auch die Sozialistische Jugend Österreichs blieb nach dem Urteil unbeirrt im „Team_Gina_Lisa“ und postete auf Facebook ein Meme des Inhalts: „Wenn am Schluss die Betroffene einer Vergewaltigung bestraft wird“. Dass ein deutsches Gericht unter den Argusaugen der Öffentlichkeit aufgrund recht klarer Indizien und Beweise festgestellt hatte, dass gar keine Vergewaltigung stattgefunden habe – es war den österreichischen Nachwuchslinken ebenso egal wie den Demonstrantinnen vor dem Gerichtsgebäude, die den antizivilisatorischen Slogan skandierten: „Macker gibt’s in jeder Stadt, bildet Banden, schafft sie ab!“

Ein Feminismus, der zu einer barbarischen Regung verkommen ist, ist keiner mehr. Und es ist nichts anderes als Barbarei wenn man fordert, das Recht Banden zu überantworten, rechtsstaatliche Grundprinzipien über Bord zu werfen und auch Unschuldige einzusperren, solange das nur die eigene gesellschaftspolitische Agenda voranzubringen verspricht. Da schimmert die alte Krankheit durch, die immer wieder alle möglichen politischen Bewegungen heimgesucht hat, tragischerweise gerade auch linke, nämlich die Bereitschaft zur Inhumanität im Namen der guten Sache. Dass der Zweck die Mittel heilige ist jener moralische Kurzschluss, der immer wieder Menschen, manchmal Millionen von ihnen, Freiheit und Leben gekostet hat. Der klassische Feminismus war nicht so und ist nicht so. Der wollte und will die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts aufheben, die Unterdrückung der Frau beenden und geschlechtsbezogene Privilegien abschaffen. Für eine nicht verübte Vergewaltigung nicht bestraft zu werden, ist aber kein Privileg, sondern ein Menschenrecht.

Die beunruhigende Tatsache, dass mittlerweile an die 60 Prozent aller wahlberechtigten Männer rechtsextreme oder autoritäre Parteien wählen, wird allzu gerne abgetan damit, dass die halt dumm seien, rückständige primitive Machos auf der Suche nach dem Übervater, der ihre Vorrechte wiederherstellt. Auf den Gedanken zu kommen, das könnten wenigstens teilweise Leute sein, die von der peseudofeministischen Durchkriminalisierung der sexuellen Geschlechterverhältnisse verunsichert sind und sich ungern als Macker und Vergewaltiger beschimpfen lassen, scheint mittlerweile verpönt zu sein. Natürlich sind das tatsächlich oft Männer, die den antifeministischen Backlash anstreben, die wieder Verhältnisse wie in den 50er Jahren wollen, die sich nach der vermeintlichen Klarheit des alten patriachalen Autoritarismus sehnen. Aber nicht alle. Einige haben wohl nur die Schnauze voll von einer Feminismusvariante, die Männern nur mehr mit Hass und Generalverdacht begegnet.

Eins, zwei, drei Sprachpolizei – Vorsicht, die „Normalen“ kommen!

Teile des österreichischen Bildungsbürgertums haben sich zusammengerottet und einen Offenen Brief formuliert, in dem sie sich gegen das Gendern aussprechen und eine „Rückkehr zur sprachlichen Normalität“ fordern.

Zuerst legen die Briefschreiber dar, wer sie sind, nämlich ihrer eigenen Darstellung und Empfindung nach furchtbar wichtige Leute:

Die gegenwärtige öffentliche Diskussion zur sprachlichen Gleichbehandlung von Frauen und Männern veranlasst die unterzeichneten  Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch andere  Personen des Gesellschaftslebens, dringend eine Revision der gegenwärtigen Vorschriften zu
fordern.

Es sind also Herr und Frau Wichtig und die, die diese Wichtigs in ihren Salons bewirten. Nicht irgendwelche Proleten oder, horribile dictu, Leute ohne Matura.

Nach einer Berufung auf das gesunde Volksempfinden („Laut jüngsten Umfragen lehnen 85 – 90 % der Bevölkerung die gegenwärtige Praxis der Textgestaltung im öffentlichen Bereich ab“) kommt erstmals sowas wie eine Argumentation:

Die feministisch motivierten Grundsätze zur „sprachlichen Gleichbehandlung“ basieren auf  einer einseitigen und unrichtigen Einschätzung der Gegebenheiten in unserer Sprache. Das  „generische Maskulinum“(z. B. Mensch, Zuschauer…) zum Feindbild zu erklären und dessen  Abschaffung zu verlangen, blendet die Tatsache aus, dass unsere Sprache ebenso ein  „generisches Femininum“ (z. B. Person, Fachkraft…) und ein „generisches Neutrum“ (z. B.  Publikum, Volk…) kennt. Alle seit Jahrhunderten als Verallgemeinerungen gebrauchten  Wörter umfassen prinzipiell unterschiedslos beide Geschlechter. Die angeführten Beispiele  beweisen dies.

Hm, ja, generisches Maskulinum, Femininum und Neutrum gibt es in der Tat. Blöd nur, dass erstens niemand gefordert hat, diese Formen abzuschaffen oder zu ersetzen, und noch ein bisserl blöder, dass dieser Offene Brief in Reaktion auf die Diskussion um die österreichische Bundeshymne verfasst wurde, in der es darum ging, ob sich Frauen durch die Formulierung „Heimat bist du großer Söhne“ mitgemeint fühlen sollen. Sohn/Söhne ist kein generisches Maskulinum, was Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch andere  Personen des Gesellschaftslebens wissen könnten, würden sie die Sprache, die zu verteidigen sie mit flatternden Talaren und klappernden Schreibmaschinen ausgeritten sind, beherrschen.

Dann kommt die erste konkrete Forderung:

Folgende aus den angeführten irrigen Grundannahmen entstandenen Verunstaltungen des Schriftbildes sind daher wieder aus dem Schreibgebrauch zu eliminieren: Binnen-I, z. B. KollegInnen
• Schrägstrich im Wortinneren, z. B. Kolleg/innen
• Klammern, z. B. Kolleg(inn)en
• hochgestelltes „a“ bzw. „in“ im Anschluss an bestimmte Abkürzungen 

Man beachte den Duktus! Der klingt wie ein Ukas aus dem Büro des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Abteilung Kultur, Untergremium Sprache. Die Kombination aus dekretierendem Imperativ und dem Verb „eliminieren“ würde mich nicht so sehr beunruhigen, käme sie von einem Alphabetisierungskollektiv aus dem anarchistischem Katalonien der 1930er Jahre, doch  Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch andere  Personen des Gesellschaftslebens sollten über eine größere Sprachsensibilität verfügen. Vielleicht ist diese Sprachsensibilität aber durchaus vorhanden und der Befehlston, den Unterzeichner und Unterzeichnerinnen anschlagen, resultiert aus der Wahnvorstellung, man sei so ungeheuer mächtig, dem Rest des Landes Anordnungen geben zu können? Eine Frage für Psychoanalytikerinnen.

Im weiteren Verlauf des Briefes klagen die Verfasser und Verfasserinnen viel über die mangelnde Praktikabilität gegenderter Sprache und malen ein schlimmes Szenario von armen Schülern und Studentinnen, die vor lauter geschlechtsneutraler Sprache ganz dumm würden, an die Wand und rufen, wie man es von Konservativen ja kennt, laut „denkt denn hier niemand an die Kinder“ (und an Ausländer, Behinderte und andere Tschapperln):

Außerdem muss gewährleistet sein, dass durch die traditionsgemäße Anwendung verallgemeinernder Wortformen die Verständlichkeit von Texten wieder den Vorrang vor dem Transport feministischer Anliegen eingeräumt bekommt. Dies vor allem im Hinblick auf

• Kinder, die das sinnerfassende Lesen erlernen sollen,
• Menschen, die Deutsch als Fremdsprache erwerben und
• Menschen mit besonderen Bedürfnissen (z. B. Blinde, Gehörlose, Menschen mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten)

Und dann beruft man sich erneut auf den Willen der Mehrheit und warnt vor der Diktatur des feministischen Proletariats:

Sprache war und ist immer ein Bereich, der sich basisdemokratisch weiterentwickelt: Was die Mehrheit der Sprachteilhaber als richtig empfindet, wird als Regelfall angesehen. Wo immer im Laufe der Geschichte versucht wurde, in diesen Prozess regulierend einzugreifen, hatten wir es mit diktatorischen Regimen zu tun. (…) . Ein minimaler Prozentsatz kämpferischer Sprachfeministinnen darf nicht länger der
nahezu 90-prozentigen Mehrheit der Staatsbürger ihren Willen aufzwingen.

Was für eine armselige Unterfütterung der eigenen Befindlichkeiten! 90 Prozent sagen, Scheiße ist Gold, also ist Scheiße Gold. Punkt. Getoppt wird das noch im Schlusssatz, in dem „eine Rückkehr zur sprachlichen Normalität“  gefordert wird. Das ist richtig ekelhaft, kreischt hier doch ein nahezu faschistischer Normierungsswahn aus der bürokratischen Sprache der Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch anderen  Personen des Gesellschaftslebens, der jene, die sich tatsächlich ernsthaft mit Sprache befassen, alarmieren muss. Wer „sprachliche Normalität“ einfordert und für ideal hält, der ist gedanklich nicht mehr allzu weit weg von „sexueller Normalität“, „religiöser Normalität“, „kultureller Normalität“ und am Ende „rassischer Normalität“. Solchen Normierern muss man Einhalt gebieten, übrigens auch jenen, die die Sprache nach angeblich feministischen Grundsätzen gleichschalten wollen. Aber gibt es letztere in kritischer Masse? Gefordert und teilweise umgesetzt wurde bislang lediglich, dass offizielle Amtstexte, Gesetzestexte und dergleichen geschlechtsneutral formuliert werden sollen, damit sich niemand nur „mitgemeint“ fühlen muss. Und das ist gut und richtig. Selbstverständlich ist es in Ordnung und war höchst an der Zeit, dass zum Beispiel in der österreichischen Bundeshymne nicht mehr von „großen Söhnen“ die Rede war, sondern von „großen Töchtern und Söhnen“. Das kann doch niemand, der kein verwirrtes Macho-Würstchen ist, ernsthaft als Bedrohung empfinden? Und doch formiert sich von der FPÖ über den Stammtisch bis zu den  Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch andere  Personen des Gesellschaftslebens eine Ablehnungsfront gegen die Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache.

Was geht hier also vor? Bei den   Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch anderen  Personen des Gesellschaftslebens dürfte es sich vor allem um ähnliche Reflexe handeln, die man schon bei der letzten großen Rechtschreibreform beobachten konnte, als ein weitgehend identischer Personenkreis laut gegen die geplanten und letztlich durchgesetzten Vereinfachungen der deutschen Schriftsprache wetterte. Man fürchtete die Veränderung als Vorbotin von Nivellierung, Kulturverfall und letztlich des Untergangs des Abendlandes. Menschen, die tatsächlich oder gefühlt weiter oben in der gesellschaftlichen Hierarchie standen, ängstigten sich vor dem Verlust der Sprache als Herrschaftsinstrument, zu dessen leidlich fehlerlosen, vor allem aber recht exklusiven Verwendung sie entweder durch Geburt ins Bildungsbürgertum oder langes Studium gekommen waren, und das betraf keineswegs nur Reaktionäre, sondern sehr wohl auch Progressive, wie das Beispiel der bis heute an der alten Rechtschreibung festhaltenden linken Zeitschrift „konkret“ zeigt. Interessant ist, dass diese Kreise derzeit eine Koalition mit vornehmlich männlichen Verlierern der ökonomischen Veränderungen bilden, die recht hilflos sehen, wie sich die traditionelle Arbeitswelt immer mehr auflöst, gut bezahlte Vollzeitjobs für schlecht Ausgebildete immer rarer werden und um diese schwindenden Einkommensmöglichkeiten eine immer stärkere globale Konkurrenz entsteht. Diese vorwiegend jungen und vorwiegend männlichen Menschen müssen seit mehr als 20 Jahren erfahren, dass Veränderungen und „Reformen“ stets zu ihren Ungunsten ausfallen und reagieren daher mit Furcht und Aggression auf alles, was neu und anders ist. Da sie die komplexen wirtschaftlichen Zusammenhänge oft nicht durchschauen (genauer: nicht durchschauen können, weil die meisten Parteien und sogar Gewerkschaften kein Interesse an aufgeklärten Arbeitern haben), suchen sie nach Schuldigen und identifizieren als solche Frauen, die nicht nur verstärkt berufstätig sein wollen, sondern das sein müssen, sowie Migrantinnen und andere Ausgebeutete, mit denen sie sich, wären sie informiert und rational, solidarisieren müssten statt sie als „Fressfeinde“ abzulehnen. Die seit dem 19. Jahrhundert gängige Rolle des Mannes als Arbeiter und Ernährer der Familie löst sich für sehr viele in Luft auf und das Bewusstsein hinkt den Verhältnissen hinterher. Die ökonomisch abgehängten und überflüssigen Männer (und oft auch Frauen) blicken mit Argwohn und zunehmend auch Hass auf die Ober- und Mittelschichten, die sich von den Lebensrealitäten der Proleten immer weiter entfernen, was dazu führt, dass man sich mit wachsendem Unverständnis gegenüber steht. Die einen verstehen nicht, warum den anderen Themen wie sexuelle Toleranz, Gleichberechtigung und Antirassismus wichtig sind, die anderen verstehen nicht, wovor die einen so viel Angst haben. Dazu kommt nun noch ein massiver gesellschaftspolitischer Backlash auch in Teilen der Eliten und hier wird es nun wirklich gefährlich, denn wenn Sachen wie die Ablehnung geschlechtsneutraler Sprache oder die Diskriminierung von Homo- und  Transsexuellen zu einem gemeinsamen Anliegen von Teilen des Bildungsbürgertums und der wirtschaftlich Ausgegrenzten werden, bildet sich etwas heraus, das direkt in Richtung Voraufklärung, Autoritarismus und vielleicht sogar Faschismus führen kann. Volksgemeinschaft halt.

 

 

 

Femen: Old men afraid of tits

Etwas scheinen die Femen ja richtig zu machen. Wer von Islamisten, rechtsextremen Islamhassern, linken Korithenkackern, russischen Oligarchen-Mafiosi, christlichen Frauenfeinden und Teilen der feministischen Orthodoxie gleichermaßen gehasst wird, kann so falsch nicht liegen. Alles, was autoritär und brutal ist, ist sich darüber einig, diese Frauen zu verachten. Deswegen finde ich Femen gut. Natürlich ist es die volle Absicht der Femen, symbolstarke Bilder und Situationen zu erzeugen, aber wer wollte das ausgerechnet einer aktionistischen NGO zum Vorwurf machen? Und hey, bei mir zumindest funktioniert das, obwohl ich weiß, dass es kalkuliert ist. Wenn ich sehe, wie eine 1,60 Meter kleine Frau von einem durchtrainierten Riegel aus Putins Leibwache in den Polizeigriff genommen und zu Boden gedrückt wird, nur weil sie halb nackt protestiert hat, dann brauche ich keine Ideologiekritik um zu wissen, dass das falsch ist. Jeder Mensch, der noch nicht so krank ist, reale Gewalt gegen Frauen geil zu finden, findet das falsch. Und wenn ich sehe, wie Frauen in Handschellen vor ein tunesisches Gericht geschleift werden, wo sie inmitten von Uniformierten darauf warten, verurteilt zu werden, bloß weil sie ihren Körper hergezeigt haben, weiß ich ebenso, dass das falsch ist. Das ist ja das Verdienst der Aktionistinnentruppe, dass sie die Gewaltverhältnisse sichtbar macht, so sichtbar, dass sie wirklich jedem, der noch über eine nicht pervertierte moralische Grundausstattung verfügt, einleuchten. Männer wenden Gewalt an, lassen Leibwächter und Polizei und Staatsanwälte und Richter von der Kette, nur weil Frauen ihren Körper zeigen. Das demonstriert, wer auf dieser Welt die Macht hat, zeigt den wahren Charakter dieser Macht und führt uns vor Augen, dass Befreiung nicht geht, so lange Frauen unfrei bleiben. Das ist nicht neu, aber so aktuell wie je. Die Aktionen der Femen und die Reaktionen darauf lehren uns zu verstehen, dass es in den vergangenen 30 Jahren einen internationalen konservativen Rollback gegeben hat, der viel mit dem Comeback der Religionen und dem Zurückweichen sozialistischer, antiautoritärer, libertärer und anarchistischer – kurz linker – Ideen zu tun hat. Und am stärksten spüren das Frauen, ob man sie nun in Pakistan für das Verbrechen des Universitätsbesuchs ermordet oder sie im angeblich freien Westen einem mörderischen Stress aus sexistischen Schönheitsidealen und Ausbeutung aussetzt.

Ich kenne die Einwände, die nun kommen werden. „Aber die unsäglichen Holocaustvergleiche. Und das Vorschicken möglichst hübscher junger Frauen. Das ist doch auch wieder doof und sexistisch“. Nö, ist es nicht. Femen wissen um die Funktionsweise der Medien, sie wissen, wie Pressefotografen ticken. Und sie wissen, dass unsere Medienwelt nur ein Spiegel der Machtverhältnisse ist. Machtverhältnisse, die festgelegt werden von Männern, geilen Männern, verklemmten Männern, autoritären Männern, alten Männern, die wenig so sehr fürchten wie lebendige Frauen, die sich nicht gehorsam vor dem Playboyfotografen entkleiden oder vor dem mächtigen Ehemann den Tschador ausziehen, sondern den Zeitpunkt und den Ort ihrer Entblößung selber festlegen. Das beraubt diese Männer der Verfügungsgewalt über die weibliche Nacktheit, und deswegen toben sie vor Wut. Hier wird der alte feministische Slogan „mein Körper gehört mir“ tatsächlich umgesetzt, teils unter Lebensgefahr, was Femen zu einer lupenrein emanzipatorischen Bewegung macht. Und was den Vergleich der Prostitution mit dem Holocaust betrifft:  Das geht natürlich nicht, aber sieht man die Situation von Frauen und Mädchen mit offenen Augen wird man nicht umhin können zuzugeben, dass gegen Frauen seit Jahrtausenden mörderische Gewalt verübt wird, teilweise kalt geplant und systematisch. Nimmt man diese ganze Gewalt, nämlich die keineswegs nur islamischen „Ehrenmorde“, die in Afrika immer noch stattfindende Ermordung von „Hexen“, das gezielte Abtreiben weiblicher Föten in China, die Ermordung weiblicher Säuglinge in Indien, das immer wieder vorkommende Abschlachten weiblicher Verwandter im Westen („Familientragödien“), die gezielte sexuelle Gewalt mit Todesfolge in Kriegen, das Umbringen unangepasster Frauen im Faschismus und so weiter und so fort, dann erscheint es nicht mehr sonderlich übertrieben und unpassend, von einem Massenmord zu reden, vor allem dann nicht, wenn die historische Perpetuierung mitgedacht wird.

Die Femen sind vielleicht nicht die intellektuellste und vornehmste Form des Widerstands gegen unzumutbare Lebensbedingungen, aber sie sind wichtiger und pointierter, als so manche Traditonslinke es wahr haben wollen. Die zwischen offener Repression und altvaterischem Lächerlichmachen pendelnden Reaktionen auf das mit politischem Anspruch aufgeladene Herzeigen von Brüsten beweisen, dass wir immer noch, und zwar auf der ganzen Welt, im Patriachat leben. Männer regieren und die Männer, die gerade nicht regieren, wollen Regeln festlegen dafür, wie der Widerstand gegen diese Herrschaft auszusehen habe. Die Femen kritisieren erstere  fundamental und durchbrechen die Beschränkungen, die die oppositionellen Männer ihnen auferlegen möchten. Lou Reed hat einmal die reaktionärsten und verabscheuungswürdigsten Gestalten als „old men afraid of young tits and dicks“ gekennzeichnet. Ich denke, er hatte recht.

Macho Macho

Ein Kärntner Szenemagazin stellt ein paar Singles vor und schreibt, wonach die suchen.

-Bernadette will, dass ihr zukünftiger Lover „eine starke Persönlichkeit hat, um mein Temperament manchmal bremsen zu können“

-Kerstin: „Aber bitte keinen  Softie, der zu allem Ja und Amen sagt.

-Amira: „Am liebsten mag ich einen harten Kerl mit einem weichen Kern“.

-Stephanie: „Ein leichter Macho-Touch wäre schon okay“.

Tja, Mädels (und euch darf man doch sicher so nennen, ihr steht doch drauf, ein bisserl von oben herab behandelt zu werden?), ich hoffe, ihr findet eure harten Machos mit weichem Kern, die euch schon mal einbremsen und ganz sicher keine Softies sind. Aber dann bitte auch nicht weinen und ins Frauenhaus rennen, wenn der liebe Idealmann euch grün und blau schlägt, ganz doll liebevoll natürlich, und immer brav lächeln, wenn er euch mal wieder zu einer unnötigen „Schönheits“-OP zwingt (soooo viele sterben ja nun auch wieder nicht im Operationssaal). Und nicht vergessen: Immer schön die amerikanischen RomComs gucken, aus denen ihr wohl eure vorgestrigen Männerbilder habt, und eher selten ein Buch lesen! Wirkt Frau zu klug, schrumpft harten Machos mit weichem Kern nämlich ganz schnell die Nudel, und das ist ja wohl das Letzte, was ihr wollt, oder?

Die Rechte der Frau sind relativ?

Feminismus hatte mal was damit zu tun, für die Befreiung der Frauen von den Zwängen einer patriachal dominierten Kultur einzutreten. Es ging um politische, wirtschaftliche und sexuelle Selbstbestimmung und um die Emanzipation von – vor allem durch Religionen tradierte – Rollenzuweisungen. Mittlerweile sind weite Teile der westlichen Frauenbewegung jedoch den Weg vieler ehemals emanzipatorischer Strömungen gegangen und haben sich geradezu lustvoll der Regression ergeben. So kann dann auch die Kulturwissenschafterin und Amerikanistin Gabriele Dietze in einem Interview mit dem „Standard“, in dem sie zum französischen Burka-Verbot Stellung bezieht, von „Islamophobie“ quasseln, gegen den „säkularen Universalismus“ wettern, mit dem das „krisengebeutelte und zerrüttete Frankreich“ sich seines „abendländischen Führungsanspruchs“ versichern wolle, und den westlichen Staat mit dem „imaginierten muslimischen Patriarch“ (sic) gleichsetzen. Was für ein Schlag ins Gesicht all jener Frauen, die von ihren streng muslimischen Vätern, Gatten und Brüdern unterdrückt, misshandelt, wie Vieh verschachert und immer wieder auch im Namen der „Ehre“  ermordet werden! Welch Verrat an den Frauen in der islamischen Welt und in den islamischen Communities im Westen, die oft genug unter Lebensgefahr für ihre Freiheit kämpfen! Ihnen allen unterstellt Dietze, quasi gegen ein Fantom anzutreten, da der „muslimische Patriarch“ ja nicht real, sondern nur ein „imaginierter“ sei.

Ganz im Stile der Delegitimationsstrategien, die auch in diversen linken Sekten seit jeher gegen „Abweichler“ zur Anwedung kommen, spricht Dietze Frauen, welche die Gefahr thematisieren, die vom radikalen Islam für die Frauenrechte ausgeht, das Recht ab, sich Feministinnen zu nennen und unterstellt ihnen frech und unbewiesen, sich nicht in gleichem Ausmaß gegen misogyne Auswüchse des Christentums zu engagieren. Und Dietze schreckt auch vor völlig unpassenden Vergleichen nicht zurück: Es verträgt sich nicht mit einem universalistischen Rechtsverständnis, Sondergesetze für Bevölkerungsgruppen zu machen. Der Gesetzgeber nimmt sich ja auch nicht heraus, kontemplative Nonnen in die Welt zu befreien oder Internate für Sportgymnastinnen zur Vermeidung von Anorexie und Übertraining von vorpubertären Mädchen zu schließen. Dass im Jahr 2010 nur die wenigsten Nonnen unfreiwillig im Kloster sitzen, dass diese Nonnen, wenn sie das Kloster verlassen wollen, in aller Regel nicht von ihren Vätern oder Brüdern verprügelt und/oder ermordet werden, dass der Besuch von Sportinternaten nur recht selten mit der Befolgung religiös fundierter Traditionen zusammenhängt und dass Sportinternate schon längst verboten wären, würde es einen nachweisbaren und nicht bloß als billiges Scheinargument herbeifantasierten Zusammenhang dieser Institutionen mit Magersucht geben – was kümmert das eine postmoderne, postkolonialistische Kulturrelativistin?

Ach ja, so wie es den „musilimischen Patriarch“ laut Dietze nur als Imagination gibt, so ist für diese große Feministin auch die systematische und strukturelle Unterdrückung der Frau in muslischen Staaten bloß eine „Erfindung“: Mit Okzidentalismus meine ich eine abendländische Ideologie, die sich ihrer Überlegenheit über die Stigmatisierung, und im weitesten Sinne auch über die Erfindung, eines rückständigen ‚orientalischen Anderen‘ versichert. Frauen werden in diesem Zusammenhang zu ‚Grenzobjekten‘, an denen die Fortschrittlichkeit des Abendlandes bewiesen wird. Der Kampf um Kopftuch und Schleier ist insofern kein altruistischer Versuch, unterdrückte Frauen zu retten, sondern ein Kampf um Leitkultur.

Und eine Leitkultur ist natürlich böse, denn allein schon das Wort klingt nach Schwanzvergleich und Hierarchie, und das ist ganz ganz schlimm, viel schlimmer, jedenfalls für Frau Dietze, als der ganz reale Status der Frau als Mensch zweiter Klasse in traditionell islamischen Gesellschaften. Aus dem geschwollenen Theoretikerinnensprech übersetzt ist Dietzes Position diese: Solange auch nur ein besoffener Europäer seine Frau schlägt, solange der weibliche Körper im Westen für Werbezwecke ausgebeutet wird, solange es sexistische Benachteiligungen in westlichen Gesellschaften gibt  ist Kritik am radikalen islamischen Patriachat unangebracht. Das ist selbstverständlich totaler antiemanzipatorischer Quatsch, da Frauenrechte Menschenrechte sind und daher deren Verletzung überall bekämpft werden muss. Aber das ist Leuten wie dieser Dietze wohl zu „universalistisch“ und daher auch „kulturimperialistisch“ und gar „kolonialistisch“…

Feminismus bizarr

Schweizer Feministinnen haben die Steinin der Weisinnen im Kampf für Gleichheit und Schwesterlichkeit gefunden: „Kauft nicht beim Juden!“

Hm, kann mir jemand erklären, warum sich europäische Frauenrechtlerinnen gegen den einzigen Staat im Nahen Osten wenden, in dem Männer und Frauen gleichberechtigt sind? In dem Frauen jede Karriere, auch eine bei der Armee, offensteht? Und wieso diese Feministinnen  damit jenen Frauen in den Rücken fallen, die unter den extrem patriachalischen Verhältnissen der arabischen Tradition leiden?