Vollkaskomentalität

Hannes Androsch, ehemaliger sozialdemokratischer Finanzminister Österreichs, wegen Steuerhinterziehung rechtskräftig verurteilt und mittlerweile einer der reichsten Männer des Landes, hat sich nun auch zu der Bande bestens situierter Systemgewinner gesellt, die dem Pöbel mal so richtig die Leviten lesen. Die Österreicher seien „indifferente Lethargiebürger, träge und bequeme Resignationsbürger und obendrein Feig- und Neidbürger.“ Den Vorwurf des „Neides“ macht der Mulitimillionär Androsch an der Forderung der SPÖ fest, die Vermögenssteuern, die in Österreich so niedrig sind wie in keinem anderen Industriestaat, anzuheben. Dass die Superreichen ein bisserl mehr zum Steueraufkommen beitragen sollen, ist für den Großunternehmer unerträglich, denn der Staat würde „in großem Stil Geld verschwenden“, was sich unter anderem an den „vielen Frühpensionen“ zeige. Es sei höchste Zeit, grummelt der feine Herr in Richtung Unterschicht, dass „die Leute ihre Vollkaskomentalität“ ablegen.

Auch wenn Androsch in anderen Punkten, zum Beispiel mit seiner Kritik an den ewig verschleppten Reformen des Bildungswesens und des Förderalismus, recht hat, so spricht aus ihm letztlich doch nur der von der Lebensrealität der Masse abgekoppelte Industrielle, der den Ärmsten noch ihr klägliches Einkommen missgönnt und diese der Faulheit zeiht, was ja die unsympathischste Form des „Neidbürgertums“ überhaupt ist. Besonders ungustös ist der neokonservative Kampfbegriff von der „Vollkaskomentalität“. Ja hallo! Die Menschen in Österreich BEZAHLEN ja sehr hohe Beiträge für die Sozialversicherung. Und wer dann eine Leistung aus dieser Versicherung in Anspruch nehmen muss, der soll dann ein böser Schurke sein? Das erinnert ja an die Praktiken der privaten Versicherungsgesellschaften, die im Schadensfall auch immer allerlei Ausreden dafür finden, den Versicherungsnehmer trotz Vollkasko bluten zu lassen.

Obwohl Herr Androsch diesen Blog wohl kaum lesen wird, würde ich ihn gerne mit ein paar Fällen aus meinem Bekanntenkreis vertraut machen.

-Da gibt´s den Herbert. Der ist 58 und hat ein Leben lang am Bau geschuftet. Heute ist sein Rückgrat so kaputt, dass er kaum noch die Stiegen zu seiner Wohnung im zweiten Stock schafft. Sein Arbeitgeber hat ihn, weil er ja nicht mehr zum Zementsäckeschleppen geeignet ist, vor die Tür gesetzt, und Herbert hat, nach einigen Umschulungsmaßnahmen des AMS, die alle nichts gebracht haben, um eine frühere Verrentung wegen Invalidität angesucht und auch bewilligt bekommen, da ein Aufsichtsratsposten bei der Österreichischen Salinen AG leider gerade nicht frei war. Jetzt lebt er wie ein König von seiner „Vollkasko“ – fast bewegungsunfähig und mit heftigen Abschlägen bei der Rente.

-Und auch Susanne ist ein echtes Vollkasko-Luder. Die hat nach eine Reihe von Schicksalsschlägen doch glatt die „bedarfsorientierte Mindestsicherung“ beantragt und lebt jetzt in Saus und Braus von 400 Euro im Monat. Sicher, ihren kaputten Kühlschrank kann sie schon seit drei Monaten nicht reparieren lassen, sie kann sich kein Auto mehr leisten, obwohl sie in einer ländlichen Gemeinde lebt, und sie hat seit einem Jahr kein Restaurant, kein Kino, kein Theater und kein Hallenbad mehr von innen gesehen, und sie trägt ausschließlich Second-Hand-Klamotten, aber da sie nicht verhungern muss, lebt sie wohl immer noch „über ihren Verhältnissen“.

-Der schlimmste Vollkasko-Fall ist aber der Johannes. Der faule Hund ist erst 45 und genießt schon in vollen Zügen eine Berufsunfähigkeitsrente. Okay, genau genommen ist da nicht viel mit Genießen, denn der Mann leidet seit vielen Jahren unter schwersten Depressionen und Panikattacken, die ihm fast alles verunmöglichen, was das Leben lebenswert macht, und er laboriert überdies an den Folgewirkungen einer einjährigen Chemotherapie, weil er sich aus lauter Jux und Tollerei auch noch Krebs zugezogen hatte. Von seiner fürstlichen Pension bleiben ihm nach Abzug der Fixkosten knapp 300 Euro zum Leben – Ein Betrag, den ein Androsch für ein Mittagessen ausgibt. Kein Wunder also, wenn körperlich und seelisch gesunde Multimillionäre vor Neid fast platzen, wenn sie sich das Luxusleben dieses faulen Schmarotzers anschauen…

Wenn ich wollte, könnte ich dutzende solcher Fälle schildern. Lauter Menschen, denen unsere angebliche „Vollkaskogesellschaft“ gerade mal das nackte Überleben sichert. Keine schlechten Menschen, aber vom Unglück verfolgte Menschen. Dass man auf denen auch noch rumhackt, sie als Sozialschmarotzer diffamiert und als Beispiele dafür hernimmt, dass „der Staat“ Geld verschwenden würde, ist an Widerwärtigkeit kaum noch zu übertreffen, vor allem wenn man bedenkt, dass diese Attacken gegen die Ärmsten vor allem von jenen kommen, die durch „kreative“ Versteuerung ihrer Vermögen, durch die Privatisierung von Gewinnen und die Sozialisierung von Verlusten sowie zum Teil auch durch banale Wirtschaftskriminalität die Gesellschaft und den Staat mehr schädigen, als es die Bezieher von Sozialtransfers jemals schaffen könnten.

ps: Wenn es überhaupt eine „Vollkaskomentalität“ gibt, dann ist diese bei den Banken zu suchen, die Milliarden verspekulieren und dann darauf zählen dürfen, dass sie von den Steuerzahlern gerettet werden!