Dumm, dümmer, SPÖ-Gewerkschafter

Die österreichische Sozialdemokratie erklärt ja schneller den politischen, moralischen und intellektuellen Bankrott, als man „Querfront“ sagen kann. Schon rühren sich die ersten, die gerne mit der FPÖ paktieren wollen. Es ist erwartungsgemäß, aber deswegen nicht weniger deprimierend das Gewerkschaftslager, das auf eine Zusammenarbeit mit den Freiheitlichen drängt. Dem „Standard“ entnehme ich: Der Salzburger Arbeiterkammer-Präsident Siegfried Pichler war der Erste, der sich gegen den Faymann-Kurs aussprach. Es sei nicht gut, wenn die SPÖ nur mit der ÖVP über eine Koalition rede, sagte Pichler, damit begebe man sich in die „Geiselhaft der ÖVP“ und müsse dann die Bedingungen der Volkspartei erfüllen. Die SPÖ solle zumindest Gespräche mit den Freiheitlichen führen, auch wenn es Grenzen etwa in der Ausländerpolitik gebe. Ähnlich sieht es Norbert Loacker, der ÖGB-Vorsitzende in Vorarlberg. Er hält Faymanns Vorgangsweise für einen „fatalen Fehler“. Ende der 90er Jahre habe es eine ähnliche Situation gegeben, so Loacker. Auch Horst Schachner vom steirischen ÖGB tritt für Gespräche mit den Freiheitlichen und ein Ende der „Ausgrenzungspolitik“ ein. osef Muchitsch von der Gewerkschaft Bau-Holz warnte davor, die „Hosen runterlassen zu müssen wie 2006“. Die SPÖ müsse auch nach einer anderen Koaltionsvariante schielen. In Sozialthemen stehe die FPÖ der SPÖ näher als die ÖVP.

Überraschend ist hier nur eines, nämlich die massive Dummheit, mit der Sozialdemokraten FPÖ-Terminologie übernehmen. Brav wird die Propaganda von der „Ausgrenzung“ nachgeplappert, als arbeitete das Mundwerk autonom und ganz ohne Befehl vom Gehirn. Die FPÖ wurde nie „ausgegrenzt“, sie grenzte sich selber ab vom antifaschistischen Konsens und vom politischen Stil, den zivilisierte Menschen pflegen. Seit Jörg Haider die FPÖ übernommen hatte, arbeitete diese mit Hetze, Verleumdung und bislang nie dagewesenen Rückgriffen auf NS-Ideologie und NS-Wortschatz. Das hat sich nie gebessert, eher im Gegenteil. Schon ein kurzer Blick auf den Wikipedia-Eintrag über FPÖ-Chef Strache zeigt, wes Ungeistes Kind der ist, wobei gestandene Gewerkschafter und Sozialdemokraten diese Recherche gar nicht nötig haben sollten nach fast 30 Jahren Erfahrung mit der rechtsgewendeten FPÖ. Wenn rote Gewerkschafter und Arbeiterkämmerer nun ernsthaft behaupten, die FPÖ stünde der SPÖ sozialpolitisch nahe, verliert man den letzten Rest seines Glaubens an die politische Bildung sozialdemokratischer Funktionäre.

Die FPÖ stand und steht in Sachen Sozialpolitik vor allem für eines: Die Schwächung der Position der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die roten Gewerkschaftkapazunder scheinen schon vergessen zu haben, dass die Blauen jahrzehntelang nichts mit so viel Energie und Hass bekämpft haben wie das österreichische System der Sozialpartnerschaft. Die faktische Abschaffung der Arbeiterkammern durch Aufhebung der „Zwangsmitgliedschaft“ war eine zentrale Forderung der Freiheitlichen. Jeder tatsächliche oder angebliche Fehltritt eines Kammer- oder Gewerkschaftsfunktionärs wurde von den blauen Demagogen lustvoll breitgewalzt und ausgeschmückt. Bis zum Tag, als Frank Stronach in die Politik ging, hasste keine österreichische Partei die Gewerkschaften so inbrünstig, wie es die FPÖ tat. Was die FPÖ von den Arbeitnehmern hielt, bewies sie auch in den Jahren der schwarz-blauen Koalition, in denen die Freiheitlichen eine Verschlechterung für die Arbeiter und Angestellten nach der anderen mit trugen oder selber initiierten.

Wie kommen nun rote Gewerkschafter auf die Idee, mit der FPÖ wäre eine soziale, arbeitnehmerfreundliche Politik zu haben? Weil die zum Teil dasselbe darunter missverstehen. Viele Sozialdemokraten wollen gar keine progressive Politik, sie wollen einen netten Chef, mit dem sie volksgemeinschaftlich zusammenhalten gegen „die da draußen“, gegen Zuwanderer, die als Fressfeinde wahrgenommen werden, gegen die bösen Zinswucherer und gegen „Schmarotzer“. Das ist die Sorte Sozialdemokraten, die der SPDler Franz Müntefering repräsentierte, als er in Reaktion auf Kritik an dem durch Hartz-IV geschaffenen Niedriglohnsektor sagte: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, und dabei auch nur August Bebel zitierte, einen Mitbegründer der Sozialdemokratie, der in seinem Werk „Die Frau und der Sozialismus“ schrieb: „Der Sozialismus stimmt mit der Bibel darin überein wenn diese sagt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. Solcherlei Sozialdemokraten, für die noch der mieseste, Löhne drückende Billigjob besser ist als der angebliche Müßiggang des Arbeitslosen, können problemlos andocken beim Sozialdarwinismus der Marke FPÖ. Die Sorge, die solche Figuren umtreibt, ist nicht die Ausbeutung durch das Kapital, sondern dass da einer, der noch weniger hat, auch mal was haben mögen könnte. Daher sind das ja auch durch die Bank Ausländerfeinde, denen es taugt, wenn Asylbewerberinnen keine Arbeitserlaubnis bekommen. Daher hatte so eine SPÖ auch keine Skrupel, das Pensionssystem zu Lasten der Schwächsten, der Kranken, zu reformieren. Das Geld, dass der Staat sich mit der Abschaffung der Invalidenrente erspart, hätte jeder anständige Sozialdemokrat lieber bei Milliardenvermögen, Millionenerbschaften und ähnlichem eingetrieben. Nicht aber diese Sorte Sozialdemokraten, die gingen zielgerichtet auf die Jagd nach denen, die seit jeher auch eines der Lieblingsfeindbilder der FPÖ und zuvor schon der Nazis waren: Kranke, Behinderte, Wehrlose. Solche Sozialdemokraten, vor denen jeder Mensch mit einem Funken Anstand im Leib ausspucken muss, meinen dann eben auch, dass man mit Strache ja durchaus könne und können sollte. Es trennt sie weltanschaulich nichts wesentliches.

Worüber soll man sich mit Strache einigen? Über Abschiebungsquoten? Zwangsarbeit für Arbeitslose? Ob das Posten antisemitischer Karikaturen auf Facebook okay sei oder doch eher nicht so sehr? Ob Strache, bitte bitte, um 25 Prozent weniger rassistisch sein möge? Ob Wiederbetätigung „freie Meinungsäußerung“ ist? Rot-blau wäre vermutlich der Untergang der SPÖ, denn dann würden alle Dämme brechen, Strache hätte den endgültigen Persilschein und ein Großteil der Restwählerschaft marschierte schnurstracks zur FPÖ. 

Strache hat euch lieb

Die Österreicher haben gewählt. Und wie. Nur mehr wenige Prozentpunkte liegen die Sozialdemokraten vor der FPÖ, die keine gewöhnliche Rechtspartei ist, sondern deren Mitglieder und Funktionäre immer wieder durch Berührungspunkte mit dem Neonazismus auffallen. Ein interessanter Aspekt des Wahlkampfes war der Missbrauch des christlichen Zentralbegriffs „Nächstenliebe“ durch die FPÖ, die ihn pervertierte, indem sie von den Empfängern dieser speziellen Form der Liebe einen Nationalitätennachweis verlangte. Nächstenliebe gelte exklusiv für „unsere Österreicher“, plakatierten die Freiheitlichen.  Mit dem genuin positiven Gefühl Liebe hat das natürlich nichts zu tun, nicht mit Nächstenliebe, noch sonst einer Form echter Liebe. Die blaue Version von „Liebe“ ist nichts als verkleideter Hass, sie ist das Beschwichtigen des Zukurzgekommenen, dem es ein finsterer Trost ist, dass andere noch viel weniger haben sollen als er, das Politikwerbung gewordene Verhältnis des gewalttätigen Vaters zu den Kindern, von denen er eines nicht ganz so arg prügelt wie die anderen, was ihm auf immer die Zuneigung dieses einen Kindes bringt, da es meint, in Relation geringer dosierte Misshandlung sei ein Liebesbeweis.

Und dennoch hat die Kampagne funktioniert. Das konnte nur in einer Gesellschaft stattfinden, in der die Warenwerdung ihrer Individuen, deren Degradierung zu Konsumentinnen und Arbeitskräften, so weit fortgeschritten ist und solche Verwüstungen in den Seelen angerichtet hat, dass noch der leiseste Abklatsch von Gefühl, noch die trübseligste Parodie von Liebe eine Sehnsucht bedienen kann. Wer trotz aller Sonntagsreden genau weiß, dass sich sein Wert nur mehr in unmenschlichen Kategorien wie Profit und Rentabilität bemisst, der ahnt, dass in diesem extrem lieblosen System seine Existenz keinen Pfifferling mehr wert ist, sobald sie sich für andere nicht mehr auszahlt. Der Mensch im entwickelten Kapitalismus ist gefangen in einem Leben, das ihm widerstrebt, von dem er zumindest einen starken Verdacht hat, was es wirklich ist, ein Zahlenspiel nämlich, bei dem er den kürzeren ziehen muss und in dem er nur mitspielen darf, solange er noch einen Nutzwert hat. Wenige Blicke in die Altersheime, in die Irrenanstalten und in die Weltgegenden, deren Nützlichkeitsphase für das Kapital abgelaufen oder noch nicht erschlossen ist, machen ihm klar, was mit den Überflüssigen passiert. Das ist eine Situation, an der jedes fühlende und denkende Wesen irre werden muss. Und in dieser Verzweiflung, in diesem Prozess des Verrücktwerdens an den Verhältnissen, da die nackte Panik Besitz von ihm ergreift, bietet ihm plötzlich jemand an, ihn zu lieben. Es ist nur verbal und es ist nur geheuchelt, sicher, aber es ist mehr, als die anderen anbieten. Die anderen haben für das verzweifelte Subjekt immer nur dessen eigene Optimierung für den kapitalistischen Verwertungsprozess im Angebot, sagen: „Da, machst du Volkshochschule bist du besser bezahlt“, aber Strache duzt ihn, offeriert ihm die Wärme des Rudels und damit die wohlige Aussicht, dass es da draußen Omega-Tiere gibt, die zu schikanieren auch dem bislang Entmachteten gestattet sein werde.

Die christlichen Kirchen konnten dem Wahlkampf mit der Nächstenliebe-Perversion bloß mit knirschenden Zähnen und schaumgebremster Kritik zusehen. Zu unglaubwürdig waren sie bereits geworden, zu klar war ihnen, dass Straches Zielgruppe zumindest eine Ahnung davon hatte, ein Gespür wenn man so will, dass es in den vergangenen 2000 Jahren mit der Realität der durch die Kirchen gelebten Liebe so weit nicht her gewesen ist. Die meisten Menschen kriegen es wenigstens durch Fernsehen oder Filme irgendwann im Laufe ihres Lebens mal mit, dass auch die Kirchen die Nächstenliebe niemandem zukommen ließen, der den weltlichen Mächten im Wege gestanden war. Und die politische Konkurrenz der FPÖ zeigte offen, dass sie die völlige Dominanz marktwirktschaftlicher Logik akzeptiert und inkorporiert hatte. Auch wenn viele Leute ganz oft so tun, als seien sie nichts als Wölfe, vornehmlich aus Angst, für Schafe gehalten zu werden, so sind sie doch im Grunde keine Raubtiere, sondern Menschen mit Empathie, die genau wissen, dass es falsch und brutal und lieblos ist, wenn zum Beispiel SPÖ und ÖVP Invaliden ihre Renten wegnehmen. Weil es aber kein ernst zu nehmendes politisches Angebot gibt, das solche Schweinereien offen ablehnt, wenden sich die Menschen an den, der Liebe und „soziale Wärme“ und Mitgefühl wenigstens schauspielert, statt Grausamkeit und Egoismus als die höchsten menschlichen Tugenden zu feiern. Der Trick mit der „Liebe“ funktioniert, weil die anderen Parteien nicht begreifen, dass der Mensch weder Tier, noch Maschine ist.

Diese kleine Betrachtung soll nun die Wählerinnen und Wähler der FPÖ nicht freisprechen vom Vorwurf, Trottel und Arschlöcher zu sein. Sie soll bloß ein Versuch sein auf die einst schon von Arik Brauer gestellte Frage zu antworten „Warum ist er so dumm?“

Wahlen 2013: L’Autriche zero points.

Ich mag zum Ergebnis der österreichischen Nationalratswahl gar nicht viel schreiben. Was soll ich sagen zu Leuten, die von der FPÖ das letzte Mal, als diese regierte, ausgeplündert und verarscht wurden und wenige Jahre danach aus Protest gegen Ausplünderung und Verarsche die FPÖ wählen? Was soll man geistreiches absondern zu einem Land, in dem ein Parteichef eine antisemitische Karikatur auf Facebook postet und zur Belohnung einen Wahlsieg einfährt? Welche Ratschläge sollte man Sozialdemokraten geben, die eine unsoziale Politik gegen die Interessen der Arbeitnehmer machen und sich dann wundern, warum die Arbeiter und Angestellten einen reichen Onkel aus Amerika wählen sowie einen Scharlatan, der ihnen „Liebe“ verspricht? Was ist zu sagen über ein Wahlvolk, das den Kampf gegen Korruption nicht belohnt, sondern die Korruptionsbekämpfer dafür abstraft, dass sie eine (1) Fußgängerzone eingerichtet haben, die nicht so ganz optimal funktioniert? Ist es wirklich nötig noch viel zu sagen über den Zustand einer Gesellschaft, wenn es eine neue Partei, die programmatisch und personell vor allem Selbstausbeuter vertritt, auf Anhieb ins Parlament schafft? Nein, keine Lust, echt nicht. Das überlasse ich den Kollegen, von denen man morgen wieder dieselben originellen Gedanken, wie sie seit Jahrzehnten nach Wahlen in Druckform fließen, lesen wird. Ich sag nur, dass ich mal wieder nicht enttäuscht darin wurde, enttäuscht zu werden.  L’Autriche zero points, geht mir weg damit!

Seufz, wählen wir halt strategisch

Morgen für Menschen mit Anstand wählbar: SPÖ, Grüne, NEOS, KPÖ. Die sind alle nicht einwandfrei und es gibt bei allen mehr oder weniger stark ausgeprägte Gründe, sie nicht zu mögen, aber es geht bei Wahlen ja leider schon lange nicht mehr um das mögliche Gute sondern darum, das Schlechtere zu verhindern. Das bedacht, wäre eine Stimme für die KPÖ eine vergeudete Stimme, denn die Kummerln kommen nicht mal in die Nähe der Vier-Prozent-Hürde. Wer also eine Neuauflage von Blau-Schwarz verhindern will, muss SPÖ, Grüne oder NEOS wählen. Zeichen kann man dennoch setzen, mit der Vergabe einer Vorzugsstimme. Bei den Grünen würde es Karl Öllinger verdienen, dessen Kampf für soziale Gerechtigkeit und gegen Nazis unterstützenswert ist. Bei der SPÖ gibt es gleich mehrere Leute, mit deren Nennung am Stimmzettel man zeigen könnte, dass man es gerne ein bisserl sozialer und fortschrittlicher hätte. Sonja Ablinger zum Beispiel, oder auch Lindwurms eigene Verwandtschaft mit der Nummer 141. Warum schon wieder „strategisch“ wählen? Weil das größere Übel wirklich verdammt groß wäre. Blau-Schwarz würde bedeuten, dass der Rest vom Volksvermögen raschest verschleudert würde an die Freunderln aus Hochfinanz uns Großindustrie, dass die juristische Aufarbeitung der ersten Auflage dieser Höllenkoalition niedergeschlagen würde, dass wieder höchste Ämter und Funktionen mit unfähigen Nulpen aus dem Burschenschaftlermilieu besetzt würden, dass der Sozialstaat noch rascher demontiert würde als es ohnehin schon der Fall ist. Wirklich verdient gewählt zu werden haben es SPÖ, Grüne und NEOS nicht. Allein die Aussicht auf die Alternativen macht sie wählbar, ja zwingt einen geradezu, sie zu wählen.

Wen können Kranke wählen?

Dass Wählen besser als Nichtwählen sei, habe ich kürzlich hier behauptet. Das stimmt ja auch. Es gibt allerdings Wählerinnen und Wähler, denen die Entscheidung, wem sie nun ihre Stimme geben sollen, besonders schwer fallen muss. Vor allem Kranke und Behinderte sollten sich fragen, wer denn ihre Interessen vertritt, wer ihre Nöte überhaupt wahrnimmt und wer ganz offen gegen sie Politik macht. SPÖ und ÖVP haben bereits gezeigt, was sie von dieser Wählergruppe halten, nämlich nichts. Diese Parteien haben die Invaliditätspension für alle Menschen unter 50 abgeschafft, ein europaweit fast einzigartiger zivilisatorischer Rückschritt, der noch dazu von ganz besonderer Bösartigkeit gekennzeichnet ist, da diese Maßnahme, die ab 2014 viele Menschen in Obdachlosigkeit und Selbstmord treiben wird, nicht nur jedem Gedanken von Solidarität widerspricht, sondern auch noch mit den niedrigen Instinkten jener spekuliert, die es ganz gerne sehen, wenn auf die Schwachen hingetreten wird. SPÖ und ÖVP fallen also als wählbare Parteien aus, wenn man krank, behindert auch auch nur ein halbwegs sozial denkender Mensch ist. Die FPÖ fällt natürlich auch weg. Die Blauen hassen Schwache und Kranke schon aus ideologischen Gründen, und es gab von freiheitlicher Seit Applaus für die Abschaffung der IV-Renten. Dasselbe gilt für das BZÖ. Beim Team Stronach weiß niemand so genau, wie die sich gegenüber Kranken positionieren, aber Stronachs Rufe nach der Todesstrafe und die Absichten zur Durchökonomisierung der Gesellschaft lassen Böses ahnen. Die Grünen sind an sich keine unsoziale Partei, aber soziale Themen spielen in ihrem Wahlkampf kaum eine Rolle, und den sozialpolitisch engagierten Karl Öllinger haben sie auf ihrer Wahlliste weit nach hinten gereiht. Grün zu wählen kann also aus Perspektive sozial Schwacher nur in Kombination mit einer Vorzugsstimme für Öllinger in Frage kommen. Bleiben noch Piraten,  NEOS und KPÖ. Diese drei unterscheiden sich ideologisch sehr, doch sie alle haben zumindest Forderungen nach einer Grundsicherung im Programm, einer Grundsicherung, die ohne Bedingungen ausbezahlt wird. Damit sind die Letztgenannten die Einzigen, die ein bedingungsloses Bekenntnis zur Menschenwürde Kranker und Behinderter abgelegt haben.

Bitte nicht Nichtwählen

Ich kann Nichtwählerinnen auf emotionaler Ebene verstehen, nicht aber auf politischer. Nichtwählen ist keine Protestform, die auch nur ansatzweise etwas verändern könnte, sondern bloß ein Ausdruck von Verachtung für die Demokratie und von depressivem Desinteresse, und es ist wirklich völlig reaktionär, da der Nichtwähler sich freiwillig noch der schlichtesten Form der Mitbestimmung beraubt und so damit liebäugelt, diktatorisch beherrscht zu werden. Auch ich lasse mich manchmal zu resignativen Stoßseufzern der Marke „das sind ja alles die gleichen Arschlöcher“ hinreißen, und seit die Post-Blair-Schröder-Sozialdemokraten das Erbe von Kreisky, Brandt, Palme und Mitterand durchbringen, ist da auch was dran. Und ja, natürlich ist fast das gesamte derzeitige Spitzenpersonal von SPÖ und Grünen einer genaueren moralisch-intellektuellen Überprüfung nicht gewachsen, was noch bitterer auffällt, wenn man bedenkt, dass diese beiden Parteien ausgerechnet menschliche und politische Lichtblicke wie Sonja Ablinger (SPÖ) und Karl Öllinger (Grüne) auf ihren Wahllisten nach hinten gereiht haben. Und sobald man mit Vertreterinnen von Rot-Grün über außereuropäische Belange redet, bekommt man durchwegs Unsinn und lächerliche Dummheiten zu hören. Trotzdem stimmt es einfach nicht, dass es egal wäre, ob in Österreich Sozialdemokraten und Grüne was zu sagen haben, oder das Land ausschließlich von der unangenehm ländlichen ÖVP und den Kellernazis regiert wird. Wer schon nicht aus ethischen Gründen eine neuerliche  Koalition der heuchelnden Menschenfeinde, womöglich unter Hinzunahme des Grotesk-Politikers Stronach, ablehnt, der sollte zumindest daran denken, was dabei beim letzten Mal herausgekommen ist, als die ungehindert  schalteten und walteten, nämlich ein neuer Rekord an Korruptionsaffären und Vernichtung öffentlichen Eigentums. Wer das nicht will, muss nicht die SPÖ oder die Grünen wählen. Es gibt ja noch andere Alternativen. Die NEOS etwa, die trotz der unglücklichen Wahl der Abkürzungsform mit ihrem Liberalismus und ihrer Forderung nach einem Grundeinkommen durchaus interessant sein könnten. Und wer wirklich zeigen will, dass er das derzeitige System einfach nur ablehnt, kann sein Kreuz bei den Piraten oder der KPÖ machen. All das ist besser, als nicht wählen zu gehen.

Blaue Mörder in spe

In einer geschlossenen Facebookgruppe, die sich „Wir stehen zur FPÖ!“ nennt, wird zum Völkermord aufgerufen. Die Reaktionen jener FPÖ-Politiker, die entweder selber Mitglied der Gruppe waren oder aber davon gewusst haben müssen, sind so erwartbar wie erbärmlich: „Ich weiß von nix. Ich hab das nie gesehen. Facebook? Was ist Facebook? So ein komisches Internetzdingsbumms, oder? Haben sicher alles die Linken gemacht usw“. In Wahrheit wurde hier einmal mehr der wirkliche Charakter dieser Partei kenntlich. Ich bin es ehrlich gesagt leid, schon wieder all die Fakten aufzuzählen, die Wehrsportübungen des Parteichefs, die Jobbik-Kontakte, die heißen Drähte zu arabischen und postsowjetischen Despoten, der Antisemitismus, der Hass auf den Islam und so weiter und so fort. Es ist alles bekannt, kann alles nachgelesen werden, dürfte keinen mehr überraschen. Es ist eine Partei, die am Rechtsextremismus nicht anstreift, sondern das organisatorische und ideologische Zentrum des europäischen Rechtsextremismus ist. Es ist die Partei, die Anders Behring Breivik wählen würde, wäre er Österreicher. Trotzdem kann sich die ÖVP nicht dazu durchringen, eine Koalition mit diesen Figuren auszuschließen. Trotzdem wird FPÖ-Führer Strache immer noch wie ein ganz normaler Politiker behandelt, darf ins Fernsehen, gibt Zeitungsinterviews, Klatschblätter interessieren sich für sein Privatleben. In Diskussionsforen reden seine  Fußsoldaten Klartext und verkünden, dass sie morden wollen und auch werden, sollten sie Gelegenheit dazu bekommen. 

Schwarz-blau-oranger Mob

ÖVP, FPÖ und BZÖ zeigen sich von ihrer herzlichsten Seite und gehen als Polit-Mob auf Mindestsicherungsbezieherinnen  los. ÖVP-Innenministerin Mikl-Leitner keift, dass diese Menschen, die mit 750 Euro überleben müssen, „engmaschiger kontrolliert“ werden sollten. Der Umgang der Behörden mit den Armen sei „zu lasch“. Die FPÖ geifert, die Mindestsicherung sei „ein Selbstbedienungsladen für Migranten“ und das BZÖ möchte die, die von diesem Taschengeld abhängig sind, zur Zwangsarbeit verpflichten. Gleichzeitig startet die ÖVP eine Kampagne zur Einführung des 12-Stunden-Arbeitstages. Die SPÖ tut empört, hat aber selber die Invaliditätspension für Menschen unter 50 abgeschafft und passt daher ausgezeichnet zu dieser Schlägertruppe, die auf die Schwächsten einprügelt. Das alles passiert, ohne dass sich ernsthafter Protest regen würde. Das Land hat sich verändert oder findet, je nach Betrachtungsweise, mental und politisch wieder zurück zu dem Zustand, in dem es vor den sozialdemokratischen Reformen der 70er Jahre war. Die „Gutmenschen“ sind geschlagen, man darf wieder gegen Minderheiten und Schwache und Arme hetzen und ohne jeden Anflug von Scham niedrigste Instinkte wie den Fressneid ansprechen.

Bibelstunde für die FPÖ

Die FPÖ zieht mit einer perversen Abwandlung einer zentralen christlichen Botschaft, nämlich jener der Nächstenliebe, in den Wahlkampf. „Liebe deinen Nächsten“, verkündet das Plakat, um darunter die Einschränkung hinzuknallen: „Für mich sind das unsere Österreicher“. Da die FPÖ versucht, auf den Spuren der Bibel zu wandeln, dabei aber vom Fremdenhass nicht lassen mag, helfe ich gerne aus mit einer kleinen Bibelstunde.

Und wenn ein Fremder bei dir, in eurem Land, als Fremder wohnt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. (Mose, 19)

Wie ein Einheimischer unter euch soll euch der Fremde sein, der bei euch als Fremder wohnt; du sollst ihn lieben wie dich selbst. (Mose, 19)

Es soll ein und dasselbe Recht unter euch sein, für den Fremdling wie für den Einheimischen. (Moses 3)

Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem guten Schatz des Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz. (Matthäus 12, 35)

Vergeltet niemand Böses mit Bösem; seid bedacht auf das, was ehrbar ist vor allen Menschen! (Römer, 12)

 Und in deinem Weinberg sollst du nicht nachlesen, und die abgefallenen Beeren deines Weinbergs sollst du nicht auflesen; für den Elenden und für den Fremden sollst du sie lassen. (Mose, 19)

Und ihr sollt bei meinem Namen nicht falsch schwören, dass du den Namen deines Gottes entweihen würdest. (Mose, 19)

Schiraffenland

Die idealtypische FPÖ-Wählerin zeichnet sich durch folgende Erkennungsmerkmale aus: Liest die „Krone“ und postet dort, beherrscht perfektes Deutsch und ist voller Liebe und Toleranz. Das gehäufte Vorkommen solcher Figuren im Wählerreservoir macht Österreich zum Schlaraffenland für rechte Demagogen, was mir allerdings manchmal einen Hals so dick wie den einer Giraffe beschert.

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