50 Shades of künstliche Aufregung

Ich habe die literarische Frauenwichsvorlage „Fifty Shades Of grey“ nicht gelesen und die Verfilmung nicht gesehen, aber nach etlichen Buchbesprechungen, Filmkritiken und Facebookdiskussionen ist mir so, als hätte ich. Alle, die das Zeug in Grund und Boden verdammen, haben natürlich recht, denn das Teil ist auf gleich mehreren Ebenen der reine Schund, aber sie liegen gleichzeitig falsch weil sie nicht recht kapieren, worum es da geht und wie weibliche Fantasie funktioniert. Ich verstehe das ansatzweise, weswegen ich ja eine Umschulung auf Zuhälter oder Marketingleiter eines Kosmetikkonzerns nicht völlig auschließen mag.

Was bemäkeln die „Fifty Shades“-Nörgler und was ist daran Blödsinn?

1. Sadomasochismus werde in Buch und Film falsch dargestellt. Nämlich statt einer einvernehmlichen Sexualpaktik als weit über die Bettkante hinausreichende Machtausübung und Unterwerfung.

Überraschung: Frauen haben und lesen gerne über sexuelle Fantasien, die sie nie umsetzen würden, weil sie wissen, dass das gefährlich wäre, die sie aber trotzdem erregend finden. Erregender halt als die Wirklichkeit mit Anstandsdamen-Dating, Präservativ, an der Schlafzimmertür lauschenden Kindern und Safewords. Kein sich vornehmlich an weibliche Leser wendendes Schundheft, kein „historischer“ Roman, keine Fantasy-Fernsehserie kommt ohne Vergewaltigung, Sklaverei, Auspeitschungen und ganz viel anderen Schweinkram aus. Millionen Frauen ziehen sich sowas seit Jahrzehnten rein und sind, da sie mehr lesen als Männer, seit jeher die Hauptkundschaft mehr oder weniger erotischer Literatur. Trotzdem möchte fast keine Frau real vergewaltigt, versklavt oder gegen ihre Zustimmung verhauen werden. Die Story vom Milliardär, der das schüchterne Mauerblümchen „hart fickt“, um mal den Jargon von „Fifty Shades“ zu verwenden, und sich zum bestimmenden „Besitzer“ aufschwingen will, ist klassischer Pulp, der sich von ähnlichen Produkten dieser Gattung nur dadurch unterscheidet, dass er furchtbar brav und langweilig ist.

2. Das Zeug ist ganz doll reaktionär. 

Falls es jemandem entgangen sein sollte: Wir leben in reaktionären Zeiten. Entsprechend schaut die Popkultur aus. Wenn überall nur mehr Backlash und Sexualangst und großes Comeback religiöser Eiferer ist, wird halt aus einer kreuzbraven wie kreuzdummen Story ein großer Aufreger, der mit befeuchtender Wirkung direkt ins Höschen fährt.

3. Fifty Shades bedient sowohl das Klischee von der weiblichen Unterwürfigkeit als auch jenes des weiblichen Helferinnensysndroms.

Dass viele Frauen davon fantasieren, sich sexuell einem dominanten, „richtigen“ Mann hinzugeben, liegt zum Teil an tradierten Geschlechtersterotypen, zum Teil auch an der luschigen Weicheierigkeit, die Männer heute vortäuschen müssen, um als zeitgemäß zivilisiert durchgehen zu können. Zumindest in den besser gebildeten Kreisen hat die Furcht, als Sexist zu gelten, durchaus kastrierende Ausmaße angenommen. Ist es da ein Wunder, wenn Frauen zumindest in der Fantasie mal was mit Nicht-Eunuchen anfangen wollen? Darüber sollten die ganzen männlichen Heulsusen mal nachdenken, sie sich immer wieder darüber beschweren, dass die „netten Jungs“ keine abkriegen. Der dominante Milliardär als Objekt der Begierde ist eine Art Überreaktion auf die überkorrekten Langweiler, die seit Jahren den Paarungsmarkt verstopfen. Und was das Helferinnensyndrom betrifft: Einen Mann mit Macken wie zB die Figur des als Kind missbrauchten Milliardärs wieder „geradebiegen“ zu können, ist eine uralte Wunschvorstellung vieler Frauen, die zum größten Teil mit der patriachalen Rollenverteilung zu tun hat, in der der Frau der Part der unbezahlten Pflegerin, Therapeutin und Supernanny zukommt. Dazu kommen dann noch Allmachtswünsche wie jener, es würde schon ausreichen, jemanden richtig doll lieb zu haben, und schon könne der „gesund“ werden und fertig ist die Frauenfantasie.

4. Fifty Shades Of Grey reproduziert Geschlechterverhältnisse.

Ja. So wie 90 Prozent aller anderen Kulturproduktion. Das mag man scheiße finden, aber als feministische Aufklärungskampagne war die Sache, die als „Twilight“-Fanfic begann, wohl nie gedacht. Warum auch immer, viele Frauen finden Geschlechterverhältnisse wie aus den Märchen der Gebrüder Grimm „romantisch“. Sich die Jungfräulichkeit für den Prinzen aufzusparen, der auf weißem Schimmel oder halt im Privatjet einreitet, mag auf Menschen, die eine auch nur halbwegs stimmige Sexualaufklärung und einen Mindesteinblick in die gesellschaftlichen Implikationen von Sexualität haben, komisch wirken, Millionen Frauen fahren darauf ab, denn „Fifty Shades“ erlaubt es der 45-jährigen Karriefrau, noch einmal zum jungen Mädchen zu werden mit all den Flausen und überkommenen Vorstellungen, die da immer noch dazugehören. So wie Millionen Erwachsene beiderlei Geschlechts durch die Harry-Potter-Bücher wieder zu Kindern wurden, die noch einmal die bittersüßen Jahre der Pubertät durchleben konnten.

Ich könnte noch lange so weitermachen, aber dazu ist mir das Zeug einfach nicht wichtig genug. „Finfty Shades Of Grey“ ist kein Porno, sondern eher „Normo“, eine klinisch saubere heteronormative Masturbationshilfe für Frauen, die sich nix trauen. Für heterosexuelle Männer und aufgeklärte Frauen weitgehend ein Buch mit sieben Siegeln, aber halt nicht mehr als eine dem Geschmack der Zeit angepasste Variante jener „dirty books“, die einen für kurze Zeit in eine (rein sexuell) bessere Welt entführen, wo hart gefickt und im Privatjet gereist wird. Das Buch und der Film mögen doof sein, gegen das meist reine Elend jener Aufblastitten-Cumshot-Reinraus-Pornographie, die sich vorwiegend an Männer richtet, ist das aber geradezu hochwertiger Stoff.