Klonovsky und die bösen Homos

Michael Klonovsky hat für den „Focus“ aufgeschrieben, was ihm durch sein deutsches Gehirn wabert. Es müsse, so der tapfere Mann, endlich Schluss sein mit der Toleranz gegenüber Minderheiten. Grund genug für ein Interview mit dem mutigen Widerstandskämpfer gegen Schwächere.

Herr Klonovsky, was ist ein Fußballstadion?

Klonovsky: Das Fußballstadion aber ist eine archaische Sphäre. Auf dem Platz imitieren Männer das Jagdrudel von ehedem und kämpfen gegen ein anderes Rudel.

Es hat also was mit Affen zu tun. Und was ist die sogenannte Fankurve?

Klonovsky: Die Fankurve ist die letzte Bastion gegen den Totalitarismus der Toleranzerzwinger.

Wer erzwingt denn totalitär Toleranz?

Klonovsky: Der rheinland-pfälzische Innen- und Sportminister Roger Lewentz.

Was hat der böse Mann denn gesagt?

Klonovsky: „Sie alle darf ich ermutigen, aufzustehen und klarzustellen: Homophobie gehört weder auf den Sportplatz noch in die Gesellschaft. Niemand darf Angst haben, mit seiner Identität auch offen umzugehen.“

Allerhand! Ganz schön totalitär, zu fordern, Menschen sollten wegen ihre sexuellen Orientierung keine Angst haben müssen. Irgendwann reicht es auch mal wieder mit den Problemen der Tucken, oder? 

Klonovsky: Homosexuellen-Probleme sind in letzter Zeit in der Öffentlichkeit ausgiebig behandelt worden: von der Hinterbliebenenrente bis zur Erbschaftsteuer, vom Ehegatten-Splitting bis zum Adoptionsrecht. Angesichts der Tatsache, dass die Probleme der Schwulen und Lesben für die Zukunft dieser Republik eher sekundär sind, vielleicht zu ausgiebig.

Es gibt in Deutschland also keinerlei Diskriminierung von LGBTQ-People?

Klonovsky: (lacht hönisch): Über das erschütternde Ausmaß der Homosexuellen-Diskriminierung kann sich der Zeitgenosse auf den alljährlichen Christopher Street Days ein Bild machen, sofern er das schwul-lesbische Massenknutschen anlässlich des Papstbesuchs verpasst hat.

Ich nehme an, für Sie gibt es Grenzen der Toleranz? Und ich nehme weiters an, die ziehen Sie dort, wo eine Mehrheit eine Minderheit tolerieren soll?

Klonovsky: Es ist aber nicht einzusehen, warum sich die heterosexuelle Mehrheit auch noch auf dem Fußballplatz mit schwulen Coming-outs beschäftigen soll. Die Grenzen der gebotenen Toleranz sind erreicht, wenn sie in Belästigung umzuschlagen beginnt.

Äh, vielen Dank für die Einblicke in ihr furchtsames und furchtbares Seelenleben. 

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Juden, Schwule und andere Volksfremde

Völkisches Denken ist ausschließendes Denken. Wer zum „Volk“ gehört und wer nicht, entscheiden die Völkischen nicht nach rechtsstaatlichen, sondern nach vormodernen Kategorien wie „Rasse“, Religion und der Bereitschaft des Individuums, sich der „Volksgemeinschaft“ unterzuordnen. Stefan Brändle, Frankreich-Korrespondent der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“, hat in einem Kommentar für sein Blatt nun nahezu mustergültig gezeigt, wie dieses Denken funktioniert: Ja, diesmal hat es das Pariser Volk wirklich getroffen. Denn jetzt sind nicht vorgewarnte Satiriker, Juden oder Polizisten getroffen worden, sondern unbeteiligte Normalbürger, junge Konzertbesucher und Bistrobesucher, die eiskalt und methodisch niedergeschossen wurden, im Bataclan wie in einer Massenhinrichtung.“ Die Gruppen, die Brändle nicht zum „Pariser Volk“ rechnet, sind die klassischen Feindbilder völkisch Denkender. Juden, freche Publizistinnen und Mitglieder der Sicherheitskräfte des liberalen Staates, die Juden und freche Publizisten vor den Völkischen schützen. Brändle würde den Vorwurf, Antisemit zu sein, sicherlich mit größer Empörung zurückweisen und darauf mit Klagsdrohungen reagieren. Ich halte ihn auch nicht für einen bewussten Antisemiten. Aber er ist professioneller Journalist, er weiß also, was er schreibt, und wenn er Juden nicht zum Pariser Volk zählt, dann steht dahinter eine Weltsicht, in der Juden keine „echten“ Franzosen, Deutsche usw. sein können. Beachtenswert auch, dass Brändle unterstellt, Juden, Satiriker und Polizisten trügen eine gewisse Mitschuld daran, wenn man sie angreife. Wie sonst ist es zu verstehen, die von diesen Gruppen unterschiedenen „Normalbürger“ seien „unbeteiligte“? 

Im „Spiegel“ erschien am selben Tag ein Kommentar von Arno Frank, in dem dieser zum letztlich gescheiterten Versuch des NDR Stellung nahm, den homophoben Verschwörungstheoretiker Xavier Naidoo für Deutschland beim Songcontest antreten zu lassen. Mitten in dem seltsam aggressiv wirkenden Text dann folgendes: „Anderswo mag der ESC eine patriotische Angelegenheit sein, hierzulande ist er ein eher queeres Spektakel. Ein Zirkus ohne künstlerische Bedeutung, aber nicht ohne Zauber.“ Schwule, Lesben und Transsexuelle, so legen dieser Sätze nahe, sind zwar unterhaltsam, aber richtige Kunst können sie genauso wenig wie Patriotismus. Patriotismus und Hochkultur sei nämlich was für echte Kerls, nicht für Zirkusattraktionen wie LGBT-People.

Diese beiden Kommentare sagen viel aus zum Stand der Dinge. Wo man Juden abspricht, zum „Volk“ zu gehören und Homosexuellen, patriotisch sein zu können, ist das Denken wieder in den ersten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts angekommen oder hat diese nie verlassen. Man versucht, eine völkische Identität über den Ausschluss von Minderheiten zu konstruieren.

 

Mit Homophobikern reden?

Der weltanschaulich verhaltensauffällige Ex-Linke Jürgen Elsässer hat also seinen Anti-Schwulen-Kongress über die Bühne gebracht und einige Aktivistinnen haben dabei zu stören versucht. Nun hatte ich gerade eine Diskussion auf Facebook darüber, ob solche Störaktionen die Homophobiker-Riege, die auf Elsässers Einladung tagte, in ihrer Ablehnung gegen Schwule, Lesben und Transgenderpersonen bestärken und dadurch konkrete negative Auswirkungen auf zB die Landsleute der schwulenfeindlichen russischen Abgeordneten Elena Misulina haben könne, welche auch an der Tagung teilnahm. Dazu ein paar Worte nur.

Zunächst ist festzuhalten, dass auch Vollidioten und Arschlöcher das Recht haben, eine Konferenz auszurichten und daran teilzunehmen, solange dort nicht gegen Gesetze verstoßen wird. Und ja, auch Vollidioten und Arschlöcher haben ein Recht auf Meinungsfreiheit und auf körperliche Unversehrtheit (warum es sich bei Menschen, die ernsthaft meinen, es ginge der Welt besser, wenn man Schwulen und Lesben die Liebe verböte und die ernsthaft glauben, Passagen aus Bibel oder Koran würden ihrem Menschenhass Legitimation verschaffen, um Vollidioten und Arschlöcher handelt, muss und will ich nicht weiter erklären. Wer das nicht schnallt, soll abhauen und mich nicht mehr lesen, soll rübergehen zum Elsässer). Es ist okay, dass auch solche Veranstaltungen polizeilich geschützt werden. Aber schadet nun das massive Auftreten der Gegendemonstranten dem Ruf der LGTP-People? Nein, tut es nicht. So wie der Antisemit Juden in jedem Fall hasst, egal ob sie sich bereitwillig ermorden lassen oder Widerstand leisten, weil der Antisemitismus eben eine irrationale Sache, ein Wahn ist, können auch Homophobiker nicht noch homophober werden. Homophobie ist dem Antisemitismus wesensverwandt in ihrer Irrationalität. Der homophobe Mensch hasst LGTP-Leute auch dann, wenn die ganz leise und unauffällig sind, ja oft noch ein wenig mehr, denn wie der Antisemit ist auch der Homophobiker so gut wie immer eine autoritäre Persönlichkeit, sprich: Je mehr man ihm nachgibt, desto stärker fühlt er sich, je mehr Widerstand er spürt, desto eher zieht er den Schwanz ein. Erklären kann man solchen Leuten nix, genauso wenig, wie man Antisemiten den Antisemitismus ausreden kann. Homophobiker können also nicht Adressaten einer Kritik sein, die anderes ist als eine fundamentale. Diese Figuren sind daran zu hindern das zu tun, was sie tun oder gerne tun möchten, nämlich Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung zu benachteiligen, zu verfolgen und zu ermorden. Ob der Benachteiliger, Verfolger und Mörder das gemein findet, interessiert mich dabei einen Scheiß.

Erstaunlich Peinliches

„Mr. Erstaunlich“ alias Erich Reder, der bloggende Wiener Ex-Rotlichtkaiser, sorgt sich um das Bildungsniveau der österreichischen Schüler. Speziell die Leseschwäche mancher Kinder wird von „Stauni“ beklagt, der aber hinter diesem Problem eine Verschwörung der finsteren Sozialdemokraten, der verschlagenen Schwarzen und der närrischen Grünen wittert, denn würden die Gschrappen nur richtig lesen können, kämen sie niemals auf die Idee, irgendwann mal SPÖ, ÖVP oder die Grünen zu wählen, so Reders messerscharfe Schlussfolgerung. Blöd an der Geschichte ist aber (unter anderem), dass es ein bisserl peinlich ist, mit dem Thema der mangelnden Deutschbeherrschung politisches Kleingeld wechseln zu wollen, wenn man selbst einen Deutschkurs dringend nötig hätte, weil man in seiner sprachlichen Unbeholfenheit lustige neue Wörter erfindet. So schreibt Reder: Lesensschwache Personen lesen naturgemäß nicht sehr viel oder gar nichts. Und schreibensschwache Personen sollten sich über Leseschwache besser nicht das Maul zerreißen, möchte man anmerken. Schön und fast schon kreativ ist auch folgende Neuschöpfung dieses Kämpfers wider den Verfall der Sprache, die aus einem seiner gewohnt hetzerischen Anti-Schwulen-Beiträge stammt: Sieht man welche Unsummen, die für uns nicht gerechtfertigt sind, homosexuellen Organisationen in den Rachen geschüttet werden, könnte man  durchaus zum Schluss kommen, dass sich Homosexualität zumindest finanziell bezahlt macht. Hm, ich habe von Homosexuellenorganisationen gehört, auch von Homosexuellen, die sich organisieren, und sogar von Organisationen von und für Homosexuelle, dass aber Organisationen selbst lesbisch/schwul sein können, darauf musste mich erst der großartige Enthüllungsjournalist und wackere Bekämpfer des Sprachverfalls, Erich Reder, hinweisen. Mit den Satzzeichen hat Herr Reder auch Probleme, denn Beistriche setzt er zB ganz nach Lust und Laune, auffällig oft verzichtet er gleich ganz auf diese lästigen Dinger. Und erst der Plural! Der ist auch gar nicht so einfach: Es werden nur jene homosexuelle Personen in die Schranken gewiesen die glauben, dass sie Heteros ihren Lebensstil und ihre sexuelle Ausrichtung aufzwingen müssen. Gerade diese homosexuellen „Agent Provocateure“ sind es, die heterosexuelle Menschen dazu veranlassen ihre Heterosexualität argumentativ zu verteidigen. Aufpassen, Herr Reder! Überall lauern schwule rot-grün-schwarze Agents Provocateurs darauf, ihnen und dem heterosexuellen Jungvolk mit perfiden Plänen zur Verbreitung der Lesensschwäche ihre sexuelle Ausrichtung aufzuzwingen…

Arschlochstaat Litauen

Litauen ist das nette baltische Land, in dem laut Gesetz „jeder Aufruf zu homosexuellen, bisexuellen und polygamen Beziehungen“ verboten ist. Litauen ist auch das Land, in dem Teilnehmer an einer Demonstration für Schwulen- und Lesbenrechte von tausenden Gegendemonstranten tätlich angegriffen und mit Rufen wie „Tod den Schwulen“, „Litauen den Litauern“ (??) oder auch, besonders bizarr, „Homo-Nazis“ bedacht werden. Neben jeder Form von Liebe, die nicht zwischen Mann und Frau zum Zwecke der Fortplanzung stattfindet, halten die Litauer auch Abbildungen von Hämmern und Sicheln (in Kombination, getrennt darf man sie darstellen) oder Roter Sterne für sehr gefährlich, weswegen man „sowjetische Symbole“ vor zwei Jahren gesetzlich verboten hat. Das Hakenkreuz jedoch sei „Teil des kulturellen  Erbes Litauens“ und repräsentiere keineswegs den Faschismus, sondern „die Architektur des Universums“, weswegen man es auch straflos öffentlich zeigen dürfe. Das hat ein litauisches Gericht entschieden.

Äh, hallo Brüssel, jemand zuhause? Ein EU-Mitgliedsstaat diskriminiert Homosexuelle und erklärt die Swastika zum Nationalerbe, und Europa schweigt? Nimmt man diese rechtsextremen Tendenzen als baltische Folklore hin und hofft mit fest zugedrückten Augen, dass der Spuk schon wieder von selbst vorbeigehen wird, bevor man aus Vilnius Bilder von Menschen mit aufgenähten Davidsternen oder Rosa Winkeln zu sehen bekommt?