Schluss mit der Psycho-Folter!

Zu den grausamsten Foltermethoden von Geheimdiensten und Unrechtsstaaten gehört es, die Opfer in enge Kisten zu sperren, um bei ihnen klaustrophobe Anfälle auszulösen. Diese Tortur gilt auch den Folterknechten als sowas wie die Ultima Ratio, wenn nichts anderes das erwünschte Ergebnis gebracht hat. Schlägen und Elektroschocks können viele widerstehen, in die Kiste will keiner zurück. Genau diese Folter wird auch bei uns, mitten in Europa, täglich angewendet, und zwar bei unbescholtenen Menschen. Drei Personen haben mir unabhängig voneinander erzählt, dass man sie in der Psychiatrie acht bis sechzehn Stunden lang ans Bett gefesselt habe. Alle drei haben mir sehr glaubhaft versichert, weder körperlich, noch verbal aggressiv gewesen zu sein. Alle drei waren wegen des Verdachts der „Selbstgefährdung“ zwangsweise eingeliefert worden. Ein falsches Wort zum falschen Menschen reicht aus und es kommt die Polizei, führt die angeblichen Selbstmordkandidaten einem alles abnickenden Amtsarzt vor und sperrt sie dann in der Klinik ein. Ist die Person alkoholisiert oder unterstellen die Ärzte eine „akute Selbst- oder Fremdgefährdung“, wird sie „fixiert“, wie es im Jargon heißt, also an Armen und Beinen gefesselt. Die folgenden Stunden beschreiben die, die es erklebt haben, als die Hölle auf Erden. Bei zwei der mir geschilderten Fälle löste die Fesselung Panikattacken schwerster Art aus, eine nie zuvor gekannte Beklemmung und reine Todesangst, begleitet von Herzrasen, Atemnot und allem, was dazu gehört. Und das die ganze Nacht lang. Alle drei mir bekannten Opfer erlitten zudem die Demütigung, nicht aufs Klo gehen zu dürfen. Sie mussten ins Bett urinieren. Alle drei sagten, ebenfalls unabhängig voneinander, dass sie lieber sterben würden, als jemals wieder eine österreichische Psychiatrie von innen sehen zu müssen. Und: Keine der drei Personen war zuvor „auffällig“ gewesen, geschweige denn aggressiv oder gefährlich. Das sind ganz normale Menschen mit Familien und Berufen, die nie jemandem etwas getan haben und in eine Krise geraten waren, die gar nicht mal eine besonders tiefe war. Dennoch hat man sie gefoltert. Eine in Wien, eine in Graz, eine in Klagenfurt. Man kann also sagen, ganz Österreich ist mit Folterpsychiatrie gut versorgt. Die Kliniken selbst streiten die brutalen Zwangsmaßnahmen gar nicht ab. Die seien „lege artis“ und leider notwendig, denn man könne ja nicht riskieren, dass sich jemand selbst verletze oder einen Mitpatienten oder das Personal. Und man tue das ja nicht gerne, habe aber zu wenige Mitarbeiterinnen. Sagen sie offen und schämen sich nicht dabei. Wenn Menschen gefoltert werden, weil der Staat zu geizig ist, ausreichend Pflegepersonal zu finanzieren, sollten Menschen mit Anstand doch sagen: „Nicht mit mir, ich arbeite woanders“. Doch alle machen sie mit und finden es in Ordnung, Menschen zu demütigen und zu quälen. 

Ich las gerade von den Hasenburg-Heimen im deutschen Brandenburg. Das sind Heime für „auffällige“ Jugendliche. Früher hätte man gesagt: Für schwer erziehbare Kinder. Die werden nun geschlossen, nachdem die Tageszeitung „Taz“ monatelang Missstand um Missstand aufdeckte. Zu den „Erziehungsmethoden“ zählte auch dort das Fixieren von Jugendlichen am Bett. Das führt zu der Frage warum die, die in Zwangseinrichtungen die Macht haben, so gerne zu dieser „Therapie“ greifen. Sowohl Heimkinder, als auch unfreiwillige Psychiatriepatientinnen sind Erzieherinnen und Pflegern bzw Ärztinnen ausgeliefert. Könnte es sein, dass mit der Folter des Fixierens, die ja gerne ganz zu Beginn eines Heimaufenthalts oder einer Psychiatrierung stattfindet, die Menschen gebrochen werden sollen? Will man auf diese Art brave und kooperative Insassen formen? Der Verdacht liegt nahe, denn die meisten, die die Psychiatrie schon am eigenen Leib erlebten, werden bestätigen, dass dort autoritäre Zustände herrschen, dass Widerworte nicht geduldet werden und die Patienten „Wie Kinder“ behandelt werden, was in unserer immer noch kinderfeindlichen Gesellschaft bedeutet, dass man sie nicht ernst nimmt und meint, sie zu „ihrem Wohl“ auch mal leiden lassen zu dürfen. Das Fesseln von Menschen ist eine Spielart der schwarzen Pädagogik, die durch Schmerzen abschrecken will. Dass dies immer noch Standard ist in unseren psychiatrischen Kliniken, ist eine Schande für die Gesundheitspolitik und für die ganze Gesellschaft. Und übrigens: In Österreich, dem Mutterland der Psychoanalyse, gibt es in den psychiatrischen Krankenhäusern keine Psychotherapie, zumindest keine, die die Bezeichnung verdient hätte. Es gibt so genannte „Morgenrunden“, die von Psychologinnen moderiert werden, wo die Patientinnen erzählen sollen, wie es ihnen denn gehe. Und es gibt die Ergotherapie, wo erwachsene Menschen mit Basteln, Zeichnen und Malen beschäftigt werden. Ansonsten gibt es den rein biologistischen und chemischen Ansatz, jedes Leiden auf ein Ungleichgewicht der Gehirnchemie zurückführen zu wollen und durch die Gabe von Drogen ausgleichen zu können. Ungefähr fünf bis zehn Minuten hat ein Psychiater während der Visite Zeit für den einzelnen Patienten. In diesen Minuten muss er über die Gabe von Drogen entscheiden, die fast alle auch heftige Nebenwirkungen haben können, von denen es nur wenige Wirkungsklassen gibt, die aber „durch die Bank“ verordnet werden. So kriegt der Angstpatient oft die gleiche Medizin wie die Essgestörte, die Tage ziehen sich dahin und abends geht man ins Fünfbettzimmer und versucht zu schlafen. Auch das ist Realität in Österreich: Für körperlich Kranke gibt es Zwei- und Dreibettzimmer, für seelisch Kranke müssen es Schlafsäle tun.

Die „Interessensvertretung sozialer Dienstleistungsunternehmen für Menschen mit Behinderungen“ hat heute in einer Aussendung kritisiert, dass in Österreich Menschen gegen ihren willen in psychiatrischen Einrichtungen festgehalten werden können. Sie hat weiters das System der Sachwalterschaft als veraltet bezeichnet. Rund 55.000 Menschen in Österreich fallen unter das Besachwaltungs-Regime und sind ihrer grundlegenden Rechte entkleidet. Wenn SPÖ und ÖVP schon meinen, bis Weihnachten über ein neues Regierungsprogramm verhandeln zu müssen, sollten sie die Gelegenheit wahrnehmen, eine Reform der unhaltbaren Zustände in den psychiatrischen Kliniken anzugehen und Menschen mit seelischen Einschränkungen ihr volles Menschenrecht zu gewähren. Folter, Zwang und Entmündigung müssen der Vergangenheit angehören!

Solang die Folter weiterexistiert

Ärzte im Dienst der CIA sollen laut Angaben der NGO „Physicians for Human Rights“ dabei geholfen haben, Foltermethoden wie das Waterboarding noch „effektiver“, also peinsamer zu machen. Das ist widerwärtig, aber nicht überraschend. Die traurige Tatsache ist: Jeder Staat mit einem „Sicherheitsinteresse“, wie man es so nett zu umschreiben pflegt, hält sich seine Folterspezialisten, von denen nicht wenige Mediziner sind. In manchen Ländern wird ein hisschen mehr gefoltert, in anderern weniger. Manche Staaten haben Folter institutionalisert, andere tun es gelegentlich und im Verborgenen. Der Skandal für mich ist – neben der schieren Existenz von Folter – dass sie auch von jenen praktiziert wird, die ansonsten so gerne das große Wort „Menschenrechte“ im Mund führen, von Demokratien westlichen Zuschnitts also. Nennt mich ein „Bleeding Heart“, aber meiner Meinung nach heiligt der Zweck keinesfalls die Mittel. Selbst wenn man durch Folter an Informationen gelangt, die Menschenleben retten, ist sie für mich nicht gerechtfertigt. Sie ist niemals gerechtfertigt, ganz egal, wer sie zu mit welchen Zielen auch immer anwendet.

Ich erlaube mir, Georg Danzer zu zitieren:

Sie kommen im Morgengrauen zu dir,
Sie treten dir mit Stiefeln in die Tür.
Sie schlagen dich auf deine Fragen in den Magen,
verdrehn dir die Arme und schleppen dich in ihren Wagen..
Du sagst sowas kann nie geschehn –
doch es geschieht, nur kann man es nicht sehn,
weil es im Geheimen passiert
solang die Folter weiterexistiert.

Sie bringen dich in einen feuchten Keller
Sie schlagen dich und sagen: „rede schneller!“
Sie geben dir Elektroschocks und Spritzen
Sie hindern dich am schlafen, liegen, sitzen.
Du sagst, das gibts nur in diesem Lied.
kann sein, daß es schon morgen dir geschieht,
weil es tagtäglich überall passiert,
solang die Folter weiterexistiert.

Du glaubst, sie sind nicht in der Überzahl.
die Folterknechte sitzen überall:
im Norden, Süden, Osten und im Westen
wird es bald heißen: „wer foltert am besten?“
du sagst: du hast nichts damit zu tun.
es reicht nicht, sich in Unschuld auszuruhn,
weil jeder Mensch die Würde verliert
solang die Folter weiterexistiert