Jom haScho’a

Aus gegebenem Anlass eines der berührendsten Lieder, die ich je gehört habe, geschrieben von Binem Heller und gesungen von der wundervollen Chava Alberstein.


mayn shvester Khaye mit di grine oygn,
mayn shvester Khaye mit di shvartse tsep –
di shvester Khaye, vos hot mikh dertsoygn
oyf smotshe-gas, in hoyz mit krume trep.

di mame iz avek fun shtub baginen,
ven oyfn himl hot ersht koym gehelt.
zi iz avek in krom arayn fardinen
dos bidne-drobne groshedike gelt.

un Khaye iz geblibn mit di brider,
un zi hot zey gekormet un gehit.
un zi flegt zingen zey di sheyne lider,
far nakht, ven kleyne kinder vern mid.

mayn shvester Khaye mit di grine oygn,
mayn shvester Khaye mit di lange hor –
di shvester Khaye, vos hot mikh dertsoygn,
iz nokh nisht alt geven keyn tsendling yor.

zi hot geroymt, gekokht, derlangt dos esn,
zi hot getsvogn undz zi kleyne kep.
nor shpiln zikh mit undz hot zi fargesn –
di shvester Khaye mit di shvartse tsep.

mayn shvester Khaye mit di oygn grine,
a daytsh hot in treblinke zi farbrent.
un ikh bin in der yidishe medine
der same letster, vos hot zi gekent.

far ir shrayb ikh oyf yidish mayne lider
in teg di shreklekhe fun undzer tsayt.
bay got aleyn iz zi a bas-yekhide –
in himl zitst zi bay zayn rekhter zayt.

Übersetzung:

Meine Schwester Khaye mit den grünen Augen
meine Schwester Khaye mit den schwarzen Zöpfen
Es war Schwester Khaye die mich aufgezogen hat
in dem Haus in der Shmotsche-Straße mit den krummen Treppen

Mutter verließ das Haus am frühen Morgen
als der Himmel fast noch finster war
Sie ging ins Geschäft, um Geld zu verdienen
Nicht viel mehr als ein paar Groschen

Und Khaye ist bei den Brüdern geblieben
Hat sie gefüttert und auf sie aufgepasst
Und sie hat ihnen schöne Lieder vorgesungen
am Abend, wenn kleine Kinder müde werden

Meine Schwester Khaye mit den grünen Augen
meine Schwester Khaye mit dem langen Haar
Es war Schwester Khaye die mich aufgezogen hat
Sie war noch nicht alt, kaum zehn Jahr

Sie hat geputzt, gekocht, das Essen gereicht
Sie hat unserere kleinen Köpfe gewaschen
Nur zu spielen mit uns hat sie vergessen
die Schwester Khaye mit den schwarzen Zöpfen

Meine Schwester Khaye mit den grünen Augen
Ein Deutscher hat in Treblinka sie verbrannt
und ich bin im ganzen jüdischen Land
der letzte der sie hat gekannt

Wegen ihr schreibe ich meine Lieder auf Jiddisch
in diesen schrecklichen Zeiten
Für Gott ist sie wie die einzige Tochter
sie sitzt im Himmel an seiner rechten Seite

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Holocaustgedenktag 2010

Heute ist der Internationale Holocaustgedenktag. Heute vor 65 Jahren befreite die Rote Armee die letzten Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau und die Soldaten, die nach den Gräueltaten, die die Wehrmacht in Russland begangen hatte, dachten, sie hätten bereits in den Abgrund der Hölle geblickt, gingen voller Entsetzen durch diese Ermordungsfabrik, dieses Satanswerk des deutschen Vernichtungsantisemitismus. Gedacht werden soll heute auch der anderen Opfergruppen, der Zigeuner, der Homosexuellen, der politischen Gegner der Nazis, der Kriegsgefangenen, der Behinderten, all jener, die von der braunen Brut gequält und ermordet wurden. Doch aus guten Gründen ist dies vor allem der Tag, an dem wir der millionenfachen Vernichtung jüdischen Lebens gedenken, denn der mörderische Antisemitismus der Nazis kannte keine Grenzen, keine Gnade, und die Nazis hätten nicht aufgehört zu morden, bis der letzte Jude im Krematorium verbrannt wäre, hätte man dieses vom Abschaum der Menschheit regierte Deutschland nicht mit aller Kraft militärisch bekämpft und schließlich besiegt.

Heute werden viele Reden gehalten werden in vielen Parlamenten und an vielen Stätten des Horrors, in Israel wird das Leben wird kurz innehalten, eingedenkend des Unfassbaren. In Europa werden sich etliche Politiker wortreich, aber wirkungsarm in dem ergehen, was sie Vergangenheitsbewältigung nennen, und allerortens wird das „Nie Wieder“ beschworen werden, doch im wirklichen Leben ist Essig mit „Nie Wieder“, da müsste es richtig heißen: „Schon wieder“. Denn schon wieder greifen antisemitische Faschisten in Ungarn nach der Macht, schon wieder gibt es in Deutschland und Österreich gleich mehrere Naziparteien, die zu verbieten man trotz der formelhaften Beschwörung des Antifaschismus nicht in der Lage, oder schlimmer, nicht willens ist. Jüdinnen und Juden sowie  Antifaschisten werden auf Internetseiten der neuen Nazis zum Abschuss freigegeben, man veröffentlicht ihre Fotos und ihre Privatadressen, doch die Politiker, die das „Nie Wieder“ beschwören, können oder wollen diesem Treiben nicht Einhalt gebieten. Und während der Opfer des letzten Holocausts wort- und tränenreich gedacht wird, sieht Europa tatenlos zu, wie der Iran die nächste Shoa vorbereitet. Während deutsche und österreichische Politiker in Trauerhaltung über den Massengräbern von einst stehen, sind deutsche und österreichische Firmen die Haupthandelspartner eben dieses Iran, dessen Präsident  die baldige Vernichtung des Staates der Juden angekündigt hat. Österreichische Rechtsaußenpolitiker dürfen einen EU-Bürger jüdischen Glaubens öffentlich als „Exiljuden“ beschimpfen und bleiben dennoch in Amt und Würden. Hitlers Erben marschieren auf Europas Straßen Hand in Hand mit Islamisten und Linksextremen und skandieren „Tod Israel“. So genannte „Israelkritiker“, die ihre ganze dürftige intellektuelle Energie darauf verwenden, den Staat der Holocaustüberlebenden zu dämonisieren und zu delegitmieren, können aus ihrem Wahn einen Brotberuf machen, denn ihre Texte sind heiß begehrt in den Zeitschriften zwischen Athen und Hammerfest. Alle Staaten dieser Welt, eingeschlossen die USA, lassen kaum einen Tag verstreichen, um den Israelis nahe zu legen, endlich die Waffen zu strecken und sich wieder vor der Schlachtbank anzustellen, schön ruhig und ordentlich in Zweierreihen. Niemand weit und breit, der es den Juden nicht übel nähme, wenn sie ihr Leben verteidigen gegen jene, die Hitlers Werk vollenden möchten. Dies ist die Realität am Internationalen Holocaustgedenktag 2010.