Breivik und der Wahnsinn

Ob der Massenmörder von Oslo wahnsinnig ist, werden die gerichtlichen Sachverständigen zu klären haben. Aber wenn man die öffentlichen Diskussionen seit „7/22“ verfolgt, drängt sich einem der Schluss auf, dass der Wahnsinn die Gesellschaft und den Diskurs schon wieder in einem Ausmaß durchdrungen hat, wie es Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts in Deutschland der Fall war. Der Wahnsinn tritt auf in Form von Hysterie und Paranoia und im Verstummen der Gemäßigten, deren Stimmen im aufgewühlten Gekreische ohnehin niemand mehr hören würde. Die islamfeindliche, xenophobe Rechte verschanzt sich trotzig in den von ihr ausgehobenen Schützengräben des „Kulturkriegs“ und ballert verbal auf jeden, der es wagt daran zu erinnern, dass einer Dauerpropaganda, die sich verallgemeinernd gegen alles Muslimische wendet, die muslimische Frauen als Gebärkanonen des Djihad verunglimpft, die alle, welche links von ihr stehen, zu Volksverrätern stempelt und die in einschlägigen Foren vom bevorstehenden Bürgerkrieg und von notwendiger Bewaffnung schwadroniert, auch mal (Un)Taten folgen können, wie ja offensichtlich in Norwegen geschehen. Panisch-aggressiv wird jeder noch so gut begründete Hinweis auf die geistige Mittäterschaft zurückgewiesen und jedem Kritiker unterstellt, er wolle den Massenmord an jungen Sozialdemokraten doch bloß missbrauchen, um politisches Kleingeld zu wechseln. Diese Rechte ist die „Verfolgende Unschuld“ schlechthin, sie wirft sich nun in Opferpose, obwohl sie in ganz Europa Hass und Umsturzgedanken verbreitet und, trotz der Verkleidung als „neu“ und „pro-israelisch“, bei genauerem Hinsehen doch nur der alte stinkende Rassisten- und Antisemitenhaufen ist, der sie immer war.

Auf der anderen Seite schießen etliche Vertreter der politischen Mitte und der Linken weit über jede zulässige Kritik und Dokumentation hinaus und werfen Islamkritik und Hetze gegen Muslime in einen Topf, was sich dann nicht nur in oberlehrerhaften Zeitungskommentaren äußert, sondern auch bis hin zu wüsten Beleidigungen und Drohungen gegen prominente Vertreter des islamkritischen Szene reicht. Henryk M. Broder zum Beispiel, den muss man nicht mögen, man braucht nicht seiner Meinung zu sein, aber ihm, der vieles ist, aber mit Sicherheit kein Rassist oder Faschist, jetzt einen Strick drehen zu wollen, weil der Breivik ihn zitiert hat, ist nicht nur lächerlich, sondern auch gefährlich. Wahnsinnig halt. Broders trotziges Um-sich-hauen hilft aber nicht gerade, diesen Wahnsinn einzudämmen. Wäre ich Broder und hätte sich der skandinavische Sozialistenkiller in seinem so genannten „Manifest“ explizit auf mich berufen, würde ich mir zumindest die Frage stellen, ob meine fast schon neurotische Fixierung auf alles Schlechte, auf das man mit viel Kreativität noch das Etikett „islamisch“ pappen kann, nicht doch von labilen Charakteren als Aufforderung missvertanden werden könnte, und ob es wirklich so harmlos ist, wenn mich die real Irrsinnigen von „politically incorrect“ andauernd verlinken und loben und wenn ich auf meinem Blog Eva Herman zur Seite springe, die mit dem antisemitischen und islamophoben Kopp-Verlag verbandelt ist.  Nun bin ich aber nicht Broder, worüber sowohl ich, als vermutlich auch er recht froh sind, und ich habe ihm keine Vorschriften zu machen, wie er mit der Sache umgehen soll. Er ist Polemiker, Satiriker und unter anderem auch Islamkritiker, und wer für eine offene Gesellschaft ist, der wird dafür eintreten, dass Polemik, Satire und Islamkritik nicht mundtot gemacht werden dürfen.

Kurz: Statt dass sich nach dem furchtbaren Anschlag in Norwegen sowas wie Reflexion und Innehalten zeigt, wird das Hauen und Stechen nur intensiviert. Und wenn man sich das ansieht, dann erscheint einem Breivik auf einmal gar nicht mehr so wahnsinnig und außergewöhnlich, sondern als ein Symptom einer rapide dem Wahnsinn verfallenden Gesellschaft.

Was in Israel falsch läuft

Ich gebe es ungern zu, aber mit seiner Beschreibung der israelischen Politik hat Henryk M. Broder leider recht. Ein Auszug: So funktioniert Israels Politik. Extrem kurzfristig, radikal kurzsichtig. So wie die Einwohner Jerusalems jedes Jahr zur Winterzeit vom Schneefall überrascht werden, so wird die jeweilige Regierung immer wieder von Ereignissen überrollt, die offenbar niemand voraussehen konnte, obwohl es dem Land nicht an Experten mangelt. So war es 1973 im Jom-Kippur-Krieg, als die Ägypter völlig unerwartet angriffen, so war es 2006 im sogenannten Zweiten Libanonkrieg, als Israel in die Hisbollah-Falle tappte, so war es bei der „Operation Gegossenes Blei“ im Dezember/Januar 2008/2009, die viermal so lange dauerte wie der Sechstagekrieg, mehr als 1000 Palästinenser das Leben kostete und damit endete, dass sich Hamas zum Sieger erklärte und Israel von der ganzen Welt verurteilt wurde. Und jetzt: Ägypten. Wenn irgendjemand wissen konnte, was sich am Nil zusammenbraut, dann waren das nicht die üblichen Wichtigtuer, sondern israelische Beobachter. Mindestens drei Millionen Israelis sprechen Arabisch, ägyptisches Radio und ägyptisches Fernsehen können in Israel empfangen werden; Dutzende von Auguren in den Ministerien und an den Universitäten verfolgen und analysieren, was in der arabischen Welt passiert. Und dennoch sind alle offenbar überrascht worden. Als ob Israel nicht mitten in der arabisch-muslimischen Welt, sondern irgendwo in der Karibik liegen würde. Und Ägypten südlich von Kap Hoorn. (…) Israel, eines der kulturell dynamischsten Länder der Welt, in dem per capita die meisten Erfindungen gemacht und die meisten Start-ups gegründet werden, dem die Welt die Cherry-Tomate, den USB-Stick und ein biochemisches Verfahren zur Gewinnung von Treibstoff aus Algen verdankt, das Software, Hightech und Literatur in alle Welt exportiert, Israel ist nicht in der Lage, sich politisch von der Stelle zu bewegen. Es finden zwar ständig Verhandlungen mit den Palästinensern statt, aber die dienen nicht der Veränderung, sondern dem Erhalt des Status quo.

Das ist natürlich polemisch überspitzt. Ist ja auch vom Broder. Aber falsch ist diese bittere Einschätzung der israelischen Verhältnisse nicht. Es ist leider nicht nur eine Eigenart der palästinensischen Araber, keine Chance zu verpassen, eine Chance zu verpassen. Auch die israelischen Politiker sind gerne ganz vorne mit dabei, wenn es gilt, historische Möglichkeiten zu verschlafen. Das Bewusstsein, dass ewiges Weiterwursteln auf Dauer nicht gut gehen kann, dass man neben der notwendigen militärischen Absicherung auch einen langfristigen Plan für eine stabile Friedenslösung braucht, scheint vielen israelischen Politikern wie auch vielen israelischen Bürgern abhanden gekommen zu sein. Natürlich kann es sich Israel nicht erlauben, naiv zu sein, aber das verlangt ja kein vernünftiger Mensch. Sehr wohl kann man hingegen hoffen, dass in Jerusalem bald wieder eine Politikergeneration ans Ruder kommt, die größere Ziele verfolgt als bloß ein Reagieren von Tag zu Tag. Und selbstverständlich muss man hoffen, dass bei den Arabern ebenfalls Menschen das Sagen bekommen, in denen diese neuen israelischen Politiker auch verlässliche Partner finden können. Bis es so weit ist, bleibt Israel nichts anderes übrig, als alle nötigen Schritte zu unternehmen, um seine Bevölkerung zu schützen, was völlig in Ordnung und unterstützenswert ist, doch eines ist klar: Eine Sicherheit, die fast aussschließlich auf der eigenen militärischen Stärke beruht, ist fragil, und es darf nicht sein, dass die Israelis in alle Zukunft in einem ständigen Alarmzustand leben müssen, dass immer wieder junge Israelis in Kriegen ihr Leben verlieren, dass Israels Bürger einer andauernden Gefährdung durch Terroristen ausgesetzt bleiben. Die Enttäuschung, die man in vielen Situationen, in denen die arabische Seite Verhandlungen platzen hat lassen, erfahren hat, darf nicht zu Mutlosigkeit und einer Politik des reinen Bewahrens führen, sonst sieht die Zukunft wirklich düster aus.

Achsenbruch?

Ein Leser hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass auf Henryk M. Broders „Achse des Guten“ mittlerweile auch Figuren wie dem bizarren österreichischen „Nationalkatholiken“ Ewald Stadler gehuldigt wird. Immerhin ist  dem „Achse“-Autor Hannes Stein aufgefallen, dass dies mit dem Anspruch der „Achse“, unter anderem auch gegen den Antisemitismus einzutreten, nicht so recht vereinbar ist, und er hat einen kleinen Einspruch erhoben. Wird spannend zu sehen, wie lange Stein noch auf der „Achse des Guten“ publizieren darf, bevor man ihm wegen gutmenschlichen Abweichlertums die Tür weist.

Wer ist nun dieser Ewald Stadler, der einen Achsenbruch auslösen könnte?

Stadler ist gelernter Jurist, machte in der FPÖ unter Jörg Haider Karriere und schloss sich seinem Herren und Meister an, als dieser die FPÖ-Abspaltung BZÖ gründete. Derzeit ist er Parteiobmann des BZÖ-Niederösterreich. Stadler war neben (und konkurierend mit) Andreas Mölzer der Hauptideologe der FPÖ und später des BZÖ, wobei sein Bestreben vor allem die Einbindung ultrakonservativer katholischer Kreise in die Machtstrukturen der Partei war. Er fiel außerdem immer wieder mit extrem rechten Äußerungen auf und wird nicht ohne Grund von den glühenden Judenhassern der obskuren Website kreuz.net verehrt.

Eine kleine Auswahl an Stadler-Zitaten:

-„Die EU ist das wichtigste Instrument freimaurerischer Politik (…). Die Maurer sind damit beschäftigt, eine Zivilreligion mit dem Holocaust im Zentrum aufzubauen“ (2006, Vortrag beim Initiativkreis katholischer Laien- und Priester in Wien).

-„Ich verlange mehr Mut, für einen enttabuisierten Umgang mit unserer Geschichte einzutreten, wie dies auch Horst Mahler in Deutschland getan hat, der dafür auch entsprechend verfolgt wurde“ (Rede am 8. Mai 2002 Anlässlich der Kranzniederlegung rechtsextrember Burschenschaften am Grab des Unbekannten Soldaten in Wien)

-„1945 sind wir, und das ist zur Staatsideologie geworden, angeblich vom Faschismus und der Tyrannei befreit worden und in der nächsten Tyrannei gelandet“ (Rede bei einer Sonnwendfeier in Niederösterreich im Jahr 2002)

-„Moralisch führen die gleichen Gleise zur Abtreibung und in die Vernichtungslager der Nazis“ (Interview mit der Zeitschrift „News“, September 2009)

-„Das wäre ja noch schöner, wenn man die Kriegsverbrechen, die von den Israelis seit Jahrzehnten an den Palästinensern verübt werden, nicht beim Namen nennen dürfte“ (APA-Interview 2006)

Zur Zeit der Diktatur von Saddam Hussein war Ewald Stadler übrigens Präsident der Österreichisch-Irakischen Gesellschaft. Er war weiters lange Mitglied der antisemitischen Piusbruderschaft. Da hat der Herr Broder aber einen echten Freund der Juden und Israels gefunden…

Hitlerei bei den „Politisch Unkorrekten“

Für Henryk M. Broder ist Eva Herman „ein Opfer auf dem Altar der symbolischen Antifa“. Joachim Steinhöfel, Gastautor auf Broders „Achse des Guten“, hält sie für das Opfer einer „Hexenverbrennung“. Für „Politically Incorrect“ wird Herman von  den „linken Gutmenschen“ gemein gequält. Eva Herman, die meint, das Dritte Reich habe auch seine guten Seiten gehabt, schreibt und moderiert nun im Onlineauftritt des Kopp-Verlages. Eben dort erscheint gerade eine Artikelserie von einem gewissen Michael Grandt, der sich ansonsten als Kämpfer gegen „rituellen Kindesmissbrauch und Satanismus“ verausgabt. Inhalt: Die Rehabilitierung Adolf Hitlers. Der Autor behauptet, von Hitler existiere nur ein „verzerrtes, aber politisch korrektes“ Bild. Dem will Grandt die reine, von linken Gutmenschen unbefleckte Wahrheit über den Führer entgegenhalten.

Das liest sich dann so:

Noch immer ranken sich viele Legenden um Adolf Hitler. Das in Deutschland oft einseitig verzerrte, aber politisch korrekte Bild lässt, anders als im angelsächsischen Raum, jedoch häufig seriöses Quellenstudium missen. Doch 65 Jahre nach Hitlers Tod sollte man auch hierzulande objektiv über ihn berichten können – das sind wir unseren Großeltern, aber auch unseren Kindern schuldig. (…) Wir sind immer noch massiven Geschichtsverfälschungen ausgesetzt. Das gilt besonders für die Zeit zwischen 1914 und 1945 und speziell für das Dritte Reich. (…) Wahr ist, Hitler war bescheiden, lehnte Alkohol, Tabak und Bordellbesuche ab. Auch verteilte er seine Rauchwaren (Tabakwaren) unter seinen Kameraden, wie Brandmayer bestätigte. Aber kann man ihm das wirklich vorwerfen? (…) Hitler unterstützte seine Kameraden nicht nur während des Krieges, sondern auch noch später als Reichskanzler, erkundigte sich nach ihnen und brachte sie in Stellungen unter. Sogar Geldzuwendungen waren keine Seltenheit . Das von Prof. Guido Knopp gezeichnete Bild eines »Einzelgängers«, eines »menschenscheuen Sonderlings« und »Eigenbrötlers« kann aufgrund der Quellen und Zeugenaussagen somit nicht verifiziert werden.

Der in den Medien einflussreichste Mainstream-Historiker Prof. Dr. Guido Knopp schreibt in seinem Buch Hitler – Eine Bilanz: »Trotz solcher patriotischen Strenge kam er nie über den Rang eines Gefreiten hinaus.« Das ist zwar formal richtig, aber nicht so, wie es offensichtlich suggeriert wird. (…) Ein »Unteroffizier« Adolf Hitler wäre allerdings auch nicht mehr als Meldegänger eingesetzt worden, was aufgrund seines untadeligen Verhaltens an der Front wohl auch zu Nachteilen für seine Vorgesetzten geführt hätte, da sie in den noch bevorstehenden harten Kämpfen auf einen weiteren tapferen Mann hätten verzichten müssen. (…) Objektiv und nicht der politischen Korrektheit gebeugt muss festgestellt werden, dass Adolf Hitler für seine Fronteinsätze übermäßig viele Ehrungen und Auszeichnungen erhalten hat. Darunter war auch das EK I, was für einen Gefreiten damals eine eher seltene Auszeichnung gewesen ist. (…) Hitlers Gewandtheit und sein Mut in gefährlichen Situationen nötigten seinen Kameraden Bewunderung ab und auch im Kampf Mann gegen Mann konnte er sich bewähren. (…) Hitler schildert die Szene in Mein Kampf (…) Aufgrund der Tatsachen und Zeugenaussagen muss davon ausgegangen werden, dass Hitler sich im Kampf bewiesen und als Meldegänger sogar außerordentliche Verdienste geleistet hatte. (…) Zahlreiche Erlebniszeugen, ob Vorgesetzte oder Kameraden, beurteilten Adolf Hitler als zuverlässigen, pflichtbewussten und hilfsbereiten Kameraden, als einen guten Soldaten, der selbst gern Soldat gewesen ist. Alle Anzeichen sprechen also dafür, dass Hitler ein engagierter und gewissenhafter Soldat war, dem es nicht an Kampfesmut mangelte. Seine Kameraden, vor allem die Gruppe der Meldegänger, zollten ihm Respekt und mochten ihn; auch seine Vorgesetzten achteten ihn. Er ordnete sich ohne Widerspruch unter und gab sich selbstlos für seine Kameraden hin.

Selten nach dem Ende des Zwölfjährigen Reichs wurde Hitler dermaßen angeschmachtet. Das sollte für die eine oder andere Erektion bei Alt- und Neonazis sorgen. Wir normalen Menschen aber sollten uns fragen, was Broder und Konsorten dazu veranlasst, Eva Herman zu verharmlosen, eine Frau, die genau dort gelandet ist, wo sie hingehört: In der rechtsesoterischen, angebräunten, ganz doll „politisch unkorrekten“ Sonderlingansammlung des Kopp-Verlags, wo man gerne auch Verschwörungstheorien zu 9/11 und Geschichten über UFOs verbreitet.

Vielleicht sollten jene Leute, die so gern gegen die „Politische Korrektheit“ und die „Gutmenschen“ wettern einmal aufwachen und nachgucken, was die politisch unkorrekten Bösmenschen so treiben? Das gilt auch für mich, da ich ebenfalls die Bezeichnung „politisch korrekt“ allzu oft abwertend verwendet habe. Allerdings muss ich zu meiner Verteidigung festhalten, dass ich damit stets die grotesken Auswüchse des „gut Gemeinten“ bezeichnet habe, also das Treiben der naiven Friede-Freude-Gender-Veganer-Mullahversteher-Truppe, nicht aber alles, was links des Faschismus steht.

Rechte Helden gegen „Einheitsmedien“

Die „Achse des Guten“, Henryk M. Broders Privatmegaphon, verliert im Zuge der dort betriebenen fanatischen Sarrazin-Bejubelung den letzten Rest von journalistischem Ehrgefühl und druckt fleißig „Gastbeiträge“, für die sich jede Provinztageszeitung in Grund und Boden schämen würde. Hier kommt etwa der umstrittene Anwalt Joachim Steinhöfel zu Wort: Das beschämende Personal in den höchsten Staatsämtern bläst zum Halali, die Einheitsmedien ziehen nach. Merkels Handpuppe in der Wulffsschanze ist gar Kläger und Richter in Personalunion.

Ja ja, diese gemeinen SystemEinheitsmedien aber auch! Ganz allein und nur mit den unbedeutenden Medienkonzernen Springer und Bertelsmann sowie dem gesamten ungesunden Volksempfinden zwischen FAZ und „Politically Incorrect“ im Rücken traut sich der todesmutige Sarrazin, die reine Wahrheit auszusprechen gegen den Widerstsand der allmächtigen linkslinken Gutmenschenmediendiktatur. Ein echter Held, der gemeinsam mit der unbedeutenden und  auflagenschwachen Minderheitenzeitung „BILD“ für die Meinungsfreiheit kämpft. Man bestaune auch die umwerfende sprachliche Finesse, mit der hier der deutsche Bundespräsident ein ganz klein bisserl mit Hitler verglichen wird! „Wullfsschanze“, har har har. Ich wette, da ist er sich extrem gewitzt vorgekommen, der Herr Steinhöfel, als ihm diese abscheuliche, aber wohl legale Formulierung eingefallen ist.

Doch Sarrazin hat es laut Steinhöfel (und damit auch der „Achse“) mit wahrlich gefährlichen Gegnern zu tun:  Man zerstört den Verfasser persönlich, wirtschaftlich, politisch (die Hexenverbrennung hat ja bei Eva Herman auch prima geklappt). Macht ihn zum leprösen Aussätzigen, der ausserhalb des hier ja so wichtigen gesellschaftlichen Konsens steht.

Zerstört soll er also werden, dieser Bundesbanker, der dank massivster Werbung der ach so fiesen „Einheitsmedien“ einen Bestseller landen konnte und dem als bereits im Rentenalter stehenden Bundesbanker im schlimmsten Fall eine Pensionierung mit golden handshake droht. Der Hinweis auf Eva Herman, die sich im Umfeld der „9/11-Truther“ und rechtsextremen Verschwörungstheoretiker des Kopp-Verlages herumtreibt (und vom Sprachgiganten Steinhöfel unabsichtlich zur Hexe erklärt wird), spricht übrigens Bände darüber, mit wem die „Achse“-Verantwortlichen alles bereit sind, Querfronten zu bilden.

Aber wenden wir uns wieder dem „Achse“-Gastautor zu. Der schreibt: Konsens, Konsens über alles! Schauprozesse in den Medien zu denen Quoten-Türkinnen aufgeboten werden, die alles sind, aber nicht repräsentativ für die von einer Minderheit von etwa 80 % der Bevölkerung (fast alle Neonazis) kritisierte Gruppe von Gastarbeitern. Ein schöner Euphemismus übrigens, da es mit dem Arbeiten ja bei dem einen oder anderen hapern soll.

Wie liest sich das? Genau, es liest sich wie der typische verbale Amoklauf eines typischen Lesers von „BILD“ oder „Politically Incorrect“. Gerade noch im Rahmen der Legalität, aber deutlich genug. Broder hat sich da einen echten Bruder im Geiste angelacht. Auch Broder sieht ja allerorten einen Zwangskonsens wirken, forciert durch eine verschworene Seilschaft aus „Gutmenschen“, „68ern“ und „Antifaschisten“. Und auch er, Broder, stilisiert sich zum wackeren Einzelkämpfer gegen diesen angeblichen Konsens, über dessen faktische Nichtexistenz schon ein Blick in die Medienlandschaft aufklärt. Aber Broder ficht die Realität nicht an. Er glaubt, wie Sarrazin, ein Schwimmer gegen den Strom zu sein, geknechtet von einer imaginierten Knute einer angeblichen linken Vorherrschaft im öffentlichen Diskurs, dabei darf er seine Meinung seit Jahr und Tag aus dem „Spiegel“ und etlichen anderen nicht ganz unwichtigen Medienprodukten herausschreien. Ich bleibe dabei: Wir haben es hier mit derselben geheuchelten Wehleidigkeit zu tun, die auch Antisemiten an den Tag legen, wenn sie beklagen, dass sie ihre Meinung nicht äußern dürften, obwohl sie genau das Tag für Tag tun.

ps: Dass sich Broder und Konsorten in Sachen Sarrazin völlig verrannt haben, mindert nicht die Qualität ihres Gesamtwerks. Auch der hier thematisierte Steinhöfel hat in der Vergangenheit den einen oder anderen interessanten Kommentar verfasst. Leider macht das die Sache nicht besser, sondern eher schlimmer.

Broder, sie sind raus!

Aus einer TV-Kritik der „Welt“Die Migrationsforscherin Foroutan durfte Sarrazin durch den Bildschirm mitgeben, dass er falsch gerechnet hat. Stolz präsentierte die Wissenschaftlerin einen Brief der Berliner Polizei. In dem Schreiben bezeichneten die Ordnungshüter Sarrazins Zahlen zu den Gewaltdelikten junger Muslime als falsch. Da wurde es Broder zu bunt: Erst kam er zu der Erkenntnis, dass jede Wissenschaft „absurd und abstrus“ sei – und sich in fünf Jahren sowieso überholt habe.  Dann hielt er Foroutan ein Joseph-Goebbels-Zitat vor: „Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast.“ Und schließlich verglich er Angela Merkels schnelle Kritik auf Sarrazins Buch mit Anordnungen der „Reichsschriftkammer“.

Wer die Bundeskanzlerin des demokratischen Staates Deutschland mit der Literaturzensurbehörde der Nazis in Verbindung bringt, bloß weil Merkel ein Buch öffentlich kritisiert, nie aber dessen Verbot gefordert hat, und wer meint, Goebbels-Zitate* wären ein geeignetes Mittel, um in einer Diskussion Argumente madig zu machen, der zeigt sich selbst die Rote Karte und disqualifiziert sich als Intellektueller.

Dazu passt, dass Broders Haus-und-Hof-Website „Achse des Guten“ qualitativ und ethisch immer mehr abbaut und fast schon wie die Publikation einer Sekte oder einer K-Gruppe wirkt, in der jeder „Abweichler“ mit heiligem Zorn bedacht wird. Man beachte zum Beispiel die höhnische Überschrift „Stephan J. Kramer: In eigener Sache“ zu einem Beitrag, der auf einen Kommentar des Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland verlinkt. Kramer, selbst zum Judentum konvertiert, hat in der „Jüdischen Allgemeinen“ ganz richtig geschrieben: Das Judentum definiert sich nicht über seine „Blutsbande“, sondern über seine Zivilisation, seinen Glauben und seine Kultur. Das jüdische Volk steht von jeher jedem offen, der sich ernsthaft seinen Werten, seiner Religion und seiner Schicksalsgemeinschaft anschließen will. (…) Auch das macht klar, dass die Grundlage des jüdischen Volkes geistiger und nicht naturdarwinistischer Natur ist. Für die „Achse“, das soll wohl der hinterfotzige Hinweis, Kramer schreibe „in eigener Sache“, ausdrücken, ist der Generalsekretär als Konvertit nicht berechtigt, zur Diskussion über die genetische Definition des jüdischen Volkes eine Meinung zu äußern. Und das, meine Herren Achsenbetreiber Broder, Maxeiner und Miersch, ist einfach nur schäbig.

*dass das entsprechende Zitat Goebbels nur zugeschrieben wird, aber nicht beweisbar von ihm stammt, ist mir bekannt.

So war das Wochenende

-Manchmal findet man gerade in den von vielen Intellektuellen so verachteten Boulevardzeitungen Beiträge, die in ihrer Klarheit und Scharfsicht alles übertreffen, was die schwurbelnden Bedenkenträger in den Feuilletons zusammenkritzeln. Wie hier in der „Blick“, dem schweizer Pendant zur „BILD“.

-Henry M. Broder hat die heutige Verleihung der Böhme-Medaile an  Marcel Reich-Ranicki für dessen Lebenswerk insoferne gehijackt, als er seine Laudatio für den 90-Jährigen als proisraelischen Appell gestaltete. Man kann es auch übertreiben und man kann sich für richtige Worte auch den falschen Ort und die falsche Gelegenheit aussuchen…

-Die Hamas-Fans von „Free Gaza“ haben angekündigt, „ein Schiff nach dem anderen zu schicken, bis die unmenschliche Blockade ein Ende hat“. Dass der Beschuss von Zivilisten mit Raketen, Bombenattentate auf Schulbusse und Cafes und Discos und die nun schon Jahre andauernde Entführung von Gilad Schalit auch ein bisschen unmenschlich sein könnten, ist den „Aktivisten“ keine Zeile wert. Der Lindwurm meint: Wer es gut meint mit den Bewohnern des Gazastreifens, der kann durchaus kritisch hinterfragen, ob es seitens Israel besonders sinnvoll und human ist, Dinge wie Schockolade, Gewürze oder Zement  als blockierungswürdige Gegenstände einzustufen, doch in erster Linie sollte er sich nicht vor den Propagandakarren einer Terrororganisation spannen lassen, die für die Blockade ursächlich verantwortlich ist. Wer nachweislich lügt, einseitig gegen Israel hetzt und sich mit Klerikalfaschisten wortwörtlich in ein Boot setzt, hat für mich jede Glaubwürdigkeit als „Friedensaktivist“ verloren.

-Auch Robert Misik gibt in Form eines Videocast seinen Senf zur „Fee Gaza“-Diskussion hinzu, und ich bin erstaunt: Obwohl er erwartungsgemäß viele altlinke antizionistische Stehstätze aufsagt („Israel hat im Laufe der Jahrzehnte viel Unrecht begangen“…“illegale Aktion“… „Friedensaktivisten“ usw), zu ein paar eher originellen Schlussfolgerungen kommt (die Islamisten mutieren bei ihm zu „türkischen Linksradikalen“ – wtf?) und natürlich „verabsäumt“, auf die Gründe für Israels Seeblockade näher einzugehen oder gar die Hamas als die Terrororganisation zu bezeichnen, die sie nunmal ist, bleibt er dennoch angesichts seines politischen Backgrounds erstaunlich neutral und stellt immerhin klar, dass die israelische Armee keineswegs kaltblütig gemordet hat, wie es die Palästinenseristen wütend in die Welt blöken. Das ist für einen wie Misik schon ein Fortschritt im Denken.

-Jetzt will auch das deutsche Kapital ernst machen und lässt über seine Sprecherin Angela Merkel verlautbaren, dass man gedenke, in Hinkunft mit dem Pöbel noch weniger vom erwirtschafteten Geld zu teilen. Resteuropa wird sich wohl  dem Kurs der größten EU-Volkswirtschaft anschließen. Das wird noch lustig. Aber hey, wozu brauchen die Massen denn Kaufkraft? Immerhin ist Deutschland Exportweltmeister und es werden sich sicherlich immer noch ein paar arabische Prinzen finden, die sich einen Fünftmercedez und einen Drittmaybach in die Garage stellen wollen. Was kümmert da die großen konservativen Wirtschaftsexperten das absehbare Wegbrechen der Binnennachfrage?