RIP, Bob Welch

Bob Welch, der Gitarrist und Sänger, der die besten Platten von Fleetwood Mac, nämlich die zwischen 1971 und 1974, maßgeblich mitgestaltet hat, ist tot. Er hat eine Pistole genommen und sich damit in die Brust geschossen.  Ein großer, aber leider unterschätzter Musiker ist nicht mehr.

Remember Danny Kirwan?

In einem Obdachlosenheim im Londoner Soho lebt ein älterer Alkoholiker, der jeden Monat einen kleinen Scheck bekommt, den er sogleich in Schnaps umsetzt. Außerdem gewährt ihm der Staat eine winzige Notstandshilfe. Er sieht genau so aus, wie man sich einen alkoholkranken Stadtstreicher vorstellt: Abgetragene Klamotten aus zweiter Hand, fettiges Haar, aufgequollenes Gesicht, kaum mehr Zähne im Mund. Von seinen Mitbewohnern im Heim unterscheidet er sich nur dadurch, dass er hin und wieder auf seiner akkustischen Gitarre, die er sich weigert zu versetzen, Bluesstücke klimpert. Danny Kirwan heißt der Mann.

Den monatlichen Scheck kriegt er, weil er von 1968 bis 1972 Gitarrist, Sänger und Songwriter bei Fleetwood Mac war. Gemeinsam mit Peter Green und Jeremy Spencer bildete er das erste Leadgitarren-Trio der Rockgeschichte. Während Bassist John McVie und Schlagzeuger Mick Fleetwood einen soliden Rythmusteppich legten, hoben die drei Gitarrenheroen mit aberwitzigen Läufen, dem gnadenlosen Einsatz von Verzerrern und Elmore-James-artigen Slide-Exzessen in die Stratosphäre ab. Wer eine Ahnung davon erleben will, wie sich das im Konzert angehört hat, der sollte sich die Scheibe “live in Boston“ zulegen. Die “Mac“ donnern durch ihre Songs wie getunte Überschalljets, die Wucht der Darbietung erinnert an jene Energie, die 20 Jahre später die Seattler Lärmpoeten Nirvana freisetzen sollten. 1970 verkauften Fleetwood Mac mehr Platten als die Beatles und landeten mit “Albatros“ einen weltweiten Superhit. Fleetwood Mac war auch eine der ersten Bands, die mit kalkulierten Provokationen arbeitete. So benutzte der etwa der Schlagzeuger manchmal Dildos statt Drumsticks…

Das Rockstar-Leben jener Zeit hat schon härtere Brocken aus der Bahn geworfen als den damals gerade 20-jährigen Kirwan. Zuerst aber drehte Peter Green nach einem dreitägigen LSD-Rausch durch und verließ die Band, weil diese sich weigerte, auf allen weltlichen Besitz zu verzichten. Die Jungs verkrafteten den Abgang ihres Leadsängers und Songwriters erstaunlich gut, holten die Frau des Bassisten, Christine McVie, ins Boot  und veröffentlichten mit “Future Games“ eine wunderschöne Platte, auf der sich verträumte Balladen mit jazzigen Rockern abwechseln. Danny Kirwan steuerte zu dem Album einige fantastische Songs bei, darunter “Woman of a thousand years“, eine musikalische Reise auf Wolke sieben. Mehrfach übereinandergelegte Akkustik-Gitarren und ein engelsgleicher Harmoniegesang machten das Lied zu einem der schönsten Songs der 70er Jahre. Das Nachfolgealbum “Bare Trees“ glänzte mit denselben Tugenden wie “Future Games“, verkaufte sich aber wesentlich schlechter. Kirwan komponierte für die Platte das unheilschwangere Lied “Dust“, eine Auseinandersetzung mit dem Tod (“When the white flame in us is gone, and we stiffen in darkness, left alone…“)

Danny entwickelte mittlerweile schlechte Angewohnheiten, die seinen Bandkollegen gehörig auf die Nerven gingen. Er trank wie der Protagonist eines Bukowsky-Romans, warf pausenlos Trips ein und rollte sich zum Frühstück jeden Tag drei Joints. Das wilde Treiben machte ihn launisch und unzuverlässig. Sein Spiel ließ mehr und mehr zu wünschen übrig, und als er sich eines Tages kurz vor einem Konzert weigerte, auf die Bühne zu gehen, um anschließend die laue Vorstellung der Band zu kritisieren, schickten ihm seine Kollegen den blauen Brief. Fleetwood Mac engagierten das amerikanische Pop-Pärchen Steve Nicks und Lindsey Buckingham und lieferten fortan eine Super-Mega-Platin-Mainstream-Platte nach der anderen ab.

Kirwan trommelte ein paar Sessionmusiker zusammen und veröffentlichte drei totale Flops, die heute nur mehr auf gut sortierten Plattenbörsen zu finden sind bzw deren rare CD-Wiederveröffentlichungen meist zu Apothekerpreisen gehandelt werden. Musikalisch empfehlenswert ist die zweite Soloplatte, „Midnight in San Juan“, auf der nochmal das Songwritergenie des Mannes aufblitzt. Der kommerzielle Misserfolg gab dem psychisch bereits angeschlagenen Musiker den Rest, und anstatt mit dem Bottleneck zu spielen, soff er die Schnapsflaschen lieber leer. In jüngster Zeit gibt es verstärkt Versuche seiner Familie und seiner ehemaligen Kollegen, den ehemaligen Star trocken zu legen, aber Kirwan widersetzt sich den gut gemeinten Aktivitäten mit der Hartnäckigkeit eines Mannes, der im permanenten Alkoholrausch sein Glück gefunden zu haben meint. 1998 wurde er gemeinsam mit allen anderen Fleetwood Macs in die Rock´n Roll Hall of Fame aufgenommen. Man hatte ihm sogar ein Flugticket geschickt, aber er erschien nicht. “Amerika erschreckt mich zu Tode“, sagte er einem Freund.